Posts mit dem Label Gottesdienst werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Gottesdienst werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 10. Mai 2020

Drive-In-Gottesdienst des Kolpingwerkes Hildesheim

Besondere Situationen wie das Kontaktverbot während Corona machen erfinderisch. In Hildesheim gab es am Ostersonntag einen ganz besonderen Gottesdienst, der die erforderlichen Hygieneregeln bediente.



Der Gottesdienst in Hildesheim war so einzigartig, dass er heute Eingang ins Morgenprogramm von radioeins fand. Thematisch ging es um Messen. Es gibt Leute, die Land vermessen. Es gibt Messen mit vielen Ausstellern und es gibt Messen in der katholischen Kirche. Das katholische Kolpingwerk wollte die Gottesdienstbesucher nicht online zusammenbringen, sondern in Natura.

Dazu wurde der Schützenplatz in Hildesheim ausgewählt. Dieser Platz fasst 400 Autos. In Form eines Autokinos wurde dort ein Gottesdienst veranstaltet. Um nah am Geschehen zu sein, sollten die Autoradios auf die Frequenz 105,3 von Radio Tonkuhle einstellen. Der Priester hatte alles dabei und stand auf einer mobilen Bühne. Davor die Besucher in ihren SUVs, Wohnwagen und PKWs.

Hier trafen sich Menschen in hochmotorisierten Limos und Fahrer von Kleinwagen. Wie vor der Straßenverkehrsordnung, waren sie auch hier alle gleich. In geistlicher Einheit erlebten sie den Gottesdienst vom Auto aus. Es gab eine Eucharistiefeier und einen finalen Segen. Anschließend - so wurde berichtet - seien die Fahrzeugführer mit einem Lächeln auf dem Gesicht vom Platz gerollt.

Da auch Besucher vor Ort waren, die sonst eher nicht zur Kirche gehen, sind weitere Gottesdienste dieser Art in Planung.

Sonntag, 3. Mai 2020

Jubilate online und offline - 3. Sonntag nach Ostern

In der Kirchengeschichte wurde der 3. Sonntag nach Ostern mit der Bezeichnung Jubilate versehen. Zu Jubilate habe ich eine ganz besondere Beziehung.


Das Wort Jubilate erzeugt bis heute ein breites Grinsen. An viele Gottesdienste aus meiner Kindheit in einer Berliner Baptistengemeinde kann ich mich nicht erinnern. Auch bei längerem Nachdenken fallen mir nur drei Gottesdienste ein, obwohl wir wohl regelmäßig dabei waren.

In einem der Gottesdienste waren meine Filzstifte heruntergefallen und langsam aber sicher unter den Bänken Richtung Kanzel gerollt. Als nächstes kann ich mich an eine Predigt erinnern, die so gut war, dass die gesamte Gemeinde betroffen in den Bänken saß. Vielleicht wäre mir auch noch deren Inhalt im Gedächtnis geblieben, wenn nicht unmittelbar danach Bruder B. nach vorne gegangen wäre und die Predigt noch einmal ausführlich zerredet hätte. Die Stimmung war danach komplett ruiniert.

Kein Wunder also, dass mir sonst nur noch eine Predigt haften geblieben ist. Es ging um Jubilate. Der Chef des Baptistenbundes höchst persönlich war erschienen: schwarzer Anzug, schwarze Krawatte, schwarze Hornbrille, süßliche Stimme. Das Wort Jubilate wurde in seiner Predigt inflationär eingesetzt. Vielleicht hätte ich es mir auch gar nicht gemerkt, wenn er nicht bei jedem Jubilate verzückt nach oben geschaut und einen Freudensprung auf der Kanzel vollzogen hätte. So also predigt der oberste Bruder schlechthin. Jubilate: Bis heute schüttelt meine Mutter den Kopf, wenn ich dieses Wort in den Raum werfe.

Jubilate lässt sich ganz gut ins Deutsche übersetzen. Wir kennen ja das Jubeln - Neudeutsch Lobpreis. Man spricht heute sogar von der Generation Lobpreis, die sich vor etwa 20 Jahren entwickelt hat und in kontemporären Gemeinden wie ICF, Hillsong, Equippers oder ähnlichen Konstrukten tummelt. Die Generation Lobpreis ist um die 30, wechselt öfter mal die Gemeinde und kennt sich mäßig in der Bibel aus. Aber, Jubilate kann sie.

Meine Mutter ist inzwischen Mitglied in der evangelischen Landeskirche. Durch Corona hat nun auch die Landeskirche die Möglichkeit von Online-Gottesdiensten entdeckt. Regelmäßig stellt mir ein Freund aus dem Gemeindezentrum Marzahn Nord per WhatsApp die aktuellen Predigten auf YouTube zu. Und heute nun geht es um: Jubilate.

Auch das Robert Koch-Institut empfiehlt zurzeit die Online-Gottesdienste. Die Ansteckungsgefahr liegt bei null. Zudem erhöhen Online-Angebote die Teilnehmerzahl. Aber es gibt noch einen weiteren Vorteil: Wer sich persönlich bisher nie über eine Kirchenschwelle getraut hat, kann das jetzt ganz bequem und anonym vom Wohnzimmer aus tun. Übrigens gibt es auch gute Lobpreismusik bei YouTube. Diese kann man nach Herzenslust per Kopfhörer aufsaugen und dabei sein ganz persönliches Jubilate-Erlebnis haben.

Freitag, 1. Mai 2020

Konkrete Maßnahmen zur Durchführung von Gottesdiensten nach #COVID19

Die Bundesregierung und die Länderchefs haben sich bei ihrem gestrigen Online-Meeting lobend über die gute Zusammenarbeit mit den Religionsgemeinschaften geäußert. Es waren Konzepte vorgelegt worden, die inzwischen auch vom Robert Koch-Institut kommentiert wurden.



Die Arbeitsgruppe aus Vertretern der evangelischen, katholischen und orthodoxen Kirche sowie jüdischer und muslimischer Dachverbände hat einen nachhaltig guten Eindruck bei der Bundesregierung hinterlassen. Auch die Presse hatte unentwegt nachgefragt, wann und in welcher Form es wieder mit Gottesdiensten losgehe. Allein dieses Segment der Corona-Bewältigung zeigt, dass die Bundesregierung nicht abgehoben agiert, sondern diverse Schnittmengen zur Einflussnahme durch die Gesellschaft vorhanden sind.

Um die Ausbreitung der Pandemie gezielt behindern zu können, sei eine Nachverfolgung der Infektionsketten notwendig. Dazu soll es demnächst eine App geben. Aber auch der Abstand zwischen Personen, die nicht in einem Haushalt leben, soll möglichst groß sein, damit keine Lücken in der Nachvollziehbarkeit der Verbreitung des Erregers entstehen.

Die folgenden Maßnahmen des Gesundheits- und Infektionsschutzes bei der Durchführung von Gottesdiensten und religiösen Handlungen sind zwar kein offizieller Bestandteil der Beschlüsse vom 30. April 2020, wurden aber als einzige Anlage dem Ergebnispapier beigefügt. Die oben genannten Glaubensgemeinschaften sind jedoch eine Selbstverpflichtung eingegangen, diese Maßnahmen einzuhalten.

Begrenzung der Teilnehmerzahl

Die Teilnehmerzahl soll sich an der Größe des Raumes orientieren. Auf keinen Fall darf es zu Menschenansammlungen kommen. Es soll auch nur das unbedingt notwendige liturgische Personal anwesend sein. Taufen, Beschneidungen, Trauungen und andere religiöse Feste sind im kleinen Kreise von Familienangehörigen und wenigen unverzichtbaren Personen durchzuführen. Auf Großveranstaltungen wie Konferenzen, Wallfahrten oder Prozessionen ist zu verzichten.

Abstand

Die allgemeinen Abstandsregeln von 1,5 bis 2 Metern gelten auch für Gottesdienste. So soll auch das Personal in diesem Abstand das Gebäude betreten und verlassen. Auch während der liturgischen Handlung ist dieser Abstand einzuhalten. Laufwege und mögliche Sitzplätze sind zu markieren. Nur Familien aus einem Haushalt dürfen zusammensitzen. Für größere Räume werden Ordner empfohlen. Ohnehin werden große Räume favorisiert, weil sich darin mehr Leute mit mehr Abstand aufhalten können. Auch bei der Seelsorge in Krankenhäusern, Pfarrbüros oder Privatwohnungen sind die entsprechenden Abstände einzuhalten.

Das Robert Koch-Institut verweist explizit auf Online-Gottesdienste. Diese haben mehrere Vorteile: kein Infektionsrisiko, Risikogruppen wie Senioren und Kranke können teilnehmen und die Reichweite ist größer.

Hygiene

Personen mit Krankheitssymptomen haben generell keinen Zutritt. Für die Durchsetzung dieser Regel sind Veranstalter und Ordner zuständig. Idealerweise tragen die Besucher eine Gesichtsmaske, die Mund und Nase bedeckt. Hier kann es zu länderspezifischen Abweichungen kommen. Körperkontakte wie Hände schütteln, küssen oder umarmen sind Tabu. Das gilt auch für liturgische Elemente mit Körperkontakt wie Handauflegung oder Abendmahl. Beichtstühle bleiben wegen ihrer räumlichen Beschaffenheit geschlossen. Für die Beichte müssen also kreative neue Formen mit Abstandswahrung geschaffen werden.

Gesangsbücher, Gebetsschals und Bibeln müssen Gottesdienstbesucher selbst mitbringen, da die Erreger eine bemerkenswert hohe Überlebensdauer auf sämtlichen Oberflächen aufweisen. Blasorchester, Chöre und Bands sind untersagt. Musik darf nur durch Einzelpersonen vorgetragen werden. Hier schlägt die Stunde des Mikrofons: Lautes Sprechen oder gemeinsames Singen sind wegen der exzessiven Verbreitung von Tröpfchen nicht erwünscht. Blasinstrumente sind ein absolutes No Go.

Weihwasserbecken bleiben leer, Handdesinfektion ist bereitzustellen, Kontaktflächen, Türen, Mikrofone, liturgische Geräte sind regelmäßig zu desinfizieren. Es ist für eine gute und natürliche Belüftung zu sorgen. Nach den Veranstaltungen sind die Kirchen und Gemeinderäume zu schließen.

Normalität

Eine Rückkehr zur Normalität wird noch eine Weile auf sich warten lassen. 14-tägig werden die Infektionszahlen und die Fortschritte der Forschung ausgewertet. Aufgrund dessen werden politische Entscheidungen getroffen. Bis mindestens Ende August sind Großveranstaltungen wie Volksfeste, Konzerte, Festivals, Sportevents untersagt. Auch ist noch nicht bekannt, wann und in welcher Intensität die erwartete zweite und dritte Welle der Pandemie über das Land zieht. Deshalb sei hier an zwei Worte erinnert, die die Kanzlerin in der gestrigen Pressekonferenz mehrfach in Zusammenhang gebracht hatte: Geduld und Verantwortung.

