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Sonntag, 24. Juni 2018

Gerhard Schnitter wollte den David hören

Stabile familiäre Beziehungen beeinflussen die Entwicklung der Kinder. Musikproduzent und Komponist Gerhard Schnitter zeigt uns, wie das geht.



Wieder einmal konnte ich mit meinem Haarschnitt erschrockene Gesichter provozieren. Dabei wollte ich diesmal nur etwas nachschneiden. Frau und Tochter versuchten sich an der Schadensbegrenzung. Tapfer begleiteten sie mich auf der Fahrt zum Gottesdienst. Auch der Technikleiter von Saddleback starrte mich fassungslos an und fand keine Worte. Ein guter Bekannter aus dem Wellcome-Team erkannte mich gar nicht. Schnell verkrümelte ich mich in den Glaskasten. Von dort aus sollte ich heute das Rahmenprogramm übersetzen.

Der Saal füllte sich. Der Pastor mit seiner Frau waren zu einer Konferenz nach Kalifornien geflogen. Deshalb wurden ihre Kinder von den Großeltern betreut: Elisabeth und Gerhard Schnitter. Sie setzten sich in eine der Reihen vor dem Glaskasten. Gerhard Schnitter hatte einen Kopfhörer dabei.

Unzählige Jugendlieder der letzten vierzig Jahre tragen die Signatur Gerhard Schnitters. Er schrieb nicht nur Lieder. Er baute auch diverse Chöre auf. Besonders prägend waren seine 15 Jahre beim ERF. Das agile Ehepaar ging nach dem Renteneintritt - also 2006 - nach Paraguay, wo Gerhard Schnitter den Chor einer deutschen Gemeinde mit rund 400 Mitgliedern leitete.

Die 78 Jahre sieht man ihm nicht an. Mit Glatze und Hornbrille wirkt er wie ein 60-jähriger Prenzlberger. Dabei kommt er aus dem beschaulichen Süddeutschland. In der christlichen Szene ist er gut vernetzt und als Gesprächspartner gefragt. Auch mit Schauspieler Rolf-Dieter Degen hat er musikalisch zusammengearbeitet.

Gerhard Schnitter setzte während der Video-Predigt von Rick Warren die Kopfhörer auf. Die Ansagen schien er auch so verstanden zu haben. Seine Frau nutzte keine Kopfhörer.

Nach dem Gottesdienst sagte mir Yilmaz vom Welcome-Team, dass er mich nur wegen meines nebenstehenden Sohnes erkannt habe. Zwei der wenigen Deutschen bei Saddleback blickten grinsend auf meine Frisur und kamen zu einem Smalltalk auf mich zu. Langsam wurde ich unsicher.

Dann kam Gerhard Schnitter mit seiner Glatze vorbei. Er schaute und kam auf mich zu. "Wir kennen uns doch", war der Einstieg zu einem kurzen aber wichtigen Gespräch. Ja, er schreibe noch Lieder. Er und seine Frau seien diese Woche hier wegen der Enkel.

Ich fragte ihn, ob er denn gut mit dem Englischen klar gekommen sei. "Ich wollte David hören", entgegnete er darauf. "Ich wollte hören, wie er das so macht", schob er nach. Gelebtes Interesse eines Vaters an seinem Sohn. David alias Dave Schnitter übersetzt sämtliche Saddleback-Predigten ins Deutsche. Dabei trifft er genau unseren Sprachgebrauch und ersetzt sogar die Witze in deutsche Analogien.

Gerhard Schnitter versteht Englisch. Die Stimme seines Sohnes war ihm aber wichtiger.

Samstag, 21. April 2018

Moskau Teil 4: Pastoren treffen sich in Selenograd

Gemeindegründung ist ein internationales Thema. Im 4. Teil ihres Reiseberichtes erzählt Gastautorin Martina über eine Pastoren- und Leiterkonferenz in Selenograd. Sie musste wohl erst nach Moskau reisen, um weitere Prinzipien guter Gemeindeleitung zu entdecken.



Als wir nach unserem Stadtausflug viel später als erwartet zur Baptistengemeinde von Selenograd zurückkehrten, hatte sich das Haus gut gefüllt. Wir versuchten, eine Aufgabe zu finden und halfen ein wenig bei der Registrierung. Dabei lernten wir weitere sehr freundliche Mitglieder aus der gastgebenden Gemeinde kennen.

Von den angereisten ca. 150 Pastoren und leitenden Mitarbeiter aus ganz verschiedenen Gemeinden und Gegenden Russlands konnten wir in den nächsten Tage einige kennenlernen. Es waren neben den Baptisten auch Christen aus Pfingstgemeinden und evangelischen Kirchen vertreten. Russisch-Orthodoxe waren nicht zu erkennen.

Moskauer Pastoren treffen sich einmal pro Monat

Als die Kommunisten in den 1920er und 1930er Jahren die Macht übernahmen, fassten sie die Freikirchen unter einem Dach zusammen. Sie hofften dadurch, dass die Christen sich wegen einiger unterschiedlicher Glaubensgrundsätze gegenseitig zerfleischen würden. Das Gegenteil war jedoch der Fall - und so sind heute vielleicht noch die Früchte daraus zu sehen. Für die Moskauer Region gibt es jedenfalls ein monatliches Pastorentreffen, zu dem Pastor Pavel alle Konferenzteilnehmer einlud.

Überhaupt scheint er ein Netzwerker zu sein. Er hatte es geschafft, so viele verschiedene Denominationen, Regionen und Ethnien nach Selenograd einzuladen und eine Atmosphäre der Gemeinschaft von Christen anzuregen. Hier können wir uns in Deutschland eine riesige Scheibe abschneiden.

Moskau Selenograd Baptisten Pastorenkonferenz
Pastorenkonferenz in der Selenograder Baptistengemeinde (Foto: Dave Schnitter)
Video à la Saddleback

Bei der ersten Live-Übertragung aus Amerika konnten wir nach dem Abendessen im Gemeindesaal dabei sein. Das Auditorium hörte gespannt zu, wie Tom Holladay seine Einleitung und einige Grußworte überbrachte. Er wurde live von der Bühne ins Russische übersetzt. Für Tom und Andrew aus Amerika, die eigentlich Hauptredner sein sollten, waren recht spontan zwei andere Pastoren namens Dave Holden und Dave Page, ebenfalls aus den USA angereist.

Es sollte um eine erneuerte Kirche und das Predigen mit Vision gehen. Dies ist Teil des Programms "Kirche mit Vision" der Saddleback Church aus Kalifornien. Nachdem in den 1990er Jahren das Buch "Leben mit Vision" von Rick Warren zu einem Weltbestseller in christlichen Kreisen geworden war, hat Pastor Rick weiter an Konzepten gearbeitet, wie einzelne Personen, Kirchen und Gemeinden und sogar ganze Länder von der Rückbesinnung auf Gottes Vision für uns Menschen verändert werden können. Dies ist alles unabhängig von nationalen Grenzen angelegt.

Handwerkszeug

In den nächsten Veranstaltungen im großen Saal ging es darum, als Gemeinde im Lobpreis, in Gemeinschaft, Jüngerschaft, Dienst und in der Weitergabe der Guten Nachricht zu wachsen. Insbesondere zum letzten Punkt gab es ganz konkrete Ideen und Anleitungen mit umfangreichem Material und vielen praktischen Beispielen der Redner. Alles wurde schließlich am Samstagmorgen zusammengefasst mit der Ermutigung für die Pastoren, ihre Gemeinden zu lieben.

Ich war beeindruckt von der Professionalität der Technik. Die Live-Übertragungen aus Kalifornien liefen ruckelfrei und waren gut zu verstehen. Das einzige, was zu der Zeit nicht funktionierte, war das W-LAN im Saal. Beeindruckt war ich auch von der guten Performance der beiden Übersetzer. Wobei überraschend viele Einheimische ihre Englischkenntnisse hervorholten, wenn wir uns mit ihnen unterhielten.

Moskau Selenograd Baptisten Pastorenkonferenz
Pastorenkonferenz in Selenograd - Casper, Martina, Ayanna (v.l.n.r. - Foto: Dave Schnitter)
Singen auf Russisch

Der Lobpreis - komplett auf Russisch - wurde zumeist von Andre aus Selenograd geleitet. Im Laufe der Konferenz zeigte sich, dass er zahlreiche Instrumente beherrschte. Bemerkenswert war außerdem die unterschiedliche Zusammensetzung des Teams bei gleichbleibend großer Begeisterung und Qualität. Manche Lieder kannten wir aus dem Englischen, andere waren völlig neu für uns. Alle Lieder wurden nur auf Russisch gesungen. Mein Vorteil war, dass ich alles mitsingen konnte, weil ich ja die russischen Texte vom Beamer lesen konnte. Die Lobpreiszeiten hätten für meinen Geschmack ruhig länger sein können.

Seminare über gesunden Gemeinde-Aufbau

Am Freitag und Samstag Nachmittag gab es je zwei Seminarblöcke, die entweder von den angereisten Amerikanern, von Dave Schnitter aus Berlin oder von Mitgliedern der Selenograder Gemeinde gehalten wurden. Es gab auch wieder Live-Übertragungen aus den USA. Inhalte waren der Aufbau von Gemeinden in Gegenden, in denen kaum noch jemand zur Kirche geht. Außerdem gab es Anregungen, wie man Nichtchristen mit dem Evangelium erreichen könnte. Oder auch Seminare darüber, wie man wertschätzend mit Mitarbeitern umgeht.

Ich entschied mich, mehr über die Gründungsgeschichte von Saddleback Berlin zu erfahren und ging zu Dave Schnitter. Da muss man erst nach Moskau reisen… Hätte ich bestimmt auch zu Hause erfragen können, bin aber nie auf die Idee gekommen.

Endlich putzen!

Schließlich konnten wir anderen drei nach etlichen Anläufen doch noch ein wenig helfen: Putzen. Dabei lernte Casper, wie man einen Staubsauger auf dem Rücken trägt. Ich lernte Olja kennen, die das komplette Gemeindehaus blitzblank hält. Mein Russisch war inzwischen auf 3-Wort-Sätze angewachsen. So konnten wir sogar eine Art Gespräch führen, denn Olja sprach gar kein Englisch.

Moskau Selenograd Baptisten Pastorenkonferenz
Putzen in Selenograd (Foto: Dave Schnitter)
Dann durfte ich sogar noch die Eingangstreppe sowie die Waschräume wischen. Wenn wir gerade nicht zur Stelle waren - also meistens - wird Olja bei solchen Veranstaltungen von den Jugendlichen aus der Baptistengemeinde unterstützt. Sie wienern das Haus, wenn alle Gäste die Lokalität verlassen haben und sorgen dafür, dass man sich am nächsten Morgen wohl und willkommen fühlt. Stolz erzählten einige junge Leute, dass sie im letzten Jahr sogar eine Urkunde für ihre Unterstützung erhalten hatten. Man merkte an dem Umgang miteinander, dass eine Atmosphäre der Wertschätzung und Anerkennung in diesem Haus nicht nur bloße Theorie ist, sondern gelebte Wirklichkeit.

