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Mittwoch, 31. Oktober 2018

Katholiken und Lutheraner beim Reformationstag in der Dorfkirche Marzahn

Reformationstag zusammen mit einer katholischen Gemeinde? Geht sowas überhaupt? In der Dorfkirche Marzahn sahen wir heute, wie das funktioniert.



Es begann um 17:45 Uhr. Acht Wellen morbide geschminkter Kinder fluteten durch unsere Straße. Näääääht, schrillte die Klingel. Ich war allein zu Hause und machte die Bürotür zu. Meine Familie nutzte den Eingang des Nachbarhauses und schlich sich über den Durchgang in der neunten Etage in unseren Aufgang. Erwischt! Überall totgeschminkte Kinder, die nach Süßigkeiten bettelten.

Im Familien-Chat der Großfamilie wurden Gruselvideos geteilt und mit entsprechenden Emojis kommentiert. Meine Schwiegermutter setzte ihren eigenen Akzent: "Damit kann ich mich nicht anfreunden, für mich ist heute Reformationstag". Zuvor hatte sie darum geworben, mit uns zusammen das Abendmahl in der Dorfkirche Marzahn einzunehmen. Das entsprach nicht ganz so unseren Vorstellungen. Dennoch kamen meine Frau und ich ihrem Wunsch nach.

Bereits an der Tür begegnete uns eine junge Frau in knallrotem Mantel. Soviel Frische hatte ich nicht erwartet. In der Kirche war es gut geheizt, aber nicht überheizt. In den Bänken saßen viele ältere Herrschaften. Wir platzierten uns auf einer der vorderen Reihen, damit meine Schwiegermutter gut hören konnte.

Es kamen weitere Besucher, auch jüngere Leute. Die Empore war voll. Der ökumenische Chor, bestehend aus evangelischen und katholischen Sängern, hatte sich auf diesen Abend gut vorbereitet. Geleitet wurde er vom Kantor der benachbarten katholischen Kirche. Die Beziehungen zwischen den beiden Gemeinden bestehen schon sehr lange. Immer wieder werden gegenseitig Räume zur Verfügung gestellt und Feste des Kirchenjahres gemeinsam zelebriert.

Der Gottesdienst zum Reformationstag lief mit einer umfangreichen Liturgie ab. Lieder von Paul Gerhard und anderen bekannten Kirchenmusikern wurden gesungen oder durch den Chor vorgetragen. Da Pfarrer Ludewig verhindert war, führte ein theologischer Mitarbeiter durch das Programm und hielt auch die Predigt.

In der Predigt ging es um den Galaterbrief mit der Kernaussage (Galater 5, 1): "Zur Freihat hat uns Christus befreit". Freiheit, die in Verantwortungsbewusstsein gelebt wird und uns entspannt das Richtige zur richtigen Zeit tun lässt. Im Mittelpunkt stand Jesus. Jesus war auch das Bindeglied des heutigen Abends für die katholischen und evangelischen Christen.

Dann sangen wir zusammen mit den Katholiken noch den Reformationsklassiker "Ein feste Burg", sprachen das Glaubensbekenntnis und nahmen gemeinsam das Abendmahl ein. Drei Sachverhalte, die normalerweise in dieser Form nicht üblich sind.

Bei den Ansagen erfuhren wir, dass das katholische Gemeindehaus zurzeit renoviert wird. deshalb nutzt die Gemeinde die evangelische Dorfkirche für ihre Gottesdienste und sonstigen Veranstaltungen. Auch das Martinsfest wird in diesem Jahr in der Dorfkirche stattfinden.

Donnerstag, 15. März 2018

Deutsche Christen und Bekennende Kirche im Großraum Marzahn

Die Denkweisen und das Wirken der Deutschen Christen hat heute kaum noch jemand auf dem Radar. Bekannt ist vielleicht noch, dass die Bekennende Kirche einen Gegenakzent gesetzt hatte. Gestern Abend informierten wir uns über die damaligen Konstellationen in den Ortsteilen Biesdorf, Mahlsdorf und Kaulsdorf.



Nationalsozialismus ist eng mit Zahlensymbolik verbandelt. So steht 88 für HH, die Abkürzung von Heil Hitler. Die 18 steht für AH wie Adolf Hitler und die 43 für DC wie Deutsche Christen. Das war wohl auch ein Grund dafür, dass die Kirche43 in Marzahn ihre 43 nur im Branding tragen durfte. Der Verein musste sich alternativ Junge Kirche Marzahn e.V. nennen, obwohl ein Marketing-Experte aus Bielefeld die 43 lediglich aus der alten Postleitzahl extrahiert hatte. Ortsgemeinde eben.

Wie schon vor ein paar Tagen in Dahlem festgestellt, ist die Geschichte der Kirche zwischen 1933 und 1945 sehr spannend. Die Art und Weise der Machtübernahme mit vollendeten Tatsachen, kurzfristigen Terminen und Denunzierungen passt in das hier schon mehrfach thematisierte Schema des Machtmissbrauchs. Prinzipiell läuft so etwas immer gleich ab. Im national-sozialistischen Berlin hatte es allerdings größere Ausmaße, wurde offen praktiziert und war lebensgefährlich.

Deutsche Christen

Die Deutschen Christen traten schon 1932 offen zu Tage. Die Mitglieder der DC einte ein klares Bekenntnis zum Führer mit der Umschrift 18. 1933 besetzten die DC sämtliche Gemeinde-Kirchenräte und offiziellen Kirchenämter. Zunächst bestand die Hoffnung, dass Hitler die gottlosen Strömungen der 1920er Jahre auf ein christliches Fundament zurückhole. Das entpuppte sich einige Jahre später jedoch als Irrtum. Die 43er reklamierten immer wieder Einheit in der deutschen Christenheit. Einheit unter der 18.

Bekennende Kirche

Die Bekennende Kirche setzte mutig einen Gegenakzent und konnte erst einmal relativ frei agieren. Ihre Mitgliedskarte war knallrot. Es wurde auch ein Pfarrernotbund gegründet, der Pfarrer unterstützen sollte, die wegen ihrer Abstammung nicht mehr offiziell für ihren Beruf zugelassen waren. Durch die fingierten Gemeindewahlen hatten die DC sämtliche Posten der kirchlichen Upline besetzt und regierten ihre Ansichten bis in die Ortsgemeinden durch.

Fließende Übergänge

Bei der gestrigen Veranstaltung im Bezirksmuseum fielen jede Menge Namen: Bischöfe, Pfarrer, Einwohner des Großraums Marzahn. Einige waren straffe Anhänger von 18 und 43. Andere bezeichneten sich als neutral, waren aber Anhänger von 18. Weitere Christen schlossen sich der Bekennenden Kirche an und stellten Jesus über die 18. Einige wechselten die Seiten. Andere wurden wegen belangloser Äußerungen ins Konzentrationslager geschickt.

Es war eine turbulente Zeit, die jedoch die viel beschworene Einheit innerhalb der DC ins Bröckeln brachte. Wenn Jesus aus dem Fokus gerät, kann das im Raum der Kirche nicht auf Dauer funktionieren. Doppelmitglieder von SA und DC überwarfen sich mit heidnischen SA-Leuten, gerieten in die Strukturen der Macht und wurden letztlich fallen gelassen.

Heinrich Grüber aus Kaulsdorf

Eigentlich sollte es um den Pfarrer Heinrich Grüber aus Kaulsdorf gehen. Dieser stellte aber bei der Fülle der Informationen nur eine Randfigur dar. Heinrich Grüber hatte auch die Rote Karte der Bekennenden Kirche und war aktiv an der Rettung konvertierter Juden beteiligt. Er selbst musste einige Jahre in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau verbringen. Schutzhaft nannte sich das.

Heinrich Grüber überlebte diese Zeit und wirkte nach dem Krieg als Bürgermeister von Kaulsdorf. Er versteckte viele Frauen und Mädchen vor den Massen-Vergewaltigungen durch russische Soldaten. Vom Regen in die Traufe. Beim Eichmann-Prozess sagte er 1961 als einziger Nicht-Jude aus. In einem guten Alter von 84 Jahren starb er in Berlin.

Montag, 1. Januar 2018

Silvester bei der Verklärung des Herrn in Marzahn

Gestern besuchten wir die katholische Kirche "Von der Verklärung des Herrn" in Marzahn. Die Kirche steht an der Landsberger Allee und ist nur wenige Minuten von der evangelischen Dorfkirche Marzahn entfernt.



Gegen halb vier schrillte unsere Klingel. Fragend schaute ich mich um.Alle zuckten mit den Schultern. Durch die Wechselsprechanlage klang die Stimme meiner Schwiegermutter. Un-geplant!

Schwiegermutter und Pfannkuchen

Kurz darauf der nächste Schreck: Die am Vormittag gekauften Pfannkuchen wurden für den sofortigen Verzehr freigegeben. Das war zwar tendenziell gut - aber - nur fünf Stück? Gab es eine zweite Lage? Nein - meine Frau sagte, sie wolle uns "beim Abnehmen helfen" und hatte tatsächlich nur fünf Pfannkuchen bestellt. Pro Person einen Pfannkuchen! Alle hatten die gleiche Marmeladenfüllung und befanden sich in der Metamorphose von luftig zu fest. Von daher hatte der spontane Besuch meiner Schwiegermutter den Alterungsprozess der Pfannkuchen rechtzeitig abgebrochen.

Die Oma hatte uns als Zwischenstation zur katholischen Kirche aufgesucht. Dort sollte um 17:00 Uhr eine ökumenische Andacht stattfinden. Das passte uns gar nicht, da wir am Vormittag bereits beim Gottesdienst waren und jetzt eigentlich unseren Jahresrückblick basteln wollten.

Jahresrückblick und Krippe

Wir änderten den Plan, ließen die Kinder mit dem Jahresrückblick zu Hause und begleiteten die Mutter durch die Nacht. Zumindest sah es aus wie Nacht. Nach Gebet war auch der Weg sicher und die Knaller trafen immer nur die Anderen.

15 Minuten zu früh erreichten wir die Kirche und konnten uns noch Plätze in der dritten Reihe aussuchen. Langsam füllte sich der Saal und alte Bekannte begrüßten uns. Vor dem Altar war eine Weihnachtsszene mit Jesus, Eltern und Hirten aufgebaut. Erwachsene und Tiere fokussierten das Baby in der Mitte. Die Szenerie strahlte einen tiefen Frieden aus.

Der Kantor übte noch schnell ein neues Lied mit den Anwesenden ein. Neu für die Gemeinde, ansonsten schon 80 Jahre alt: Jochen Klepper. Viele der Andachtsbesucher waren etwa 20 Jahre nach dieser Komposition geboren.

Jahreslosung und Jahresrückblick

Pünktlich um fünf klingelte ein Glöckchen und vier Herren schritten durch den Hauptgang nach vorne: Einer in weißem Kleid, zwei in schwarzem Kleid und einer in Jeans und Sakko. Die Herren in Schwarz unterschieden sich durch die Beffchen in reformiert und uniert. Ein Lutherischer mit komplett geteiltem Beffchen war nicht dabei. Dennoch ökumenisch genug für die Altjahresandacht.

Die Elemente des Gottesdienstes rotierten zwischen Weiß, Schwarz und Sakko. Die Predigt hielt der Unierte. Sein Thema war die 2017er Jahreslosung aus Hesekiel 36, 26. Dass jemand von den Anwesend tatsächlich "ein neues Herz" in 2017 bekommen habe, sah er für unwahrscheinlich an. Ich wollte das in dem Moment nicht relativieren, da ihn das wohl aus dem niedergeschriebenen Konzept gebracht hätte. bei der Reha in Teltow hatte ich Menschen mit einem buchstäblich neuen fleischernen Herzen erlebt. Ganz abgesehen von den Themen, die Jesus in mir nachjustiert hatte.

Den monatsweise vorgetragenen Jahresrückblick teilten sich die anderen drei Herren. Es wurde auf politische und gemeindliche Ereignisse eingegangen. So konnten die G20-Kravalle in einem Zuge mit der Seniorenfreizeit aufgezählt werden. Besondere Freude hatte ich bei der Liste des katholischen Paters und beschloss einen Folgebesuch bei einer seiner nächsten Predigten.

Lieder und Kollekte

Zwischendurch sangen wir Lieder aus einem grauen Gesangsbuch. Der Kantor trat dabei mehrfach mit Solo-Einlagen in Erscheinung. Die ökumenische Altjahresandacht endete mit einem Lied aus 1944: Bonhoeffer - Von guten Mächten. Es folgten der Segen von Pater Josef Kahmann und das Postludium.