Sonntag, 26. April 2020

Alltagstaugliche Predigten von Rick Warren

Unsere Tochter konnte sich durchsetzen. Keine Experimente. Keine Gottesdienste von bisher unbekannten Gemeinden aus entfernten Teilen der Welt. Nein, es sollte wieder Saddleback sein.



Die knapp 20 Saddleback-Gemeinden weltweit sind das Schauen von Videos gewohnt. Rick Warren oder einer der Pastoren aus Kalifornien predigt und wird per Leinwand in die lokalen Gemeinderäume transportiert. Der lokale Gemeinderaum war heute unser Wohnzimmer. Die Familie wollte die deutsche Übersetzung hören, so dass sich im Folgenden ein Gottesdienst auf Denglisch entfaltete:

Lokalpastor Rob McGee und seine Frau zelebrierten zunächst ihr humorvolles Vorprogramm - auf Englisch. Es folgte Musik von Lobpreisleiter Diazno. Dieser sitzt gerade wegen Corona in Nigeria fest. Eine andere Afrikanerin zeigte uns ihr Wohnzimmer und spielte ein zweites Stück. Die Ansagen von Rob waren auf Englisch. Allerdings war Rob plötzlich seitenverkehrt. Namensschild und Wohnzimmer waren gespiegelt. Auch hatte er eine sehr interessante Elektroinstallation über dem Kopf. Lange schwarze Kabel hingen von der Decke herab und endeten in vier simplen Glühlampen. Wohnkultur in Zehlendorf.

Die Predigt war mit einer deutschen Stimme synchronisiert. Wir stellten fest, dass wir wegen unserer medialen Rundreise die ersten vier Teile der Predigtreihe verpasst hatten. Egal, die Predigten von Rick Warren bilden auch innerhalb von Predigtreihen eine schlüssige Einheit.

Rick Warren hat schon viel durchgemacht und kann daher sehr authentisch über die Herausforderungen unseres Alltags reden. Fast jede Predigt enthält Handwerkszeug, das sich an den folgenden Tagen praktisch nutzen lässt. Vor drei Jahren hatte er die Challenge (Wettbewerb) aufgestellt, jeden Morgen 10 Punkte aufzuschreiben, für die man dankbar ist. Das mache ich bis heute.

In der aktuellen Predigt ging es um praktische Tipps für den Alltag in Corona-Zeiten. Er empfahl, die Bibel aufgeschlagen ans Bett zu legen. Noch bevor der Fuß den Boden berührt, solle man einen kleinen Abschnitt lesen. Abends, bevor man das Licht ausschaltet, solle man einen weiteren Abschnitt lesen und auf diesem Wege eine Gewohnheit zum regelmäßigen Bibellesen entwickeln. Flankierend dazu empfahl er das Aufschreiben von Versen, die man dann auswendig lernen könne. Simpel, aber wirkungsvoll. Als Sofortmaßnahme entschloss ich mich, die Bibel auf dem Schreibtisch immer offen zu lassen und den ganzen Tag über darin zu lesen. Bisher hatte ich sie nach der Morgenandacht zugeklappt. Ist sie bereits offen, liest man darin viel öfter.

Nach dem Online-Gottesdienst schnappten wir uns das Grillfleisch und zogen als Familie in den Garten. Wer im selben Haushalt lebt, darf auch gemeinsam seine Freizeit verbringen. Schade, dass unsere beliebten Grillpartys momentan nicht erlaubt sind.

Freitag, 24. April 2020

#COVID19 - bald wieder Offline-Gottesdienste

Seit zwei Wochen wird in der Bundespressekonferenz regelmäßig gefragt, wann und unter welchen Auflagen wieder Gottesdienste stattfinden dürfen. Gemeint sind damit Gottesdienste vor Ort in den Gemeinderäumen.



Es habe "ausgesprochen hilfreiche Gespräche" gegeben. Am 17. April 2020 hatten sich Vertreter der Religionsgemeinschaften erstmalig mit Staatsekretär Kerber im Innenministerium getroffen. Schnell hatten sie sich auf die Einrichtung einer Arbeitsgruppe verständigt. Ziel war die Erarbeitung eines Konzeptes zum Wiederanlauf von Gottesdiensten und Veranstaltungen in den Gemeinderäumen.

Eine große Zeitung war von der Verschleppung des Vorgangs durch die muslimische Seite ausgegangen. Das konnte vom Ministerium nicht bestätigt werden. Alle Zuarbeiten seien fristgerecht eingegangen - eine zweistellige Anzahl von Vorschlägen. Daraus sei ein "gutes, tragfähiges Konzept" erarbeitet worden. Momentan werde es durch das Robert Koch-Institut geprüft. Auch die Bundesländer schauen noch einmal drüber.

Gerade Letztere überholen die Kanzlerin gerne mal bei der Lockerung der Corona-Regeln. In diplomatisch gefärbtem Deutsch bezeichnet man das als "unterschiedliche Entwicklung". Deshalb bleibt abzuwarten, ob sich die Länder und einzelnen Gemeinden an die Vorgaben des Konzeptes halten. Einige Gemeinden könnten im Überschwang der Harmonie für eine wundersame Infektionsvermehrung sorgen. Eine freikirchliche Konferenz mit über 2.000 Teilnehmern im Februar im Elsass hatte in diesem Zusammenhang für erhebliche mediale Aufregung gesorgt.

Die oben genannte Arbeitsgruppe bestand aus Vertretern der evangelischen, katholischen und orthodoxen Kirche sowie des Zentralrats der Juden und des Koordinierungsrates der Muslime. In der Sache "baldige Versammlungen nach Corona" waren sich alle einig und konnten deshalb konstruktive Ergebnisse erzielen. Eine ungewohnte Einheit wie derzeit in der Großen Koalition.

Allein die Freikirchen mit ihren 1,3 Millionen Mitgliedern waren nicht an der Ausarbeitung der Konzepte beteiligt. Den Freikirchen fehlt ein entsprechender Dachverband. Auch wenn sich die Deutsche Evangelische Allianz als solch ein Dachverband ansieht, scheint sie doch von der Politik nicht wirklich wahrgenommen zu werden. Auch bei ihrer Zielgruppe hat sie eher ein verstaubtes Image, das einmal im Jahr durch die Allianz-Gebetswoche in Erscheinung tritt.

Modernen Freikirchen kann Corona nahezu egal sein. Ihre zahlreichen Gottesdienstbesucher verfolgen die Predigten und den Lobpreis auch gerne von zu Hause aus. Kleingruppentreffen gestalten sie per Videokonferenz. Parallel dazu wird die leidende Gastronomiebranche durch Pizza-Bestellungen unterstützt. Auch wir haben uns inzwischen an internationale Gottesdienste per Livestream gewöhnt.

Sonntag, 19. April 2020

Gospelhouse Baden-Baden und die tierisch gute Predigt

Auf der Suche nach weiteren interessanten Online-Gottesdiensten schlug unsere Tochter das Gospelhouse Baden-Baden vor. Das Gospelhouse Baden-Baden hatte sie als Unterstützer ihres Schulprojektes in Madagaskar kennengelernt.



Neun Uhr war für uns so früh, dass wir den Livestream anhalten mussten. Mein Sohn quälte sich aus dem Bett und wir stopften noch hastig die letzten Bissen des Frühstücks rein. Neben dem angehaltenen Video aus dem Gospelhouse Baden-Baden wurden bereits herzliche Grüße aus Südafrika, Süddeutschland, Berlin und anderen Orten ausgetauscht. Es wurde auch ein gewisser Rainer gegrüßt. Eine weitere Beteiligung am Chat wurde mir untersagt, weil meine Frau eingeloggt war.

Die journalistische Regel "Hintergrund macht Bild gesund" hatte das Gospelhouse verinnerlicht und projizierte grüne Palmblätter auf die Wand hinter der Lobpreisband. Letztere bestand aus vier Personen, die sich bemühten, den vorgeschriebenen Corona-Abstand einzuhalten. Vielleicht wohnten sie aber auch im selben Haushalt. Es gab einige mitreißende Lieder, zu denen der Text eingeblendet wurde. Wir kannten diese und konnten mitsingen.

Nach der Kollekte mit Hinweis auf PayPal und andere Kontoverbindungen folgte ein weiteres Lied. Dann begann die Predigt. Diese war der vierte Teil einer Predigtreihe zu herrschaftlichen Tieren der Bibel mit dem Titel "tierisch gut". Adler, Lamm und Löwe waren bereits thematisiert worden als König der Lüfte, Lamm Gottes und Löwe von Juda. Heute war der Hirsch dran. Der Hirsch taucht in der Bibel recht selten auf und wurde uns als König des Waldes vorgestellt.

Die Gedanken schweiften ab zu einer Diskussion, die ich vor ein paar Tagen über das Erlegen von Wildschweinen geführt hatte. Man brauche dafür ein Jagdgewehr mit hoher Durchschlagskraft. Die Kugel müsse die richtige Stelle treffen und das Tier komplett durchbohren. Wegen der weiterfliegenden Kugel weist die Berufsgenossenschaft regelmäßig auf den Kugelfang hin. Vom Hochstand aus landet die Kugel normalerweise im Erdboden. Ein Horizontalschuss könnte dem erlegten Tier jedoch noch einen Pilzsucher oder Wanderer beigesellen.

In der Predigt ging es aber nicht um die Jagd. Ein Hirsch werde - so er nicht gejagt wird - etwa 20 Jahre alt. Seine Höhe entspricht dem Abstand, der aktuell für Corona vorgeschrieben ist: 1,5 Meter. Im Schwarzwald gebe es Rothirsche und Damhirsche. Vor Corona hatten sie sich immer weiter in den Wald zurückgezogen, weil doch zu viele Menschen Pilze suchend, wandernd oder jagend durch den Schwarzwald gestreift waren. Jetzt, wo sich die Menschen zurückgezogen haben, können sie sich wieder etwas weiter hinauswagen.

Zwei wesentliche Dinge werden in der Bibel über den Hirsch berichtet: Er lechzt nach frischem Wasser und er kann Hindernisse überspringen. Pastorin Nicole Oppermann baute ihre kurze und knackige Predigt um die Eigenschaften und Verhaltensweisen des Hirsches auf und schlug weitere Brücken zu unserer Beziehung mit Gott.

