Sonntag, 26. Juni 2016

Berlinprojekt mit Ernst Lubitsch

Das Berlinprojekt ist eine wachsende Gemeinde im Herzen Berlins. Wer sich einklinken möchte, ist herzlich willkommen. Wer nur mal schnuppern möchte, kann das auch. Die evangelische Freikirche punktet mit professionellem Lobpreis, biblischer Predigt, Abendmahl und gut durchmischter Altersstruktur. Aber wer ist Lubitsch?



"Wer bitte ist Lubitsch?", fragte ich mich unmittelbar nach Betreten des Kinos Babylon. "Ist Lubitsch da?", wollte ich von einer der regelmäßigen Besucherinnen wissen. "Keine Ahnung", sie wisse nicht, wer das sei. Darauf fragte ich den freundlichen jungen Mann am Info-Tisch. Er kannte Lubitsch auch nicht. Und dabei sitzt Lubitsch jeden Sonntag im Gottesdienst des Berlinprojektes. Mit Ernst lauscht er dem Lobpreis, der Predigt und den Gebeten. Am Abendmahl nimmt er allerdings nur als Zuschauer teil. Er grüßt auch nicht. Zu konzentriert beschäftigt sich die lebensgroße Nachbildung des deutsch-amerikanischen Regisseurs in der Mitte der dritten Reihe mit der Handpuppe auf seinem rechten Arm.

Wir erlebten heute eine sehr angenehme Willkommenskultur. Am Nebeneingang wurden wir herzlich begrüßt und schauten uns kurz darauf an der Getränketheke um. Dort wurden reichlich Kaffee und verschiedene Teesorten angeboten. Der letzte Besuch lag schon etwa ein Jahr zurück, so dass uns entfallen war, dass das akademische Viertel integraler Bestandteil des Elf-Uhr-Gottesdienstes im Babylon ist. Ein wichtiges Detail angesichts der Parkraumbewirtschaftung um das Kino herum. In der nahe gelegenen Torstraße parke man sonntags kostenlos.

Proaktiv klinkten wir uns in den Begrüßungsdienst ein und empfingen die nach und nach eintreffenden Gottesdienstbesucher. Mit einigen kamen wir ins Gespräch. Auch alte Bekannte waren darunter. Auf dem Weg in den Kinosaal wurde uns ein 16-seitiges Programmheft in die Hand gedrückt. Wir stellten die Kaffeebecher in die dafür vorgesehene Halterung und warteten auf die Vollendung des akademischen Viertels.

Der Gottesdienst startete mit einem Gesangsstück von Sarah Kaiser. Es folgte eine Begrüßung mit kurzem Erfahrungsbericht über praktisches Christsein am Arbeitsplatz. Und dann wurde mit Bass- und Cajónbegleitung "Befiehl du deine Wege" von Paul Gerhardt gespielt. Überhaupt fiel das Lobpreis-Quartett durch eine bemerkenswerte musikalische Harmonie auf. Meine Frau bewunderte die Stimme der Sängerin Susi. Die Lieder sangen wir vom Blatt, also von den Seiten 3 bis 9 des Begleitheftes. Auch die Erklärung des Abendmahls, das Vaterunser und der Predigttext waren dort abgedruckt.

Die Predigt beschäftigte sich mit Genesis 15, 1-21. Abram wird darin zum Vertrauen auf Gott ermutigt. Gott schließt einen Bund mit Abram und seinen Nachkommen, die zu dem Zeitpunkt noch gar nicht sichtbar waren. Pastor Konstantin von Abendroth entfaltete die Spannung, in der sich Abram befand. Eine Spannung von Glauben, Vertrauen, Zweifel und sichtbarer Realität. Dass Gottes Realitäten größer sind, wurde deutlich, als Abram aus dem Zelt treten und die Sterne zählen sollte. Neuer Sichtbereich, neue Betrachtungsweise, neuer Horizont, neue Zukunftsperspektive, Weite und ein Bund mit Gott, wie er auch bei Menschen damals üblich war. Geteilte Tiere, durch die die Vertragspartner hindurchschritten und sich damit selbst das Urteil für eine Missachtung des Vertrages sprachen. In diesem Falle lief nur Gott durch die Mitte und erfüllte diesen Vertrag letztlich durch das stellvertretende Sterben von Jesus.

An das Sterben von Jesus und die Einheit seines Leibes als Bild für die Gemeinde erinnerte das anschließende Abendmahl. Der Gottesdienst endete mit dem Vaterunser, den Ansagen und einem Segensgebet. Bei den Ansagen fiel uns eine signifikante Gemeinsamkeit von Berlinprojekt, Saddleback und Kulturwerkstatt auf:

Taufen, Taufen, Taufen ...

Taufen - insbesondere von Erwachsenen - sind ein Indikator für gesundes Gemeindewachstum. Gemeindewachstum durch Menschen, die eine bewusste Entscheidung für Jesus getroffen haben und in den Lebensabschnitt "Jünger werden" einsteigen. Die Frage "Können Alte Jünger werden?" ist demzufolge mit einem klaren Ja zu beantworten.