Das ist wohl auch eins der Geheimnisse, warum Pastor Pavel Kolesnikov es geschafft hat, ein so junges, engagiertes Team zusammenzustellen, das wir am ersten Abend vorgestellt bekamen. Und bestimmt auch die Vision, eine gesunde, wachsende Kirche für sein Städtchen Selenograd zu etablieren.

Autorin: Martina Baumann (redaktionell bearbeitet von Matthias Baumann)

Freitag, 20. April 2018

Moskau Teil 3: Wanderung mit Karolina

Neben Kak, Da und Njet gibt es wohl nur noch ein Wort, das sich der per Pflicht-Unterricht gebildete Schüler aus dem Russischen gemerkt hat: Dostroprimeltschatjelnosti - Sehenswürdigkeiten. Der folgende Gastbeitrag meiner Frau Martina berichtet von einem Stadtrundgang mit Karolina.



Pünktlich um sieben trafen wir uns als Berliner mit zwei Amis und mit Karolina aus Selenograd. Karolina wollte uns Moskau zeigen. Auf das Frühstück hatten wir verzichtet, um den leeren Schnellzug in die City zu erwischen.

Der Zugverkehr zu den Vororten ist ähnlich wie in Paris organisiert. Es gibt Züge, die an drei Stationen halten und dann nur 35 Minuten brauchen. Und solche, die 50 Minuten unterwegs sind, weil sie jede Haltestelle ansteuern. Karolina hatte die richtigen Fahrkarten besorgt und kümmerte sich trotz ihres jugendlichen Alters auch im weiteren Tagesverlauf darum, dass wir die richtigen Züge und Metros benutzen konnten.

Moskau Metro
Moskau - Metrostation (Foto: Dave Schnitter)
Als wir in Moskau-Komsomolskaja ausstiegen, blitzte so langsam die Sonne durch die Wolken, auch wenn der Wind noch eisig war. Hier gibt es insgesamt drei Bahnhöfe, allesamt sehr imposante Gebäude. Komsomolkaja ist einer der berühmten U-Bahnhöfe aus den 1960er Jahren, mit Stuck und Kronleuchtern. Hier kreuzen sich zwei Metrolinien. Im Berufsverkehr waren wir offensichtlich die einzigen, die die Architektur dieses Bahnhofs bewundern, genießen und fotografieren wollten. Am Bahnhof Belarus passierten wir eine weitere sehenswerte Metrostation.

Endlich gab es Frühstück: Kaffee und Croissants. So gestärkt bejahten wir Karolinas Frage nach unserer Bereitschaft zu einem längeren Fußmarsch.

Moskau Roter Platz Basilius Kathedrale
Moskau - Roter Platz mit Basilius-Kathedrale (Foto: Martina Baumann)
Auf unserem Weg zum Roten Platz, dem wir uns in kleiner werdenden Umrundungen näherten, zeigte uns Karolina verschiedene versteckte Ecken. Gut, dass wir eine Einheimische dabei hatten. So sahen wir beispielsweise das Theaterviertel, in dem man rund ums Bolschoi-Theater in Cafés und Restaurants in einer Fußgängerzone draußen sitzen könnte. Ein richtiger Geheimtipp war das Kinderkaufhaus, das eine kostenlose Aussichtsterrasse mit wunderbarem Blick über den Roten Platz samt Kreml und große Teile Moskaus bietet.

Nach fünf Kilometern gelangten wir auf dem Roten Platz an. Er kam mir viel kleiner vor als im Fernsehen und ich wunderte mich, wie dort mit solcher Präzision Paraden abgehalten werden können. Natürlich mussten die obligatorischen Fotos vor der Basilius-Kathedrale geschossen werden. Die Kathedrale ist heute ein Museum, weshalb wir sie nur umrundeten. Der Wind war kalt und kräftig.

Moskau Christus Kirche
Moskau - orthodoxe Christus-Kirche (Foto: Martina Baumann)
Abschließend besuchten wir noch zwei Parks und die Russisch-Orthodoxe Christus-Kirche, in der zwei verschiedene Kirchenräume untergebracht sind. Nach 8 Stunden und 13 Kilometern Fußmarsch fuhren wir mit dem Schnellzug nach Selenograd zurück. Wir waren völlig fertig, hatten aber das Gefühl, alles Wichtige von Moskau gesehen zu haben.

Fazit 1: Moskau ist eine sehr schöne Stadt.
Fazit 2: Mit einer Einheimischen die Stadt zu erkunden ist sehr bereichernd.
Fazit 3: Die Einheimische sollte nicht sehr viel sportlicher sein als die Touristen.

Autorin: Martina Baumann (redaktionell bearbeitet von Matthias Baumann)

Donnerstag, 19. April 2018

Moskau Teil 2: Baptisten und Selenograd

Im Moskauer Vorort Selenograd gibt es eine Baptisten-Gemeinde und viele andere Dinge zu entdecken. Der 2. Teil des Reiseberichtes meiner Frau Martina beschäftigt sich mit der Anreise, der Baptistengemeinde und dem Alltagsleben in Selenograd.



Der Gruppenchat funktionierte, wie verschiedene Kaffee- und S-Bahn-Posts auf dem Weg zum Flughafen bestätigten. Ich wurde liebevoll von meinem Mann auf dem Parkplatz verabschiedet, sofern man das in fünf Minuten kostenfreier Parkzeit bewerkstelligen kann.

Alle inklusive der Aeroflot-Maschine (Flugzeug heißt übrigens auf Russisch samoljot) hatten sich pünktlich eingefunden und das Abenteuer konnte beginnen. Der Flug war ruhig und mit nur 2,5 Stunden sehr kurz. Abenteuerlich die Landung in Moskau-Scheremetjewo. Ich überlegte, ob die Absätze zwischen den Betonplatten extra abbremsen sollen, falls die Bremsen einmal versagen. Ist das nötig bei Aeroflot? Eine Frage, der man vor einem Flug vielleicht lieber nicht näher nachgehen sollte. Nach einer Busfahrt, die unsere Reisezeit fast verdoppelte, gelangten wir am Flughafengebäude an. Passkontrolle – falsche Schlange – hier guckte die Staatsbedienstete jedes Passbild achtmal an – Koffer holen, die letzten auf dem Band.

Draußen wurden wir von Nieselregen, zwei Frauen namens Nastja und einem Mann namens Daniel erwartet. Sie fuhren uns in zwei PKW über die leere Maut-Autobahn. Nastja erzählte Ayanna und mir über großes Verkehrschaos in Moskau – außer auf dieser Straße, weil man ja hier bezahlen müsse.

Moskau Selenograd
Moskau - Wohnen in Selenograd (Foto: Martina Baumann)
Unser Ziel war Selenograd, ein Außenbezirk Moskaus, 37 km vom Zentrum entfernt. Es ist der größte Außenbezirk Moskaus und wurde 1958 auf dem Reißbrett entworfen. Zuerst hatte die Regierung es als Textilstandort gewählt, relativ bald wurde das geändert und ein Elektronik-Zentrum wurde angepeilt, ähnlich dem Silicon-Valley in den USA. Bis 1989 war Selenograd dann auch eine "verbotene Stadt", jedenfalls für Ausländer. Es durften damals vom Zentrum und den Forschungseinrichtungen keine Fotos gemacht werden.

Baptisten und Backsteine

Die Selenograder Baptistengemeinde ist ein recht großer Backstein-Komplex mit Gemeindesaal in Kinoform, zahlreichen Seminar- und Kinderräumen, Küche mit Speisesaal für 50 Personen sowie einem Bereich mit einfachen Zimmern für eine günstige Übernachtung auf Spendenbasis.

Wir wurden herzlich begrüßt, bekamen unsere Zimmer – wir Frauen zu zweit. Die Männer wurden in Erwartung der anderen Konferenzteilnehmer zu fünft in einem Raum untergebracht. Die Räume waren zum großen Teil mit Doppelstockbetten, Schrank, Tisch und Stühlen eingerichtet. Wer auf ein weiches Bett angewiesen ist, sollte sich noch eine aufblasbare Isomatte als Zwischenschicht mitbringen. Bettwäsche und Handtücher waren vorhanden.

Pavel und die Putzkolonne

Pastor Pavel Kolesnikov erwartete uns mit einer Führung durch das Haus, das trotz des Wetters draußen einen sehr hellen und gastfreundlichen Eindruck machte. Alles war liebevoll eingerichtet und dekoriert. Man sah an allen Ecken und Enden noch Menschen aus der Gemeinde putzen und wienern, so dass es schließlich kein Staubkörnchen mehr irgendwo gab.

Wir bekamen ein leckeres, frisch zubereitetes Mittagessen vorgesetzt und lernten das Pastorenpaar Dave und Peggy McKee aus der Saddleback-Gemeinde Kalifornien kennen. Sie waren schon mehrmals in Selenograd und anderen Teilen Russlands gewesen. Außerdem waren noch Michael und Dean zur Konferenz angereist, zwei Ruheständler aus den USA, die ihre freie Zeit zur Unterstützung von Gemeindearbeit in allen ihren Facetten verwenden.

Hochhäuser und der Zahn der Zeit

Nach dem Essen blieben uns zwei Stunden und wir ließen uns von Dave und Peggy das nächstgelegene Einkaufszentrum zeigen. Wir gingen 15 Minuten an der Hauptstraße entlang, und diese sechsspurige Straße war extrem laut. Der Teil des Ortes, den wir sahen, bestand aus wenigen Einfamilienhäusern auf der anderen Seite der Hauptstraße, abgeschirmt durch eine Lärmschutzwand. Größtenteils gab es Hochhäuser älterer und neuerer Bauart mit mindestens 22 Etagen. Während die neueren Häuser in Architektur und Anlage modern und vielseitig, fast kreativ wirkten, betrachteten wir mit Sorge die älteren Gebäude: Fehlende Balkons mitten in der Front, unterschiedlichste Fensterrahmen oder zersplitterte Fenster, Verkabelungen von Sattelitenschüssel zu Sattelitenschüssel, die von Hochhaus zu Hochhaus führten.

Es machte den Eindruck dass seit ihrer Errichtung in den 1970er Jahren außer dem Zahn der Zeit keiner mehr an den Häusern eine Veränderung vorgenommen hat. Man kann nur hoffen, dass sie innen besser erhalten sind. Das trübe Wetter, wenigstens inzwischen trocken, ließ diese Häuser noch trostloser wirken.