Danach waren die vier Protagonisten verschwunden. Auch die avisierte Kollekte war nicht gesammelt worden. Ohne pyrotechnische Zwischenfälle gelangten wir nach Hause. Im Fahrstuhl packte meine Schwiegermutter ihre Kollekte ins Portemonnaie zurück. Der familiäre Teil des Abends konnte beginnen.

Donnerstag, 10. August 2017

Münster und die Sache mit der Taufe

Dass Münster etwa die gleiche Einwohnerzahl wie Berlin-Marzahn hat, war einem Dialog der Kanzlerin mit Kulturstaatsministerin Grütters zu entnehmen. Münster lag in der Nähe unserer Urlaubsroute und bot Potenzial für weitere Entdeckungen.



Über den Sinn eines Kulturstaatsministers ließe sich an geeigneter Stelle philosophieren. Immerhin dient Berlin-Marzahn als Wahlkreis für Monika Grütters. Monika Grütters wurde 1962 in Münster geboren. Das ist die erste Brücke. Die zweite Brücke besteht in der Einwohnerzahl von knapp 260.000. Weitere Brücken wären die hervorragende Infrastruktur und das viele Grün. Das war es dann aber wohl schon.

Zwei Fahrräder

Münster gilt als Studentenstadt und die Stadt mit dem höchsten Fahrradaufkommen pro Kopf in Deutschland. Nämlich zwei. Das ergibt ein Gesamtaufkommen von einer halben Million Drahtesel. Eine Horrorvorstellung für den Autofahrer aus Berlin, der die rücksichtslose Militanz des gemeinen Radfahrers aus der Innenstadt kennt.

Münster
Münster - City ohne Autos
Deshalb erstaunte uns sehr, wie gesittet die Radler in Münster unterwegs waren. Die Autofahrer wurden ersatzweise mit sinnfreien Regeln gegängelt. Parkplätze für Anwohner oder per Prepaid-Ticket mit einer maximalen Parkdauer von ein oder zwei Stunden. In die Tiefgaragen konnten wir mit dem gemieteten VW Caddy nicht einfahren. Die Decken waren zu niedrig. Deshalb stellten wir den 7-Sitzer auf einem Platz mit zwei Stunden Maximalzeit ab und liefen Richtung Altstadt.

In der autofreien City steuerten wir die Kirche St. Lamberti an. In einer dekorativen Anordnung hingen drei große Metallkäfige oberhalb der Turmuhr: Zeugnisse der Reformationszeit.

Reformation und Baptismus

Mit Luther erschienen auch die Wiedertäufer auf der Bildfläche. Das waren Theologen, die die Passagen über die Taufe und deren Bedeutung als bewusste Entscheidung für Tod und Leben mit Jesus im Römerbrief und weiteren Stellen des Neuen Testamentes praktisch umsetzen wollten. Wiedertäufer deshalb, weil fast alle ihre Zeitgenossen als Kind getauft worden waren. Eben nach den gesellschaftlichen Gepflogenheiten und nicht aus freier eigener Entscheidung.

Das Dogma der Baptisten gruppiert sich ebenfalls um eine Taufe als mündiger Christ. Ich hatte erlebt, dass Abendmahl, Mitgliedschaft oder Singen im Chor nur nach erfolgter Glaubenstaufe gestattet war. Bei den Methodisten, dem Mülheimer Verband oder anderen Denominationen sieht man das etwas lockerer: Kindestaufe wird praktiziert und anerkannt, auf Wunsch noch einmal getauft oder nach der bewussten Entscheidung erstmalig getauft.

Ein Historiker wurde im Radio gefragt, ob es für ihn nicht interessant wäre, Luther und andere Reformatoren im Bekanntenkreis zu haben. Ohne Denkpause verneinte er das und bemerkte, dass wohl keiner von uns längere Zeit mit diesen Personen der Zeitgeschichte auskommen würde. Es waren Extremisten in religiöser Hinsicht, die durch ihre extremen Ansichten und Handlungsweisen Vieles bewegt hatten.

Münster
Münster - St. Lamberti und die drei Käfige
Auch die drei Käfige zeugen von Extremismus während der Reformationszeit. Im Frühjahr 1534 hatten die Wiedertäufer unter Bernhard Krechting, Bernd Knipperdolling und Johann Bockelson - auch als Jan van Leiden bekannt - die Herrschaft in Münster übernommen. Zur Durchsetzung der neuen Erkenntnisse wurden auch Todesurteile gefällt und andere seltsame Dinge praktiziert. Knipperdolling fungierte dabei zunächst als Bürgermeister und dann als Scharfrichter.

Käfige

Münster schien damals gut befestigt gewesen zu sein. Die katholischen Gegner unter Bischof Franz von Waldeck mussten die Geburtsstadt der Kulturstaatsministerin ganze 16 Monate lang belagern und eroberten sie am 25. Juni 1535 zurück. Es wurde eine Kostenrechnung aufgemacht und Scharfrichter Knipperdolling machte den Vorschlag, die führenden Täufer in Käfigen zur Schau zu stellen. Dafür sollte Eintritt verlangt werden. Knipperdolling hatte wohl nicht damit gerechnet, das die Käfige tatsächlich für ihn und seine Mitstreiter gebaut werden.

Am 6. Januar 1536 wurden Knipperdolling, Krechting und Bockelson von einem Inquisitionsgericht in Wolbeck zum Tode verurteilt. Die Details der Hinrichtung ersparen wir uns an dieser Stelle. Erwähnt sei jedoch, dass die sterblichen Überreste - hier in ihrer ursächlichen Wortbedeutung - in die Käfige gepackt und am Kirchturm zur Schau gestellt wurden. Noch 50 Jahre später sollen Überreste zu sehen gewesen sein. Das war wohl Abschreckung genug für die Bevölkerung und mögliche Reformatoren.

St. Lamberti

Die Kirche St. Lamberti ist ansonsten ein normales großes Kirchengebäude mit einer angenehmen Atmosphäre im Inneren. Kein Hauch der blutigen Vergangenheit. Hier ein großer Leuchter, dort ein gemalter Kreuzweg und im Deckengewölbe das Lamm Gottes.

Heute gibt es eine Baptistengemeinde, Mennoniten (Brüdergemeinde), ein Christus Zentrum eine FEG und weitere evangelische Gemeinden in Münster. Diese sind weitläufig um den Domplatz mit den drei Körben angeordnet. Man kann dort sicher auch besser parken. Unsere Kulturstaatsministerin ist übrigens katholisch.

Samstag, 29. Juli 2017

Advent in Marzahn - jeden Samstag ab 9:30 Uhr

Eine Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten hatte ich wohl bisher noch nie besucht. Eine dieser Gemeinden trifft sich jeden Samstag zum Gottesdienst in der Kirche Marzahn/Nord.



Wenn sich Gemeinden die Räume teilen, kann es gelegentlich zur Überschneidung von Interessen kommen. Sehr praktisch, wenn eine Adventgemeinde als Untermieter fungiert. Adventisten praktizieren ihren Glauben antizyklisch:

Ankunft

Advent ist für sie kein Zeitraum am Jahresende. Advent ist vom lateinischen Wort für Ankunft abgeleitet und steht für die Erwartung der baldigen Ankunft von Jesus. Da es sich bei Jesus eher um eine Wiederkehr oder Rückkehr handelt, hätten auch Namen wie Revent- oder Reditus-Gemeinde gepasst. Den Advent kennt aber in unseren Regionen jeder. Das gibt einen guten Anknüpfungspunkt für Gespräche.

Sabbat

Das zweite markante Alleinstellungsmerkmal ist die Heiligung des 7. Tages, des biblischen Ruhetages, des Sabbats. Deshalb treffen sich Adventgemeinden am Samstag zum Gottesdienst und haben diese Wocheneinteilung sogar in ihren Namen aufgenommen: Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten.

Bibelgespräch und Predigt

Gottesdienste der Adventgemeinde Berlin-Marzahn beginnen am Samstag um 9:30 Uhr. Die folgenden zwei Stunden beinhalten zwei wesentliche Teile: Bibelgespräch und Predigt. Das sei weltweit so üblich und habe sich bewährt. Die beiden Teile könnten auch in der Reihenfolge gedreht werden, gehörten jedoch elementar zur Sabbat-Feier.

Umrahmt wurden das Bibelgespräch und die Predigt heute durch acht Lieder, die gemeinsam gesungen wurden. Davon kannte ich 25%. Ansonsten hängte ich mich an den Gesang der Gemeinde. Nur bei einem Lied wurden Strophen ausgelassen.

Auch die bekannten Elemente Kollekte, Schriftlesung und Ansagen gab es. Sehr erfreut war ich über die Aufforderung, am Mikrofon über aktuelle Erlebnisse mit Gott zu berichten. Die persönliche Beziehung zu Jesus spielt hier eine wichtige Rolle. Jeder hatte seine Bibel dabei. Auch ein Alleinstellungsmerkmal. Dass das so sein könnte, war mir beim Frühstück eingefallen, so dass auch wir zwei Besucher aus der Nachbarschaft eine Elberfelder und eine Schlachter dabei hatten.

Bibel, Gesetz und Galaterbrief

Ohne die Bibeln wären wir beim Bibelgespräch sehr aufgefallen. Die etwa dreißig Gottesdienstbesucher im Altersdurchschnitt von Mitte fünfzig wurden in zwei Gruppen geteilt und in zwei Räume geleitet. Es ging um Galater 3. Die Gemeinde hatte sich über die Woche schon auf Soli Fide (nur aus Vertrauen) nach dem Vorbild Abrahams vorbereiten können.

Der Brief an die Galater ist insofern eine pikante Lektüre, da die Befolgung der Gesetze des Alten Testamentes wichtiges Merkmal adventistischer Frömmigkeit ist. Den Sabbat am Samstag als Ruhetag einhalten, keinen Alkohol trinken, nicht rauchen, keinen Schmuck tragen, kein Schweinefleisch essen waren einige der Regeln, die während der geleiteten Diskussion genannt wurden.

Einige der Teilnehmer setzten sich sehr ehrlich mit ihren Grenzen bei der Einhaltung der Gesetze auseinander und wiesen auf die Freiheit hin, die wir in und durch Jesus haben. Zu viel Frömmigkeit deute auf eine Leiche im Keller hin.

Wachstum im Süden

Weltweit werde über die Woche dasselbe Thema behandelt. So sind alle 19 Mio. Adventisten über den Sommer mit dem Galaterbrief beschäftigt. Jährlich kommen über eine Million Adventisten dazu. Das stärkste Wachstum ist in Afrika und in Südamerika zu verzeichnen. Europa rangiert im Promille-Bereich. In Deutschland gibt es knapp 100 Adventgemeinden, die regional teilweise in Körperschaften des öffentlichen Rechts zusammengefasst sind. Das hat Auswirkungen auf die organisatorische Bewegungsfreiheit und die Steuerzahlung. Apropos Steuern: 2014 hatten die Adventisten weltweit etwa 3,4 Mrd. USD erwirtschaftet, was einer Steigerungsrate von knapp 4% zum Vorjahr entspricht.

Advent nach Lukas 15

Die Predigt war in die zweite Stunde des Gottesdienstes eingebettet. Es ging um den verlorenen Sohn aus Lukas 15, 11-24. Der Referent habe schon einmal darüber gepredigt und nun weitere interessante Aspekte gefunden. Sein Fokus lag auf dem Auslandsaufenthalt des Sohnes, seiner möglichen Motivation der Freiheitsliebe und den Freunden, die mehr seine Ressourcen als ihn selbst liebten. In Vers 20 lesen wir: "und aufstehend kommt er zu seinem Vater ..." auf Latein "et surgens venit ad patrem suum". Da war es wieder, das Wort venire, das auch im Advent steckt.

Nach dem Gottesdienst wurden wir von vielen Leuten angesprochen und unterhielten uns noch über eine halbe Stunde mit ihnen. Kaffee oder Snacks gab es nicht. Das war uns egal, schließlich waren wir ja wegen des Sabbat-Gottesdienstes hier.

Samstag, 22. Juli 2017

Die Umarmung des Prinzen

Serienfotos offenbaren Details, die dem bloßen Auge entgehen. Sie fangen Mikrogesten ein oder dokumentieren Details auf Nebenschauplätzen. So auch beim Besuch von Prinz William im Kinderhaus Bolle.