Als wir in den Vorraum traten, war dort bereits emsiges Treiben. Die Snacktheke des Kinos hatte geöffnet und es gab bunt belegte Baguettes. Am Infotisch verkaufte Sarah Kaiser ihre neue CD mit Autogramm und Widmung. An der Wand hinter dem Tisch lasen wir wieder die Frage: "How would Lubitsch have done it?". Lubitsch saß immer noch im Saal und ließ sich von der Handpuppe anschauen. Vielleicht sollten wir die Frage neu besetzten: "WWJD - What would Jesus do?".

Freitag, 24. Juni 2016

Grillabend mit Leben + Glauben

Das Gesprächsforum Leben + Glauben ist ein niederschwelliges Format, zu dem Christen ihre Nachbarn, Kollegen und Geschäftspartner einladen können. Vortragsveranstaltungen im gehobenen Rahmen mit ausgesuchten Referenten gehören ebenso dazu wie Grillabende im kleineren Kreis.



Als der Wagen über das altgermanische Kopfsteinpflaster der Alemannenstraße rumpelte, beschäftigte mich nur ein Gedanke: "Wird der Johannisbeerquark hinter meinem Sitz noch in der Schüssel sein, wenn wir am Ziel eintreffen?". Kurz darauf brachte ein Blick in den Fond die Erleichterung. Der Quark hatte sich nicht von der Stelle bewegt. Kühlakku und Kühltasche hatten bei 36°C Außentemperatur gute Dienste geleistet.

Heute war Grillparty mit dem Gesprächsforum Leben + Glauben angesagt. Auf der Terrasse stand Joe und heizte den Grill ein. Wilfried lief emsig hin und her und versorgte die Gäste mit kalten Getränken. Der Pool war abgedeckt und zwei Frauen unterhielten sich auf einer Klappliege. Wir stellten uns zu Wolfgang Boguslawski an den Pool und unterhielten uns über seine Gemeindebesuche, Open Doors und das subtile bis offensive Mobbing christlicher Flüchtlinge. Wilfried bot Badehosen an, aber plötzlich wollte niemand mehr in den Pool springen.

Bis 19:00 Uhr trafen immer mehr Gäste, Salate und Nachspeisen ein. Joe hatte so gut eingeheizt, dass Fleisch, Wurst und Spieße aufgelegt werden konnten. Die Gespräche wurden fortgesetzt, Plätze an den Tischen organisiert und neue Kontakte geknüpft. Dabei bekamen wir weitere spannende Insider-Informationen über Uganda, die Saddleback Church und verschiedene christliche Wirtschaftsvereinigungen. Währenddessen rannte Wilfried um die Tische und versorgte die Gäste mit Getränken, Fleisch und Spießen. Ein klarer Fall von "dienender Leiterschaft" oder eben Ausübung des laut Starkoch Roland Werk vergessenen Gebotes der Gastfreundschaft. Letzteres war mir gerade besonders beim Lesen von Matthäus 25 aufgefallen, wo es in den Versen 35 bis 44 mehrfach um Handlungen der Gastfreundschaft geht.

Um Gastfreundschaft ging es anschließend auch in der großen Runde von etwa zwanzig Christen aus allen Ecken der Stadt. Wolfgang berichtete aus seiner langjährigen Berufserfahrung. Er hatte im Notaufnahmelager Marienfelde gearbeitet, wo auch ehemalige Ostberliner beim Umzug ins damalige Westberlin eine kurze Zwischenstation machen mussten. Dieser Erfahrungsschatz mit Flüchtlingen steht nun Open Doors, dem Sprachrohr verfolgter Christen, zur Verfügung. Flüchtlinge und Mission wurden ja lange Zeit als externe und vorwiegend afrikanische Angelegenheit angesehen. Nun sind diese beiden Themen im eigenen Land zu bedienen. Wenn ihr nicht zu uns kommt, kommen wir zu euch. Gastfreundschaft und eine professionelle Auseinandersetzung mit kulturellen Unterschieden ist gefragt.

Wolfgang berichtete von ehemaligen Moslems, die oft nach dem gleichen Schema Christen wurden. Jesus selbst war ihnen in Träumen und Visionen erschienen. Auf Nachfrage im Gebet zeigte sich Jesus immer deutlicher und die Begegnungen waren in der Regel mit Licht, Freundlichkeit und teilweise einem angenehmen Duft verbunden. Ähnliche Berichte hatten wir schon mehrfach gehört. Je nach ehemaliger Stellung in der muslimischen Hierarchie fällt dann auch der Verfolgungsgrad aus. Christen gelten in islamischen Ländern ohnehin als gesellschaftlicher Abschaum und werden zur Mülltrennung oder anderen weniger qualifizierten Tätigkeiten eingesetzt. Begegnet ein Moslem auf die oben beschriebene Weise Jesus und entscheidet sich dann gar für eine Beziehung mit ihm, wird er seiner sämtlichen sozialen Kontakte entledigt. Besonders hart trifft es Frauen in solch einer Situation. Hut ab vor Menschen, die das dann trotzdem durchziehen!

Gelingt diesen Menschen die Flucht ins christliche Abendland, finden sie sich plötzlich im Bauch eines trojanischen Pferdes voll islamistischer Asylbewerber wieder, die die traditionelle Behandlung von Christen innerhalb des Containerraummoduls (CRM) fortsetzen. Interessant sei laut Wolfgang der Klimaunterschied in Räumen, wo muslimische und christliche Flüchtlinge untergebracht seien. Lüge und Missbrauch ertragen keine Öffentlichkeit. Durch die vermehrte Bekanntmachung und Anzeige islamistischer Übergriffe entwickeln auch Bundesregierung, Polizei und Verfassungsschutz eine neue Sensibilität für interkulturelle und interreligiöse Konflikte.