Moskau Selenograd Markt
Moskau - Supermarkt in Selenograd (Foto: Martina Baumann)
Kontrastprogramm war das Einkaufszentrum, das gut mit jeder Berliner Shopping-Meile mithalten könnte. Mobiltelefon-Läden, Klamottenläden, Fressmeile. Sogar Burger King gab es hier. Wir steuerten den Geldautomaten an und ich hielt nach drei Versuchen meine ersten Rubel in der Hand. Ein Rubel ist die kleinste Einheit. Kopeken, wie in meiner Kindheit, gibt es nicht mehr.

Supermarkt auf Russisch

Der Supermarkt auf der anderen Straßenseite kam mir bekannt vor. Er entsprach mit Produkten und Einrichtung in etwa den russischen Supermärkten, die aktuell im Osten Berlins an verschiedenen Stellen zu finden sind. Die anderen Berliner kannten das offensichtlich noch nicht und es wirkte um so exotischer, da sie ja auch die Schrift nicht lesen konnten. Es gab viel Fisch (ruiba), Tee (tschai), Kerne zum Knabbern und extrem süße Süßigkeiten. Natürlich auch andere Waren wie Milch (moloko) und Zucker (sacher), die auch bei uns im Regal zu finden wären. Einzig die Gefriergemüse-Truhe, aus der man die gefrosteten Blumenkohl-Stücken lose entnehmen konnte, kannte ich so auch nicht.

See, Taufen und Orthodoxie

Zurück ging es zum Glück nicht mehr an der Hauptstraße entlang, sondern an einem See vorbei, der vom Fluss Skhodnya gespeist wird. Auch am Ufer des Sees gab es Hochhäuser, auf der anderen Seite befand sich eine Badestelle. Der See wurde in der Vergangenheit bereits durch die Baptistengemeinde zu Taufen genutzt, auch wenn es im Gemeindehaus ein Taufbecken gibt. Heute wäre das sehr unangenehm gewesen, es schwamm noch Eis auf dem See. Die Strecke durch den Park und am See entlang war nicht nur schöner, sondern auch kürzer, so dass wir bei späteren Ausflügen zum Bahnhof oder auf den Markt diesen Weg benutzten.

Gegenüber der Baptistengemeinde stand eine Russisch-Orthodoxe Holzkirche, die auch innen sehr schön sein soll, zu deren Besuch aber leider keine Zeit blieb.

Eingespielte Teams

Zurück in der Gemeinde gab es Abendbrot und anschließend eine Teamrunde. Hier trafen sich die drei Nationen Amerika, Deutschland (mit Erweiterungen) sowie Russland und wir teilten kurz unsere aktuelle Lebens- und Gemeindeposition. Von den Selenograder Baptisten waren ungefähr zehn Personen anwesend. Pastor Pavel Kolesnikov hatte ein junges engagiertes Team aus Mittzwanzigern bis -dreißigern. Viele von ihnen waren ehrenamtlich tätig und ansonsten Ingenieure oder Studenten. In der Gemeinde sind sie als Pastoren, Hauskreisleiter, Dekorateure, Übersetzer oder auch Mut-Macher aktiv.

Am Ende des Abends hatten wir viele freundliche Menschen kennengelernt, waren herzlich willkommen geheißen und hatten keine Aufgabe für die Konferenz bekommen. Aber wir verabredeten uns mit Karolina zu einer Führung durch Moskau.

Shopping in Selenograd

Am Freitagnachmittag nutzte ich eine letzte Möglichkeit, mich noch auf dem Markt gleich neben dem Bahnhof von Selenograd umzusehen. Mit seinen Nüssen, Trockenfrüchten und Gewürzständen mutete er etwas orientalisch an. Es gab außerdem Buden mit Schuhen, Schürzen und auch selbstgemachten eingelegten Früchten, die russische Mütterchen feilboten. Im Regen bekommt man hier bestimmt nasse Füße, denn die ausgelegten Bretter reichten gerade für den Matsch, der noch vom Vortag übrig war.

Es gab auch eine Markthalle, die sehr aufgeräumt wirkte. Trotz mehrerer Fischstände roch es nicht nach Fisch und Obst und Gemüse lagen hübsch aufgestapelt an den einzelnen Ständen. In einem Süßigkeitsladen entdeckte ich die Süßigkeiten, die mir in der Gemeinde am ersten Abend überraschend gut geschmeckt hatten. So war mein Mitbringsel für die Lieben daheim gerettet. Am Trockenfrüchte-Stand brachte ich eine Art Unterhaltung zustande, bei der ich den Preis erfragen (skolko stoit) und auf Nachfrage mitteilen konnte, dass wir aus Deutschland (ies germanii, ies berlina) kämen. Daraufhin holte mir der Händler einen 1-kg-Beutel Trockenfrüchte aus dem hinteren Bereich der Bude und meinte, diese seien besser als die ausgelegten. Ist doch schön, wenn die Sprachversuche sich in solchen messbaren Erfolgen niederschlagen.

Autorin: Martina Baumann (redaktionell bearbeitet von Matthias Baumann)

Mittwoch, 18. April 2018

Moskau Teil 1: Vorbereitung

Heute gegen acht brachte ich meine Frau zum Flughafen Schönefeld: Moskau-Reise mit drei weiteren Leuten von Saddleback Berlin. Nachfolgend Teil 1 des Reiseberichtes von Gastautorin Martina, in dem es um die Vorbereitungen geht.



Moskau, Moskau - diese Stadt hatte bereits Dschinghis Khan entdeckt: musikalisch und eventuell auch auf einem Feldzug. Nun wollte ich selbst einmal auf Entdeckungstour gehen.

Zu Russland hatte ich als gebürtiger Ossi schon aus geopolitischen Gründen einen Bezug. Hinzu kam der Besuch einer Schule mit erweitertem Russisch-Unterricht. Ich schlug mich mal mehr, mal weniger gut durch die russisch geprägte Schulzeit. Vor allem der Erdkunde-Unterricht auf Russisch über das damals noch Sowjetunion genannte Land erforderte mehr Sprachkenntnisse, als ich mir aneignen wollte. Später in West-Berlin spielte ich kurzzeitig mit dem Gedanken, Russisch als Abiturfach zu wählen. Mit den Muttersprachlern konnte ich jedoch nicht mithalten.

Theorie wird zur Praxis

Was mir nach zehn Jahren Schul-Russisch noch fehlte, war ein Besuch in Russland. Da die Schulzeit nun schon zwei bis drei Jahre zurückliegt, überraschte mich mein starkes Interesse selbst. Dave Schnitter, Pastor bei Saddleback Berlin, erwähnte in einem Gottesdienst Anfang März eine geplante Reise nach Moskau. Er wolle dort eine Gemeinde besuchen, die eine Pastorenkonferenz ausrichte. Dave würde sich freuen, wenn ihn jemand begleite, um die Gemeinde vor Ort zu unterstützen.

Nach kurzem Überlegen, Ermutigung durch die Familie - "Da wolltest Du doch schon immer mal hin“ - und einigen Details zur Reise, entschloss ich mich zur Fahrt gen Osten. Urlaub war schnell verlegt, Flug gebucht und Visum mit einer Unmenge an Papierkram beantragt. Es war erstaunlich, was der russische Staat für das Visum alles haben wollte: Passbild und Krankenversicherung leuchteten ja ein, aber bei Adresse und Lohnnachweis des Arbeitgebers und einem Einladungsschreiben, das man als Tourist auch für 15 Euro bei irgendeiner dubiosen Internet-Firma erwerben konnte, erschloss sich mir der Sinn nicht wirklich.

Schließlich musste der Reisepass für eine Woche beim Konsulat abgegeben werden. Wobei man beim Konsulat gar keinen Termin bekam, sondern in jedem Fall über das Russische Visa-Zentrum oder einen anderen kommerziellen Anbieter den Antrag stellen musste. Arbeitsbeschaffung auf Russisch.

Casper, Dave, Ayanna

Schnell gesellte sich Ayanna dazu. Sie kommt ursprünglich aus Trinidad und Tobago und macht in Berlin ihren Doktor in Energietechnik. Ihre Euphorie war ansteckend und ihre Organisationskünste stellten alle deutschen Bürokraten in den Schatten. Wenn ich etwas über Visa-Angelegenheiten oder Geldautomaten wissen wollte, antwortete Dave mit einem 1-Zeiler und Ayanna schickte fünf Minuten später eine wissenschaftliche, selbst recherchierte Abhandlung zum Thema. Der vierte im Bunde war Casper. Er ist gebürtiger Holländer, der inzwischen seit zehn Jahren in Berlin lebt. Er bekam kurzentschlossen noch Visum und Flugtickets.

Drei Tage vor der Abreise wurden wir im Gottesdienst bei Saddleback Berlin gesegnet. Ayanna und ich trafen Casper bei diesem Anlass zum ersten Mal. Welche Aufgaben wir erledigen sollten, ließ sich vor der Abreise nicht herausfinden. Überraschung!

Ich spreche Russisch.

Wenigstens fand ich das Buch "Ich spreche Russisch" im Bücherregal und begann, meine Sprachkenntnisse aufzutauen. Das ging besser als gedacht. Lesen fließend, verstehen Vieles. Aber beim Reden haperte es ganz schön - mir fehlte der passende Gesprächspartner. Meine Tochter ließ es mit viel Geduld über sich ergehen.

Apropos Sprache. Natürlich gab es eine Gruppe mit der Bezeichnung "We are going to Moscow" bei WhatsApp. Chatsprache war Englisch. Wie sich später herausstellte, hatten alle anderen Beteiligten bereits einen Teil ihres Lebens im englischsprachigen Ausland verbracht oder dies gar als Muttersprache. So musste ich also nicht nur Russisch wiederholen, sondern konnte auch noch mein Englisch-Wörterbuch zur Bildung von sinnvollen Sätzen nutzen.

Autorin: Martina Baumann (redaktionell bearbeitet von Matthias Baumann)

Montag, 2. April 2018

Kosher, Kampf und Kommunion - Nahrungsaufnahme am Osterwochenende

Für das Osterwochenende gibt es diverse Bräuche, die auch vor unserer Familie keinen Halt machen. Unbeabsichtigt wurden einige Traditionen ergänzt.



Es begann am Morgen des Karfreitags. "Macht jemand mit beim Fleischverzicht?", fragte meine Frau am Frühstückstisch. Ach ja, das macht man ja so. Niemand rührte die Wurst und den Schinken an. Statt dessen Schokocreme und Marmelade. Zu Fisch, den man wohl zu Karfreitag immer isst, hatten wir keine einstimmige Meinung. Für Karfreitag hatten wir die letzte Etappe des Mauerradwegs geplant: Tegel bis Brandenburger Tor - 40 Kilometer.