Menschentrauben umgaben das Prinzenpaar aus England. Von den 15 Minuten im Garten des Kinderhauses Bolle am letzten Mittwoch waren William und Kate nur etwa drei Minuten so gut sichtbar, dass die Fotografen ihrer Arbeit nachgehen konnten. Dabei lag der Hauptfokus auf der Herzogin von Cambridge. Ihr Gatte William stand mehrfach frei, ohne dass die Fotografen Notiz davon nahmen.

Gestelltes Gruppenbild und Serienfotos

Die letzten drei Minuten wurden zur Sortierung des Gruppenfotos verwendet. Es müssen um die hundert Kinder, Jugendliche und Erwachsene gewesen sein. Auch Botschafter Sebastian Wood und Bürgermeister Müller waren dabei. Dann löste sich die Formation auf und die adligen Herrschaften strebten dem Ausgang entgegen.

Ich hielt mit der Kamera drauf, zoomte heran und Klack, Klack, Klack, Klack ... die Serienfotos wurden eingesammelt. Hauptsache, die Protagonisten waren mittig und scharf vor der Linse. Knapp 70 Bilder wurden an diesem Nachmittag geschossen. Einige wurden gleich vor Ort aussortiert und die anderen später am Bildschirm gesichtet.

Die Auswertung

Zunächst konzentrierte ich mich auf die Bewegungsabfolge der markanten Kate mit ihrem blauen Kleid. Ein Kind hielt ihr eine Karte mit der "Abend Show" des rbb entgegen. Sie bemerkte das Kind, überflog die Karte, lächelte und drehte sich dann zu ihrem Mann. Die beiden Bodyguards hinter ihr bildeten mit ihren Körpern dezent eine Kapsel um sie und drängten charmant das Kind mit der rbb-Karte ab. Sehr professionell, wie man es auch von den Bodyguards unserer Spitzenpolitiker kennt.

Die Umarmung des Prinzen Lukas 15, 11-32
Die Umarmung des Prinzen - spontan und frei nach Lukas 15, 11-32


Parallel-Handlung

Der - wie so oft - unscheinbare William stand frontal zur Kamera. Ein kleiner blonder Junge kam auf ihn zu. Er war vielleicht einen Meter groß. Kaum hatte er den Prinzen erreicht, umklammerte er ihn und verharrte in dieser Position. Der Prinz legte seine Hände auf den Rücken des Jungen und der Junge ruhte faktisch in dieser Umarmung. Die Konstellation erinnerte an "Die Rückkehr des verlorenen Sohnes" von Rembrandt.

Während Kate noch mit der "Abend Show" beschäftigt war, beugte sich der Prinz weiter herunter und ließ seine Hände auf dem Rücken des Jungen ruhen. Beide verharrten darin. Mehrere Sekunden lang. Das letzte Serienfoto zeigt Kate, die Bodyguards und die umstehenden Kinder, wie sie diese Szenerie anschauen. Alles fokussiert sich auf William und den kleinen Jungen. Dann Rücken vor dem Motiv, Hektik, Ausgang, Abfahrt und der nächste Termin.

Die Umarmung des Prinzen

Was diese Umarmung in dem Kind ausgelöst haben mag? Das erste Mal Geborgenheit? Das erste Mal Anerkennung durch einen Erwachsenen? Das erste Mal bemerkt? Die erste Begegnung mit einem echten Prinzen?

So fühlt es sich wohl an, wenn ein Mensch zu Jesus kommt. In Lukas 15 kommt ein Sohn zurück zu seinem Vater, nachdem er aus eigenem Antrieb alles verspielt und verloren hat. Sein Vater hatte lange auf ihn gewartet, er freut sich über die Rückkehr und nimmt ihn wieder in Liebe auf.

In Vers 20 lesen wir, was der Vater des zurückgekehrten Sohnes tat: "... und er rannte zu ihm, fiel ihm um den Hals und küsste ihn."

Mittwoch, 19. Juli 2017

William und Kate besuchen das Kinderhaus Bolle in Marzahn

Während das Image von Marzahn zurzeit durch die Presse demontiert wird, war es heute Anlaufpunkt für die Sympathieträger der Monarchie: William und Kate. Sie besuchten das Kinderhaus Bolle.



Als wir über den Film "Spuk unterm Riesenrad" redeten, warfen unsere Freunde ein: "Wir hatten letztens mal wieder ein Video über Marzahn kurz nach der Wende gesehen". Überall brauner, roter, grauer Waschbeton, schlammige Straßen und Grün im Anfangsstadium.

Wandel und dessen Akzeptanz

Mit dem Wechsel ins neue Jahrtausend war ein deutlicher Wandel der Atmosphäre in Marzahn zu spüren. Die Häuser wurden bunter, die Freiflächen grüner, die Bäume höher, die Menschen entspannter. Es kamen verschiedene Missionsteams nach Marzahn, bei denen sich insbesondere die Frauen schwer taten mit dieser Wohngegend. Der familiäre Kompromiss war dann das Haus am Stadtrand oder die Wohnung in einer Neubau-Enklave hinter der mentalen Grenze zur Plattenbau-Siedlung, dem Blumberger Damm südlich der Landsberger Allee.

Die allseits beliebten Gärten der Welt liegen ebenfalls in diesem Planquadrat. Dort findet zurzeit die IGA 2017 statt. Dass die Besucherzahlen von einer Million bis zur Halbzeit nicht erreich wurden, liefert Futter für die tendenziöse Berichterstattung. Brauchst du einen Bericht über soziale Problemfälle? Geh nach Marzahn/Hellersdorf!

Dass selbst Stadtteile wie die Bronx in New York eine positive Wandlung erfahren können, durfte ich im letzten Jahr erleben. Etwa zehn Jahre hatte es gedauert, das Klima dort zu verändern. Viel Gebet, die Entstehung neuer Gemeinden und das damit verbundene Umdenken der bislang trostlosen Menschen.

William Kate Kinderhaus Bolle Marzahn
Kinder beim Fußball im Kinderhaus Bolle in Marzahn
Hidden Champion

Marzahn verfügt über eine sagenhafte Infrastruktur, hat eine gute Autobahnanbindung, ausgedehnte Grünflächen und bemerkenswerte Einfamilienhaus-Siedlungen. Viele Autos vor unserem Hochhaus sind schwarz und liegen im Neupreissegment oberhalb der 50.000 Euro. Im Umkreis von 800 Metern stehen hier fünf neue BMW 7er, S-Klassen und große Audis. Was die Presse nicht wahrhaben will, wissen Autodiebe schon lange.

Gefälle

Dennoch gibt es in Marzahn/Hellersdorf ein starkes Nord-Süd- und Ost-West-Gefälle. Anna aus Biesdorf distanziert sich von Chantal aus Marzahn/Nord oder von Igor aus Ahrensfelde. Wobei das sich anschließende Dorf Ahrensfelde wieder gut situiert ist. Ein Marzahner will auf gar keinen Fall als Hellersdorfer gelten. Solche Dinge kennt man auch aus dem Konflikt zwischen Berlin und Spandau.

Die Arche in Hellersdorf und das Kinderhaus Bolle haben also ihre Berechtigung. Beide Häuser sind voll mit Kindern, deren Eltern lieber andere Dinge tun oder kein Geld für eine warme Mahlzeit haben. Bolle-Chef Eckhard Baumann ist eine gewisse Zeit bei der Arche mitgelaufen und versteht sich auf die Regeln des Fund Raisings. Die Arche und Bolle sind originär christliche Einrichtungen. Versuche, die Kinder und Jugendlichen in Gemeinden zu integrieren, waren jedoch selten von Erfolg gekrönt. Dennoch kennen sie die Basics von Gottes Liebe, Jesus, Vergebung und anderen geistlichen Tatsachen. Das lernen sie spielerisch an den Nachmittagen oder auf den gemeinsamen Freizeiten.

William Kate Kinderhaus Bolle Marzahn
William und Kate besuchen das Kinderhaus Bolle in Marzahn
Eckhard Baumann mit Krawatte und Bundesverdienstkreuz

Beim Besuch des Prinzenpaares trug Eckhard Baumann Anzug, Krawatte und die Bandschnalle des Bundesverdienstkreuzes. Diese Optik ist seine Zielgruppe nicht gewohnt. Dennoch wurde er voll akzeptiert, als er mit dem Megaphone das Fußballspiel beendete und zum Gruppenfoto mit William und Kate aufrief.

Die Besucher von der Insel inklusive Botschafter und Bürgermeister Müller waren etwa 40 Minuten vor Ort. Auf der Hohensaatener Straße waren sogar Lieferwagen wegen des Parkverbotes umgesetzt worden. So konnten die Eltern und Schaulustigen aus Marzahn der Ankunft um 15:20 Uhr beiwohnen. Ich hatte schon über eine Stunde im Garten hinter dem Haus ausgeharrt.

15:36 bis 15:51 Uhr im Garten

15:36 Uhr traten sie aus dem Haus. Jubel, Fähnchen und dann das Bad in der Masse. Die Fotografen neben mir ließen die Kameras sinken. Kate war nicht mehr zu sehen. Nur Rücken und Kate-Doubles mit blauen Kleidern. Die Traube bewegte sich zum Stand der Robert-Enke-Stiftung. Kate war verdeckt. Niemand bemerkte, dass William noch an der Treppe stehen geblieben war und mit zwei Leuten redete: Völlig frei zum Fotografieren. Dann verschwand auch er in der Menschentraube am Robert-Enke-Zelt. Diesmal verdeckt durch die Rücken der britischen Presse. "Tolle Aufnahmen!", wie der Pressefotograf zu sagen pflegt. William und Kate hatten jedenfalls keine Berührungsängste mit den Kindern aus Marzahn.

Dann bekam Kate einen Rosenstrauß überreicht, den sie lächelnd annahm und kurz darauf einer Bediensteten weiterreichte. Dann das oben erwähnte Gruppenfoto und kurz darauf der Abgang. Die Viertelstunde hinter dem Haus war somit in folgende Abschnitte gegliedert: Menschentraube an der Treppe 5 Minuten, Menschentraube unter dem Robert-Enke-Zelt 7 Minuten, Blumenstrauß mit Gruppenfoto und Abgang 3 Minuten. Alles exakt geplant, zumindest was die insgesamt 15 Minuten im Garten von Bolle betrifft.

Zurück in die City

William und Kate mussten wieder zurück in die City. Ab 16:35 Uhr stand ein Gesprächstermin mit dem Bundespräsidenten auf dem Programm. Da ich dazu auch angemeldet war, raste ich hinterher. Als ich ohne Blaulicht dort eintraf, kamen die Kollegen mit ihren Kameras bereits wieder heraus. Zu spät.

Sonntag, 16. Juli 2017

Zwei Degen und eine Zeitreise: Kirche Marzahn/Nord

Die Evangelische Kirchengemeinde Marzahn/Nord nutzt das letzte Kirchengebäude, das vor dem Ende der DDR eingeweiht wurde. Sehr spontan hatten wir uns für den Besuch des dortigen Gottesdienstes entschieden.



Meine Schwiegermutter hatte sich um 9:36 Uhr per WhatsApp zum Mitkommen angemeldet. Der Rest der Familie hatte andere Pläne. Zwei Freunde aus Marzahn kamen mit dem Fahrrad. Man musste sich bücken, wenn man den Seiteneingang zur Kirche nutzen wollte. Dieser war mit einem weißen Schlauch versehen, an dessen Anfang das heutige Datum stand. Eine Zeitreise ins Innere der Kirche.

Zugang durch den Tunnel

Da ich mich in der Kirche Marzahn/Nord nicht so gut auskannte, spähte ich in die verschiedenen Seitenräume des Ganges. Schließlich landete ich im Gemeindesaal. Die Wände waren mit Tüchern verhangen. Der Altarbereich wirkte königlich und antik mit silbernen und goldenen Tüchern sowie dunklen ehrwürdigen Vorhängen.

Meine Schwiegermutter hatte ich direkt vor der Tür abgesetzt und war dann noch mit der Parkplatzsuche beschäftigt gewesen. Offensichtlich hatte sie sich im Gang verlaufen und kam erst deutlich nach mir in den Saal. Um 10:30 Uhr begann der Gottesdienst mit einem alten Kirchenlied. Pastorin Dang gab eine kurze Einleitung und kündigte den bevorstehenden Einsatz von zwei Degen an: Monika und Rolf Dieter Degen.