Als immer mehr Mücken im Landeanflug auf meine Frau waren, wurde Insektenspray gereicht und in eine Gebetsgemeinschaft übergeleitet. Der Lichtsensor reagierte auf Bewegungen und erhellte regelmäßig die Runde der reifen, gut verwurzelten, gestandenen und erfahrenen Christen. Ich war beeindruckt von dem Privileg, Teil dieser Runde zu sein.

Ausgerüstet mit Flyern und unserer Quarkschüssel rumpelten wir gegen 23:00 Uhr über die altgermanischen Straßen und dachten über das Wertesystem des christlichen Abendlandes nach.

Sonntag, 19. Juni 2016

Kulturwerkstatt Berlin

Die Kulturwerkstatt Berlin trägt schon den Charakter dieser jungen Gemeinde im Namen. Herzliche Aufnahme von Gästen, interessante Menschen, guter Lobpreis, Familienfreundlichkeit, Angebote für den Kiez und eine inhaltsreiche Predigt zeichnen diese evangelische Freikirche aus.


Das akademische Viertel der benachbarten Saddleback Church wäre heute sehr praktisch gewesen. Trotz weiträumiger Umfahrung des Alexanderplatzes wären wir zehn vor elf bei der in die Altbauhäuser der Auguststraße eingepassten Kirche eingetroffen. Ein Sperrschild konnte noch ignoriert werden, die massive Bauabsperrung zum Überqueren der Torstraße jedoch nicht. Der Veranstalter des innerstädtischen Fahrradrennens musste gewusst haben, dass wir uns nur ungerne am Gottesdienstbesuch hindern lassen. 150 Meter vor dem Ziel mussten wir wieder umkehren und in den folgenden zehn Minuten einen Parkplatz außerhalb des Velothon-Ringes suchen. Diesen fanden wir in der Nähe der Christuskirche. Von dort aus benötigten wir weitere zehn Minuten für den Fußweg zur Kulturwerkstatt.

Den ehrwürdigen Backsteinbau betraten wir zusammen mit einer jungen Frau und ihrem Coffee To Go. Im Altarbereich spielte eine Band aus drei Personen. In der Mitte des sakralen Saales hingen drei große Schalltrichter aus Messing. Durch diese konnte man bis zum Altar durchschauen und in deren Spiegelung einen schnellen Blick auf den Sitz der Frisur werfen. Wir setzten uns in den Ostblock der Stuhlreihen und schauten uns die ausgelegten Programmheftchen an. Ein Early Bird zwitscherte uns von hinten aus zu, dass wir bisher nur die Begrüßung verpasst hätten.

Der Gottesdienst lief sehr klar strukturiert in kurzen und knackigen Einheiten ab. Zuerst wurde ein Kind mit Schwarzwälder Zuwanderungsgeschichte gesegnet. Ein Teil seiner Badener Verwandtschaft war angereist und gestaltete einige der damit verbundenen Elemente. Die Segnung durften sich die anwesenden Kinder noch anschauen und wurden dann unter besonderer Beachtung in ihren Kindergottesdienst verabschiedet. Damit waren die Anwesenden im Saal auf 2/3 reduziert, was etwa vierzig Personen entsprach. Vierzig interessante Menschen, die Kreativität und Intelligenz ausstrahlten, so wie Pastor Rainer Schacke, der seine berufliche Laufbahn als Journalist begonnen hatte.

Rainer griff den Segnungstext für den kleinen Neuberliner auf. Dieser stand in Hebräer 11 Vers 1 und leitete damit in eines meiner Lieblingskapitel des Neuen Testamentes ein. Er thematisierte das Kapitel bis Vers 12 und setzte damit eine Predigtreihe fort, in der es darum geht, Teil von Gottes Werk und Wundern zu werden. Immer wieder schlug er eine Brücke zwischen Glauben, Glaubenshelden und dem Vertrauen eines Kindes. Der Aufzählung und kurzen Vorstellung der Glaubenshelden aus Hebräer 11 stellte er abschließend eine Liste von deren Defiziten entgegen. Es waren eben auch nur Menschen wie du und ich.

Vor der Kollekte und dem Segen gab es heute das monatliche Abendmahl. Dieses nehmen wir immer wieder gerne mit Geschwistern unterschiedlicher Gemeinden ein und freuen uns dabei über das Bild des Leibes Christi, wo jedes "Körperteil" seinen speziellen Platz im Gesamtgebilde hat.

Nach dem Gottesdienst wurden wir freundlich begrüßt und sofort in die Unterhaltungen einbezogen. So erfuhren wir viel über die Geschichte der Kulturwerkstatt, aßen sehr leckeren Kuchen und schauten uns auch die gegenüber liegenden Kinderräume an.