Pizza und die 40 Kilometer zum Gottesdienst

Wider Erwarten und mit der Motivation der Ziel-Etappe erreichten wir tatsächlich kurz nach fünf das Brandenburger Tor. Zum Beweis machten wir dort Selfies. Zwischendurch hatten wir Obst, Gemüse und Pizza gegessen. In meiner Calzone waren sogar Salami und Schinken. Vor einem fiktiven Inquisitor würde ich das damit rechtfertigen, dass ich bei einer Calzone ja nicht vorher sehen kann, was drin ist. Mein Sohn hatte korrekterweise - aber wohl eher zufällig und wegen der Standardbestellung - Thunfisch-Pizza, meine Tochter Mozzarella-Pizza und meine Frau Spinat-Pizza auf dem Teller gehabt.

Das Timing war so perfekt, dass wir zehn Minuten vor Beginn der Karfreitagsandacht bei Saddleback in der Kalkscheune eintrafen. Es gab Kaffee und später die Kommunion - Abendmahl. Abweichend von der Normalität wurde kein Video abgespielt. Stattdessen gab es eine Life-Predigt von Dave Schnitter. Natürlich auf Englisch. Wir bedauerten den Übersetzer. Informierte Kreise konnten uns jedoch glaubhaft versichern, dass dem Übersetzer ein deutsches Predigtmanuskript vorlag. Ich hatte mich schon gewundert, dass Dave die ganze Zeit vom Zettel ablas.

Abendmahl mit rotem Saft

Das Abendmahl bestand aus zerbrochenen Weißbrotscheiben und kleinen Plastikbechern mit rotem Traubensaft. Die Farbe muss heute leider betont werden, da wir schon mehrfach orangen oder gelben Saft oder gar Weißwein zum Abendmahl gereicht bekommen hatten. Wo ist da bitte der Bezug zum Blut Jesu? Blut! Rot!

Das hebräische Wort für Blut ist übrigens Dam und wird nur mit den zwei Konsonanten DM geschrieben. DM kennen wir auch von Jakobs Bruder Esau, der im weiteren biblischen Verlauf Edom genannt wird. Edom enthält ebenfalls DM und bedeutet Rot. DM ist eine ehemalige deutsche Währungseinheit. Mit seinem DM hat uns Jesus von Sünde und Tod erkauft. Das hebräische DM ergibt übrigens den Zahlenwert 604. Das M wird hier als 600 gewertet, da es am Ende des Wortes steht und dort anders aussieht. Ein M am Anfang oder in der Mitte eines Wortes hat den Zahlenwert 40. Apropos 40: Am Rande des Gottesdienstes verbreitete ich noch per WhatsApp die heldenhafte Fahrradleistung von knapp 40 Kilometern von Tegel in die City.

Am Samstag ruhten wir - oder so. Was hatten wir da eigentlich gemacht? Hm.

Hummus und ungesäuertes Brot

Am Sonntag gab es wieder einen klassischen Gottesdienst bei Saddleback: Videopredigt mit Rick Warren und alles auf Englisch. Anschließend fragte uns eine Frau aus dem Übersetzer-Team, ob wir nicht irgendwo zusammen essen gehen wollten. Ich schlug ein Hummus-Restaurant in der Oranienburger Straße vor. Dort hatte ich einst den berühmten Schauspieler Rolf Dieter Degen reingehen gesehen. Wir hatten den Imbiss - wie ich vermutete - bisher aber nicht selbst getestet.

"Hummus & Friends" stellte sich als vollwertiges Restaurant heraus - kein Imbiss. Hatte ich bei Hummus zunächst an Araber gedacht, trug "Hummus & Friends" ein hebräisches Etikett. Das Essen dort ist kosher und vegetarisch. Hätte ich letzteres vorher gewusst, hätte ich das Restaurant wohl nicht empfohlen. Aber nun saßen wir hier und mussten uns zwischen mehreren Hummus-Gerichten, Beilagen und Salaten entscheiden. Hummus hat übrigens nichts mit der dunklen Erde im Garten zu tun, sondern ist ein hellbrauner Brei aus Kichererbsen. Mir jedenfalls schmeckt das. So war das Fehlen des kosheren Fleisches durchaus zu verkraften.

Auf diesem Wege waren wir zu Ostern - ohne es vorher geplant zu haben - in ein echtes Passah-Restaurant geraten. Die Brote waren wegen des jüdischen Passahfestes ohne Gärungsmittel gebacken worden und schmeckten trotzdem sehr gut. Bier wurde auch nicht ausgeschenkt wegen der Hefe. Auch ohne Fleisch wurden wir satt und fühlten uns gesund ernährt. Preislich war das auch vertretbar und lädt zu einem Folgebesuch nach dem Gottesdienst ein.

Schoko-Hasen

Zu Hause hatte meine Frau Osterhasen versteckt. Keine echten, sondern Schokoladenhohlkörper in Alufolie. Mein Osterhase war besonders gut getarnt. Ich fand ihn hinter den Kissen auf der Couch. Mit seiner Sonnenbrille, den Kopfhörern und dem Hipster-Outfit sah er aus wie der oben erwähnte Pastor Dave. Die Hasen wurden umgehend entkleidet und verzehrt. Die sättigende Wirkung des vegetarischen Mittagessens hatte wohl inzwischen nachgelassen.

Für Ostermontag war der Verzehr einer Ente zusammen mit den Omas geplant. Wo auch immer die Tradition mit der Ente herkommt? Während diese auf dem Balkon auftaute, aßen wir in der Küche Frühstück. Es gab gefärbte Eier.

Ente, Eier und der Preis des Siegens

Eine alte Tradition in unserer Familie ist der Eierkampf. Zur Zeit von Esra, Nehemia, Esther, Hesekiel und Daniel lebte ein Chinese namens Sun Tsu. Laut Sun Tsu sei die höchste Kunst des Krieges der Sieg ohne Kampf. Einmal war es mir gelungen, auf diese Weise den Sieg zu erringen. Während alle anderen ihre Eier aneinander zerschellen gelassen hatten, stand mein Ei unberührt im Eierbecher und hatte keine gebrochene Schale. Ich war der Sieger.

Das fand aber leider keine Akzeptanz und wird mir bis heute als unfair nachgetragen. Deshalb musste ich mich heute Morgen der aktiven Konfrontation stellen. Das Ei meiner Frau stand bereits eingedrückt im Becher. Mein Sohn schmollte, dass seine Schwester gegen ihn gewonnen hatte.

Über der Schokocreme entbrannte ein Luftkampf mit diversen Ausweichmanövern. Eine Schlacht in der dritten Dimension. Unerbittlich rammte meine Tochter die Spitze ihres Eis in mein grünes Flugobjekt. Hartgekocht gegen Mittel. Der Panzer brach und das gefärbte Wasser unter der Kalkschale entlud sich über den Gegner. Eine großflächig grün gepunktete Tochter entschädigte für den Verlust einer intakten Eierschale. Ihr rotes Ei war unversehrt. Sie eilte ins Bad. Dabei harmonieren doch Rot und Grün sonst immer so gut miteinander. Nach wenigen Minuten erschien sie ohne grüne Punkte. Auch ihre Brille war wieder sauber.

Das Osterwochenende als vielschichtig kulinarisches Erlebnis. Wir sind gespannt, was uns der gemeinsame Verzehr der Ente noch bringt.

Montag, 5. Februar 2018

Macht in der Gemeinde

Nachdem hier schon viel über geistlichen Missbrauch geschrieben wurde, nun eine nicht ganz ernst gemeinte Auseinandersetzung mit den wahren Machthabern in der Gemeinde. Das sind nämlich Menschen wie du und ich.



Mehr als zwei Jahre hatte unsere Distanz zu jeglichen Gemeinde-Aufgaben gedauert. Kein Kinder-Gottesdienst, kein Willkommens-Team, kein eigener Hauskreis, keine Moderation, kein Putzdienst, kein Kochen, kein Backen - einfach Abstand von jeglichen Dingen, die uns in das Hamsterrad eines Gemeinde-Systems gepresst hätten.

Dennoch war uns bewusst, dass wir Gemeinde wollen. Wir waren auf die Suche gegangen, hatten bei 100 Gemeinden mit Zählen aufgehört und über die Erfahrungen berichtet. Parallel wurde ein neuer Freundeskreis aufgebaut und tatsächlich eine Gemeinde gefunden, die auf uns als ganze Familie passte. Das war gar nicht so einfach.

Macht die Familie eigentlich was?

Die Gemeinde ist vier Jahre alt, hat 300 Gottesdienst-Besucher, setzt sich aus 50 Nationen zusammen und spricht primär Englisch. Demnächst startet ein dritter Sonntags-Gottesdienst. Das fordert Ressourcen. Unsere Tochter war bereits vor einigen Wochen mit polizeilichem Führungszeugnis und Empfehlungen beim Kinder-Programm eingestiegen.

Meine Frau und ich waren bis zum Jahreswechsel resistent. Dann folgten wir einem multimedialen Hilferuf und sahen uns mal die Wirkungsweise des Technik-Teams an. Alles ging dann sehr schnell. Gestern saßen wir zu zweit im schalldichten Kasten und hatten die Verantwortung für den Beamer und die Simultan-Übersetzung.

Schon im Vorfeld sandte ich Smileys mit ängstlichen Mienen herum und warb um Gebetsunterstützung. Meine Frau hatte nur kurz mal zugeschaut, wie die Folien gewechselt werden und wo das Video mit der Predigt zu klicken sei. Allein die Einweisung in das präzise Starten des Countdowns flößte uns Respekt ein. Gestern war die Technik-Familie im Urlaub und wir sprangen ins kalte Wasser - sinnbildlich - wobei unser Glaskasten schon an ein Aquarium erinnerte.

Potenzielle Macht im Aquarium

Durch aufmunternde Bemerkungen unserer Kinder wurde uns bewusst, welche Macht wir plötzlich besaßen. Zehn nach halb zwölf waren wir vor Ort. Würden wir sofort den Countdown starten, würde das den Gottesdienst-Beginn vorverlegen. Hektik würde ausbrechen bei der Band und beim Pastor. Die Leute hinter der Kaffee-Theke würden sich wundern, dass so wenige Cappuccino zubereitet werden müssten. Menschen, die sich auf das akademische Viertel verließen, würden plötzlich vor der geschlossenen Tür zum Saal stehen. Irritation, Panik. Vielleicht hätten sie Schweißausbrüche und würden um einige Tage altern. Der Kaffee im großen silbernen Behälter würde sogar für die Gespräche nach dem Gottesdienst reichen.

Auch in den Gesprächen vor dem Start des Countdowns kamen wir immer wieder auf die Macht der Technik zurück. Mein Sohn meinte noch, wenn der Pastor zu schnell rede oder ich die Worte nicht kenne, solle ich einfach etwas anderes erzählen. Beispielsweise könne ich Werbung für den Church-Checker machen. Auch malten wir uns aus, welche weiterführenden Texte ich als Lückenfüller einflechten könnte. Hinweise auf unsere Youtube-Kanäle oder ähnliches. Immerhin wären mir die Gottesdienst-Besucher ohne Englisch-Kenntnisse hilflos ausgeliefert.