Verliert ein Hirsch beispielsweise sein Geweih, dauere es hundert Tage, bis dieses nachgewachsen ist. In dieser Zeit überziehe eine gut durchblutete Haut das Geweih. Wenn es ausgewachsen ist, streife der Hirsch diese Haut ab. Nicole Oppermann verglich das mit dem Wachstumsprozess eines Christen, der alte Gewohnheiten abstreife und als stärker gewordener Christ daraus hervorgehe.

Nach weniger als 40 Minuten war der Online-Gottesdienst zu Ende. Die Familie verkrümelte sich in sämtliche Bereiche der Wohnung. Nur ich blieb auf der Couch liegen: Soll ich aufstehen? Und dann? Erstmal duschen oder gleich den Artikel schreiben?

Sonntag, 5. April 2020

Hillsong Australien im Livestream

Wenn schon Online-Gottesdienst, dann gerne auch mal richtig international. Deshalb entschieden wir uns heute für die ganz andere Seite der Erdkugel und waren gespannt auf den Gottesdienst von Hillsong Australien.



Niemand aus der Familie konnte auf Anhieb sagen, wie viele Stunden Zeitunterschied zwischen uns und Australien liegen. Die AEST (Australien Eastern Standard Time) gilt in Sidney und ist uns acht Stunden voraus. Klingt recht wenig. Hillsong ist sehr medienaffin und hat extra eine Domain für seine Livestreams eingerichtet: online.hillsong.com

Auf der Startseite gibt es jede Menge Kacheln, die zu den verschiedenen Standorten von Hillsong führen oder zu speziellen Themen. Irgendwann hatten wir uns zum aktuellen Gottesdienst durchgeklickt. Dieser wurde zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Sprachen angeboten: Mandarin klang gesund, wäre aber an der Sprachbarriere gescheitert. So entschieden wir uns für einen Gottesdienst auf Englisch, der um 11:30 Uhr unserer Zeit starten sollte.

Kaum war der Countdown auf null gezählt, saß die Familie vor der Leinwand und wartete gespannt auf das australische Programm. Zunächst trat meine Lieblingsbesetzung von Hillsong United auf. Vier Musiker plus einer unbekannten Anzahl von Kameraleuten waren in einem Studio zusammen. Abstand weniger als 1,5 Meter und kein Mundschutz. Oberhalb des Videos hatte Hillsong einen Text angebracht, dass die Aufnahmen nach den gesetzlichen Corona-Regelungen angefertigt worden seien. In Australien wird ja einiges lockerer gesehen als hier.

Nach drei Liedern, die meine Kinder sogar kannten, wurde auf eine Bühne umgeschaltet. Dort stand Brian Houston. Zusammen mit seiner Frau hatte er 1983 die Hillsong Bewegung angestoßen. Die damals gegründete Gemeinde in Sidney hieß "Hills Christian Life Centre". Das extrem schnelle Wachstum bis in den fünfstelligen Bereich hinein mündete in eine weltweite Gründung von Gemeinden. Der Name "Hillsong Church" wurde 1999 eingeführt. Wer eine Hillsong-Gemeinde in seinem Heimatort betreiben möchte, muss bestimmte Standards erfüllen und sich dem zentralen Franchise-Konzept unterordnen. So ist es kaum verwunderlich, wenn der Gottesdienst in Berlin rein liturgisch dem Vorbild in Sidney folgt.

Zurück zur Liturgie: Zunächst warb Brian Houston um Spenden. Dass das eine Weile dauern kann, war uns noch gut vom jüngsten Besuch bei Hillsong Berlin bekannt. Nur, dass die Australier die Ausführungen des Pastors mit einem Clip über die Einfachheit des Spendenvorgangs flankierten. Als rein fiktiver Betrag wurden 100 $ dargestellt. Als dann jedoch die Auswahl "weekly" (wöchentlich) gezeigt wurde, fielen unsere Kinnladen nach unten.

Nach der Kollekte folgte die Predigt. Diese war gut strukturiert und hatte einen klaren roten Faden. Es ging um Namen. Den eigenen Namen, die Namen Gottes, die Änderung von Namen und den Segen, der mit Namen verbunden ist. Brian Houston untermalte das mit sehr vielen Bibelstellen. Die Länge der Predigt wurde von den Kindern durch entsprechende Körperhaltungen quittiert: Meine Tochter lag von der Couch bis zum Sessel bäuchlings auf dem Wohnzimmertisch. Gleichzeitig diente der Wohnzimmertisch als Auflage für die Stirn meines Sohnes. Wir hatten ihm verboten, sein Handy aus der Hosentasche zu holen.

Zum Gebet positionierten sich alle wieder. Ich machte Dehnungsübungen mit der Wade. Als Abschluss wurden noch zwei Stücke von Hillsong United gespielt. Das zweite Stück war vermutlich eine ältere Aufzeichnung. Denn der Saal und die Bühne waren nachweislich voll mit Musikern und Gottesdienstbesuchern. Oben rechts flimmerte immer noch der Hinweis, dass alle Aufnahmen nach den aktuellen Corona-Regeln angefertigt worden waren.

Samstag, 4. April 2020

Johannes Hartl online aus dem Gebetshaus Augsburg

Links zu Videos von Johannes Hartl aus dem Gebetshaus Augsburg bekomme ich oft zugespielt. Heute habe ich mich erstmalig auf ein solches Video eingelassen.



Wenn mir liebe Freunde bisher einen Link zu Johannes Hartl übermittelt hatten, hatte ich relativ schnell draufgeklickt - insbesondere wenn per WhatsApp meine Antwortzeit evaluierbar war. Das Video selbst erlebte dann regelmäßig ein Absprungtiming, das unter einer Minute lag. Gründe waren das Erblicken der Laufzeit des Videos, die Einleitung mit Hebraismen gefüllten Sätzen und dieser an eine Badeanstalt erinnernde beige-graue Noppenhintergrund. Hebräisch finde ich zwar tendenziell ganz nett, aber doch bitte nicht mitten am Tag zwischen E-Mail-Check und dem Absprung zu McFit.

Nach drei Wochen ohne McFit und unzähligen E-Mail-Checks beschloss ich einen neuen Versuch mit Johannes Hartl. Schnell verzogen sich die Kinder in ihre Zimmer. Meine Frau war bereit zum Mitgucken. Gerade war wieder eine Einladung über Campus für Christus gekommen. Den Live-Stream hatten wir aber verpasst. Während Corona verliert man jegliches Zeitgefühl. Deshalb schauten wir auf dem YouTube-Kanal des Gebetshauses Augsburg nach. Der Kanal hat stattliche 43.500 Abonnenten und knapp 12 Millionen Videoaufrufe.

Zum Warmgucken schauten wir uns einen 90-Sekunden-Clip über professionelle Hilfe bei Psychosen an. Man brauchte schon strake Nerven für die Kombi aus gelbem Sessel und mittelalterlichem Schwarz-Weiß-Hintergrund mit großen roten Flecken. Ein leichter Touch von Tatortreiniger. Dann wagten wir uns an ein einstündiges Video mit dem Titel "Krisen bewältigen".

Das dunkel geblümte Sakko von Johannes Hartl kompensierte den beige-grauen Noppenhintergrund. Wir konzentrierten uns auf den katholischen Theologen und dessen Worte. Bald hatten sie das optische Ambiente überlagert. Was der Mann sagte, hatte Hand und Fuß, war gut strukturiert und wurde permanent per Flipchart illustriert. Die dargelegte Vorgehensweise im Umgang mit Krisen deckte sich mit unseren Erfahrungen. Er ging darauf ein, dass man an Krisen reifen oder zerbrechen könne.

Komfort, Kontrolle und Freiheit gehörten zwar zu unserem allgemeinen Erleben. Diese seien aber nicht selbstverständlich. Corona beispielsweise könne innerhalb weniger Momente alle drei Komponenten wegbrechen lassen. Und das sei auch gut so, weil Krisen die Persönlichkeit eines Menschen reifen lassen. Gott schaffe zwar selbst keine Krisen, aber er nutze diese zum Training von Menschen, die er anschließend für bestimmte Handlungen oder Positionen einsetzen möchte. Menschen, die Krisen erlebt haben und daran gereift seien, seien deutlich glücklicher als Menschen, die noch nie eine wirkliche Krise erlebt hätten.

Das Video war wirklich spannend und wurde deshalb wohl auch schon von 120.000 Leuten angesehen. Damit hat das Video Potenzial, als erstes die Schallmauer von einer Million zu durchbrechen. Es gibt auch ältere Videos mit sechsstelligen Zugriffszahlen, aber das Krisen-Video ist erst seit zwei Wochen online. Mal sehen, wann wir mal wieder den Kanal des Gebetshauses durchstöbern.

Sonntag, 29. März 2020

Gottesdienst im Schlafanzug: #icfathome wegen #COVID19

#COVID19 fördert neue Formen der Gottesdienstgestaltung und der christlichen Gemeinschaft. Videoaufzeichnungen und Livestreams von Predigten und Lobpreisungen sowie Kleingruppentreffen per WhatsApp, Skype und in anderen virtuellen Räumen.



Zwei Wochen selbst auferlegter Quarantäne sind nicht spurlos an uns vorbeigegangen: Mein Büro wurde mit Dampfreiniger gesäubert. Zwölf alte Projektordner wurden geschreddert. Teile des Gartenhauses und des Zaunes wurden gestrichen. Das Zimmer unserer Tochter wurde entrümpelt. Sie selbst musste auf ministerielle Anweisung ihr Freiwilligenjahr in Madagaskar abbrechen. Meine Frau sitzt auf Abruf zu Hause. Mein Sohn hat seit zwei Wochen keine Schule mehr und erledigt nun seine Hausaufgaben in Kombination mit Minecraft.

Wann er ins Bett gegangen war, konnte bisher nicht ermittelt werden. Jedenfalls hatte er unseren Auftrag zum Raussuchen eines Online-Gottesdienstes verpennt. Kurz vor elf regte sich etwas in seinem Zimmer, so dass er pünktlich zum Gottesdienst auf der Couch saß - im Schlafanzug.

Was Gemeindeversammlungen über Jahre hinweg nicht durchgesetzt bekommen, schafft Corona: Gottesdienstbeginn um elf. Elf Uhr ist eine geniale Zeit für Familien, Jugendliche und junge Erwachsene. In Gemeinden mit breiter demografischer Durchmischung scheitert die Verlegung des Gottesdienstes auf elf Uhr in der Regel am Widerstand der Senioren. "Aus Liebe zu den Geschwistern" quälen sich dann sämtliche Altersgruppen um zehn, um neun oder noch früher ins Gemeindehaus. In einigen Regionen Deutschlands wird der Gottesdienst auch nach der Zubereitungszeit der Klöße festgesetzt. In diesen Regionen kommt nun das zeitversetzte Ansehen von YouTube-Gottesdiensten ins Spiel.