Zwei Degen, 150 Psalmen und das Leben eines Königs

Monika platzierte sich unauffällig an der Technik während ihr Gatte uns auf eine Zeitreise mitnahm. Wir wurden etwa 3.000 Jahre zurück katapultiert. Der Hirtenjunge David saß am Tisch und schrieb Psalm 23. Er wolle sich erinnern und nichts vergessen von den großen Taten Gottes in seinem Leben. Rolf Dieter Degen rezitierte Ausschnitte aus vielen Psalmen und verband diese mit der Chronologie des Lebens von David. Scharfsinnig interpretierte er die Zusammenhänge der Geschehnisse im Leben des zweiten Königs von Israel.

Voll Spannung klebten die Zuhörer an seinen Lippen und den langsamen Bewegungen des Degens. Es waren um die siebzig Besucher erschienen. Das entsprach in etwa auch dem Durchschnittsalter.

Schilder, Bibeltexte, Bausubstanz

Nach einer Stunde, einem weiteren Lied, dem Vaterunser und dem Segen war der Gottesdienst zu Ende. Die Gemeinde wurde auf die Schleusinger Straße hinaus geführt, wo neue Tafeln mit Texten aus der Bibel aufgestellt waren. Auch die Künstlerin war dabei und wurde mit einem Blumenstrauß geehrt. Die Texte verbinden wichtige Aussagen aus dem Neuen und Alten Testament miteinander.

Das Gemeindehaus, der Garten und das Pfarrhaus machen einen sehr gepflegten Eindruck. Finanzielle Engpässe scheint es in Marzahn/Nord nicht zu geben. Im Garten staunten wir über die liebevoll angeordneten Tonfiguren und Tontafeln, die die 10 Gebote und biblische Geschichten darstellten. Ganz neu war die Bühne am Ende des Gartens - der Traum eines jeden Lobpreisleiters, der noch mit dem Fallstrick Selbstdarstellung kämpft.

Vor dieser Bühne gab es Eintopf mit Würstchen sowie Kaffee und Kuchen. Spontane Life-Musik mit Gitarre und Gesang untermalte das Essen und die Gespräche an den Tischen.

Gebückt durch die enge Pforte

Und dann war es endlich so weit: Die Akteure der Zeitreise hatten das Essen, die Gespräche, die Danksagungen und das Geschirr-Wegbringen erledigt und waren bereit zum Einsatz in der Historie.

Wieder liefen wir gebückt durch den Schlauch am Seiteneingang. Diesmal fiel mir auf, dass viele Personen der Geschichte mit Mitte fünfzig aus dem Diesseits geschieden waren. Sollte mir das zu denken geben? Mein Hausarzt hatte eine Reduzierung der Körperfülle empfohlen und dabei auf den Herzinfarkt mit Mitte vierzig verwiesen. Hatten alle diese berühmten Leute einen Herzinfarkt? Nein, einige waren wohl auch an der Pest gestorben.

Dann kamen wir zur ersten Station: Saul. Saul war nicht da. Scheinbar musste er noch Tassen in den Geschirrspüler räumen. Irgendwann erschien er. Er war ja schließlich der König. Freudig berichtete er über seine psychischen Probleme und die Beziehung zu David. Der Schrubber-Stiel in seiner Hand hatte am unteren Ende eine bedrohlich wirkende Spitze.

Paul Gerhard und zwei Unbekannte

Schnell gingen wir weiter - kurz über den Flur - 1.000 Jahre später in Jerusalem. Hier ging es um Petrus, der kurz vor der Verurteilung von Jesus plötzlich nicht mehr wusste, dass er mal mit Jesus durch die Gegend gezogen war. Es schloss sich eine Station mit dem weniger bekannten Johannes Agricola (1494 - 1566) an. Diesem folgte der bekannte Paul Gerhard (1607 - 1676) und der wiederum eher unbekannte Franz Theremin (1780 - 1846). Frau Dang konnte besonders viel über Franz Theremin, dessen Werk und Familie berichten.

Die Zeitreise sollte wohl eher am späten Abend durchgeführt werden. Beim Flackern der Kerzen entfalten die Kulissen bestimmt eine sehr realistische Wirkung.

Sonntag, 9. Juli 2017

Dorfkirche Marzahn wächst weiter

Vor einem halben Jahr wurde Lucas Ludewig als neuer Pfarrer in der Dorfkirche Marzahn begrüßt. Heute besuchten wir dort einen Gottesdienst.



Der gute Ruf als innovativer Vertreter des klerikalen Standes war Lucas Ludewig schon damals vorausgeeilt, nachdem er mit einem Star-Wars-Gottesdienst die Aufmerksamkeit der Presse auf die Zionskirche gelenkt hatte. Unsere Mutter und Schwiegermutter besuchen seit einiger Zeit regelmäßig die Veranstaltungen der Dorfkirche Marzahn. Auch sie sind vom Neuen in Schwarz begeistert.

Der Pfarrer mit dem gewinnenden Lächeln stand am Eingang der Kirche und begrüßte die Besucher. Ich skizzierte ihm kurz die familiären Zusammenhänge, als wir mit der geballten Verwandtschaft den rotbraunen Sakralbau betraten.

Heute wollten wir Lucas Ludewig mal predigen hören. Im Innenraum hatten sich etwa 80 Personen eingefunden. Damit war der untere Bereich fast komplett besetzt. Einige Besucher wichen auf die Empore aus. Der Kampf um angestammte Sitzplätze stellt seit Einführung von Pfarrer Ludewig eine immer größer werdende Herausforderung dar. Wir freuten uns über das deutliche personelle Wachstum.

Unsere Mütter begrüßten ständig ihre gleichaltrigen Freundinnen aus dem Seniorenkreis. Dann gab es noch einen Platzwechsel wegen der Hörgeräte und der Gottesdienst konnte beginnen. Orgelspiel, ein modernes Lied und dann die Ansagen des Pfarrers. Er werde heute nicht predigen, sondern die Bühne - also den Altarbereich - für die Kinder und Jugendlichen freigeben. Sie hatten ein Musical einstudiert.

Mit zunehmendem Alter nahm die Textsicherheit ab, selbst wenn nur ein Wort vorzutragen war. Die jüngeren Kinder schlugen sich dafür sehr gut, wobei schlagen wohl das falsche Wort ist, da es um Reformation und die Liebe Gottes ging. Es wurde viel gesungen und oft die Kleidung und die Kulisse gewechselt. Langer Applaus für die Kinder!

Nach Gebet, Abschlusslied und Segen wurde die Gemeinde zum Sommerfest eingeladen. Dieses startete unmittelbar nach dem Gottesdienst: Grillwurst, Hüpfburg, Kaffee und Kuchen.

Montag, 17. April 2017

IGA 2017 - Gottesdienst in der Arena

Christen in der Arena gab es schon vor 1900 Jahren in Rom. Der heutige Aufenthalt in der Arena war nicht ganz so gefährlich und kostete statt der körperlichen Unversehrtheit je nach Personengruppe bis zu 90 Euro.



Die IGA 2017 Internationale Gartenausstellung war am Gründonnerstag in Berlin-Marzahn eröffnet worden. Wo vor drei Tagen der Bundespräsident und die Altrocker-Band Karat auf der Bühne standen, agierten heute der Gospelchor "Bona Deus" und die Band "Patchwork". Patchwork wird inzwischen wohl mehr auf eine weit verbreitete Familienform als auf eine Decke aus verschiedenen Stoffteilen bezogen.

Ökumenischer Gottesdienst

Der ökumenische Ostergottesdienst unter dem Titel "O Happy Day" war schon im März angekündigt worden. Es wurden vergünstigte Karten vermittelt, so dass es 2.500 Vorverkäufe gab. Das entspricht der Hälfte der geladenen Gäste zur Eröffnung am Gründonnerstag.

Das Wetter war jedoch genauso durchwachsen wie vor drei Tagen, so dass nur etwa ein Drittel der Ticketinhaber in der Arena erschienen waren. Den Altersdurchschnitt schätzten wir auf fünfzig. Während kurzer Schauer wurden bunte Regenfolien übergestreift. Die Helfer mit ihren gelben Jacken waren dennoch gut zu erkennen. Zu Beginn hatten sie kleine Faltblättchen mit den Liedtexten und dem Gottesdienstablauf verteilt. Am Ende halfen sie an den Gebetsstationen. Es wurde Weihrauch verbrannt und hüllte die Arena in den Gärten der Welt in seinen markanten Duft.

Osterhase und Osterbotschaft

Die Halleluja-Rufe von der Bühne erinnerten an den Münchner Engel Aloisius beim "Frohlocken". Die vorderen Blocks gingen nach wiederholtem und lauter werdendem "Halleluja" willig mit. Der Moderator, Pastor einer Berliner Baptistengemeinde, wirkte etwas unvorbereitet und teilte seiner ökumenischen Zuhörerschaft freudig mit, dass der Osterhase die Osterbotschaft bringe. In diesem Zusammenhang könnte der Lehrplan der Theologischen Hochschule Elstal etwas nachjustiert werden.

Der Gärtner

Anschließend trat weder der Osterhase noch einer der pelzigen Freunde, die während der IGA zum Fotoshooting animieren, auf die Bühne, sondern Probst Dr. Christian Stäblein von der EKBO. Er trug einen schwarzen Talar und ein großes silbernes Kreuz um den Hals.

Er hielt eine sehr anschauliche Predigt. Es ging um Johannes 20, 11-18 mit Maria und ihrer Annahme, Jesus sei der Gärtner. Der Gärtner kümmere sich um das Leben und der Gärtner entsorge tote Pflanzen oder gelegentlich auch andere Tote. Es sei allgemeines Klischee, dass der Gärtner insbesondere in britischen Krimis der Mörder sei. Jesus sei als Gärtner auch zum Mörder geworden. Er habe den Tod getötet. Eine spitzfindige Pointe zu diesem Bibeltext und eine gelungene Brücke zur IGA 2017.

Apropos Brücke

Da die Eintrittskarten für den Besuch der gesamten Ausstellung galten, hatten wir vorab einige Stationen in den Gärten der Welt besucht. Besonderes Interesse bestand an der kunstvoll gestalteten Friedhofslandschaft. Beide Omas hatten innerhalb der letzten zwei Jahre Abschied von ihren Ehepartnern nehmen müssen. Auf einer Bank neben den Grabsteinen aßen wir selbst gebackene Schokokekse und Bouletten.

Dann liefen wir zur Seilbahn und ließen uns über den Kienberg nach Hellersdorf gondeln. Anstehen sowie Hin- und Rückfahrt hatten insgesamt nur zwanzig Minuten gedauert, so dass wir tatsächlich fünf Minuten vor Gottesdienstbeginn in der Arena saßen.

Samstag, 4. März 2017

Essen gehen nach der Hochzeit - Johannes 2, 17

Beim wiederholten Lesen des Neuen Testamentes kam ich gerade bei Johannes 2 vorbei. Erstmalig fiel mir dabei auf, dass Jesus nach der Hochzeit zu Kana noch Essen gegangen war. Gab es in Kana nur Wasser und Wein?



Aus dem Stegreif hätte ich nicht beantworten können, welche Begebenheit zwischen der Hochzeit zu Kana in Johannes 2 und der Begegnung mit Nikodemus in Johannes 3 berichtet wird.

Das nächtliche Treffen mit Nikodemus ist deshalb so bekannt, weil darin der Schlüsselsatz Johannes 3 Vers 16, "So sehr hat Gott die Welt geliebt ...", steht. Die Hochzeit zu Kana haftet gut im Gedächtnis, weil darüber regelmäßig gepredigt wird. Jesus vollbringt dort sein erstes Wunder und macht Wasser zu Wein. Letzteres dient als willkommenes Argument, wenn in Gemeindeleitungen über Traubensaft versus Rotwein beim Abendmahl diskutiert wird.

Aber was steht zwischen diesen beiden Texten?

Jesus geht mit seinen Schülern zum Passah-Fest nach Jerusalem. Das nächste Fest. Im Tempel sieht er die Verkäufer von Tauben und anderen Artikeln sowie die Geldwechsler. Er baut sich eine Peitsche und treibt die Händler und Banker aus dem Tempel. In Matthäus 21, Markus 11 und Lukas 19 erinnert er daran, dass der Tempel ein Haus des Gebetes sei und vergleicht die aktuelle Erscheinungsform mit einer Räuberhöhle (speluncam latronum).