Macht praktisch

Das wäre normalerweise der Moment für ein sonores "Ho, Ho" und ein breites, fieses Grinsen. Da es aber auf zwölf zuging, wurden wir eher nervös. Wie war das noch mit dem Countdown? Fünf nach und 36 Sekunden oder sowas? Dann kam das manuelle Signal und meine Frau startete den Film: "5:00, 4:59, 4:58". Ich kauerte mich zu ihr und richtete mich neben dem massiven Sennheiser-Mikrofon ein. Oben war ein großer ON-OFF-Schalter. Die Lust auf Macht war mir gänzlich vergangen. "0:02, 0:01: 0:00", zum Glück startete sofort die Band und ich musste nichts übersetzen.

Meine Frau kam mit den Folien nicht klar. Niemand sang mit. Der durchbohrende Blick meiner Tochter traf den Glaskasten. Auch der Pastor schaute zur Technik. Experten drängten sich in unseren Kasten. Zum Ende des ersten Liedes sahen die Besucher die passende Folie. Dann begann plötzlich der Lobpreisleiter zu sprechen. Das war ja Englisch. Ich verstand alles. Darüber war ich so erstaunt, dass ich stumm vor dem Mikro saß. Meine Frau schaute mich erschrocken an. Erst als der unhygienische Friedensgruß in die Praxis umgesetzt wurde, hatte ich mich gefangen und teilte den Übersetzungs-Bedürftigen mit, dass sie jetzt aufstehen könnten um die Leute in ihrer Umgebung zu begrüßen. Ich hörte sogar meine eigene Stimme. Wie peinlich!

Macht langsam Spaß

Bereits nach dem Gruß hatte meine Frau die Folien voll im Griff. Auch meine Tochter drehte sich nicht mehr um. Sie musste statt dessen den Platz wechseln, weil noch zwei Leute nach dem akademischen Viertel gekommen waren. Unfassbar! Ein Schwarzer zwängte sich neben mir in den Glaskasten und teilte mir mit, dass er aus Kuba sei. Ja, schön. Dann setzte ich den Kopfhörer wieder auf und konzentrierte mich auf den nächsten Einsatz. Der kam nach dem Lobpreis.

Zur besseren Erklärung breitete ich die Zettelwirtschaft aus dem Begleitheft vor mir aus und erklärte nun simultan und mit einigen Lücken, was der eingeborene Germane an welcher Stelle anzukreuzen und auszufüllen habe. Auch Class 301, das Seminar zur Entdeckung des Gabenprofils, war Thema der Ansagen. Die oben erwähnten Werbeblöcke konnte ich gar nicht mehr platzieren. Egal, ich freute mich, dass ich die Simultan-Übersetzung, das parallele Reinquatschen in den Text des Redners auf der Bühne, als ideale Form der Translation für mich entdeckt hatte. Währenddessen suchte meine Frau nach der Folie für das parallele Jugendprogramm. Den Stress merkte man ihr gar nicht an.

Macht mal Pause für 48 Minuten

"Jetzt hast du 48 Minuten Zeit", sagte sie zu mir und lehnte sich entspannt zurück. Sie hatte das Video mit der Predigt gestartet. Alles reibungslos. Ich legte den Kopfhörer ab und ordnete die Zettel vor mir. Wenn die Leute saßen, konnte man vom Aquarium aus sehr gut das Geschehen auf den beiden Leinwänden verfolgen. In der Predigt ging es um die Handlungsmuster von Jesus: Hören - Stoppen - Gucken - Fragen - Tun. Dafür gäbe es viele Beispiele. Im konkreten Fall ging es um die Blinden von Jericho.

Als die Timeline auf die Null und der Pastor auf die Bühne zuging, fasste ich Mut und Mikrofon. Klack - ON - das Gebet begann. Wieder übersetzte ich simultan. Dann noch ein Lied mit Kollekte. Meine Frau sang und wippte mit. Die Folien wurden präzise gewechselt und unsere Tochter drehte sich nicht um. Geschafft!

Für 14:00 Uhr hatten wir einen Tisch beim Mexikaner reserviert. Durch das späte Starten des Countdowns waren aber Lobpreis, Predigt und Ansagen so weit nach hinten verlagert, dass wir nur noch zehn Minuten Zeit hatten. Wir würgten den nachfolgenden Smalltalk ab, versorgten uns mit Teewasser und Mänteln und liefen schnell zum Restaurant. Obwohl wir unsere Macht nicht zur Verschiebung der Zeiten missbraucht hatten, kamen wir sogar pünktlich zum Essen.

Mittwoch, 22. November 2017

40 Tage Gebet @Saddleback

Kurzzeit-Aktionen wie 7 Tage Fasten, 6 Wochen Ehekurs oder 40 Tage Gebet eignen sich hervorragend zum Appetit machen. Gut, wenn die positiven Erfahrungen dieser Zeit die Beziehung zu Jesus nachhaltig prägen.



Rick Warren, der Hauptpastor von Saddleback in Kalifornien, ist bekannt für seine ausgereifte Didaktik. Begriffe werden in einzelne Buchstaben zerlegt und den Buchstaben Sinn stiftende Bedeutungen verliehen. Es wird mit Zahlen und Aufzählungen jongliert. Bei Seminaren gibt es dicke Begleithefte mit selbst zu ergänzenden Lückentexten. Zur sonntäglichen Predigt werden Zettel mit den Bibeltexten und Platz für eigene Notizen gereicht. Nahezu jede Zusammenkunft - ob Hauskreis, Mitgliederseminar oder Gottesdienst - wird mit einem Video unterlegt. Letzteres schon etwas zu viel für meinen Geschmack, auch wenn die Nutzung von Videos durchaus Vorteile hat.

40 Tage Gebet - weltweit und in Kleingruppen

Konzertierte Aktionen wie 40 Tage Gebet schweißen eine Gemeinde zusammen, fördern den Austausch über gemachte Erfahrungen und verbinden Personen, die sich vielleicht bisher nicht kannten.

Wir entschieden uns zur Einrichtung eines Kurzzeit-Hauskreises, an dem sogar unsere Kinder teilnehmen. Die bunten Begleithefte, die es übrigens auch auf Deutsch gibt, laden zum Mitmachen ein und bieten genug Platz für Notizen. Jeden Tag gibt es einen kurzen Bibeltext und drei Fragen dazu. Ich habe die Bearbeitung auf den Morgen gelegt, so dass der Tag gleich mit Gedanken über Gott beginnt. Einmal in der Woche treffen wir uns mit den Hauskreis-Teilnehmern und tauschen uns aus. Dazu gibt es - na, ratet mal - ein Video und Tee und Weihnachtsgebäck.

Vaterunser

Die Predigten am Sonntag flankieren das Thema, so dass wir uns in eine weltweite Aktion eingebunden fühlen. Am letzten Sonntag sprach Rick Warren über das Vaterunser (Matthäus 6, 9-13). Erstaunlich, was sich aus diesem Text immer wieder herausholen lässt. Der geborene Didaktiker aus Amerika teilte das Vaterunser auf den Tag auf. Das ist eine moderne Form des Gedächtnis-Trainings. Gegenstände, Zeit-Marken, Orte, Personen werden zu Erinnerungspunkten für andere Themen, so dass beispielsweise ein regelmäßiger Gebets-Impuls ausgelöst wird.

Der von Rick Warren skizzierte Tagesablauf mit Vaterunser sah wie folgt aus:

  1. Aufwachen - Dank an Gott
  2. Frühstück - Namen Gottes und deren persönliche Bedeutung
  3. Vormittag - Was sind Gottes Prioritäten in meinem Leben?
  4. Mittag - Was ist mein heutiger Bedarf?
  5. Nachmittag - Wen habe ich verletzt? Wem habe ich zu vergeben?
  6. Abend - Gebet um weise Entscheidungen
  7. Vor dem Einschlafen - Nimm eine ermutigende Wahrheit aus der Bibel in dich auf!

Bisher war mir auch noch gar nicht so bewusst aufgefallen, dass Jesus "so sollt ihr beten" statt "das sollt ihr beten" sagt. Damit gibt er einen Leitfaden statt eines auswendig zu lernenden Textes weiter.

Inzwischen haben wir die Halbzeit überschritten und konnten einige gute Erfahrungen machen. Diese schreiben wir in die Begleithefte und reden beim nächsten Treffen darüber. Ich bin gespannt auf die finalen zwei Wochen und was sich im globalen Maßstab durch diese Gebetszeit tut.

Sonntag, 13. August 2017

13. August und die Umwidmung eines historischen Datums

Der 13. August 1961 hat eine besondere Bedeutung in Deutschland. In der Kalkscheune wurde dieses historische Datum heute umgewidmet.



Am 13. August, einem Sonntag vor 56 Jahren, begann in unmittelbarer Nähe der Kalkscheune eine Großbaustelle. An das Stadtschloss, Downtown Potsdamer Platz oder das Band des Bundes war zu dieser Zeit noch nicht zu denken. Diese Bauwerke hätten wohl eher in einem Science Fiction ihren Platz gefunden, als Provokation eines subversiven Elementes, das durch die aggressivsten Kreise des Imperialismus unter der Vorherrschaft der USA und der BRD gesteuert wurde. 1961 tobte der Kalte Krieg. Inzwischen sind die Kriege asymmetrisch und hybrid geworden, gelegentlich auch heiß.

Heiß und kalt

Das Wasser im Hof der Kalkscheune war relativ kalt. Der blaue INTEX-Pool war schnell gefüllt. Fassungsvermögen: 2.700 Liter. Kameras und Mikros mit Windschutz standen bereit. Ebenso begleitende Verwandte mit Handtüchern und Wechselsachen. Drei junge Leute wollten sich taufen lassen.

Vorher gab es eine intensive Predigt über Simson. Dieser biblische Held war äußerlich stark und innerlich völlig unreif. Tom Holladay ging auf 5 Punkte ein, die starke Personen ausmachen: Motivation zur Verwendung der Stärke, Teamfähigkeit, Steuerung eigener Gelüste, Vertrauen auf Gottes Geist und Nutzung der zweiten Chance.

Second Chance

Das S am Anfang von Saddleback wird auch als Merk-Buchstabe für Second Chance (zweite Chance) kommuniziert. Heute war die Second Chance für den 13. August.

Auch bei Trauma-Therapien ist es üblich, alte Sequenzen anzusehen. Dabei wird ehrlich in die Situation hineingefühlt und der Film dann neu programmiert. Das ist eine sehr wirkungsvolle Methode, alte Verletzungen auszuheilen oder sogar in die Vergessenheit zu schieben.