Die Evangelische Kulturwerkstatt Berlin (EKW) ist eine Gemeinde für den Kiez. Sie trifft genau die in Mitte wohnende Kreativszene und junge Familien mit ihren speziellen Bedürfnissen. Sie bietet Menschen, die noch keine persönliche Beziehung zu Jesus haben, einen niederschwelligen Zugang und distanziert sich bewusst vom üblichen Transferwachstum. Am nächsten Sonntag finden im Weißen See mehrere Taufen statt. Sehr gut sei der regelmäßige LEGO/Brunch frequentiert, der uns an die LEGO-Bautage bei der EFG Weißensee erinnerte. Hier wären Synergien möglich. Überhaupt ist die Kulturwerkstatt sehr gut in der Stadt vernetzt und setzt gerne auf externen christlichen Angeboten auf. Warum auch das Rad neu erfinden, wenn es bereits die passende Veranstaltung gibt?

Gesättigt mit Kuchen und guten Gesprächen traten wir den sonnigen Fußweg zum Parkplatz an. Meine Tochter trank dabei ihren Tea To Go. Wir überquerten die Absperrungen des Velothons und fanden ein Auto ohne Ticket vor. Diese Parkzone wird nur bis Samstag bewirtschaftet.

Samstag, 18. Juni 2016

IVCG beim VBKI

Die IVCG ist eine internationale Vereinigung christlicher Geschäftsleute und Führungskräfte, die in unregelmäßigen Abständen Vortragsveranstaltungen für Christen und deren geschäftliche Kontakte anbietet. Da es keine Mitgliedschaft gibt, ist die Teilnahme für alle Angehörigen der genannten Zielgruppe offen.



Die IVCG Internationale Vereinigung Christlicher Geschäftsleute und Führungskräfte war uns schon länger bekannt. Deren Sympathisanten fielen dadurch auf, dass sie mit Dresscode Business im Gottesdienst erschienen und die sportliche Gattin direkt vor der Gemeindetür in den dunklen Dienstwagen einsteigen lassen mussten. Heute fuhren wir selbst mit einem Fahrzeug aus Dingolfing in die Tiefgarage des Ludwig-Erhard-Hauses. Das Ludwig-Erhard-Haus beherbergt insbesondere die IHK Berlin und den VBKI Verein Berliner Kaufleute und Industrieller. Das Verkehren im VBKI gehört in Berlin zum guten Ton, so dass uns schon allein der Ort des heutigen IVCG-Impulses anlockte.

Lebe deinen Traum in Blaibach

Der Impulsvortrag sollte das Thema "Lebe Deinen Traum!" behandeln, was zum typischen Repertoire eines Business-Redners gehört. Als Referent war Johannes Grassl aus Blaibach angekündigt, der seine Salzbrezeln als Berater für Führungspersonen verdient. Im Gegensatz zu sonstigen VBKI-Veranstaltungen kannten wir außer Heinz und Käthe niemanden. Übrigens zeichnete Käthe für das Catering verantwortlich, das jedoch erst nach dem Vortrag zur vollen Geltung kommen sollte. Getränke und Brezeln gab es bereits vorab.

Nach einer kurzen Einleitung, bei der wir erfuhren, dass es bei der IVCG keine Mitgliedschaft gebe und in Blaibach nur etwa 2.000 Menschen leben, begann der Vortrag. Johannes Grassl schilderte die Etappen seiner Lebensgeschichte und stellte seine Frau inklusive der partnerschaftlichen Entscheidungsphase vor. Wenn wir die Datumsangaben richtig verknüpft hatten, musste der Referent um die vierzig sein, was auch in etwa der Teilnehmerzahl entsprach.

Diagramm, Treppe und Strichmännchen

Anhand eines Diagramms stellte er die Frage, in welchem der vier Bereiche zwischen Potenzial und Position man sich befinde. Viel Potenzial aber kaum Position habe der "Träumer". Viel Position aber wenig Potenzial habe der Mensch, der gelebt wird. Wenig Potenzial bei wenig Position bedeute "Tod" und viel Potenzial bei hoher Position bedeute diametral dazu "Leben".

Wie kommt man dort hin, zum Leben?

Es beginne mit einem leeren Blatt Papier und einem Glas guten Weines - vermutlich meinte er trockenen Rotwein. Wenn dann der Lebenstraum formuliert sei, gehe es mit dem ersten Schritt in Richtung Lebenstraum los. Grafisch verdeutlichte Johannes Grassl das auf dem Flipchart mit einer Treppe. Ein Strichmännchen erklomm dort Stufe für Stufe, kam dem Traum immer näher, änderte dabei kontinuierlich den Blickwinkel und erweiterte damit seinen Horizont. Offene Türen, geschlossene Türen und die Entschlossenheit, auch mal ganz neue Wege zu gehen, führen weiter ins Diagrammquadrat "Leben".

Hören, testen und zur Gewohnheit werden lassen

Das konnte ich so bestätigen, zumal damit eine vor elf Jahren bei einem Finanzdienstleister-Vortrag gehörte Weisheit heute noch einmal in Erinnerung gebracht wurde. Solche Seminare sind nur dann nützlich, wenn man deren Prinzipien sofort anwendet und in ein regelmäßiges Handlungsschema übergehen lässt, so die Erfahrungen überzeugend sind.

Der Referent stellte mehrere interessante Bücher vor und warf provozierende Fragen in den Raum. Fragen, die man sich bei Wein und leerem Blatt Papier selbst stellen solle:

  • Ist mein Leben schön?
  • Was würde ich tun, wenn ich könnte?
  • Bin ich mit dem aktuellen Zustand zufrieden?
  • Was ist das Wichtigste in meinem Leben?