Gebet in der Räuberhöhle

In Johannes 2 fehlt der Hinweis auf das Gebetshaus und auch die Räuberhöhle wird nicht genannt. Dafür vergleicht Jesus den aktuelle Zustand mit einem Geschäftshaus. Ein Geschäftshaus, das in der Wortbedeutung über das normalerweise verwendete "Kaufhaus" hinausgeht. Hier spielt sich nicht nur B2C (Business to Consumer) ab, sondern auch B2B (Business to Business). Sofort stehen Bilder von Messen wie der Grünen Woche oder Kongressen der Versicherungswirtschaft vor Augen. Buntes Treiben, Seminare, Vorträge, prall gefüllte Goody Bags, gehobener Geräuschpegel und Werbe-Rollups.

Und nun stelle man sich Jesus mit einer selbst gebastelten Peitsche vor.

Heute hätte er sicher die Schlüsselbänder seiner Begleiter eingesammelt, diese zusammengeknotet und die metallischen Karabiner zur Aufnahme der "Badges" (Eintrittskarten mit Name und QR-Code) als Endstücken zur Zerstörung der Rollups verwendet. Rollups kippen, Goody Bags fliegen durch den Raum, Kugelschreiber purzeln auf den Boden. Ein Standbetreuer fällt in einen Berg von Plüschbären mit Werbeaufschrift. Eine Kaffeetasse zerschellt auf dem Boden und beschmutzt den Anzug eines Besuchers. Soweit das Szenario, bis die Ordnungshüter der Zerstörung Einhalt gebieten.

Nach seinem ersten Wunder räumt Jesus erst einmal auf. In Vers 17 des zweiten Johannes-Kapitels wird diese Aktion mit Psalm 96,10 begründet, worin es heißt: "Der Eifer um dein Haus verzehrt mich". Diesen Satz haben wir sicher auch schon oft in Predigten gehört oder bei Menge, Schlachter und Elberfelder gelesen. Der revidierte Luther übersetzt: "Der Eifer um dein Haus wird mich fressen". Eifer, Verzehren und Fressen sind Worte, die im gesprochenen Text des 21. Jahrhunderts nur noch selten vorkommen. Der "Verzehr von selbst mitgebrachten Lebensmitteln" ist zwar in einigen Restaurants untersagt oder jemand der keine Ahnung hat, soll nach Dieter Nuhr "einfach mal: Fresse halten". Ansonsten sollte sich eine Bibelübersetzung aber der aktuellen Verbalkommunikation anpassen. Die Volxbibel trifft mit ihrer zielgruppenorientierten Übersetzung "Die Leidenschaft für deine Hütte brennt in mir" ebenfalls den Sinn hinter der Aussage.

Eifersucht und Fanatismus

Gestolpert war ich über Vers 17, weil im Neuhebräischen das Wort für Essen verwendet wurde. Das hebräische "achal" kann aber auch "verzehren", "wegätzen" oder "verbrennen" bedeuten. Feuer verzehrt ja auch das Brennmaterial. Gerade an dieser Stelle wird deutlich, dass die Volxbibel einen sprachlichen Weg geht, der durchaus mit Urtext und Bedeutung harmoniert.

Das lateinische "comedere" bringt an dieser Stelle noch ein gewisses Maß an Genuss mit. Es kann mit "aufessen" oder "verprassen" übersetzt werden. Aber wer verprasst hier wen?

Jesus wird durch "Leidenschaft verzehrt". Eine Formulierung, die in Liebesschnulzen verwendet wird. Im hebräischen lesen wir von "qinath", was einen starken Akzent auf "Eifersucht" hat. Nachgelagert sind Bedeutungen wie "Eifer" und "Fanatismus". Der Lateiner spricht von "Zelus", was mit den neutestamentlichen Zeloten einhergeht und die stark politisierte Richtung von Eifer und Fanatismus bedient.

Eifer für ein Haus?

Beim zehnjährigen Jubiläum der Evangelischen Kirchengemeinde Marzahn/Nord hatten wir eine interessante Erfahrung gemacht. Dieses Haus war das letzte Kirchengebäude, dessen Grundstein vor Ende des Experimentes eines altruistischen Staates mit der Abkürzung DDR gelegt wurde. Während des Festaktes wurden alle Pastoren auf die Bühne gebeten, die die Gemeinde in den letzten zehn Jahren begleitet hatten. Sie wurden chronologisch sortiert und um einige Worte zu ihrer Zeit in Marzahn gebeten.

Bei den ersten Männern spürte man noch den Pioniergeist. Sie gingen durch die Hochhäuser und klingelten an den Türen. So manch ein Mieter mit Gehaltsbezügen aus dem Ministerium für Staatssicherheit öffnete und holte die Geistlichen hinter die gedämmte Eingangstür seiner Neubauwohnung. Das war eine spannende Zeit für die Gemeinde. Hauskreise entstanden und der übergangsweise Bedarf an Räumen wurde durch die benachbarte Katholische Kirche gestillt.

Je größer und fertiger jedoch das Gebäude wurde, umso stärker verschob sich der Fokus der Pfarrer vom Leben zum Haus. Es ging um den Architekten, die Gestaltung der Wände und den Altarbereich. Den Ausklang bildete ein Besucher, der entrüstet aufstand und in den Saal rief: "Es gibt noch zwei Hauskreise".

Kapelle versus Gemeinde

Insbesondere bei Baptisten hört man die antiquierte Formel "Wir gehen zur Kapelle". Eine gruselige Formulierung, an deren Optimierung ich schon bei meinen Eltern gescheitert war. "Wir gehen zur Gemeinde", war meine Alternative. Während eine Kapelle ganz klar ein Gebäude meint, hat "Kirche" eine Doppelbedeutung für Gebäude und Gemeinschaft. Diese Doppelbedeutung verschiebt sich bei "Gemeinde" weiter zugunsten von Gemeinschaft und kommt dem Anliegen von Jesus sehr nahe.

Dass Jesus nicht am Gebäude des Tempels klebt, zeigt seine spätere Ankündigung von dessen Zerstörung im Jahr 70, also 40 Jahre nach seiner Hinrichtung und Auferstehung. Gott verlässt bereits den ersten durch Salomo gebauten Tempel in den dramatischen Kapiteln acht bis elf des Hesekiel-Buches. Kurz darauf wird das Haus durch Nebukadnezar zerstört. Herodes lässt einen zweiten Tempel bauen und benötigt dazu 46 Jahre. Schon in Vers 19 des zweiten Johannes provoziert Jesus die Juden damit, dass sie den Tempel abreißen sollten und er ihn in drei Tagen wieder aufbauen werde.

Es wird deutlich, dass Jesus nicht nur Eifer für einen immobilen Sakralraum mit Gebetszweck entwickelt, sondern eifersüchtig um und für seine Gemeinde ringt. Eine Gemeinde, die mit lebendigen Steinen nach 1. Petrus 2,4 gebaut ist. Ein hybrides Gemeindehaus, in dem Jesus den finalen Eckstein, Caput Anguli (latein) oder Rosh Pinnah (hebräisch), bildet. Ein Haus, in dem Gebet möglich ist, in dem Ablenkung minimiert wird, ein Gebäude, in dem Jesus die Nummer Eins ist und Ruhe sowie einen geschützten Rahmen zur Begegnung zwischen ihm und seinen Leuten findet.

Sonntag, 8. Januar 2017

Dorfkirche Marzahn mit jugendlichem Charme

Der Jahreswechsel ging auch mit dem Wechsel des Pfarrers der Dorfkirche Marzahn einher. Heute besuchten wir den Gottesdienst anlässlich der Einführung von Lucas Ludewig in Alt-Marzahn.



Frederik Spiegelberg war nur ein knappes Jahr in der Dorfkirche Marzahn. Bei mehreren Anlässen hatten wir ihn erlebt und dabei festgestellt, dass seine Altersparameter nur bedingt mit dem jeweiligen Kontext korreliert hatten. Von daher ist es verständlich, dass er in die Jugendpfarrstelle Berlin-Nordost wechselt.

Sein Nachfolger in Alt-Marzahn heißt Lucas Ludewig. Er ist frisch gebackener Pfarrer und hatte bereits durch einen Gottesdienst mit Star-Wars-Analogien für Schlagzeilen gesorgt. Mit seiner Social-Media-Affinität ist er sicher der passende Mann für die demografischen Gegebenheiten der Nachbarschaft.

Lucas Ludewig ist einunddreißig und stand heute mit zwei weiteren Herren vor dem Altar, die ebenfalls schwarze Gewänder trugen, aber offensichtlich nicht zur "dunklen Seite der Macht" gehörten. Das war daran zu erkennen, dass sie keinen markanten Plastikhelm mit Beatmungsfunktion trugen. Statt dessen war ihr Kragen mit jeweils zwei weißen lutherisch geschnittenen Beffchen versehen. Einer der Herren war Frederik Spiegelberg, einer Lucas Ludewig und der Dritte war Pfarrer Hartmut Wittig aus Hellersdorf. Im Publikum saß unter anderem auch Pfarrerin Katharina Dang aus Marzahn-Nord. Sie hob sich mit ihrem roten Mantel vom amtlichen Schwarz ab.

Apropos Publikum: Etwa achtzig Gottesdienstbesucher zählten wir in der gut geheizten Kirche. Darunter waren auch mehrere Familien und Mittvierziger. Ein Trend, der durch Frederik Spiegelberg wohl auch unter Einbeziehung des evangelischen Dorf-Kindergartens angestoßen wurde Der heute neu eingesetzte Gemeindekirchenrat (GKR) machte mit seiner Altersstruktur ebenfalls einen frischen Eindruck.

Eingebettet in eine umfangreiche Liturgie war die relativ kurze Predigt des scheidenden Pfarrers. Er sprach über Mt 4, 12-17, wo Jesus von der Verhaftung des Täufers Johannes erfährt, dann durch Galiläa zieht und die dortigen Bewohner zur Änderung ihres Lebensstils aufruft. Er hatte wieder eigene Gedanken und Beispiele eingebaut. Wie wir aus den anschließenden Dankesreden erfuhren, konnte gerade diese persönliche Note in den Predigten als wichtiger Faktor zum Wachstum der Gemeindemitglieder beitragen.

Damit Gemeinde und neuer Pfarrer gleich wissen, wie diese mit dem GKR interagieren, wurden mehrere Grundsatzpapiere verlesen. Demnach geht es in der Dorfkirche Marzahn sehr demokratisch zu. Der Pfarrer hat gewisse Aufgaben wie Taufen, Abendmahlsausgabe und Predigten zu erfüllen und ansonsten alles in enger Zusammenarbeit mit GKR und Gemeinde zu leisten. Kraft seines Amtes ist er gleichberechtigter Teil der "Ältesten". Frederik Spiegelberg untermauerte das Gesagte noch mit einem Zitat aus dem fünften Kapitel des ersten Petrusbriefes, worin es um den vorbildhaften Umgang mit der "Herde" geht.

In den Grundsatzpapieren war neben der Verantwortung des GKR für eine biblische Predigt auch das Recht verankert, die Gottesdienstzeiten zu ändern. Das wäre angesichts einer jüngeren Zielgruppe eine wichtige Maßnahme. Neun Uhr war auch für uns heute sehr herausfordernd, zumal wir erst um drei von einer Geburtstagsparty nach Hause gekommen waren.

Jugendlicher Charme manifestierte sich dann auch nach dem Segen. Mit Orgel und Blasinstrumenten wurde das Muppets-Lied gespielt, während die drei Pfarrer und der GKR würdevoll zum Ausgang schritten.

Sonntag, 27. November 2016

#MarzahnConnection - Gebet für 260.000

Nur selten lässt sich die reale Zeit wie auf der Timeline eines YouTube-Videos zurückstellen. "Lola rennt" ist ein Film, der mehrfach an der gleichen Stelle einsetzt, aber immer einen anderen Verlauf der Geschichte erzählt. Im CVJM-Haus Trinity erlebten wir heute einen Rewind und Neustart mit Potenzial für eine rennende Lola aus Marzahn.



Mehrere Tische waren zu einer Tafel zusammengestellt. Die Sitzecke mit ihren bequemen schwarzen Lederpolstern war für die Gäste des Abends vorbereitet. Es waren vier Gebetsstationen eingerichtet. Erinnerungen an alte Zeiten des Wachstums einer gesunden Jugendkirche in Marzahn wurden wach. Damals feierten wir hier Gottesdienste und Themenpartys. Es gab vier große Hauskreise, die beständig wuchsen. Ja, damals ...