Da wir um elf zu viert im Wohnzimmer saßen, konnten wir den Lobpreis und den Gottesdienst in Echtzeit miterleben. Kurz zuvor hatten wir uns noch die humoristischen Einlagen von Dave Schnitter (Mosaik Berlin) und Rob & Holly McGee (Saddleback Berlin) angeschaut. Mit Beamer und mehreren Browserfenstern muss man nichts verpassen.

Da wir wussten, dass ICF zu den fitten medialen Gemeinden gehört, war die Entscheidung heute für ICF gefallen. Die Muttergemeinde in der Schweiz bot ein Streaming über Facebook an. Ein Countdown zählte das akademische Viertel herunter. Währenddessen unterhielten sich zwei Schweizer über die Herausforderungen des Alltags während Corona. Wir verstanden kaum ein Wort und mussten uns den Zusammenhang aus den reichlich genutzten Anglizismen zusammenreimen. Denglisch ist gar nichts gegen Schwenglisch. Um die Absprungrate zu minimieren, wurde unentwegt der Hinweis eingeblendet, dass Viertel nach elf eine Predigt auf Hochdeutsch folge. Tatsächlich konnten dann auch die beiden Vorprogramm-Protagonisten auf unsere Hörgewohnheiten umschalten.

Leo Bigger, Gründer und Pastor des europaweiten ICF-Netzwerkes, redete über Corona. Allerdings mit dem Fokus, dass Gott viel größer ist. Anhand der zehn Plagen von Ägypten zeigte er auf, dass Gott mit Pandemien und Naturkatastrophen eine Botschaft vermitteln möchte. Nämlich die, dass ER alles im Griff hat und Menschen sucht, die IHN suchen. Die Predigt war klar und führte im Finale hin auf das Blut von Jesus und dessen Bedeutung für uns.

Der Lobpreis von ICF Schweiz war auch sehr mitreißend und wurde mit den bekannt professionellen Elementen wie Lichttechnik und Hintergrundvideos untermalt. Die wenigsten Lieder kannte ich. Ganz anders die Kinder, die bei SOLA und MOVE auf diese Titel getrimmt worden waren.

Nach dem Gottesdienst verteilte sich die Familie in der Wohnung. Zu Mittag gab es passend zur Predigt aus den Mosebüchern ein Linsengericht. Es wollte aber niemand sein Erstgeburtsrecht verkaufen. Dennoch wurden alle satt. Sättigung ist ein wichtiges Gefühl während der vielen Tage zu Hause. Kann es uns doch am Kühlschrank bei der Beantwortung folgender Frage helfen: Ist das jetzt Hunger oder Langeweile?

Sonntag, 1. März 2020

Hillsong Berlin im Westhafen

Als regelmäßige Hörer von Hillsong-Playlists wollten wir nach drei Jahren mal wieder einen Hillsong-Gottesdienst besuchen. Hillsong Berlin trifft sich seit heute in einer coolen Eventlocation am Westhafen.



Bei Hillsong Berlin gibt es wohl nur zwei Konstanten: das Pastorenehepaar Wilkinson und die permanente Veränderung. Hillsong Berlin hat seit 2015 mindestens vier neue Veranstaltungsorte gesehen: Alexanderplatz, Kulturbrauerei, ein Hotel an der Friedrichstraße und nun die Halle 1 im Sektor B des Westhafens. Der Name der Gemeinde wurde ebenfalls geändert - von Berlin Connect in Hillsong Berlin. Das ist als Aufwertung zu verstehen. Berlin Connect war zunächst nur ein Teil der Hillsong Family, aber noch keine echte Hillsong-Gemeinde. Wer den Namen Hillsong tragen darf, zeigt damit, dass auch Hillsong drin ist.

Beim heutigen ersten Gottesdienst im Westhafen wurde noch etwas geübt mit der Technik. Licht und Ton mussten noch auf die neuen Räume abgestimmt werden. Eine typische Lagerhalle, wie man sie auf innerstädtischen Häfen kennt und wie sie als Magnet für die Start-up-Szene fungiert. Entsprechend jung war das Publikum. Das Durchschnittsalter muss so zwischen 20 und 30 gelegen haben. Für unseren Sohn zu alt und für uns zu jung. Meine Frau entfernte ihre Hörgeräte.

Die Willkommenskultur war auch heute beispielhaft. So kannten wir das noch aus Berlin-Connect-Zeiten. Flyer, Kaffeestände, Kekse, Garderobe, Hinweisschilder und Einweiser. Alles sehr professionell organisiert. Professionell auch die Kollekte, die mit einer längeren Ansprache und einem Acht-Punkte-Programm eingeleitet wurde. Das ist in charismatischen Gemeinden nicht unüblich. Musik und Multimedia an der Großleinwand liefen ebenfalls sehr professionell. Wie in modernen Gemeinden üblich, wurde auch hier nur Englisch gesprochen.

Ich wunderte mich nur, dass ich die vielen alten Bekannten - Alter über 30 - nicht sah. Hatten sie doch früher von morgens bis abends aktiv das Geschehen begleitet und waren auch unter der Woche bei den vielen Veranstaltungen zu sehen. Die Gemeinde schien sich komplett verjüngt zu haben. Das merkte man dann auch während der Predigt von Mark Wilkinson. Vor drei Jahren hatte das Publikum noch proaktiv "Amen" oder "Ja" gesagt, zustimmend aufgestöhnt oder zum Glaubenskampf entschlossen die Faust nach oben gestreckt. In diesem ersten Gottesdienst im Westhafen musste Mark Wilkinson mehrfach fragen: "Bekomme ich ein Amen?" Die Predigt war leichte Kost und sehr jugendgerecht. Es wurden auch einige Leute aus der ersten Sitzreihe in die Darstellung einer Szene aus der Apostelgeschichte einbezogen.

Nach etwa zwei Stunden war der Gottesdienst zu Ende. Die jungen Leute fluteten ins Foyer, drängten sich um die Garderobe und den Kaffeestand, lasen sich die Flyer zu den nächsten Veranstaltungen durch oder nahmen im Untergeschoss das Abendmahl ein. Zwei weitere Gottesdienste sollten noch folgen. Die aktuellen Gottesdienstzeiten sind 11:15 Uhr, 13:30 Uhr und 16:00 Uhr.

Die neue Location ist hervorragend an den öffentlichen Nahverkehr angebunden. Vom U-Bahnhof Westhafen sind es nur noch wenige Meter bis zur Halle 1. Wir mussten deutlich weiter laufen, da wir mit Auto gekommen waren. Vom Parkplatz aus konnten wir schon den Hauptbahnhof sehen.

Sonntag, 19. Januar 2020

Martin Luther in Steglitz

Steglitz - der Bible Belt von Berlin. Heute besuchten wir den Gottesdienst der Martin-Luther-Kirche in der Nähe des Botanischen Gartens.



Das Navi führte uns einen interessanten Weg. Wegen der Libyen-Konferenz war die Innenstadt gesperrt. Die Innenstadt ist das Nadelöhr, wenn man nach Steglitz fahren möchte. Meine Frau nutzte die Zeit, um das Bonusprogramm ihrer Hebräisch-App zu absolvieren: "Ani koneh Tick schechor" (Ich kaufe eine schwarze Tasche.), "Atta jodea lizlol?" (Kannst du tauchen?) - Wir kamen über die sprachlichen Unterschiede von Können und Befähigung ins Gespräch. Nach einer halben Stunde waren wir in Steglitz und bogen in ein blumiges Wohngebiet ein: Hyazinthenstraße, Tulpenstraße, Hortensienstraße.

Martin Luther war eingerüstet. Am Gerüst ein großes Schild der Lotto-Stiftung. "Aha, Oma finanziert den Bau der Kirche", bemerkte mein Sohn. Eine ältere Dame verschwand unter den Gerüsten. Wir folgten ihr und gelangten in einen hellen Vorraum. Dort wurden wir bereits vom Pfarrer begrüßt: schwarzer Talar und sehr freundlich. Ein anderes freundliches Gemeindemitglied drückte uns ausreichend Gesangsbücher in die Hand. Die Kirchenbänke waren mit Kissen belegt, so dass auch längere Gottesdienste möglich waren. Die Kirche war gut temperiert.

Bemerkenswert war die natürliche Freundlichkeit, die sämtliche Gottesdienstbesucher ausstrahlten. Man fühlte sich sofort willkommen. Es gab einige Familien und ältere Besucher, jedoch kaum Jugendliche. Die Kinder durften nach einem kurzen gemeinsamen Beginn in ihr eigenes Programm gehen. Die Anfangsliturgie nahm einige Zeit in Anspruch.

Dann folgte die Predigt. Dazu hatte sich der Pfarrer an eine Kanzel gestellt und seine Kollegin an die andere Kanzel. Beide zeigten uns, wie eine Dialogpredigt funktioniert. Das war recht interessant, weil sie sich einerseits die inhaltlichen Bälle zuwarfen und andererseits die Fragen und Bedenken des anderen auflösten. der Predigttext stand in Jeremia und war durch die Losungen vorgegeben worden. Während die Pfarrerin zunächst überlegt hatte, einen anderen Text zu nehmen, ging ihr Kollege darauf ein, dass Gott in all den herausfordernden Umständen immer noch alles im Griff habe.

Zum Abschluss des Gottesdienstes gab es noch ein gemeinsames Abendmahl, den Segen und ein Postludium von der Orgel. Meine Frau bemerkte, dass die Orgel endlich mal flott gespielt worden sei. So habe man die Lieder gut mitsingen können.

Die oben schon erwähnte Willkommenskultur setzte sich im Vorraum weiter fort. Kaffee und Kuchen wurden uns auf eine charmante Weise regelrecht aufgedrängt. Einige Gemeindemitglieder sprachen uns an und wollten wissen, ob mein Sohn Konfirmand ist. Unsere eigene Besuchergruppe war inzwischen auf sieben Personen angewachsen: Freunde aus Saddleback, Arbeitskollegen und wir. Die Kollegen wohnen in Steglitz und sehen im kurzen Fußweg einen erheblichen Mehrwert. Der Gottesdienstbeginn um 11 ist ebenfalls gut auf jüngere Besucher abgestimmt. Ganz abgesehen von dem angenehmen Klima in der Martin-Luther-Kirche.

Sonntag, 12. Januar 2020

Gemeinde auf dem Weg in Berlin-Tegel

Einen Sonntagsgottesdienst hatten wir bei der Gemeinde auf dem Weg in Tegel bisher noch nicht besucht. Deshalb waren wir gespannt, was uns erwartet. Diesmal waren meine Frau und mein Sohn dabei.