Zu letzterer Frage erwähnte er die nach Worten ringenden Zuhörer, falls er ihnen während eines Seminars spontan das Mikrofon unter die Nase halte.

Was bleibt?

"Wer ist noch da, wenn ich nichts mehr leisten kann", leitete zum Kern des sehnlichsten menschlichen Bedürfnisses über: Beziehungen! Als die letzten Nachrichten aus den einstürzenden Türmen des World Trade Centers auf die Anrufbeantworter gesprochen wurden, waren deren Inhalte nicht mehr vom Tagesgeschäft geprägt, sondern enthielten in der Mehrzahl die Botschaft: "I love You". Die Beziehung zwischen Gott und Mensch war bereits in den ersten Kapiteln der Bibel zerstört worden. Jesus hatte den Weg zu einem Neubeginn dieser Beziehung ermöglicht. Johannes Grassl verband während des Vortrages regelmäßig die bekannten Business-Weisheiten mit biblischen Wahrheiten, so dass Christen und Nichtchristen gleichermaßen gut folgen und die Prinzipien verinnerlichen konnten.

Nach dem Vortrag war Gelegenheit zum Networking. Käthes Catering sättigte die Anwesenden deutlich vielseitiger als das Süppchen beim Mittagsformat des VBKI-Unternehmertreffens. Der Referent nahm sich Zeit für die Gäste, ging von Stehtisch zu Stehtisch, hörte zu und stellte weitere Fragen.

Freitag, 17. Juni 2016

Internetmission Berlin feiert Geburtstag

Die Internetmission Berlin hat das Ziel, Menschen der Stadt mit Jesus bekannt zu machen und ihnen die notwendigen Kontakte und Hilfsmittel zum weiteren Aufbau ihres Glaubenslebens zu vermitteln. Wie der Name schon sagt, stellt das Internet mit seinen diversen Möglichkeiten das Hauptwerkzeug zum Erreichen dieses Zieles dar. Die Internetmission verfügt über ein breites Netzwerk durch die Kirchen und Gemeinden der Stadt und arbeitet zudem sehr eng mit Gemeinsam für Berlin zusammen.



Berlin hat Anziehungskraft auf innovative Menschen, Young Professionals, Missionare, Geflüchtete und Künstler. Seit sieben Jahren ist auch Gott in Berlin. Das heißt, Gott war schon in Berlin, als es Berlin noch gar nicht gab. Das christliche Internetportal GottinBerlin.de fand jedoch vor sieben Jahren seinen Anfang. Damit liegt GottinBerlin.de voll im Trend der Stadt mit Kreativität, Innovation und Start-up-Szene.

Die Domain GottinBerlin.de ist nur eines der Standbeine der Internetmission Berlin. GottinBerlin.de bildet die Klammer zwischen christlichen Informationsangeboten, Videokanälen, Weblog, Facebook und weiteren 4.0-Derivaten. Der Start war durch eine Internetinitiative aus Frankreich und eine große Geldspende ermöglicht worden. Zunächst wurden zahlreiche Videos mit Interviews in den verschiedenen Stadtteilen aufgenommen. In der Regel begannen sie mit der Frage: "Gibt es Gott in Berlin?". Die Antworten fielen sehr unterschiedlich aus. Der rasende Reporter war Thomas Gerlach aus Tegel. Er ist Wahlberliner und liebt diese Stadt.

Als bei Siemens trainierter Projektleiter legt Thomas Gerlach Wert auf Professionalität. So gab es in den letzten sieben Jahren diverse Schulungen, von denen ich beruflich sehr profitiert hatte und ein wertvolles Gefühl für die aktuellen Strategien zur viralen Bekanntmachung von Inhalten im Internet bekam. Viele der Anregungen setzte ich sofort im Selbsttest um und war von den Ergebnissen beeindruckt.

Beeindruckt waren die Gäste der heutigen Geburtstagsfeier auch vom mitreißenden Gesang des Amis Kirk Smith, der in Steglitz eine kleine Gemeinde leitet. Stargastronom Roland Werk beeindruckte, indem er einmal mehr zeigte, wie ein einfaches Essen (Kasseler mit Kartoffelsalat) kostengünstig aber edel zubereitet werden kann. In seiner Einleitung zum Dinner machte er auf das vergessene Gebot der Gastfreundschaft aufmerksam. Man solle auch einmal Leute zum Essen einladen, die außer ihrer Anwesenheit keine weitere Gegenleistung erbringen.

Beeindruckt waren wir außerdem über den schwarzen Talar, das große Kreuz und die Andacht von Emmanuel Sfiatkos. Der Archimandrit des Ökumenischen Patriarchats ist ein Grieche aus Duisburg und gerade erst 39 Jahre alt. Entsprechend frisch war seine Rede. Er sei zwar kein Traditionalist, erachtet jedoch die orthodoxe Tradition als wertvoll. Umso mehr freute er sich über die gute ökumenische Durchmischung in der Internetmission Berlin. Er hatte schon befürchtet, dass GottinBerlin.de nur von Evangelikalen gesteuert werde. Klaus-Dieter Engelke als katholischer Beisitzer des Vorstandes brachte es so auf den Punkt, dass er sich als Übersetzer für die Konfessionen verstehe und letztlich Jesus der Mittelpunkt ist.