Als die Kanzlerin beim Besuch des Don-Bosco-Zentrums nach der Einwohnerzahl Marzahns fragte, antwortete die Bezirkspolitikerin Dagmar Pohle: "260.000". Eine Zahl, die mit der Population deutscher Kleinstädte wie Münster (296.000) vergleichbar ist. Die Gemeindelandschaft in Marzahn bedient viele traditionelle Bedürfnisse wie die evangelische Landeskirche, die Baptisten, die SELK und die katholische Kirche. Wachstum scheint es jedoch nur bei den Katholiken, dem Lichtblick e.V. oder Gemeinden mit Fokus auf Aussiedler zu geben.

260.000 Marzahner haben also nur dann eine Anlaufstelle für den christlichen Glauben, wenn sie sich auf traditionelle Strukturen einlassen, zur Zielgruppe des Lichtblick e.V. gehören, eine russische Prägung haben oder sich über die Bezirksgrenzen hinaus orientieren. Doch wo kann Otto Normalverbraucher aus Marzahn eine Beziehung zu Jesus aufbauen? In welche Gemeinde kann er ohne Bedenken seine Freunde oder Kollegen mitnehmen?

So saß heute eine gute Anzahl ehemaliger Mitglieder der Jugendkirche Marzahn (jetzt Kirche43) zusammen und überlegte und betete, wie eine neue Gemeinde im und für den Bezirk aussehen könnte. Die Atmosphäre war angenehm entspannt. Die Timeline nach CVJM Trinity (2006) wurde kaum thematisiert und bei Lobpreis, Andacht und Essen wurde vorwärts gedacht.

Da viele der Anwesenden bereits eine neue Homebase bei ICF, der Kreativen, JKB Treptow, Saddleback oder anderen Gemeinden gefunden hatten, verständigten wir uns auf regelmäßiges Gebet für den Bezirk und zum Hören auf die opportunen Instruktionen Gottes. Ein guter Plan, der allgemeine Zustimmung fand.

Montag, 3. Oktober 2016

Marzahn Connection und die German-American Reunification Party

Der 3. Oktober hat nicht nur seit 25 Jahren in Deutschland Tradition, sondern auch in der Geschichte von Gemeindegründung in Marzahn. Heute fand ein großes Wiedersehen der damaligen Akteure bei "Kulturschöpfer" im Friedrichshain statt.



Party, Essen, Gemeinschaft und eine geistliche Vision für den Kiez waren wichtige Merkmale des Gründungsprojektes Jugendkirche Marzahn. Das begann schon in den 1990er Jahren mit aktionsbetonten Veranstaltungen in Marzahner Jugendclubs und dem Freizeitforum.

Um das Jahr 2000 kam ein neues Team, das sich vorwiegend aus Amerikanern zusammensetzte. Und wieder gab es neben Englisch- und Basketballkursen diverse Partys im CVJM Jugendhaus Trinity. Das Team wurde von Jugendpastor Heiko Bürklin geleitet, einer der fähigsten Leiter und Teambuilder unter denen ich je gearbeitet habe. Vor etwa zehn Jahren ging er wieder nach Amerika zurück und wurde dort in einer Kontrastgemeinde eingesetzt. Hinter dem Flachbau in South Carolina, ganz in der Nähe des Wohnortes von Billy Graham, befand sich ein riesiger Gemeindefriedhof. Heiko erzählte, dass er dort mehr Beerdigungen als Taufen durchgeführt habe. Kontrastprogramm!

Der Rest des damaligen Teams und auch viele der Jugendlichen waren dann in die Trendbezirke Mitte und Prenzlberg umgezogen. Bei einer der diversen Hochzeiten gab es das obligatorische Gruppenfoto, wo das Ausmaß der Marzahn Connection sichtbar wurde. Über die gut zwanzig Jahre waren mehrere hundert Leute durch die Jugendkirche Marzahn gegangen und dabei geistlich und persönlich geprägt worden.

Heute war Heikos Frau Kay in Berlin. Sie arbeitet zur Zeit für eine Organisation, die sich um Flüchtlinge in Griechenland, Deutschland und anderen Ländern kümmert. Und was macht man bei solch einem Besuch?

Party!

Das Treffen reihte sich elegant in die Tradition diverser Gemeinde- und Gartenpartys zum Tag der Deutschen Einheit ein. Wir waren sehr früh vor Ort. Das heißt, fünf Minuten nach Beginn. Wird noch jemand kommen? Innerhalb der nächsten vier akademischen Viertel füllten sich die kreativ gestalteten Räume des "Kulturschöpfers". Leckerer Humus, Macarons, Nachos, Kuchen und Cookies wurden mitgebracht und standen für die großen und kleinen Gäste bereit. Kay begutachtete zunächst die Räume und beschäftigte sich dann intensiv mit den Besuchern. "Seid ihr groß geworden", wurde zwar kaum ausgesprochen, dafür aber mehrfach visuell ausgedrückt. Unsere Kinder sind inzwischen größer als einige der damaligen Jugendlichen. Witzig!

Kaffee, Cookies, Gespräche mit ehemaligen Missionaren, ehemaligen Marzahnern und Gemeindegründern aus der City. Ein bunter aber bekannter Mix von Menschen, mit denen wir einige Stationen unseres Lebens verbracht hatten. Eine Frau aus Mitte erzählte, dass sie über die Klimaveränderung in Marzahn seit der Jahrtausendwende immer noch begeistert sei und dass einige ihrer Innenstadt-Bekannten sogar ins grüne Marzahn umziehen wollen.

Könnte das der Anlass für einen Neustart werden? Ein Gründungsprojekt mit dem Namen "Marzahn Connection"?

Meine Frau jedenfalls war sehr betroffen von den Schilderungen zur Situation unserer ehemaligen Gemeinde. Einige der letzten Mitglieder waren auch auf der Party und fragten nach Alternativen. Ich empfahl ihnen diesen Blog und einige passende Gemeinden in der Stadt. Marzahn braucht Jesus! Und Marzahn braucht eine Anlaufstelle für Menschen, die eine Beziehung zu Jesus suchen. Für 260.000 Einwohner sind die vorhandenen Gemeinden zu wenig und teilweise auch zu sehr mit sich selbst und anderen Dingen beschäftigt.

Montag, 19. September 2016

CVJM Marzahn im Jugendhaus Trinity

Das CJVM-Haus Trinity ist ein ungewöhnlicher Flachbau inmitten der Hochhäuser von Marzahn. Es liegt in unmittelbarer Nachbarschaft des historischen Ortskerns Alt-Marzahn und verfügt über eine großzügige Außenfläche für Sommerfeste und Grillevents. Von Montag bis Freitag bietet der CVJM hier verschiedene Themenformate für Kinder und Jugendliche an. Die Räume inklusive der Freifläche lassen sich aber auch für eigene Veranstaltungen mieten.



Der CVJM Marzahn war bis zur Jahrtausendwende in einer Plattenbau-Kita untergebracht. Diese war so baufällig, dass nur noch wenige Räume genutzt werden durften und ein Umzug zwingend notwendig wurde. 2002 wurde das knallrote CVJM-Haus Trinity in Betrieb genommen und stellte sofort einen Magneten für die Kinder und Jugendlichen der Umgebung dar.

Unser damaliges Gemeindegründungsprojekt "Jugendkirche Marzahn" suchte Räume und fand diese im Trinity. Sonntags veranstalteten wir dort Jugendgottesdienste mit Band, Sketchen und Predigt. Einem dieser Sketche fiel eine Holztür des Trinity zum Opfer. Somit konnten wir erstmalig die Leistungsfähigkeit unserer Haftpflichtversicherung testen.

Neben den Gottesdiensten hatten wir hier auch anspruchsvolle Partys wie Night of the Oscars oder Schwarz-Weiß gefeiert.

Inzwischen haben die damaligen Jugendlichen schon die Zwanzig oder Dreißig überschritten und kümmern sich um die eigenen Kinder. Würden sie noch im Kiez wohnen, könnten sie ihre Kinder bald ins Trinity schicken. Dort werden sie von zwei engagierten jungen Frauen zu Jugendabenden, Andachten, Boys Only, Girls Only oder Koch-Nachmittagen willkommen geheißen.

Der große Raum bietet mit seinen Glasfenstern einen klaren Ost-West-Durchblick. Haus und Freifläche eignen sich zudem gut für Familienfeiern oder ähnliche Anlässe, an denen bis zu fünfzig Personen teilnehmen können. Die Mietkosten sind moderat und neben der Küche stehen auch ein überdachter Grillplatz und ein lauschiger Innenhof zur Verfügung. Auch Basketball oder Fußball können im Garten gespielt werden.

Da der Fokus auf Kinder und Jugendliche aus dem Kiez gerichtet ist, gibt es zwischen den CVJM-Häusern der Stadt bisweilen nur sehr oberflächliche Beziehungen. Eine Situation, die uns schon öfter in Berlin aufgefallen ist. Christliche Parallelwelten auf engstem Raum.

Sonntag, 18. September 2016

Dorfkirche Marzahn mit Taufe und Wahl

Die Dorfkirche Marzahn ist eine der bekanntesten Kirchen im Stadtbezirk. Zusammen mit der Marzahner Mühle dominiert sie den historischen Ortskern, welcher auch als Alt-Marzahn bekannt ist. Der Pfarrer der Dorfkirche war zu einer Zeit geboren, als die ersten Plattenbauten in Marzahn zusammen gesetzt wurden. Der Gottesdienst findet sonntags um 9:00 Uhr statt.



Aus Zeitgründen hatten wir heute einen frühen Gottesdienst in der Nähe gesucht und waren dabei auf einen Taufgottesdienst in der Dorfkirche Marzahn gestoßen. Taufe ist immer gut und stellt nach Römer 6,1-14 einen geistlichen Geburtstag dar.

Da wir die Effizienz von zwei möglichen Fußwegen testen wollten, teilte sich unsere Familie auf und eilte über Hauptverkehrs- und Kopfsteinpflasterstraßen. An den Laternen hingen Wahlplakate. Das Ergebnis war, dass beide Wege gleich schnell zum Ziel führten. So trafen wir etwa fünf Minuten vor Beginn an der Kirche ein und setzten uns in eine der vorderen Bankreihen.

Eine Minute vor Beginn strebte ein älteres Ehepaar auf unsere Bankreihe zu und durchbohrte Frau und Kinder mit einem nicht ganz bibelkonformen Blick: Hier gibt es Stammplätze! Das hatten wir zwar geahnt, aber nicht eindeutig erkennen können, da weder Namensschilder noch Badehandtücher ausgelegt waren. Badehandtücher mit gesticktem Gemeindelogo und Namenszug wären eine Marktlücke für christliche Versandhäuser und Büchertische.

Punkt neun dröhnte der erste Orgelton durch die Kirche. Wir zuckten zusammen. Die Frau neben mir justierte ihr Hörgerät nach. Der Gottesdienst hatte begonnen. Mit Orgelbegleitung wurden viele altbekannte Gemeindelieder gesungen. Im Wechsel dazu lief die übliche Liturgie mit Epistel, Predigttext und Gebeten ab.

In der Predigt ging es um Römer 10,9-15 mit dem Fokus auf Glauben und dem Reden darüber. Die Wahrnehmung der auf die Existenz Gottes hinweisenden Umwelt war einer der Punkte. Es ging um Glauben im Sinne von unrealistischer Vermutung versus Vertrauen und um Prediger, die einen kleinen geistlichen Samen ausstreuen, der Jahre später Frucht trägt.

Der Gottesdienst war nach weniger als einer Stunde zu Ende. Am Ende erfuhren wir auch, dass die Taufe abgesagt worden war. Schade!

Also spazierten wir durch Alt-Marzahn und liefen an den bunten Plakaten vorbei zum Wahllokal. Auf den Fußweg war "NO AFD" oder "SPD", "SPD", "SPD" gesprüht worden. Als ich an einen der Spitzenkandidaten dachte, den ich aus dem beruflichen Zusammenhang kannte, fiel mir ein neues Wort ein: Rudimentärkompetenz. Meinem Alter entsprechend wären jetzt eigentlich schon fast die "Grauen Panther" zu wählen. Aber nur fast, lieber wähle ich vorher noch einen schwarzen oder silbernen Jaguar.

Freitag, 3. Juni 2016

Kirche43 und Geschichten aus Marzahn

Kirche43, ehemals Jugendkirche Marzahn, ist ein gutes Beispiel für die Lebenszyklen eines Gemeinde-Gründungsprojektes. Besonders herausfordernd sind die Übergänge zwischen den Phasen, die eine tragfähige personelle Basis mit entsprechender Vision und Berufung benötigen.