Die Gemeinde auf dem Weg liegt so gar nicht auf dem Weg. Dennoch haben wir uns auf den Weg gemacht, einen Gottesdienst der Gemeinde auf dem Weg zu besuchen. Zweimal 25 Kilometer quer durch die Stadt haben wir dabei zurückgelegt. Über den Berliner Ring hätten wir auch fahren können. Zeitlich wäre das wohl identisch gewesen. Allerdings hätten wir doppelt so viele Kilometer ins Fahrtenbuch eintragen müssen.

Zehn vor zehn rollten wir auf den Parkplatz. Wir wurden eingewiesen. Bemerkenswert viele Besucher strömten in den großen Flachbau. Die vielen Leute verteilten sich im Haus. Einige gaben im Untergeschoss ihre Kinder ab. Andere gingen direkt in den großen Saal. Der große Saal ist wirklich sehr groß. Er schluckte so viele Gäste, dass er letztlich nur zur Hälfte gefüllt war - wenn überhaupt. Man hatte in der Gemeinde auf dem Weg sicher schon bessere Zeiten erlebt.

Über eine riesige Leinwand flimmerte ein Countdown, der eine sportliche Anfangszeit vorgab. Kein Vergleich zum entspannten Gottesdienstbeginn in den Hipster-Gemeinden von Mitte und Prenzlauer Berg. Dafür waren wir hier in einer etablierten Gemeinde und - in Tegel. Die Altersstruktur war gut durchmischt und es gab sogar jede Menge Jugendliche.

Die erste Stunde war von Lobpreis und Ansagen geprägt. Gegen elf begann die Predigt. Diese dauerte nur 25 Minuten. Die finale Aussage war, dass die Herrlichkeit von Jesus in uns ist und lediglich aktiviert werden müsse. Zur Aktivierung konnte man nach vorne gehen und für sich beten lassen. Um das Aktivierungsgebet für die Entfaltung der Herrlichkeit Jesu zu untermalen, wurde der Keyboarder gebeten, salbungsvolle Klänge anzustimmen.

Die Kollekte wurde übrigens auch an der Bühne eingesammelt. Nach zwei Stunden war der Gottesdienst zu Ende. Kinder wurden aus dem Untergeschoss abgeholt und der Cafébereich füllte sich. Wir begaben uns zügig auf den Parkplatz und fuhren durch die City zurück. Dabei kamen wir an diversen Gemeinden vorbei, die zwar nicht auf dem Weg waren, dafür aber auf dem Weg lagen.

Sonntag, 24. Februar 2019

Greater Grace in Schöneberg

Greater Grace ist eine kleine und relativ neue Gemeinde im Stadtbezirk Schöneberg. Heute besuchten wir den Gottesdienst, der sonntags um halb elf  beginnt.



Das ganze Ausmaß der 30er-Zone für angebliche Luftreinhaltung war mir noch gar nicht bekannt. Als wir das erste Schild in der Nähe des Alexanderplatzes passierten, informierte mich mein Sohn, dass das jetzt auch in der Potsdamer Straße in Schöneberg gelte. Und tatsächlich wurden wir kilometerweit mit dieser Einschränkung gegängelt. Immer wieder blockierten uns Fahrzeuge, die sich an diese fragwürdige Regelung hielten und tatsächlich 30 km/h fuhren.

Wir stellten den Wagen vor einer 30er-Nummer der Ebersstraße in Schöneberg ab. Nach wenigen Metern hatten wir die 37 erreicht. Eine moderne Glastür in einem schätzungsweise 130 Jahre alten Mietshaus trug die Aufschrift "Greater Grace" - "Größere Gnade". Die Tür öffnete nach innen und gab den Blick auf einen hellen Vorraum frei. Links standen Kaffeetassen und rechts einige Tische. Man empfing uns sehr freundlich und bald hatte sich eine Traube von Gemeindemitgliedern um uns geschart.

Kenosis und Bowling

Einige Kinder liefen aufgeregt an uns vorbei. Heute sollte endlich ein Weihnachtsversprechen eingelöst werden: Der Kindergottesdienst macht einen Ausflug zum Bowling. Pastor Stephan Stein erklärte uns, dass es in seiner Predigt heute um die Kenosis gehen solle. Kenosis bedeute wohl Entleerung und beziehe sich auf das zweite Kapitel des Philipperbriefes, in dem sich Jesus selbst erniedrigt und uns Menschen gleich wird.

Da ich mit Altgriechisch nichts am Hut habe, war mir das Wort Kenosis nicht bekannt. Leider war die Mobilfunkverbindung im Gemeindesaal so schwach, dass ich mir auch keine griechische Bibelversion aufs Handy laden konnte. Das Wort ekenosen taucht im Vers 7 auf und wird im Deutschen gerne mit entkleiden oder entäußern übersetzt. Entleeren ist da schon ein stärkerer Begriff. Die Lateiner verwenden das Wort exinanire, was eindeutig mit ausleeren zu übersetzen ist.

Gute Mischung

Durch die Bowlingaktion, der sich ganz viele erwachsene Helfer anschlossen, passte das Thema auch perfekt zur Anzahl der Gottesdienstbesucher. Wir waren etwas über 20 Personen im Saal. Normalerweise sitzen hier gut 40 Zuhörer, während im Nachbarraum zehn Kinder ein eigenes Programm erleben. In dieser kleinen Gemeinde sind fast alle Generationen vertreten. Sie ist auch ethnisch gut durchmischt.

Zunächst wurde gesungen, Kollekte eingesammelt und die üblichen Ansagen gemacht. Unter der Woche finden relativ wenige Veranstaltungen statt, so dass noch genug Zeit für außergemeindlichen Beziehungsaufbau bleibt. Die Predigt blieb zwar beim Thema, hätte aber zeitlich gestrafft werden können. Die Prediger wechseln sich bei Greater Grace regelmäßig ab.

Torte, Kaffee und Gyros-Pita

Am Ende wurde noch eine Torte hereingetragen, weil eine der afrikanischen Sängerinnen heute Geburtstag hatte. Das Licht wurde ausgeschaltet, damit die Kerzen auf der Torte besser zur Geltung kommen. Es kam richtig Stimmung auf. Danach gingen wir in den Vorraum und unterhielten uns bei Kaffee und Torte mit einigen Mitgliedern der Gemeinde. An der Wand hing eine große Weltkarte mit vielen roten Punkten: den Standorten von Greater Grace auf sämtlichen Kontinenten. Das Hauptzentrum befindet sich in Baltimore, Maryland, USA. Von dort aus kamen vor über 20 Jahren zwei Frauen nach Schöneberg und bauten hier eine neue Gemeinde auf. Das offizielle Gründungsjahr war 1998.

Von Schöneberg aus fuhren wir wieder durch die 30er-Strecke zurück, machten einen Zwischenstopp und aßen jeweils eine der sehr empfehlenswerten Gyros-Pitas bei Berkis am Winterfeldtplatz. Dann ging es weiter. Eine elektronische Anzeige bedankte sich mit grüner Schrift bei uns. "Papa, warum fährst du so langsam?" - "Ich wollte den Dank sehen."

Sonntag, 20. Januar 2019

Eckstein Gemeinde Berlin

Die Eckstein Gemeinde Berlin ist sehr jung. Sie wurde 2016 gegründet und befindet sich in zentraler Lage der City Ost. Heute besuchten wir als Familie den Gottesdienst.



Die Eckstein Gemeinde Berlin hatte ich völlig ungeplant bei einer Google-Suche entdeckt. Nachdem ich ein wenig auf der Webseite herumgeklickt hatte, stand für mich fest: Da musst du mal hin! Besonders erstaunt war ich, dass meine Familie geschlossen mitkommen wollte. Das war mir ganz recht.

Zwischen Ostbahnhof und ver.di ist wohl eine treffende Beschreibung der Lokalität. Bei ver.di handelt es sich um die Gewerkschaft mit den Streiks an Flughäfen oder den Streiks bei Amazon während der Weihnachtszeit. Wer das Haus von ver.di betritt, sollte jedoch mit Anzug bekleidet sein, da die Inneneinrichtung einen entsprechenden Respekt einflößt. Irgendetwas muss ja schließlich mit den Beiträgen der Angestellten der Dienstleistungsbranche gemacht werden. Das wäre jetzt aber ein Thema für sich.

Kostenlos parken zwischen Ostbahnhof und ver.di

Wir stellten das Auto in einer Seitenstraße des Ostbahnhofs ab. Am Sonntag kann dort kostenlos geparkt werden. Leider waren wir etwas knapp dran, obwohl der Gottesdienst zur Idealzeit 11 Uhr beginnen sollte. "Gibt es ein akademisches Viertel?", wollte ich wissen, als wir kurz vor elf die hellen, freundlichen Räume betraten. Nein, der Gottesdienst beginne immer pünktlich. So liefen wir an mehreren jungen Leuten vorbei, bekamen ein Programmheft mit Kontaktkarte in die Hand gedrückt und setzten uns in die zweite Reihe.

Alle waren sehr freundlich und hatten ein Durchschnittsalter von 30. Es gab sogar Jugendliche. Licht flutete durch den Gottesdienstraum. Überproportional viele Schwangere saßen um uns herum. Um biologisches Gemeindewachstum muss man sich bei Eckstein keine Sorgen machen. Aber wohl auch nicht um Wachstum durch Entscheidungen für Jesus.

Stetiges Wachstum seit 2016

Seit der Gründung 2016 ist die Gemeinde stetig gewachsen. Heute waren etwa 70 Personen zum Gottesdienst erschienen. Der Raum könnte vermutlich 120 Personen fassen. Rein statistisch könnte dieser Fall in zwei Jahren eintreten. Dann müssten neue Räume gesucht werden. Knapp wird es bereits beim Kindergottesdienst. Dieser hat einen so regen Zulauf, dass die Nebenräume kaum ausreichen. Apropos Kinder: Meine Frau war ganz beeindruckt, dass die Pastoren auch die Kinder begrüßten und ihnen eine besondere Beachtung schenkten.

Der Gottesdienst startete tatsächlich pünktlich um elf. Es gab eine kurze Begrüßung, eine Lesung von Psalm 31, danach zwei Lobpreislieder auf Deutsch und anschließend begann auch schon die Predigt. Wie uns berichtet wurde, gebe es bei Eckstein mehrere Predigtserien: eine Themenreihe, eine Serie durch die Psalmen und eine Serie durch das Markus-Evangelium. Heute war Markus 5, 21-34 dran.

Schwarzbrot mit Körnern

Flankierend zur Predigt war ein Programmheft ausgegeben worden. Wir hätten auch diverse Notizen machen können. Allerdings fehlte uns der Stift dazu. Ein Kugelschreiber mit Eckstein-Logo wäre jetzt praktisch gewesen. Uns fehlte noch etwas. Nämlich die mitgebrachte Bibel. Meine Frau zückte ihr Smartphone mit der Online-Bibel. Ich hörte nur zu.