Beisetzung und Auferstehung

Die Taufe wird in der Bibel mit einem Begräbnis verglichen. Eine Beisetzung zusammen mit Jesus und eine Auferstehung zusammen mit Jesus. Dieses Symbol wurde vor dem Planschbecken noch einmal genau erklärt und dann unter Jubel und Medienpräsenz durchgeführt. Ich hielt ein langes Mikrofon, während meine Tochter zusammen mit einem GoPro Action-Camcorder ins Wasser getaucht wurde.

Der 13. August hat nun eine ganz neue Bedeutung für uns. Statt Bau einer Mauer, das Durchbrechen der Mauer zwischen Gott und Menschen.

Offizielles Video: Taufe am 13. August 2017 @SaddlebackBLN

Sonntag, 23. April 2017

Saddleback Berlin mit Taufe und Live-Predigt

Heute war ein besonderer Sonntag bei "Saddleback". Mit baptistischen Wurzeln sind regelmäßige Taufen schon fast ein Muss. Ergänzend dazu wurde heute auch noch live gepredigt. Buddy Owens, der Mentor von Pastor Dave Schnitter, war aus Kalifornien angereist, so dass auf die übliche Video-Predigt verzichtet wurde.



Bereits gegen 8:30 Uhr hatte "a couple of guys" das Taufbecken im Hof der Kalkscheune aufgebaut. Eine Gartenplansche von 2,6 x 1,6 x 0,65 Metern und einem Fassungsvermögen von 2.700 Litern Wasser. Egal, Hauptsache ein Wasserstand, der ein komplettes Untertauchen als Symbolhandlung gemäß Kolosser 2, 12 und Römer 6, 3-4 ermöglicht. Der zeitgenössische Baptismus kann sogar den gesamten Akt der Taufe per Video festhalten. Dazu reicht eine der beliebten Action-Kameras oder ein wasserdichtes Smartphone.

Gottesdienst in der Kalkscheune

Als wir gegen zehn bei Saddleback eintrafen, plätscherte das Wasser ins Taufbecken. Wenige Stunden zuvor war meine Frau mit ihren Freundinnen an dieser Stelle noch von einem Dance Floor zum nächsten geschwebt. Dave Schnitter begutachtete das Wasser und eilte dann in den zweiten Stock, um die Gottesdienstbesucher zu begrüßen.

Als der Countdown endete und die ersten Gitarrenklänge von der Bühne schallten, war es noch sehr leer im Saal. Nirgends konnte ich Buddy Owens entdecken und fragte mich, ob heute flexibel umdisponiert werde. Aber der Raum füllte sich und füllte sich und zum Ende der Lobpreiszeit erspähte ich den heutigen Redner ganz hinten in der Ecke. Er beobachtete von dort aus den europäischen Ableger der amerikanischen Muttergemeinde, die mit 20.000 Gottesdienstbesuchern als "Mega Church" bezeichnet wird. Die Bezeichnung "Groß-Mutter" könnte hingegen zu Verwechslungen führen.

Buddy und Matthäus

Buddy Owens justierte sein kleines Mikrophon am Hemdskragen und legte los. Er redete über "die skandalöse Liebe Gottes" und hangelte sich dabei an diversen Bibelstellen entlang. Den Zuhörern stand wie üblich ein Begleitzettel für Notizen zur Verfügung. Es ging um Matthäus, der das Matthäus-Evangelium geschrieben hatte. Als Zollbeamter wurde er von den Leuten seines eigenen Volkes gemieden und die Römer mochten ihn nicht, da er kein Römer war. Matthäus saß also zwischen den Stühlen und hatte lediglich sein Geld und Freunde mit ähnlichen gesellschaftlichen Kennziffern. Den Juden galt er als "unrein" und hatte damit keinen offiziellen Zugang mehr zu Gott.

Jesus ist für sein unkonventionelles Vorgehen bekannt. In Matthäus 9 Vers 9 kommt er am Zollhaus vorbei, schickt einen seiner Schüler los und lässt dem Beamten ausrichten: "Wenn du alles richtig machst und dich ordentlich anstrengst, können wir mal über eine Begegnung reden". Nein, so war das nicht. Der Text beschreibt das folgendermaßen: "Und Jesus sah einen Mann im Zollhaus sitzen, der Matthäus hieß, und sagte zu ihm: Laufe hinter mir her". Solch eine Ansprache war völlig unerwartet und neu für Matthäus.

Blickwinkel

Neu für mich war die Interpretation von Matthäus 13, wo es um die kostbare Perle und den Schatz im Acker geht. Seit meiner Kindergottesdienstzeit hatte ich verinnerlicht, dass der Kaufmann ein Mensch ist, der endlich zu Jesus, also der kostbaren Perle findet und dann alles andere dafür aufgibt, um diese Perle zu bekommen. Buddy Owens wechselte die Blickrichtung und setzte Jesus an die Stelle des Kaufmanns. Jesus, der mit seinem Leben dafür bezahlte, dass er mich gewinnen kann. Sagenhaft. Eine Sicht, die auch auf den Schatz im Acker adaptierbar ist und viel logischer klingt als die bisherige Interpretation.

Kaffee am Pool

Nach dem Gottesdienst sollten wir uns alle noch Kaffee holen und in den Hof gehen. Dave Schnitter hatte Shorts und ein dunkelblaues Tauf-Shirt, ein T-Shirt sozusagen, angezogen. Auch Buddy Owens war so gekleidet, trug aber keine Schuhe. Er zitterte, trug die Unterkühlung jedoch mit Fassung. Es wurde noch einmal heißes Wasser in den Pool gegossen und dann konnte es losgehen. Der Hof der Kalkscheune war jetzt mit Menschen sämtlicher Nationalitäten und Altersgruppen gefüllt, die mit Smartphones und Kaffeebechern dem Geschehen beiwohnten. Spontan entschied sich noch eine weitere Frau zur Taufe, so dass es insgesamt sieben Unterwasseraufnahmen mit der GoPro geben konnte.

Sieben Taufen

Dave erklärte kurz den Sinn der Taufe anhand der oben zitierten Bibelstellen. "It's a symbol", sagte er und wie auf Knopfdruck ging ein Platzregen auf die Sonnensegel im Innenhof nieder. Dieser wurde immer stärker und endete in einem Hagel. Die Sonnensegel schützten jedoch die Gemeinde, so dass nach einer kurzen aber würdigen Beachtung des Zeichens vom Himmel die Zeremonie fortgesetzt werden konnte. Buddy und Dave stiegen ins Planschbecken und tauchten alle sieben Personen nacheinander komplett unter. 2,6 x 1,6 Meter waren ein durchaus geeignetes Maß dafür. Mit Applaus und Ausrufen der Begeisterung begrüßte die Gemeinde die "auferstandenen" Familienmitglieder.

Dreieinhalb Grad

Während sich die Getauften abtrockneten, traten wir den Heimweg an. Da es immer noch regnete und sich große Pfützen am Straßenrand gesammelt hatten, führte ich meiner Familie das sogenannte "Drive By Baptism" vor. Es fanden sich allerdings keine Interessenten. Kurz vor der Haustür merkte ich beim Bremsen ein gewisses Aquaplaning. "Ja, meine Sommerräder rutschen auch öfter mal bei den aktuellen Temperaturen", sagte meine Frau. Ich schaute aufs Thermometer: 3,5 °C.

Sonntag, 11. Dezember 2016

Fernsehpredigt mit der Oma

Wenn Ehepartner unterschiedliche Glaubensauffassungen haben, kann es vorkommen, dass sich die Gottesdienstbesuche auf Weihnachten und Ostern reduzieren oder der unmündige Christ maximal einen Hauskreis unter der Woche besuchen darf. Oft bleibt dann noch der Ausweg über Fernseh- oder Podcast-Predigten.



Meine Schwiegermutter ist es gewohnt, Gottesdienste im Fernsehen zu verfolgen. Das ist abwechslungsreich, gemütlich, hygienisch und logistisch effektiv. Verbindlichkeit, christliche Gemeinschaft und Bekanntheit in der Ortsgemeinde sind dadurch allerdings kaum möglich. Das musste sie erschrocken zur Kenntnis nehmen, als das Ableben ihres Mannes zum Totensonntag in der Dorfkirche keine Erwähnung fand.

Bereits am letzten Sonntag war es uns in Chemnitz gelungen, sie zu einem echten Gottesdienst mitzunehmen. Echte Sänger, ein echter Prediger und echte Leute um uns herum in einem echten Gemeindehaus. Die Alternative wäre ein Fernseh-Gottesdienst aus Herrnhut gewesen.

Fernsehen war ein guter Aufhänger, sie heute einmal mit zu Saddleback zu nehmen. Wir entschieden uns für den Gottesdienst auf Deutsch. Forrest aus Alabama hatte einen Weihnachtschor zusammengestellt und präsentierte das Ergebnis. Da die Oma weder etwas sah noch hörte, wechselten wir die Sitzreihe und konnten nun das Geschehen von sehr weit vorne aus verfolgen. Der Chor sang Weihnachtslieder auf Deutsch und auf Englisch und ging dann in den Nachbarsaal.

Dann begann die Predigt. Es ging um "die gute Nachricht" von Weihnachten. Tom Holladay erzählte ein Beispiel von seinen Enkeln, die in New York Kakao gekauft bekamen. Eines der Kinder ließ sofort die Tasse fallen und produzierte eine riesige "Sauerei". Der Verkäufer reagierte souverän, indem er einen Wischmopp nahm, die "Sauerei" großflächig reinigte, hinter den Tresen ging, einen neuen Kakao zapfte und ihn dem Enkelkind überreichte. "Geht aufs Haus", sagte er und lehnte den Zahlungswunsch des Referenten ab. "Gott macht unsere Sauerei sauber - kostenlos", war die Lehre aus dieser Situation.

Wo sonst die vielen freien Stellen zum Ausfüllen auf dem Beiblatt zum Gottesdienst waren, standen heute Bibelstellen über Bibelstellen zur "guten Nachricht" von Weihnachten. Wir hörten die geballte Ladung des Evangeliums. Tom Holladay redete allerdings sehr schnell und Dave Schnitter übersetzte in einer entsprechenden Geschwindigkeit simultan. Nach zwei Lobpreisliedern und der Kollekte war der Gottesdienst zu Ende und wir füllten noch einmal Kaffee und Tee nach.

Gespannt fragten wir die Oma, wie sie denn diese spezielle Art der Fernsehpredigt fand. Sie stellte fest, dass sie neue Hörgeräte benötigt, da sie das schnelle Reden nicht so richtig verstehen konnte. Erschwerend kam hinzu, dass die Mundbewegungen des amerikanischen Predigers nicht zur deutschen Übersetzung passten. Sehr schade!

Dennoch waren wir begeistert, dass sie sich auf diesen Test eingelassen hatte und freuen uns schon auf ihre nächste Begleitung. Immerhin sorgt sie dafür, dass ich weiter vorne sitzen kann. Falls dann zufällig ein Fernseh-Gottesdienst aufgenommen wird, sind wir hoffentlich öfter mal im Bild.