Marzahn hat eine lange Geschichte. Eine Geschichte, die in Berlin gar nicht so bekannt ist, aber doch entscheidend die Stadtentwicklung beeinflusst hat. In den 1930er Jahren wurden Sinti und Roma im dörflichen Marzahn angesiedelt, da sie das olympische Stadtbild störten. Der Bahnhof Marzahn diente als Umschlagplatz für Zwangsarbeiter. Moderner Sklavenhandel. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges erreichten die russischen Truppen zuerst Marzahn und kämpften sich durch den homöopathischen Widerstand des aus Kindern und Rentnern rekrutierten Volkssturms in Richtung Innenstadt vor. Der noch heute erhaltene Dorfkern diente als Unterkunft für den Stab und die Dorfkirche als Markierungspunkt für die Bomber.

Ende der 1970er Jahre begann der Bau einer riesigen Plattenbausiedlung. Das Einfamilienhaus meiner Schwiegermutter wurde plattgewalzt und Wohnblöcke mit sechs, elf und mehr Etagen an dieser Stelle errichtet. Marzahn war durch grauen und dunkelroten Beton sowie schlammige Parkplätze und Zufahrtswege geprägt. Berliner konnten Stadtrundfahrten buchen, um sich das Leben in der neuen Siedlung anzusehen. Die Einwohner sprachen vorwiegend sächsisch, plattdeutsch oder vietnamesisch, was eine generelle Skepsis der Berliner erzeugte. Marzahn war wie ein dahingepflanzter Fremdkörper, ähnlich dem heutigen Potsdamer Platz.

Interesse an Marzahn


In Marzahn-Nord wurde die letzte Kirche der DDR erbaut und nach dem Fall der Mauer gab es einige wagemutige Missionare, die bewusst in diesen Stadtteil zogen, um dem über 95-prozentigen Atheismus einen anderen Akzent entgegen zu setzen. Als wir 2010 einen kleinen Hauskreis in Texas besuchten, trafen wir dort einen Briten. Er war 1991 beim großen OM-Event "Love Europe" in Berlin dabei und hatte sich insbesondere mit Marzahn beschäftigt. Kurz danach bildete sich ein Team aus mehreren jungen Männern und Frauen, die in diesen fernöstlichen Stadtteil zogen und dort Gospelchor, Englischunterricht und Jugendaktivitäten anboten. Es waren vorwiegend Briten, Amerikaner und Australier. Ab und zu gesellte sich ein Schwabe oder Badener dazu. Berliner waren für solch einen Umzug nicht zu gewinnen.

Jugendkirche Marzahn


Um die Wendezeit entstanden viele kleine aber lebhafte Gemeinden. Darunter waren die Christen in Marzahn-Hellersdorf, die Arche (Hellersdorf), die JKB (Junge Kirche Berlin in Hellersdorf) und eben auch die Jugendkirche Marzahn, liebevoll mit JKM abgekürzt. Das internationale Team, das unter dem Dach von OM wirkte, baute sehr intensive und gute Kontakte zu Jugendlichen des Bezirks auf. Bei einer Übungsstunde des Gospelchores fragte jemand: "Den englischen Text verstehe ich soweit, aber was bitte ist ein Jesus?". Diese Wissenslücken konnten ein oder zwei Jahre Kontakt zum OMer nicht kompensieren. Zudem waren die Kontakte so persönlich, dass sie nicht in ein tragfähiges Gemeindegeflecht übergeben werden konnten. Dennoch wurden in dieser Zeit viele Marzahner und Missionare durch JKM geprägt und Weichen für ihren weiteren Lebensweg gestellt. Auch wir zogen 1995 in eine echte "Platte", um die Arbeit vor Ort aktiv zu unterstützen. Wir sangen im Chor, übernahmen Teile der Veranstaltungsprogramme und Gottesdienste, trafen uns zu einem Hauskreis mit Erwachsenen und beteten regelmäßig für die entstehende Gemeinde und Marzahn.

Kurz vor der Jahrtausendwende stellte OM seine Aktivitäten im Stadtbezirk ein. Begründet wurde das mit dem Fokus auf die Auslandsmission und die ausbaufähige Unterstützung der Muttergemeinde in Schöneberg. Noch ein Jahr lang führten wir zusammen mit Jugendpastor Heiko Bürklin monatliche Gottesdienste im Freizeitforum durch. Dann musste auch er zum Heimaturlaub in die USA.

Gebet für Marzahn


Wir waren nun ganz alleine. Marzahn sah immer noch rotbraun und grau aus, wenngleich nicht mehr so schlammig. Ältere Ehepaare liefen mit Camcorder durch die Straßen und filmten ihre Freizeitaktivitäten. "Ei, gugge, die Agduelle Gammera", veranschaulichte uns, dass die jüngsten historischen Entwicklungen ausgeblendet wurden. Wir wussten, dass Marzahn unser Platz ist. Und wir stellten fest, dass wir gar nicht alleine waren. Eine benachbarte Missionarin war wegen Heimaturlaubs ebenfalls von ihrem gesamten Team verlassen worden. Somit waren wir schon zu dritt und beteten jeden Dienstag für eine positive Klimaveränderung in Marzahn. Eines Tages sagte Pamela, dass sie sich hier inzwischen sehr wohl fühle. Das war wie ein Schalter, der umgelegt wurde.

Überall wurden Platten abgerissen, Fassaden saniert, Hochhäuser auf Terrassenform zurück gebaut, neue Spielplätze wurden angelegt. Die Bäume hatten eine jugendliche Größe erreicht und generell schien sich das Klima des Miteinanders zum Positiven gewandelt zu haben.

Jugendkirche Marzahn mit neuem Team


Zum Jahrtausendwechsel kam Heiko Bürklin wieder. Er hatte ein Team aus Amerikanern und einer Frau aus Süddeutschland zusammengestellt. Die Mindestzeit sollte gemäß der Erfahrungen mit OM mindestens fünf Jahre betragen. Ein festes Beziehungsgeflecht wurde aufgebaut. Junge Leute nahmen am Gospelchor, Englischkursen, Basketball, Bibelkursen, Hauskreisen und anderen Aktivitäten teil. Viele kamen durch die gute Platzierung der Internetseite bei Google dazu. Mindestens 30% der Sänger aus dem Gospelchor entschieden sich für eine Beziehung zu Jesus. Jugendkirche Marzahn at its best! Hauskreise wurden multipliziert, Hochzeiten gefeiert und Jugendliche im See getauft. Die Gottesdienste fanden zunächst im CVJM-Haus Trinity statt und später in einem Nebentrakt der Arche in Hellersdorf.

Betrachtet man eine Jugendgemeinde als Schwamm, der Menschen kurz aufsaugt, prägt und dann wieder freigibt, kann man sicher mit den Dynamiken leben. So war auch die Jugendkirche Marzahn von Fluktuation geprägt. Wir beteten für Ausbildungsstellen und die Gebete wurden erhört. Allerdings mit dem Effekt, dass der Azubi umziehen musste. Umziehen war nach fünf Jahren auch für fast alle Amis angesagt. Als nächstes stand der Trendbezirk Prenzlauer Berg auf dem Programm, wo sich bereits Unmengen internationaler Missionare auf den Füßen herumtraten. Das dünnte nicht nur das Leitungsteam existenzbedrohlich aus, sondern zog auch viele der aufgebauten Folgeleiter hinterher.

Jugendkirche Marzahn mit neuem Pastor


In dieser Zeit, es war Sommer 2006, stellte sich ein deutscher Pastor mit südafrikanischer Frau vor. Sommer, Sonne, Grillen im Garten und viele Mitarbeiter und Jugendliche. Was für eine attraktive Gemeindestelle. In der Lukas-Gemeinde wurden LEGO-Steine gegen Spendenzusagen ausgegeben. Als das Pastorenehepaar im November nach Marzahn kam, war alles Grau in Grau, das Team war weitestgehend in die Innenstadt gezogen und verschiedene Folgeleiter packten bereits ihre Sachen. Entsprechend kurz war die Halbwertzeit, die zweieinhalb Jahre später endete.

Kirche43


Da die Jugendlichen teilweise die Zwanzig überschritten hatten, war die Jugendkirche Marzahn zwischenzeitlich in Kirche43 umbenannt worden. Um der Betriebsblindheit bei der Namensfindung abzuhelfen, hatten wir einen Designer aus Bielefeld beauftragt. Er nahm eine alte Postleitzahl und ersetzte die führende Zehn mit dem Wort "Kirche". Das gefiel uns sehr gut, zumal das den besonderen Kiezbezug darstellte. Als Farben für das Corporate Design wurden Grün und Orange gewählt.

Neuer Name, neue Farben, neues Logo konnten jedoch nicht verhindern, dass wegen der herausfordernden Abwanderungssituation von offizieller Seite bereits das Aus der Gemeinde kommuniziert wurde. Wieder also stand die Gemeinde am Nullpunkt. Was tun?

Kirche43 und der Independence Day


Es kamen nun der Wunsch eines Praktikanten zur hauptamtlichen pastoralen Tätigkeit und unsere alten Kontakte in die christliche Szene der Stadt zum Tragen. Auch der Jagdinstinkt einiger in Marzahn verbliebener Jugendlicher wurde geweckt. Mit einem Team hoch motivierter Mitarbeiter starteten wir neu durch. Es wurden mehrere Ladengeschäfte in der Hohensaatener Straße angemietet und ausgebaut. Die Gemeinde wuchs und brauchte immer mehr Platz. Nach einem Jahr, am Independence Day (04.07.2010), erlangte die Kirche43 ihre Unabhängigkeit von der Lukas-Gemeinde. Das begeisterte Team arbeitete so effektiv, dass an nur einem Wochenende die Gemeindeordnung fertig gestellt war und es in Richtung "normale" Gemeinde gehen konnte. Es kamen immer mehr junge Familien und Kinder dazu. Kirche43 hatte den Ruf einer integrativen Gemeinde mit bemerkenswerter Willkommenskultur.

Es wurden Glaubenskurse, Eheseminare, Spieleabende, Public Viewing, Männerabende, Mutter-Kind-Gruppen und wöchentliche Gottesdienste angeboten. Am 18. September 2011 wurde der damalige Praktikant Torsten Klotzsche zum Pastor im Mülheimer Verband ordiniert. Seine handwerklichen Fähigkeiten und ein besonderer Fokus auf gesellschaftlich benachteiligte Menschen aus dem Kiez prägen bis heute das Erscheinungsbild der Kirche43.

Lea Streisand von radioeins würde jetzt resümieren: "War schön jewesen. Geschichten aus der großen Stadt".

Kirche43 ab 2012


In den folgenden drei Jahren - 2012, 2013, 2014 - gab es drei Freizeiten, drei Sommerfeste und drei Leitungsteams mit unterschiedlicher Größe und Besetzung. Im November 2014 trat das letzte und personell umfangreichste Team zurück. Mitte 2015 verließen wir zusammen mit zwei weiteren in Gemeindegründung erfahrenen Ehepaaren die Kirche43. Weitere Familien folgten.

Dieser Blog ist ein Nebenprodukt unserer Neuorientierung.

Donnerstag, 24. März 2016

Dorfkirche Marzahn und das Tischabendmahl

Die Dorfkirche Marzahn ist umgeben von Hochhäusern und stellt einen architektonischen Kontrast zwischen Alt und Neu dar. So bedient auch der junge Pfarrer mit Gitarrenbegleitung eine betagte Gemeinde. Die Dorfkirche Marzahn betreibt einen Kindergarten und engagiert sich für den Kiez.



Gründonnerstag:

An diesem Tag traf sich Jesus vor der Kreuzigung ein letztes Mal mit seinen Freunden zum Abendessen. Er zerbrach ein Brot und gab die Teile an die Anwesenden weiter als Symbol, dass alle Menschen, die an ihn glauben, ein Teil seines Körpers sind. Auch einen Becher mit Wein gab er herum und setzte damit das Gedenken an sein vergossenes Blut ein (siehe 1. Korinther 11, 23-26).

Meine Schwiegermutter fragte uns, ob wir mit ihr zum Tischabendmahl in die Dorfkirche Marzahn gehen. Was für eine Gelegenheit, endlich mal wieder dort vorbei zu schauen und den neuen Pfarrer kennen zu lernen. Pfarrer Frederik Spiegelberg ist um die Dreißig und Hoffnungsträger für eine generelle Verjüngung der Gemeinde, zumindest was die Wahrnehmung der Programme betrifft.