Die Predigt über die 14 Verse ging etwa eine Stunde. Wenn man ein biblisches Bild dafür gebrauchen wollte, könnte man von Schwarzbrot mit Körnern reden. Eine kernige Predigt, die tief in den Text einstieg und diesen für unseren Alltag relevant machte. Die Konzentration setzte trotz der Länge nur selten aus, so dass ich fast alles genüsslich aufsaugen konnte.

Gemeinschaft ohne Kollekte

Auch das Ende war eher unspektakulär. Es gab noch ein Lied, aber keine Kollekte. Dann war Schluss und die Besucher wuselten durcheinander. Tische und Stühle wurden durch den Saal getragen. Essen wurde auf einer langen Tafel platziert und wir holten uns einen Kaffee. Schnell kamen wir mit mehreren Leuten aus der Gemeinde ins Gespräch. Eine sehr offene Atmosphäre, die zum Verweilen einlud.

Die Eckstein Gemeinde Berlin ist ein Gründungsprojekt der EBTC (Europäisches Bibel Trainings Centrum). Dieses kannten wir zwar dem Namen nach und wussten, dass es in Hellersdorf beheimatet ist. Besucht hatten wir es aber bisher noch nicht. Eckstein war also unsere erste Berührung mit EBTC. Der Ersteindruck war sehr positiv.

Sonntag, 24. Juni 2018

Gerhard Schnitter wollte den David hören

Stabile familiäre Beziehungen beeinflussen die Entwicklung der Kinder. Musikproduzent und Komponist Gerhard Schnitter zeigt uns, wie das geht.



Wieder einmal konnte ich mit meinem Haarschnitt erschrockene Gesichter provozieren. Dabei wollte ich diesmal nur etwas nachschneiden. Frau und Tochter versuchten sich an der Schadensbegrenzung. Tapfer begleiteten sie mich auf der Fahrt zum Gottesdienst. Auch der Technikleiter von Saddleback starrte mich fassungslos an und fand keine Worte. Ein guter Bekannter aus dem Wellcome-Team erkannte mich gar nicht. Schnell verkrümelte ich mich in den Glaskasten. Von dort aus sollte ich heute das Rahmenprogramm übersetzen.

Der Saal füllte sich. Der Pastor mit seiner Frau waren zu einer Konferenz nach Kalifornien geflogen. Deshalb wurden ihre Kinder von den Großeltern betreut: Elisabeth und Gerhard Schnitter. Sie setzten sich in eine der Reihen vor dem Glaskasten. Gerhard Schnitter hatte einen Kopfhörer dabei.

Unzählige Jugendlieder der letzten vierzig Jahre tragen die Signatur Gerhard Schnitters. Er schrieb nicht nur Lieder. Er baute auch diverse Chöre auf. Besonders prägend waren seine 15 Jahre beim ERF. Das agile Ehepaar ging nach dem Renteneintritt - also 2006 - nach Paraguay, wo Gerhard Schnitter den Chor einer deutschen Gemeinde mit rund 400 Mitgliedern leitete.

Die 78 Jahre sieht man ihm nicht an. Mit Glatze und Hornbrille wirkt er wie ein 60-jähriger Prenzlberger. Dabei kommt er aus dem beschaulichen Süddeutschland. In der christlichen Szene ist er gut vernetzt und als Gesprächspartner gefragt. Auch mit Schauspieler Rolf-Dieter Degen hat er musikalisch zusammengearbeitet.

Gerhard Schnitter setzte während der Video-Predigt von Rick Warren die Kopfhörer auf. Die Ansagen schien er auch so verstanden zu haben. Seine Frau nutzte keine Kopfhörer.

Nach dem Gottesdienst sagte mir Yilmaz vom Welcome-Team, dass er mich nur wegen meines nebenstehenden Sohnes erkannt habe. Zwei der wenigen Deutschen bei Saddleback blickten grinsend auf meine Frisur und kamen zu einem Smalltalk auf mich zu. Langsam wurde ich unsicher.

Dann kam Gerhard Schnitter mit seiner Glatze vorbei. Er schaute und kam auf mich zu. "Wir kennen uns doch", war der Einstieg zu einem kurzen aber wichtigen Gespräch. Ja, er schreibe noch Lieder. Er und seine Frau seien diese Woche hier wegen der Enkel.

Ich fragte ihn, ob er denn gut mit dem Englischen klar gekommen sei. "Ich wollte David hören", entgegnete er darauf. "Ich wollte hören, wie er das so macht", schob er nach. Gelebtes Interesse eines Vaters an seinem Sohn. David alias Dave Schnitter übersetzt sämtliche Saddleback-Predigten ins Deutsche. Dabei trifft er genau unseren Sprachgebrauch und ersetzt sogar die Witze in deutsche Analogien.

Gerhard Schnitter versteht Englisch. Die Stimme seines Sohnes war ihm aber wichtiger.

Sonntag, 27. Mai 2018

60 Jahre Aktion Sühnezeichen

Auch in diesem Jahr gibt es wieder viele Geburtstage. Heute feierte Aktion Sühnezeichen sein 60. Jubiläum. Ich besuchte dazu den Gottesdienst in der Französischen Friedrichstadtkirche.



So früh war ich wohl noch nie zum Gottesdienst erschienen: 60 Minuten vor Beginn. Nach einer kurzen Personen-Kontrolle betrat ich den Saal. Schon etwa die Hälfte der Plätze waren besetzt oder mit Taschen und Jacken reserviert worden. In der zweiten Reihe erspähte ich einen Stuhl ohne Tasche, Jacke oder Handtuch. Er war tatsächlich noch frei.

Die Tasche neben mir gehörte einer älteren Dame, die freundlich grüßte und sich als Frau eines Aktivisten von Sühnezeichen vorstellte. Sie sei aus Leipzig angereist und fragte, wie ich denn mit der Aktion Sühnezeichen verbandelt sei. "Gar nicht", sagte ich und verwies auf den Terminkalender des Bundespräsidenten. Dieser sollte am Gottesdienst und dem anschließenden Festakt teilnehmen. Deshalb auch die Anmeldung mit Name und Geburtsdatum, die Kontrollen am Eingang und das gelbe Bändchen mit der Aufschrift "Bundeskriminalamt".

Frank-Walter Steinmeier erschien recht unspektakulär 10 Minuten vor der Zeit. Zunächst stand er unbeachtet am Eingang - und stand und stand. Dann war der Chorleiter mit seinen Ansagen fertig und der Bundespräsident wurde offiziell begrüßt. Er durfte in der ersten Reihe direkt vor dem Altarbereich sitzen. Elke Büdenbender - seine Frau - war nicht dabei.

Normalerweise ist der Spitzenpolitiker das Maß aller Dinge und bestimmt mit seinem Erscheinen den Beginn. In der Französischen Friedrichstadtkirche war das heute anders. Zehn Minuten des Wartens, zehn Minuten der Stille. Keiner betrat mehr den Saal. Die Uhr des Organisten bestimmte den Beginn: Punkt zehn griff er in die Tasten.

Während des Gottesdienstes erfuhren wir viel über Aktion Sühnezeichen. So sei die Organisation aus dem Impuls entstanden: "Man kann es einfach tun". Die Betonung liegt auf dem Tun. Der sperrige Begriff Sühnezeichen wurde bewusst gewählt und auch über die Jahrzehnte beibehalten, da kein passenderes Wort gefunden werden konnte.

Wofür aber Sühne? Zwischen 1938 und 1945 war ein Drittel der gesamten jüdischen Weltbevölkerung ausgelöscht worden. Daran waren maßgeblich Menschen aus Deutschland beteiligt: als aktive Täter, Desinteressierte oder willige Masse. Solch ein Genozid schreit nach Vergeltung. Sühne kann also einerseits mit Rache zur Vergeltung angegangen werden oder andererseits als Reue und Wiedergutmachung. Aktion Sühnezeichen hat sich der letzteren Form verschrieben und setzt seit 1958 auf konkrete Hilfe für Überlebende und deren Nachkommen.

Bischof Dröge predigte über 5. Mose 32, 46-47 und kam über die Brücke der zehn Gebote immer wieder auf das Tun von Aktion Sühnezeichen zurück. Wenn jemand schuldig geworden sei, solle er um Vergebung bitten. Die Aktion Sühnezeichen sei eine "tatkräftige Bitte um Vergebung".

Dieser Gottesdienst machte bewusst, dass die Pogrom-Nacht von 1938 auch eine göttliche Dimension hatte. Damals waren in Berlin 9 von 15 Synagogen zerstört worden. Die Schriftrollen mit dem Gesetz - also auch den 10 Geboten - waren herausgeholt, zerschnitten und verbrannt worden. Markus Dröge kennt die protestantische Denkweise, die dem Gesetz normalerweise so begegne, dass der Freiheit in Christus der Vorrang eingeräumt werde. Zu Deutsch: "Wir müssen nichts tun".

Aktion Sühnezeichen tut und hat dabei keine Nachwuchs-Probleme. In den 60 Jahren des Bestehens waren etwa 25.000 Menschen losgezogen und haben Zeichen der Sühne getan. Hauptfokus: Israel. Das Aufgabenspektrum ist inzwischen gewachsen. Es geht um Hilfe für Behinderte, Minderheiten, Flüchtlinge, Sinti und Roma sowie um zivilen Ungehorsam und Akzente gegen Populismus.

Aktion Sühnezeichen hatte für heute Mittag auch zur Gegendemonstration anlässlich einer AfD-Veranstaltung vor dem Hauptbahnhof aufgerufen. Diese Demo zog sich relativ ungeordnet über das Regierungsviertel bis zur Friedrichstraße. Nach dem Gottesdienst mit Aktion Sühnezeichen hatte ich mich mit meiner Familie an der Kalkscheune verabredet. Dort wurden wir Zeugen, wie es aussieht, wenn es auf den Straßen Berlins brennt. Diesmal brannten - wenige Meter von der Synagoge in der Oranienburger Straße entfernt - keine Thora-Rollen, sondern Mülltonnen.

Sonntag, 6. Mai 2018

Bullets, Warriors, Katholiken und die Gottesdienste in Eberswalde

Das erste Football-Spiel unseres Sohnes fand heute in Eberswalde statt. Die Zeit zwischen Abliefern des Kindes und Spielbeginn nutzten wir zum Besuch eines katholischen Gottesdienstes im Ortsteil Eberswalde-Finow.



"Warum wohnen wir nicht in Eberswalde?", fragte unsere Tochter nachdem wir unseren Sohn am Wasserturm rausgelassen hatten. Rechts und links saftige Wiesen, kleine Wäldchen, flache Häuser, gepflegte Altbausubstanz, hier noch ein See und dort neues Kopfsteinpflaster. Warum eigentlich nicht? Das sah hier ganz nett aus.