Sonntag, 13. November 2016

Familienkonferenz

Auf unserer Eltern-Kind-Kur im Sauerland hatten wir viele gute Anregungen für den Familien-Alltag bekommen. Eine davon war die Etablierung einer Familienkonferenz.



Schon während unserer Kur im Juli kauften wir in der nächst größeren Stadt ein dickeres Notizbuch im A4-Format. Damit wurde der greifbare Grundstein für die Einführung der Familienkonferenz gelegt. In einem der Erziehungsseminare hatte die Referentin von ihren guten Erfahrungen mit der Familienkonferenz berichtet. Sie hatte deutlich mehr Kinder im Haushalt und konnte mit diesem Instrument ein geeignetes Podium schaffen, bei dem alle Akteure der Familie gleichberechtigt zu Wort kommen und Entscheidungen gemeinsam getroffen werden.

Wir legten einen wöchentlichen Turnus fest, den wir seit dem sechsten August mehr oder weniger konsequent eingehalten haben. Bei vier Personen lassen sich die Aufgaben sehr gut verteilen. Im Rotationsprinzip bedienen wir folgende Arbeitsbereiche:

1) Agenda und Leitung
2) Protokoll
3) Catering (Tisch decken und für Essen, Trinken, Knabbereien sorgen)
4) Aufräumen (Tisch abräumen und Ausgangszustand des Zimmers wieder herstellen)

Der nächste Termin und die Aufgabenverteilung werden am Ende jeder Konferenz festgelegt und in das Buch geschrieben. So kann man im Zweifelsfall immer wieder nachschlagen und auch der Papa kann sich nicht vor dem Catering drücken.

Am sechsten November, also drei Monate nach Start, fand die elfte Familienkonferenz statt. Das spricht schon einmal für die Regelmäßigkeit. Meine Frau war für Agenda und Leitung zuständig, die Kinder für Catering und Aufräumen und ich für das Protokoll. Nach einer Gebetsrunde mit aktuellen Themen kamen wir zu TOP2: "Gottesdienste". Es wurde der Vorschlag unterbreitet, dass wir jetzt ein bis dreimal im Monat zu Saddleback fahren, da der SYM Saddleback Youth Ministry wohl gut zu unseren Teenagern passe. Auch die Predigten hatten bisher immer einen wertvollen und im Alltag umsetzbaren Inhalt. Deshalb stimmte ich zu, obwohl sich noch diverse weitere Gemeinden auf der Church-Checker-Agenda befinden.

Es ging dann noch um eine E-Ukulele, die Handbrems-Reparatur bei unserem Volvo, die vielen Termine der bevorstehenden Woche, den Lehrersprechtag und das Taschengeld. Wenn die Diskussion hitziger wurde oder in humoristische Exkurse abglitt, nutzen wir eine Art Erzählstein, so dass immer nur ein Familienmitglied zur gleichen Zeit reden durfte. Auf diese Weise wurde jeder gehört und wir entwickelten gemeinsam einen Konsens.

Nach über einer Stunde war die Agenda mit insgesamt acht Punkten durchthematisiert. Sonstige Tagesordnungspunkte gab es diesmal nicht. Abschließend konnten wir den Termin und die Aufgaben für die nächste Familienkonferenz festlegen.

Heute jedenfalls besuchen wir, wie in der elften Konferenz festgelegt, wieder die Saddleback Church in der Kalkscheune.

Sonntag, 6. November 2016

Psalm 23 @SaddlebackBLN

Während meine Tochter und ich krank zu Hause blieben, fuhren die übrigen Familienmitglieder in die City zu Saddleback. Wegen der starken Präsenz an Bekannten aus Marzahn, besuchten sie die Predigt mit Simultanübersetzung. Diese bediente ein Thema, dass sie bereits eine Woche vorher in der EFG Cantianstraße gehört hatten.



Auch diesen Sonntag ging es um Schafe und Hirten, allerdings nicht mit der Suche des Schafes sondern ganz klassisch mit Psalm 23.

Kann man noch Neues über Psalm 23 predigen? So, dass man bis zum Ende zuhören kann? Der Psalm den ich in Luther-Version schon in der Jungschar auswendig gelernt habe?

Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf grüner Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquickt meine Seele
und führet mich auf rechter Straße um Seines Namens Willen.
Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal,
fürchte ich kein Unglück.
Denn Du bist bei mir,
Dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feine.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Ja man kann, denn in dieser hektischen Zeit ist es immer wieder gut erinnert zu werden an Urlaub für die Seele. "Wie Deine Seele zur Ruhe kommt" war die Überschrift von Tom Holladays Predigt.

Bemerkenswert an dieser Predigt war das Tempo, mit dem sie vorgetragen wurde. Es war so enorm, dass sich Pastor Dave Schnitter von Saddleback Berlin hinterher für die extrem schnell gesprochene deutsche Übersetzung entschuldigte.

Bemerkenswert war aber auch die Berlin-getreue Übertragung der Beispiele. Ich nehme nicht an, dass der Pastor aus der Hauptgemeinde in Kalifornien um die Neckereien von Berlinern und Spandauern weiß. Nichtsdestotrotz kam in der Predigt vor, dass manche Berliner annehmen, dass es in Spandau nur einen Ikea gibt. Ich weiß es inzwischen besser, es gibt auch eine sehr sehenswerte Zitadelle, aber das nur am Rande.

Nicht zuletzt war auch der Inhalt (be)merkenswert. Du bist nur ein (manchmal dummes) Schaf, also verlass dich auf Gott, deinen Hirten. Das Gras ist auf der anderen Wiese nur von weitem grüner. Vertraue auf Gottes Erfrischung. Genieße es, wenn du Überfluss hast und freue dich daran. Folge Gottes Weg. Erinnere dich daran, dass Gott bei dir ist. Er wird durch Schutz und Zurechtweisung trösten. Sei dankbar für alles, was Gott gibt. Es gibt Feinde und dunkle Täler, aber Gott deckt uns den Tisch. Schau auf das, was ewig bleibt.

Ja, innehalten fällt mir oft schwer. Ich renne rum und mache dies und das. Aber die Rückbesinnung auf meinen guten Hirten, Jesus Christus, wird meine Seele nachhaltig für die nächsten Herausforderungen erfrischen. Danke, Tom Holladay, für diese Erinnerung an den guten alten Psalm.

Autorin: Frau des Church Checkers

Sonntag, 16. Oktober 2016

SYM Saddleback Youth Ministry und die freundliche Übernahme in der Kalkscheune

Es gibt sie tatsächlich: Gemeinden mit Teenagern und Jugendlichen. @SaddlebackBLN veranstaltet seit einigen Wochen einen Jugendgottesdienst parallel zum englischen und deutschen Gottesdienst in der Kalkscheune. Unsere Kinder waren heute dabei.



Wir waren wieder einmal in der Kalkscheune zu Besuch, diesmal sogar für eine Kombination. Es gibt ja einen Gottesdienst auf Englisch, neuerdings einen auf Deutsch und auch noch einen Jugendgottesdienst - Saddleback Youth Ministry (SYM).
 
Dank des Akademische Viertels kamen wir wegen Unregelmäßigkeiten im S-Bahn-Verkehr zehn nach elf so pünktlich, dass wir uns sogar noch mit Tee bzw. Kaffee eindecken konnten. Dann ging es mit dem jeweiligen Gottesdienst los. Der Deutsche startete dreißig Sekunden später als der Englische, wie ich durchs Fenster über den Hinterhof beobachten konnte.
 
Wahrscheinlich sind englische Lieder einfach ausgeschmückter. Nach ein paar Liedern wurde per Beamer zum Youth Ministry aufgerufen. Das Timing war allerdings nicht so ganz ausgeklügelt, deshalb mussten wir, nach dem Durchqueren beider Gottesdiensträume, noch ein Lied abwarten, bis wir endlich mit ca. acht anderen Jugendlichen und zwei Leitern in einen mittelgroßen Raum mit ovalem Tisch gingen. Rund um den Tisch waren sehr bequeme Polsterstühle angeordnet und auf dem Tisch standen verschiedene Backwaren und Saft.
 
Nach einer kurzen Vorstellungsrunde ging es mit einem Quiz los, das so ähnlich wie Stadt-Land-Fluss konzipiert war. Obwohl die anderen Fragen nicht zum geografischen Thema passten, machte die Bonusfrage alles wieder wett (fürs geografische Thema und für uns): Welches Bundesland in Deutschland besteht aus zwei Städten? Naa? Diese Frage bescherte meinem Bruder und mir den Sieg und wir durften je einen coolen Preis, wie ein T-Shirt mit Logo (von SYM natürlich) oder eines diverser Bücher aussuchen.
 
Danach ging das Thema los. Doch nicht per Video, wie im großen Gottesdienst, sondern Live auf Englisch, mit Simultanübersetzung auf Deutsch, für das sprachlich gut durchmischte Publikum im Alter von zehn bis achtzehn. Dazu wurden englische Lückentexte zum Input ausgeteilt. Das finde ich voll super, man wird animiert mitzuschreiben und kann es, wenn man will, zu Hause zu jeder Zeit  rekapitulieren.
 
Heute ging es mit einer neuen Reihe los - „Flawed“. Heißt auf Deutsch „unperfekt“. Denn keine Person der Bibel (ausgenommen Jesus natürlich) war perfekt. Rahab zum Beispiel ist eine Prostituierte gewesen, Adam und Eva haben Gott nicht gehorcht und, und, und. Gott kann ganz normale Menschen benutzen, etwas Besonderes zu vollbringen. Würde er nur perfekte Menschen nehmen wollen, hätte er gar keine Leute zur Hand.
 
Nach zwei weiteren Spielen war auch der Gottesdienst der Erwachsenen zu Ende.
 
Alles in allem erinnerte SYM eher an einen Hauskreis. Man konnte Fragen stellen, es wurden Fragen gestellt, alles sehr interaktiv. Also nicht so, wie ich andere Jugendgottesdienste erlebt habe. Also wenn Ihr keine Lust auf 60 Minuten stilles rumsitzen habt, dann geht zu SYM.
 
Autorin: Tochter des Church Checkers

Sonntag, 25. September 2016

Saddleback auf Deutsch

Der Berlin-Zweig der Saddleback Church wurde erst vor drei Jahren gegründet. Seitdem wächst die Gemeinde und wächst und wächst und wächst. Seit September gibt es zwei neue Gottesdienstformen bei #SaddlebackBLN: einen Jugendgottesdienst und einen Gottesdienst auf Deutsch.



Die Kalkscheune, wo sich die Saddleback Church sonntags trifft, liegt im Inner Circle der Stadt. Das ist insbesondere dann zu berücksichtigen, wenn wieder einer der unzähligen Marathoni veranstaltet wird. Der Besucher aus dem grünen Stadtrand fühlt sich dann wie die "Christliche Gemeinschaft" am Tag des Mauerbaus. Wir entschieden uns zu einer Anfahrt per S-Bahn.