Auch die Tische beim Dinner waren sehr ökumenisch besetzt. Am Tisch der Frau des Facebook-Teamleiters outeten sich acht Gäste ihrer katholischen Herkunft. In unmittelbarer Nähe saßen ein ägyptischer Pastor mit seiner Familie, zwei Nichtchristen, eine Frau aus der Gemeinde auf dem Weg, eine Designerin aus dem Berlinprojekt, ein Unternehmer aus dem Mülheimer Verband, der Vorstand von Gemeinsam für Berlin, der Regionalvorsitzende der Evangelischen Allianz, der Pastor von Powerhouse Ministries und viele weitere aktive Christen aus den Kiezen der Stadt.

Neben professioneller Musik, einem guten Essen, einer guten Andacht, kurzen Infos zu den Arbeitsbereichen, einem Rückblick und einem Ausblick, wurden noch Zettel mit Spendenabsichten und Mitarbeitsoptionen ausgefüllt. Das Gesamtprogramm wurde mit Public Viewing der EM-Spiele Italien versus Schweden und Spanien versus Türkei umrahmt.

Zusammen mit Spiele-Max-Gründer Wilfried Franz, Sternekoch Roland Werk und Gründungsmitglied Klaus-Dieter Engelke bin ich seit zwei Monaten Teil des Vorstandes der Internetmission Berlin. Eine starke Runde erfahrender Christen, unter denen die LKG, die katholische Kirche und zweimal die weltweite Gemeinde Jesu vertreten sind.

Montag, 13. Juni 2016

Männerabend - Kampf auf der Dachterrasse

"Männer nach dem Herzen Gottes" ist eine Gesprächsreihe, die in Zusammenwirkung verschiedener Gemeinden und Werke im Südwesten Berlins stattfindet. Eingeladen sind Männer, die in der Beziehung zu Jesus weiter kommen möchten und den Austausch über gemeinsame Alltagsthemen wie Familie und Beruf suchen. Heute ging es um Kampf.



Die Männer von Eben Ezer hatten mal wieder auf die Dachterrasse eines Bürohauses in Lankwitz eingeladen. Laut E-Mail sollte es heute um Kampf gehen: Kampf zwischen Egoismus und Nächstenliebe, Kampf zwischen Bitterkeit und Vergebung und Kampf zwischen dem einfachen und dem richtigen Weg. Obwohl uns der Gottesdienst bei Eben Ezer damals recht friedlich vorgekommen war, sollte nun wohl eine Rückbesinnung auf die Basics aus 1. Samuel 7, 11-14 stattfinden. Damals hatte Israel nach intensivem Gebet mit Gottes Hilfe die angreifenden Palästinenser "gedemütigt" und einen Stein (Eben) der Hilfe (Ezer) als Denkmal aufgerichtet.

So viel Kampf war mir zu gefährlich. Deshalb nahm ich Rainer mit. Je nachdem, wie sich der Kampf entwickeln würde, konnte er einer flexiblen Verwendung zugeführt werden. Als Waffe hatte ich eine 1985er Schlachter dabei. Rainer trug seine 1972er Elberfelder griffbereit im Halfter. Noch von der letzten Einsatzübung war mir in Erinnerung, dass es sich bei den Männern von Eben Ezer um Präzisionsschützen handelt.

Zur Vorbereitung des Manövers der EEVJTF (Eben Ezer Very High Readiness Joint Task Force) wurden die Versorgungswege gesichert. Es gab Charitea und Lemonaid sowie Kekse und Kartoffelchips mit Fairtrade-Siegel. Die Truppe wurde im Verlauf der Übung auf zwölf Mann verstärkt.

Die erste Operation beschäftigte sich mit einem Umsturz. Dazu zeigte der Kommandeur drei Skizzen mit Kreisen, Punkten, einem Kreuz und dem Wort "ICH". Aufgabe war es, die Rebellenmiliz "ICH" aus der Mitte des Kreises zu entfernen und das Kreuz dort zu platzieren. Ein nicht sehr einfacher Auftrag, in dessen Durchführung interne Blockaden auszuräumen und an die Grenzen der eigenen Willenskraft zu gehen war. In der Grundausbildung waren dazu zwei Fronten aufgestellt worden:

"Was nützt mir das?" versus "Was möchte Gott?"

Nach erfolgreicher Absolvierung dieses Punktes gab es mehrere Gelegenheiten zum urbanen Einzelkampf. Die Männer wurden auf der Dachterrasse ausgesetzt. Sie sollten ihre Richtmikrofone auf hörendes Gebet einstellen und die Signale aus dem Headquarter auswerten. Jeder bekam eine Spezialaufgabe, die sehr unterschiedliche Bereiche betraf. Bei mehreren Beteiligten standen Herausforderungen im zivilen Beruf an, für die es nun auf entsprechende Anweisungen zu warten galt.

Immer wieder gab es Lagebesprechungen und Auswertungen, bei denen folgende Strategien als besonders wichtig angesehen wurden:

  • die bewusste Entscheidung
  • die Unterstützung der Truppe
  • die Authentizität
  • das gelebte Vorbild
  • die Vermeidung von "bad actions".