Im Vorfeld hatte ich bei Google nach Kirchen in Eberswalde gesucht. Die Ergebnisse waren übersichtlich: Baptisten, eine evangelische Kirche, eine freie Christus Gemeinde Eberswalde, eine neuapostolische Gemeinde, eine methodistische Gemeinde und zwei katholische Gemeinden. Neuapostolisch hatten wir bisher nicht auf dem Radar. Die Webseiten der Methodisten, Baptisten und Evangelischen Kirche waren so altbacken oder rudimentär, dass ein Besuch ebenfalls ausschied.

Christus Gemeinde Eberswalde und das erste Spiel der Berlin Bullets

Den interessantesten Eindruck vermittelte die CGE Christus Gemeinde Eberswalde. Deren Gottesdienst sollte von zehn bis zwölf gehen. Das kollidierte jedoch mit dem Spielbeginn der Berlin Bullets gegen die Eberswalde Warriors um elf.

Ein halbes Jahr hatte unser Sohn auf dieses erste echte Spiel hintrainiert: American Football. American Football hat mit Fußball so gut wie gar nichts zu tun und ist eine Sportart mit Schubserei, Festhalten, Umrennen, vielen blauen Flecken und undurchsichtigen Regeln. Die Amis stehen darauf. Deshalb läuft alles auf Englisch mit Quarterback, O-Line, Defense und ähnlichen Begriffen, die unser Sohn inzwischen komplett beherrscht.

St. Theresia zum Kinde Jesu

Blieb also noch die katholische Kirche St. Theresia vom Kinde Jesu, wo der Gottesdienst um 8:30 Uhr begann. Oh, war das früh! Um diese Zeit mussten wir aber unseren Sohn abgegeben haben und hatten dann noch zweieinhalb Stunden Zeit.

St. Theresia ist eine kleine Backsteinkirche auf einem Eckgrundstück. Der Innenraum ist hell und freundlich. An den Wänden sind Reliefs mit dem Kreuzweg eingelassen. Der Altarbereich dieses schlichten Raumes freute mich besonders - endlich mal wieder Latein: "Agnus Dei qui tollit peccatum mundi". Das steht in Johannes 1 Vers 29 und bedeutet: "Das Lamm Gottes, das wegnimmt die Sünde der Welt". Meine Tochter schaute skeptisch, da sie Wörter wie peccatum (Sünde) in der Schule nicht gelernt hatte.

Der Saal füllte sich, so dass letztlich etwa 30 Personen auf den Holzbänken saßen. Das Durchschnittsalter lag bei 70. Eigentlich schade, denn die Ansagen des Pfarrers und dessen Predigt waren wirklich kurzweilig und gut. Er sprach frei, hielt Blickkontakt zu den Besuchern und redete wie ein Mann, der die Alltagssprache und die Herausforderungen seiner Nachbarn kennt. Unterstützt wurde er von zwei Messdienern im Teenager-Alter. Diese beäugten uns unentwegt, da wir den Altersdurchschnitt so signifikant nach unten korrigierten.

Katholisch heißt "für alle da"

In der Predigt zu Apostelgeschichte 10 - der heidnische Hauptmann Cornelius wird getauft - machte der Referent klar, dass auch Cornelius katholisch wurde. Katholisch im Sinne von "für alle da". Mir kam dabei ständig in den Sinn, dass auch Luther katholisch gewesen sei, obwohl man ihn heute in einer anderen Ecke einordnet. Die Predigt ermutigte, dass auch eine katholische Gemeinde wieder praktisch für alle da sein sollte. Dass sich der biologische Nachwuchs ausgedünnt hatte, war ja deutlich zu erkennen.

Übrigens war ich bei Recherchen zum Nuntius des Heiligen Stuhls - also dem Botschafter des Vatikans - darauf gestoßen, dass Erzbischof Eterovic (Chef des Diplomatischen Korps in Deutschland) seit 2011 als Päpstlicher Rat zur Förderung der Neuevangelisierung fungiert. Dieser Rat zur Förderung der Neuevangelisierung wirkt gerade in Ländern, wo das Christentum schon lange beheimatet ist, jedoch durch die Säkularisierung an Bedeutung verloren hat. Genau in diesen Tenor stimmte die heutige Predigt bei St. Theresia ein.

Gesang ohne Instrumente

Bemerkenswert war auch die Musik. Der Gesang kam komplett ohne Instrumental-Begleitung aus und füllte das Volumen des Kirchenschiffs. Wegen der guten Beschilderung konnten wir fast alle Elemente der Liturgie mitsingen und schauten uns den Rest von den Leuten ab, die um uns herumsaßen. Es gab auch Abendmahl und den üblichen Friedensgruß mit Körperkontakt: Hände schütteln.

Nach dem Gottesdienst brachten wir die Gesangsbücher weg und traten in die gleißende Sonne. Über Kopfsteinpflaster rumpelten wir zum Wasserturm zurück.

Bullets versus Warriors

Die Berlin Bullets waren umgezogen und machten sich auf dem Platz warm. Die Warriors hatten zwei Hüpfburgen aufgeblasen und ein großes WARRIORS auf den Platz gepinselt. Warriors heißt Krieger, während Bullets die Patronen sind. Nach der ersten Halbzeit stand es 40 zu Null für die Eberswalder. Unentwegt war ich unterwegs, um Kuchen, Würstchen, Salat, Grillfleisch, Kaffee, Schirme oder Decken zu holen. Bei den Regeln sah ich ohnehin nicht durch. Ich wusste nur, dass mein Sohn die weiß-grüne 53 war. Den Rest konnte man unter Helm und dem Brustpanzer nicht erkennen. Meine Tochter hatte noch dafür gesorgt, dass er gelbe Turnschuhe trug. Das fiel auf.

Es war das erste Spiel dieser Mannschaft überhaupt. Deshalb waren die 40 zu Null zu verkraften. Insbesondere deshalb, weil in der zweiten Halbzeit keine weitere Veränderung des Spielstandes eintrat. Die erste Halbzeit war zum Üben, die zweite zum Bewähren. Wir sind gespannt auf das nächste Spiel.

Montag, 2. April 2018

Kosher, Kampf und Kommunion - Nahrungsaufnahme am Osterwochenende

Für das Osterwochenende gibt es diverse Bräuche, die auch vor unserer Familie keinen Halt machen. Unbeabsichtigt wurden einige Traditionen ergänzt.



Es begann am Morgen des Karfreitags. "Macht jemand mit beim Fleischverzicht?", fragte meine Frau am Frühstückstisch. Ach ja, das macht man ja so. Niemand rührte die Wurst und den Schinken an. Statt dessen Schokocreme und Marmelade. Zu Fisch, den man wohl zu Karfreitag immer isst, hatten wir keine einstimmige Meinung. Für Karfreitag hatten wir die letzte Etappe des Mauerradwegs geplant: Tegel bis Brandenburger Tor - 40 Kilometer.

Pizza und die 40 Kilometer zum Gottesdienst

Wider Erwarten und mit der Motivation der Ziel-Etappe erreichten wir tatsächlich kurz nach fünf das Brandenburger Tor. Zum Beweis machten wir dort Selfies. Zwischendurch hatten wir Obst, Gemüse und Pizza gegessen. In meiner Calzone waren sogar Salami und Schinken. Vor einem fiktiven Inquisitor würde ich das damit rechtfertigen, dass ich bei einer Calzone ja nicht vorher sehen kann, was drin ist. Mein Sohn hatte korrekterweise - aber wohl eher zufällig und wegen der Standardbestellung - Thunfisch-Pizza, meine Tochter Mozzarella-Pizza und meine Frau Spinat-Pizza auf dem Teller gehabt.

Das Timing war so perfekt, dass wir zehn Minuten vor Beginn der Karfreitagsandacht bei Saddleback in der Kalkscheune eintrafen. Es gab Kaffee und später die Kommunion - Abendmahl. Abweichend von der Normalität wurde kein Video abgespielt. Stattdessen gab es eine Life-Predigt von Dave Schnitter. Natürlich auf Englisch. Wir bedauerten den Übersetzer. Informierte Kreise konnten uns jedoch glaubhaft versichern, dass dem Übersetzer ein deutsches Predigtmanuskript vorlag. Ich hatte mich schon gewundert, dass Dave die ganze Zeit vom Zettel ablas.

Abendmahl mit rotem Saft

Das Abendmahl bestand aus zerbrochenen Weißbrotscheiben und kleinen Plastikbechern mit rotem Traubensaft. Die Farbe muss heute leider betont werden, da wir schon mehrfach orangen oder gelben Saft oder gar Weißwein zum Abendmahl gereicht bekommen hatten. Wo ist da bitte der Bezug zum Blut Jesu? Blut! Rot!

Das hebräische Wort für Blut ist übrigens Dam und wird nur mit den zwei Konsonanten DM geschrieben. DM kennen wir auch von Jakobs Bruder Esau, der im weiteren biblischen Verlauf Edom genannt wird. Edom enthält ebenfalls DM und bedeutet Rot. DM ist eine ehemalige deutsche Währungseinheit. Mit seinem DM hat uns Jesus von Sünde und Tod erkauft. Das hebräische DM ergibt übrigens den Zahlenwert 604. Das M wird hier als 600 gewertet, da es am Ende des Wortes steht und dort anders aussieht. Ein M am Anfang oder in der Mitte eines Wortes hat den Zahlenwert 40. Apropos 40: Am Rande des Gottesdienstes verbreitete ich noch per WhatsApp die heldenhafte Fahrradleistung von knapp 40 Kilometern von Tegel in die City.

Am Samstag ruhten wir - oder so. Was hatten wir da eigentlich gemacht? Hm.

Hummus und ungesäuertes Brot

Am Sonntag gab es wieder einen klassischen Gottesdienst bei Saddleback: Videopredigt mit Rick Warren und alles auf Englisch. Anschließend fragte uns eine Frau aus dem Übersetzer-Team, ob wir nicht irgendwo zusammen essen gehen wollten. Ich schlug ein Hummus-Restaurant in der Oranienburger Straße vor. Dort hatte ich einst den berühmten Schauspieler Rolf Dieter Degen reingehen gesehen. Wir hatten den Imbiss - wie ich vermutete - bisher aber nicht selbst getestet.

"Hummus & Friends" stellte sich als vollwertiges Restaurant heraus - kein Imbiss. Hatte ich bei Hummus zunächst an Araber gedacht, trug "Hummus & Friends" ein hebräisches Etikett. Das Essen dort ist kosher und vegetarisch. Hätte ich letzteres vorher gewusst, hätte ich das Restaurant wohl nicht empfohlen. Aber nun saßen wir hier und mussten uns zwischen mehreren Hummus-Gerichten, Beilagen und Salaten entscheiden. Hummus hat übrigens nichts mit der dunklen Erde im Garten zu tun, sondern ist ein hellbrauner Brei aus Kichererbsen. Mir jedenfalls schmeckt das. So war das Fehlen des kosheren Fleisches durchaus zu verkraften.