Im Obergemach des Gemeindehauses war ein langer Tisch eingedeckt. Wir waren keinem Mann mit Krug gefolgt (Lukas 22, 10), dafür aber der Schwiegermutter, die uns einen bisher unbekannten Schleichpfad durch den Rudolf-Filter-Weg zeigte. Wir waren so pünktlich, dass wir uns weiträumig um die Tafel verteilen konnten. Bis 19:30 Uhr wurde der Saal jedoch so gut besucht, dass weitere Stühle herangeschafft werden mussten. Alle sechsundzwanzig Gäste sollten direkten Zugang zum Tisch haben.

Die gesamte Liturgie inklusive aller Lieder und Textlesungen war in einem achtseitigen Begleitheftchen abgedruckt, so dass wir gut folgen konnten. Frederik Spiegelberg begleitete den Gesang auf der Gitarre. Das Tischabendmahl stellte den Höhepunkt des Abends dar. Selbstgebackenes Brot wurde in Körben herumgereicht und sollte bis zur Sättigung in der Runde kreisen. Wohl dem, der noch kein Abendbrot gegessen hatte. Bei der Weitergabe wurden Segensworte gesprochen. Gleiches galt für den Becher mit dem Traubensaft.

Während des Herumreichens wurden wir aufgefordert, über die persönliche Beziehung zum Abendmahl zu reden. Neben der Wiederholung des symbolischen Charakters der Einheit als Gemeinde Jesu über alle sozialen und altersstrukturellen Unterschiede hinweg wurde mehrfach die besondere Art des Tischabendmahls gelobt. Das sei genau der Rahmen, den man sich für ein Abendmahl wünsche.

Anschließend war meine Schwiegermutter sofort von Leuten umringt. "Klar, Familie Lampe kennt man in Marzahn", erklärte sie uns und kehrte in ihr Gespräch über die Jugendstreiche ihrer Brüder und die Erlebnisse mit ihren Eltern zurück. Ich war beeindruckt.

Über den Rudolf-Filter-Weg gingen wir nach Hause - nicht nach Gethsemane. Dort war ja Jesus für uns hingegangen.

Dienstag, 22. März 2016

Angela Merkel im Don-Bosco-Zentrum Marzahn

Das Don-Bosco-Zentrum engagiert sich in Marzahn für Jugendliche, die normalerweise keine Chancen am Arbeitsmarkt hätten. Heute besuchten Angela Merkel, Petra Pau und Monika Grütters das Manege-Projekt.



Wenn die Kanzlerin kommt, ist die Aufregung groß. Das beginnt bei den großzügigen Absperrungen um das Don-Bosco-Zentrum und endet bei den Jugendlichen des Manege-Projektes, die selten die Gelegenheit haben, so nah an den Menschen zu sein, die sie sonst nur aus dem Fernsehen kennen.

Gut, Petra Pau ist in Marzahn präsent, insbesondere wenn es um Flüchtlinge geht. Monika Grütters sieht man in ihrem Wahlkreis seltener, da sie mit der Verleihung diverser Film- und Kulturpreise beschäftigt ist. Und Angela Merkel ist weltweit gefragt, so dass ihr heutiger Besuch eine besondere Ehre ist.

Dieser Ehre sind sich auch die Betreiber des Manege-Projektes bewusst. Schwester Margareta läuft aufgeregt durch die Reihen der Jugendlichen, gibt letzte Anweisungen an die Mitarbeiter und wartet auf das Eintreffen der Gäste.

Petra Pau erscheint zuerst. Sie entsteigt einem kleinen silbernen BMW. Sie wird herzlich von Schwester Margareta begrüßt. Monika Grütters erscheint mit einem schwarzen Audi. Alex, ein Manege-Schüler, stürmt auf sie zu und umarmt sie zur Begrüßung. Die Linke und die CDU unterhalten sich recht entspannt, bis die Kanzlerin eintrifft.

Don Bosco Manege Angela Merkel Marzahn
Angela Merkel beim Manege-Projekt im Don-Bosco-Zentrum Marzahn
Angela Merkel wird durch Dauerapplaus begrüßt und schreitet die lange Reihe der Jugendlichen ab. Hände schütteln, Selfies und Platzieren vor dem grünen Manege-Bus zum Gruppenfoto. Ein Mann verdeckt den Fotografen ständig den Blick auf die Kanzlerin.

"Schön, dass du da bist", steht auf dem Bus. Er zeigt die Silhouette von Marzahn.

Die "Manege" ist ein Pilotprojekt für Jugendliche, die aufgrund von Behinderungen oder ihrer sozialen Herkunft kaum Chancen auf dem allgemeinen Ausbildungsmarkt hätten. Der Bund unterstützt achtzehn solcher Projekte als Arbeitsmarktinstrument. Angela Merkel informiert sich heute über die praktische Umsetzung und die Ergebnisse. Auf dem Programm stehen die Holzwerkstatt und der Friseur-Salon. Letzteren hatte sie offensichtlich nicht selbst in Anspruch genommen, was die Vorher-Nachher-Fotos dokumentieren.

Während des Rundganges stehen Kekse und Getränke für die Pressevertreter bereit. "Heute ist alles kostenlos", sagt die Dame hinter dem Tresen und löst eine Welle der Getränkebestellungen bei Jugendlichen und Kameramännern aus. Einige verdrücken sich in die Nachbarräume und essen Kekse. Andere sichern ihre Poleposition für die geplante Presseerklärung.

Als Angela Merkel mit zwanzig Minuten Verspätung zum Pressestatement erscheint, ist sie sichtlich gerührt vom Engagement der angestellten und ehrenamtlichen Mitarbeiter sowie den Ergebnissen, die dieses Projekt bei den Jugendlichen erzielt.

Dann wechselt sie noch einige Worte mit Bezirksstadträtin Dagmar Pohle, erfährt die Einwohnerzahl von Marzahn, freut sich über den deutlichen Rückgang der Jugendarbeitslosigkeit und verlässt das Don-Bosco-Zentrum durch eine Menge applaudierender Jugendlicher. Jemand hat eine Deutschlandfahne mitgebracht und am Zaun ausgerollt.

"Wir denken an Sie", verabschiedet Schwester Margareta die Kanzlerin.

Hier noch ein Video: Angela Merkelbesucht das Don-Bosco-Zentrum in Marzahn

Sonntag, 13. März 2016

CVJM Kaulsdorf in Zinnowitz

Wie viele Menschen sich dem CVJM zugehörig fühlen, sieht man erst bei einer Freizeit. In einer sehr entspannten Atmosphäre lief die Zinnowitz-Freizeit des CVJM Kaulsdorf ab. Es gab biblischen Input, gute Gemeinschaft, neue Freundschaften und viel Freizeit im wahrsten Sinne des Wortes. Das Wochenende war sehr erholsam.



"Zinnowitz - Zinnowitz - Zinnowitz" schallt es durch den Gemeinschaftsraum der Familienferien- und Begegnungsstätte St. Otto in Zinnowitz. Das katholische Ferienobjekt ist nur etwa zweihundert Meter durch Wald und Dünen von der Ostsee entfernt. Eine kühle Brise umweht die Nasen. Nur wenige Mutige wagen einen Schritt ins kalte Wasser. Eine Reitergruppe trabt am Strand entlang und hinterlässt markante Zeugnisse ihres Ausrittes.

"Zinnowitz - Zinnowitz - Zinnowitz" erschallt es auch nach der zweiten Strophe im Gemeinschaftsraum. Alle haben ihren Spaß an diesem selbst gedichteten Lied zur wiederholten CVJM-Freizeit in Zinnowitz.

Bereits die Einladung klang so entspannt und passte trotz differenzierter Zimmereinteilung auf eine A4-Seite. Etwa dreißig Personen hatten sich angemeldet und waren am Freitag angereist. Zinnowitz ist von Berlin aus in etwas mehr als zwei Stunden zu erreichen. Die Fastfood-Kette mit dem gelben Buchstaben gibt es erst wieder kurz vor dem Ziel, so dass ein zeitaufwendiger "Nothalt" für die lieben Kleinen nicht eingelegt werden muss. Das Essen bei St. Otto ist ohnehin reichlich und trifft jeden Geschmack.

Zinnowitz CVJM Kaulsdorf
CVJM Kaulsdorf in Zinnowitz - Gruppenfoto mit Teenagern
Nach dem Abendessen - freitags nur Fisch und Käse - sangen wir erstmalig den neuen Zinnowitz-Song. Alle stimmten in die eingängige Melodie ein und waren somit gut erwärmt für den Rest des Abends. Schauspieler Rolf-Dieter Degen leitete professionell und mit viel Witz durch die Kennenlernrunde. Danach gab es einen längeren guten Input über die Beziehung zu Jesus. Dass wir zu wenige Chips und zu viel Wein dabei hatten, merkten wir beim anschließenden Get-together. Mehrere lustige Runden saßen zusammen und spielten oder unterhielten sich. Neue Freundschaften wurden geknüpft.

Der Samstag begann mit einem schlaftrunken absolvierten Frühstück. Gegen 10:00 Uhr erschallten Lieder durch den Gemeinschaftssaal und ein weiterer Input von Sebastian Kapteina folgte. Er nutzte einen Text aus dem Kolosserbrief und sprach über Jesus, Jesus, Jesus. Christus und unsere Beziehung zu ihm standen im Mittelpunkt. Danach war frei: Mittagessen, Strandwanderung, Mittagschlaf, Volleyball, Gespräche, Off-Road-Fahrt durch die schlammige Umgebung von Zinnowitz. Es war also für jeden etwas dabei.

Am Abend war etwas mehr Knabberzeug aufgetaucht. Dafür öffneten wir weniger Wein und Sekt. Das wäre ohnehin ungünstig für die Spielefraktion gewesen, die sich nach wenigen Runden Brettspiel in einen Kreis setzte und kriminelle Phänomene in einem Dorf aufzuklären versuchte. Dem fielen wohl so einige harmlose Dorfbewohner zum Opfer. An der Bar hatten wir andere Themen. Es ging um theologischen Fragen zu Liedtexten, die geistliche und personelle Entwicklung in der EKBO, das 97-Prozent-Buch von Robert Fraser und YouTube-Filme mit besonderen Grenzsituationen des Autofahrens.

"Zinnowitz - Zinnowitz - Zinnowitz" sangen wir auch am Sonntagmorgen bevor Sebastian den dritten Input zur Gott-Mensch-Beziehung anhand des Hebräerbriefes entfaltete. Gastfreundschaft und das gesunde Zusammenspiel zwischen Mitmenschen, Gott und uns selbst prägten seine Ausführungen. Anschließend gab es eine Nachdenkzeit und das Abendmahl. Wir waren sehr bewegt und gingen mit diesen Gedanken zum Mittagessen: Braten, Klöße und Rotkohl.

An der langen Tafel saßen wir Sebastian gegenüber und erfuhren sehr viel über das Konzept von Vineyard. Hauskreise entstehen, wachsen und treffen sich einmal im Monat zum Gottesdienst. Es gibt auch Hauskreise, die wegen ihrer Größe inzwischen sogar eigene Gottesdienste durchführen. Die Leitung ist breit aufgestellt, so dass sich keine hierarchischen Herrschaftsstrukturen herausbilden können. Die monatlichen Gottesdienste werden im Rotationsprinzip von den Kiez-Gruppen gestaltet. Mitarbeiter werden nicht krampfhaft für vorhandene Dienstbereiche gesucht, sondern es wird nach förderungswürdigen Begabungen geschaut und die Leute zum Leben in ihrer Berufung ermutigt. Das ist ganz im Sinne des oben bereits thematisierten Buches von Robert Fraser.

Das macht auch die Gemeinschaft beim CVJM so entspannt. Jeder bringt sich gemäß seiner Begabungen ein. Notwendige Arbeiten werden gesehen und einfach erledigt. Leitung erfolgt durch ermutigende Anwesenheit und stilles Vorbild. So stellt man sich Leib Christi im biblischen Sinne vor.

Nachdem sich diese organische Gemeinschaft zu einem Gruppenfoto formiert hatte, gab es einen weiteren Spaziergang zum Strand. Immer wieder folgten herzliche Verabschiedungen und dann verließen auch wir St. Otto.

In unseren Gedanken klang ein Refrain: "Zinnowitz - Zinnowitz - Zinnowitz".