Der "scharfe Schuss" wurde mehrfach praktiziert, war aber nicht immer treffsicher. So suchten wir den ganzen Abend nach einer Stelle aus dem Hebräerbrief, die wir schließlich kurz vor Abschluss in Kapitel 10 Vers 25 fanden. Übrigens fünf Verse vor "die Rache ist mein, spricht der Herr".

Der Kommandeur entließ uns mit dem Befehl, weiter im Kontakt mit dem Headquarter zu bleiben und im Rahmen eines "überspringenden Dienstweges" die Frage zu stellen:

"Jesus, was willst du mit mir bereden?"

Die EEVJTF und die Trainingseinheit "Männer nach dem Herzen Gottes" ist ein Co-Branding von Campus für Christus, dem Gesprächsforum Leben + Glauben und der LKG Eben Ezer in Lichterfelde.

Sonntag, 12. Juni 2016

EFG Lichtenberg

Die EFG Lichtenberg ist eine helle freundliche Baptistengemeinde mit guter Verkehrsanbindung zum Bahnhof Lichtenberg. Gäste werden freundlich empfangen. Die Predigt ist modern und biblisch. Das Engagement für den Kiez ist vielseitig und kreativ. In den Sommermonaten ist das Altersniveau etwas gehoben.



Drei Straßenecken und nur etwa 250 Meter liegen zwischen der Stadtmission Lichtenberg und den Baptisten in der Heinrichstraße. Zwei Gemeinden im Kiez mit ähnlicher geistlicher Zielsetzung und derselben Anfangszeit des Gottesdienstes: zehn Uhr. Unser letzter Besuch bei den Lichtenberger Baptisten muss schon um die zehn Jahre zurück liegen. Die etwa zehn Kilometer in den Nachbarbezirk fuhren wir innerhalb von zehn Minuten und bekamen sogar einen Parkplatz direkt vor der Tür. Zehn Minuten vor der Zeit betraten wir das relativ neue Gemeindehaus, obwohl des Baptisten Pünktlichkeit bei sprichwörtlichen fünf Minuten liegt.

Wir wurden sehr freundlich von vielen der Anwesenden begrüßt und suchten uns im hellen Gemeindesaal einen Platz. Die Kinder gaben diesmal die Richtung vor, so dass wir in einer der hinteren Reihen am Rand landeten. Ich hätte lieber in der dritten Reihe vor der Kanzel gesessen. Die blau-weiße Inneneinrichtung vermittelte eine angenehme und freie Atmosphäre. Das Metallkreuz in der Nordostecke bildete ein architektonisches Ensemble mit der davor liegenden in Kreuzform durchbrochenen Wand. Immer mehr Gottesdienstbesucher strömten herein, so dass letztendlich etwa siebzig Personen gezählt wurden. Darunter waren wenige Kinder und Jugendliche.

Drei Hauptakteure traten auf: eine Moderatorin, eine Pianistin und ein Pastor, dessen Optik weniger den seelsorgerlichen Standard bediente und eher auf die Bühne einer Filmpreisvergabe als nominierter Regisseur passen würde. Nach dem pünktlichen Beginn wurde über der Moderatorin ein Teil des Programms eingeblendet. So erfuhren wir, dass nach der Lesung von Lukas 19 Vers 10 die Grüße vorgetragen werden, danach die Geburtstagskinder an der Reihe sind und dann die Kollekte folgen wird. Die Gedanken kreisten: "Nein, ich habe keine Grüße". Die traumatischen Erinnerungen an die Situation in einer Baptistengemeinde im Südosten Berlins waren noch zu präsent. Die Moderatorin war damals durch die Reihen gegangen und hatte sämtlichen Gästen das Mikrofon vor den Mund gehalten. "Und willst du nicht grüßen...", das Gefühl dieses Momentes muss mit dem Erleben der Jesusfernen aus Offenbarung 6 Vers 16 korrelieren. In Lichtenberg verlief dieser Teil heute jedoch wesentlich entspannter und wir lernten gleich einige Sparten des Gemeindejugendwerkes und der Bandaktivitäten kennen.

Die Lieder entstammten dem Gemeinde Liederbuch. Das Buch ist dunkelgrün und steht sogar bei uns im Schrank. Die Texte wurden an die Leinwand über der Kanzel geworfen. Der Wechsel der "Folien" erfolgte bemerkenswert präzise. Anschließend kam ein älteres Gemeindemitglied auf uns zu und entschuldigte sich für die betagten Gesangsstücke. Das sei sonst alles viel moderner. Egal. Unsere Kinder beschäftigte eher der Zeitpunkt der Kollekte, die vor der Predigt eingesammelt wurde.

In der Predigt wurde ein Bogen zwischen Matthäus 18, 21-35 zu Genesis 4, 13-24 gezogen. In beiden Texten geht es um sieben, siebzig und siebenundsiebzig und den Umgang mit Rache, Sünde und Vergebung. Der Text aus Mose stellt sozusagen die Initialzündung für den finalen Auflösungstext aus Matthäus dar. Thorsten Schacht ist der zweite uns bekannte pastorale Thorsten, der im Anzug und mit einem beachtlichen Alltagsbezug predigt. Auch im Kiez ist er unterwegs. Er verteilt Flyer für regionale Events und kommt mit seinen Nachbarn ins Gespräch. "Du bist schön", bestätigt er so manch einem verblüfften Lichtenberger.