Auf diesem Wege waren wir zu Ostern - ohne es vorher geplant zu haben - in ein echtes Passah-Restaurant geraten. Die Brote waren wegen des jüdischen Passahfestes ohne Gärungsmittel gebacken worden und schmeckten trotzdem sehr gut. Bier wurde auch nicht ausgeschenkt wegen der Hefe. Auch ohne Fleisch wurden wir satt und fühlten uns gesund ernährt. Preislich war das auch vertretbar und lädt zu einem Folgebesuch nach dem Gottesdienst ein.

Schoko-Hasen

Zu Hause hatte meine Frau Osterhasen versteckt. Keine echten, sondern Schokoladenhohlkörper in Alufolie. Mein Osterhase war besonders gut getarnt. Ich fand ihn hinter den Kissen auf der Couch. Mit seiner Sonnenbrille, den Kopfhörern und dem Hipster-Outfit sah er aus wie der oben erwähnte Pastor Dave. Die Hasen wurden umgehend entkleidet und verzehrt. Die sättigende Wirkung des vegetarischen Mittagessens hatte wohl inzwischen nachgelassen.

Für Ostermontag war der Verzehr einer Ente zusammen mit den Omas geplant. Wo auch immer die Tradition mit der Ente herkommt? Während diese auf dem Balkon auftaute, aßen wir in der Küche Frühstück. Es gab gefärbte Eier.

Ente, Eier und der Preis des Siegens

Eine alte Tradition in unserer Familie ist der Eierkampf. Zur Zeit von Esra, Nehemia, Esther, Hesekiel und Daniel lebte ein Chinese namens Sun Tsu. Laut Sun Tsu sei die höchste Kunst des Krieges der Sieg ohne Kampf. Einmal war es mir gelungen, auf diese Weise den Sieg zu erringen. Während alle anderen ihre Eier aneinander zerschellen gelassen hatten, stand mein Ei unberührt im Eierbecher und hatte keine gebrochene Schale. Ich war der Sieger.

Das fand aber leider keine Akzeptanz und wird mir bis heute als unfair nachgetragen. Deshalb musste ich mich heute Morgen der aktiven Konfrontation stellen. Das Ei meiner Frau stand bereits eingedrückt im Becher. Mein Sohn schmollte, dass seine Schwester gegen ihn gewonnen hatte.

Über der Schokocreme entbrannte ein Luftkampf mit diversen Ausweichmanövern. Eine Schlacht in der dritten Dimension. Unerbittlich rammte meine Tochter die Spitze ihres Eis in mein grünes Flugobjekt. Hartgekocht gegen Mittel. Der Panzer brach und das gefärbte Wasser unter der Kalkschale entlud sich über den Gegner. Eine großflächig grün gepunktete Tochter entschädigte für den Verlust einer intakten Eierschale. Ihr rotes Ei war unversehrt. Sie eilte ins Bad. Dabei harmonieren doch Rot und Grün sonst immer so gut miteinander. Nach wenigen Minuten erschien sie ohne grüne Punkte. Auch ihre Brille war wieder sauber.

Das Osterwochenende als vielschichtig kulinarisches Erlebnis. Wir sind gespannt, was uns der gemeinsame Verzehr der Ente noch bringt.

Donnerstag, 29. März 2018

Gottesdienste in Berlin

Bei der Suche nach Gottesdiensten am Osterwochenende in Berlin führte uns Google auf eine der vielen Webseiten von Gemeinsam für Berlin: www.Gottesdienst-in-Berlin.de



Seit über einem Jahr besuchen wir als Familie wieder regelmäßig eine Gemeinde in Berlin. Dort haben wir auch einige Dienste übernommen. Das wirkt sich auf die Besuchsfrequenz des Church Checkers aus. Da unser Pastor in seiner internationalen Gemeinde Fluktuation gewohnt ist und ein großes Herz für den Church Checker hat, sind wir jedoch frei, diesen Blog weiter zu bedienen.

So schaute ich heute bei Google, welche Gottesdienste über das Osterwochenende stattfinden. Ohne den Zusatz "gottesdienst" hätte ich nur Webseiten zum Tanzverbot am Karfreitag, fragwürdige Umzüge oder anderen gottlosen Kram gefunden. Nachdem ich die Suche auf "karfreitag gottesdienst berlin" erweitert hatte, wurde mir eine Webseite von Gemeinsam für Berlin präsentiert:

www.Gottesdienst-in-Berlin.de

Ähnlich der Webseite für Migrationskirchen kann bei Gottesdienst-in-Berlin.de nach Stilrichtung, Sprache, Besucherzahl, Uhrzeit und Kinderfreundlichkeit gefiltert werden. Bei Klick auf "Modern" oder "Jugendorientiert" oder "Französisch" oder "So. Abends" reduzieren sich die roten Pins auf der Google-Karte.

Weitere Informationen werden sichtbar, wenn die Mouse über die Pins fährt. Es erscheint dann der Name der Gemeinde. Bei Klick auf den Pin öffnet sich ein Infofeld mit Adresse, Webseite und den gewünschten Uhrzeiten. Ein weiterer Klick leitet zur Routenplanung per Auto oder Bahn. Sehr gut gemacht und leicht zu bedienen. Leider eine etwas längere Ladezeit der Gesamtübersicht beim Erstbesuch dieser Gottesdienst-Webseite.

Der Vorstand von Gemeinsam für Berlin wies kürzlich auf den erheblichen Pflegeaufwand dieser Datenbanken hin. Man müsse Datenschutzrichtlinien beachten, die Gemeinden um Erlaubnis fragen und einen Mitarbeiter zur nachhaltigen Pflege einsetzen. Aus diesem Grunde kann die Aktualität nicht garantiert werden. Es lohnt sich also in jedem Fall, vor einem Offline-Besuch die Webseite der jeweiligen Gemeinde zu besuchen.

In diesem Sinne ein gesegnetes Osterwochenende!

Freitag, 2. März 2018

Requiem für Pater Alain-Florent Gandoulou

"Teuer ist in den Augen des HERRN der Tod seiner Frommen", heißt es in Psalm 116. Vor einer Woche ist der katholische Priester in seinem Berliner Büro ermordet worden. Heute hielt Erzbischof Heiner Koch das Requiem.



Vor einem Jahr lernte ich eine Frau kennen, die regelmäßig für die Caritas im Kongo unterwegs ist. Eines Tages geriet ihr Konvoi in einen illegalen Check-Point. Die Insassen des ersten Fahrzeuges wurden als Geiseln festgehalten. Ihr eigener Fahrer konnte wenden und fliehen. Die Splitter der Tür stecken immer noch in ihrem Fuß. Eine normale Karosserie hält bei Kalaschnikow-Beschuss gar nichts ab.

Kongo, Ost und West

Auch in Kongo gibt es eine Ost- und West-Trennung. Der Westen nennt sich Republik Kongo und war bis 1960 unter französischer Herrschaft. Der deutlich größere Osten nennt sich Demokratische Republik Kongo und war bis 1960 unter belgischer Hoheit. In beiden Teilen gilt Französisch als Amtssprache.

Kongo war auch das Geburtsland von Pater Alain-Florent Gandoulou, also die Republik Kongo im Westen. Er lebte schon viele Jahre in Deutschland. In den Kongo konnte er nicht mehr zurück, da er die dortige Politik kritisiert hatte. Bei seiner Gemeinde in Charlottenburg war er sehr beliebt. Nach den Gottesdiensten soll er immer wieder Leute zum Essen mit nach Hause genommen und sich sehr selbstlos um seine Gemeindemitglieder gekümmert haben. "Papa Alain" muss ein freundlicher und umgänglicher Mann gewesen sein.

Französisch in Berlin

Seine Gemeinde Paroisse Catholique Francophone wurde 1945 gegründet und bot zunächst den französischen Alliierten eine geistliche Heimat. Entsprechend nachhaltig waren auch seine Beziehungen zum Militär. So hatte er unter anderem an einem Pfingst-Gottesdienst beim Wachbataillon in Tegel teilgenommen. In Berlin leben weit über 18.000 Franzosen. Hinzu kommen Afrikaner, die Französisch aus ihren Heimatländern mitgebracht haben.

Pater Alain-Florent Gandoulou war am 11. August 1963 in Brazzaville geboren worden. 1991 wurde er zum Priester geweiht und arbeitete einige Jahre seiner Geburtsstadt. 1996 zog er nach Bonn (Bad Godesberg) und promovierte dort in Christlicher Gesellschaftslehre. Bis 2005 engagierte er sich in einer Bonner Gemeinde, ging dann nach Paris und startete 2009 seine Arbeit in Berlin. Ein intelligenter Mann also, der seine Chancen genutzt hatte und dabei ein nahbarer Ansprechpartner geblieben war. Ein Mann, der seinen Bezugspersonen ein Beispiel gelebten Glaubens vermitteln konnte.

Requiem

Requiem - Ruhe - für Pater Alain-Florent Gandoulou. Am 22. Februar 2018 wurde er im Streit von einem anderen Afrikaner ermordet. Der Tatort muss dem Szenario eines skandinavischen Krimis geglichen haben: Stichwunde im Kopf, beigefügt mit einem Regenschirm. Der mutmaßliche Täter wurde am Folgetag in Reinickendorf gefasst. Dieser war nur halb so alt wie der Papa Alain und kam aus Kamerun, dem nordwestlichen Nachbarland der Republik Kongo.

S-Bahn, Koch und neue Leute

Heute habe ich einen Fehler gemacht. Bei -8°C wollte ich mit der S-Bahn in die City fahren. Ich freute mich, dass sie schon im Bahnhof stand und auf mich wartete. "Der Zugverkehr ist unregelmäßig", tönte es regelmäßig durch den Lautsprecher. Schön warm war es in der Bahn. Nach einer halben Stunde stieg ich wieder aus. Die Bahn hatte sich keinen Zentimeter bewegt.

Pater Alain-Florent Gandoulou soll im Kongo beigesetzt werden - in seiner Geburtsstadt Brazzaville. Das heutige Requiem - die Gedenkmesse - mit Erzbischof Heiner Koch habe ich verpasst. Schade. Dennoch ist mir schon durch die Beschäftigung mit Papa Alain eine Person aus der christlichen Szene Berlins nahe gebracht worden, die ich bisher nicht kannte. Parallelwelten eben, die postmortal zu einer Welt - der neuen Welt Gottes - verschmelzen.