Kurz vor dem Alexanderplatz überfuhr die Bahn eine Brücke, unter der hunderte bunt gekleideter Athleten den über vierzig Kilometer langen Lauf zelebrierten. Am Bahnhof Friedrichstraße stiegen wir aus und konnten bequem die weiträumig abgesperrte Straße überqueren. Am Friedrichstadtpalast war ein Turm für den RBB aufgebaut und die Lawine der Läufer wälzte sich gerade an Charité und FDP vorbei.

"Wäre doch witzig, wenn der Erste einfach über die Absperrung klettert und zu Saddleback läuft", meinte mein Sohn, während wir zur Kalkscheune abbogen. Gleich am Eingang wurden wir sehr freundlich begrüßt. Das setzte sich im gesamten Haus weiter fort. Letztlich hatten wir ein Programmheft, einen Kugelschreiber und einen Becher Kaffee in der Hand. Der Gottesdienst auf Deutsch war deutlich ausgeschildert und fand in einem Nebenraum gegenüber dem englischen Gottesdienst statt.

Deutsch wurde tatsächlich sehr genau genommen. Alle Lobpreislieder waren ins Deutsche übersetzt. Wir sangen Lieder, von denen ich bisher nur die englische Fassung kannte. Das setzte sich konsequent in den Ansagen fort, die mit einem sehr einladenden Video von Pastor Dave Schnitter eingespielt wurden. Vor zwei Wochen gab es im Hof der Kalkscheune mehrere Taufen, die über und unter Wasser gefilmt worden waren (Video Taufe Juni 2016). Den Rest des Rahmenprogramms erledigten Anna und das Lobpreisteam.

Wie gewohnt gab es eine sehr impulsreiche Predigt. Diesmal von Rick Warren. Natürlich per Video, aber mit deutscher Simultanübersetzung. Wir folgten dem vierten Teil der Predigtreihe "Unerschütterlich" unter dem Motto "Wenn man das Unmögliche von dir fordert".

"Pastor Rick" hangelte sich am Text aus Daniel 2, 10-18 entlang und arbeitete zunächst heraus, woran man echte von falschen Propheten unterscheiden könne. Nebukadnezar wollte ja in den Versen bis 11 sehr konsequent mit den vermeintlichen Propheten seines Beraterstabes umgehen und ihrer Kompetenz auf den Zahn fühlen. Ab Vers 14 tritt Daniel auf und beeindruckt durch sein "ruhiges und überlegenes" Auftreten, das letztlich ihn, seine drei Freunde und seine ganzen Beraterkollegen vor der Hinrichtung bewahrte. Da der Text solch eine Fülle an wichtigen Prinzipien beinhaltet, die der Referent selbst schon oft praktiziert habe, wurden heute nur fünf von acht Grundprinzipien erläutert.

Wir schrieben auf unserem Begleitzettel eigene Gedanken zum Thema auf oder ergänzten Worte in Lückentexten. Das steigerte nicht nur die allgemeine Aufmerksamkeit, sondern ließ das Gesagte sofort aktiv reflektieren. Im Vergleich zu Volkhard Spitzer fragte ich mich, wie das Begabungsprofil von Rick Warren aussehe. Es muss eine starke Kombination aus Predigen und Lehren sein. Zumindest redete er fast die ganze Zeit frei und blickte selten auf einen kleinen Notizzettel auf seinem Stehtisch. Er erklärte gut verständlich die Zusammenhänge und stellte immer wieder passende Bezüge zu unserem Alltagserleben her. Die weiteren drei Prinzipien sollen am nächsten Sonntag beschrieben werden. Ein cleveres Konzept der Kundenbindung. Die Predigten können auf Deutsch per Podcast nachgehört werden.

Im Anschluss redeten wir mit unseren Bekannten über die Prinzipien 4 und 5, wo es um das Einholen von Gebetsunterstützung (Verse 17-18) und ferner darum ging, dass wir beim Beten übernatürliche Hilfe von Gott erwarten sollen. Von dieser Erwartung hatte ich heute schon auf meinem liebevoll beschriebenen Kaffeebecher gelesen: "God answers when you least expect". Ich bin gespannt.

Sonntag, 15. Mai 2016

Saddleback @Kalkscheune - experience #SaddlebackBLN

Die Saddleback Church ist eine wachsende evangelische Gemeinde in Mitte. Eine Predigt per Video ist ihr Alleinstellungsmerkmal. Gottesdienst und Predigt laufen auf Englisch und werden simultan übersetzt. Inhaltlich bieten die Predigten einen guten Alltagsbezug und sind wegen ihrer thematischen Nachhaltigkeit empfehlenswert. Die Zielgruppe sind Singles, junge Familien, Touristen, Studenten oder Berufs bedingte Wahlberliner, die sich über das sprachliche Entgegenkommen freuen. Der Gottesdienst eignet sich wegen der Professionalität und offenen Atmosphäre zum Mitbringen von Kollegen und Bekannten.



"Dann können wir ja zur Schönen Party gehen und gleich dort bleiben", freute sich meine Frau als sie die Location unseres nächsten Gottesdienstbesuches erfuhr. "11:00, Kalkscheune", hatte unsere Tochter in ihren WhatsApp-Chat getickert.

Ob wir noch die letzten Nachtschwärmer und Überreste der Schönen Party sehen werden? "Nein, die Leute sind so alt wie wir und halten nur von zweiundzwanzig bis zwei Uhr durch", zügelte sie die Dramatik meiner Vorstellungskraft. Wie wird es wohl mit der Parkplatzsituation aussehen?

Letztere war traumhaft. Hinter dem Friedrichstadtpalast waren unzählige Parkplätze frei. Es gab Parkraumbewirtschaftung zu zwei Euro pro Stunde und von der Schönen Party zeugten lediglich die Hinweisschilder an der Kalkscheune. Besucher von Saddleback wurden durch mehrere Schilder in die oberste Etage des Hauses geleitet. Ein interessantes Gebäude mit niedriger Zugangsschwelle.

Die Saddleback Church hatten wir bereits vor zweieinhalb Jahren besucht, als sie kurz nach der Gründung des Berlin-Zweiges in der Nähe des Potsdamer Platzes ihre Gottesdienste durchführte. Die Predigtreihe war damals so interessant, dass ich mit meinem Sohn noch ein weiteres Mal dort war.

Die Zielgruppe sind offensichtlich Touristen, Studenten, internationale Professionals und Deutsche mit erweiterten Englischkenntnissen. Wir hätten per Kopfhörer zwar eine Simultanübersetzung bekommen können, verzichteten aber darauf. Nach einer freundlichen aber nicht aufdringlichen Begrüßung kamen wir zunächst an einer Kaffeetheke vorbei. Es war noch recht leer im Saal. Der Saal erinnerte an einen der Nebenräume in der Time Square Church am Broadway. Videoscreens rechts und links neben der Bühne und fünf bis sechs Sitzreihen mit Blick auf die Längsseite des Raumes.

Die besondere Form der Sitzflächen führte dazu, dass mein abgestellter Kaffeebecher mit der liebevollen Aufschrift "Johannes 15, 5" langsam nach vorne rutschte, in Zeitlupe abkippte und den Saddleback-Saal großflächig in das Duftkonzept "Kaffee" tauchte. Es war inzwischen gar nicht mehr so einfach, zur Theke zu gelangen und einen Lappen zu bekommen. Der Saal hatte sich kurz nach Elf merklich mit Kaffee trinkenden Besuchern gefüllt. Ich beseitigte die farblich harmonierende Fußbodenveredelung, während die Familie die Gelegenheit nutzte und eine Bankreihe nach hinten umzog. Der Countdown lief. Akademisches Viertel.

Dann begann die Band zu spielen und Pastor David Schnitter leitete den Gottesdienst mit Grüßen und Ansagen ein. Alles auf Englisch. Das ist aber für den deutschen Gottesdienstbesucher noch recht harmlos. Der gewöhnungsbedürftige Teil kam nach der Anbetungszeit:

Public Viewing ohne Fußball.

Das Alleinstellungsmerkmal - Neudeutsch auch USP oder Unique Selling Proposition genannt - ist eine Predigt per Videoübertragung. Ich hatte mich bisher immer gefragt, wozu dann noch ein regionaler Pastor und der Aufwand einer Gemeindeorga notwendig sind. Heute erlebte ich die Antwort. Das einzige Video-Element ist die Predigt. Wenn man die Predigt als einen wichtigen Teil, aber nicht den einzig entscheidenden Teil von Gemeinde ansieht, lässt sich bei Saddleback erkennen, dass nachhaltige Professionalität in sämtlichen Bereichen wie Lobpreis, Kleingruppen, Kindergottesdienst, Evangelisation, sozialem Engagement usw. eine Gemeinde durchaus wachsen lassen kann. In den letzten zwei Jahren muss die Gemeinde offensichtlich um das Vierfache gewachsen sein.

Saddleback #SaddlebackBLN
In der heutigen Predigt ging es um Vergebung. Ausgangstext war Matthäus 6 Vers 12 aus dem Vaterunser. Anhand diverser weiterer Bibelstellen wurden die Facetten der Vergebung skizziert. Mein Sohn stieß mich an, ich solle auch mitschreiben und das Begleitblatt zur Predigt ausfüllen. Ab und zu notierte ich Zitate und festigte meine Ansichten zum Thema. Gut, wenn man das noch einmal so klar formuliert bekommt und weitere Zusammenhänge entdecken darf. Wir waren sehr berührt und nahmen gute Impulse auf, über die wir anschließend weiter redeten, wie beispielsweise, dass Vergeben nicht unbedingt etwas mit Vergessen zu tun hat und dass man nicht vergessen solle, dass einem vergeben wurde oder man selbst bereits vergeben habe. Ein wichtiger Fokus lag auf dem Vergeben im Sinne des Abgebens an Gott.

Die Beschriftung des Bechers meiner Frau musste etwas mehr Zeit in Anspruch genommen haben. Dort war zu lesen, dass Gott in diesem Jahr noch etwas Besonderes für sie geplant habe. Seltsam, dass bei den Ansagen, auf meinem Notizzettel und später auch in der Predigt das Wort "Ruanda" vorkam. Hatten wir doch am letzten Sonntag bereits etwas über Ruanda gehört. Nun klang die zarte Saite wie ein unüberhörbarer Gong. Wir füllten die Kontaktkarte aus und sind gespannt, wie es mit Saddleback, Ruanda und uns weitergeht.

"Das war cool! Hier können wir öfter hingehen", sagte unsere Tochter bei der Abfahrt. Solch ein deutliches Teenager-Statement gab es in den letzten zehn Monaten nur einmal: Heute.