Nach dem Gottesdienst kamen wir mit mehreren Besuchern ins Gespräch, die uns kompetente Antworten zur Entwicklung und Vernetzung der Gemeinde geben konnten. Auch hier erlebten wir Querverbindungen über die Evangelische Allianz oder einfach nur die urbanen Einzugsgebiete.

Beim Verlassen des Gemeindehauses in der Heinrichstraße stellten wir fest, dass unsere Marzahner Begleiter und ich komplett passend zum Haus in Blau/Weiß gekleidet waren.

Sonntag, 5. Juni 2016

FELG "Haus Gottes" auf der Verkehrsinsel

Die FELG "Haus Gottes" ist eine lutherisch geprägte Gemeinde, die einen besonderen Fokus auf Sünde, Vergebung und Optimierung des Lebensstils legt. Die Mitglieder verfügen weitestgehend über eine Zuwanderungsgeschichte aus den ehemaligen Staaten der Sowjetunion. Gelehrt und gesungen wird auf Deutsch und Russisch. Die Gemeinde ist altersmäßig sehr gut durchmischt und zeichnet sich durch viele junge Familien aus. Es gibt Angebote für den Kiez und Gäste werden sehr freundlich und umsichtig aufgenommen.



Nach SELK, EFG, ICF, CVJM, JKB, LKG und FEG war heute FELG angesagt. FELG steht für Freie Evangelisch-Lutherische Gemeinde. Die FELG "Haus Gottes" e.V. trifft sich in der Alten Pfarrkirche Lichtenberg. Die Kirche ist auf einer Verkehrsinsel in der Möllendorffstraße 33 erbaut. Im Mittelalter hätte an diesem strategischen Punkt Wegzoll erhoben werden können. Hier kreuzen sich die Tangenten von Ostkreuz nach Weißensee und von Friedrichshain nach Marzahn. Am Eingang der Kirche weist ein Schild auf den Denkmalschutz und das Baujahr 1250 hin. Also doch Mittelalter und noch 250 Jahre vor Martin Luther. Um 1230 wurden im Landkreis Barnim viele neue Ortschaften gegründet, die es auch heute noch gibt, so wie das 1300 erstmalig durch den Markgrafen Albrecht III urkundlich erwähnte Marzahn.

Apropos 1300: den Gottesdienst der FELG hatten wir nach der Uhrzeit ausgesucht. Er beginnt um 13:00 Uhr und kommt damit den Wochenendbedürfnissen junger Familien sehr entgegen.

FELG "Haus Gottes" Möllendorffstr. 33
 FELG "Haus Gottes" - Alte Pfarrkirche Lichtenberg
Als wir gegen 12:45 Uhr die Pforte aus dem Jahre 1250 durchschritten, war ich so überrascht, dass mir jegliche Worte für einen Smalltalk fehlten. Zu gravierend war der Unterschied zwischen altem Gebäude und jungen Erwachsenen mit Kindern im Innenraum. Der Saal begann bereits an der Eingangstür. Mit breitem Lächeln wurden wir von mehreren jüngeren und älteren Gemeindemitgliedern begrüßt. Gesangsbücher benötigten wir nicht, da die Texte per Beamer an eine Leinwand projiziert wurden.

Wir setzten uns in eine Bankreihe und beobachteten das Geschehen. Der Saal füllte sich mit etwa einhundert Personen. Darunter waren vierzehn Kinder, die zu Beginn des Gottesdienstes in ihr Programm verabschiedet wurden. Die Altersstruktur war bemerkenswert gut durchmischt. Vom Kleinkind bis zum Rentner war alles vertreten und auch die Jugendgruppe soll um die zwanzig Teilnehmer zählen. Frauen aller Altersgruppen hatten für den Gottesdienst ihre Kopftücher dabei. Darauf waren wir nicht vorbereitet. Neunzig Prozent der Besucher hatten eine offensichtliche Zuwanderungsgeschichte aus Ländern, wo auch heute noch Russisch gesprochen wird.

Bereits vor dem Gottesdienst wurden Lieder gesungen. Teilweise waren diese neu für uns. Als Hintergrund für die sehr präzise eingeblendeten Liedertexte war eine graugrünliche Fläche mit einer Waage gewählt worden. Die gewählte Wort-Bild-Kombination drängte dem Besucher einige Fragen auf: "Wirst du auf der Waage emporschnellen? Werden deine Blätter verbrennen? Wo wirst du sein, wenn dein Leben zu Ende ist?". Sünde, Buße und das Mahnen um Persönlichkeitsoptimierung waren wichtige Elemente der Liturgie, wenn man überhaupt von Liturgie reden konnte. Thematisch und von der Durchführung erinnerte der Gottesdienst an eine Mischung aus SELK und Brüdergemeinde.

Letzterer Eindruck manifestierte sich darin, dass insgesamt drei Laien auf die Kanzel stiegen. Der erste Prediger redete über das Hochzeitsmahl aus Lukas 14, 15-24 und arbeitete insbesondere den Aspekt der Entschuldigungen heraus. Es erging die Mahnung, sich mehr Zeit für Gott zu nehmen. Flankierend setzte er das Gleichnis des Ackers (Weg, Felsen, Dornen, guter Boden) ein. Darauf folgte jemand, der auf Russisch über Epheser 2 predigte, wo es um die Einheit von Juden und Christen aus den Heiden geht. Uns wurden Kopfhörer gereicht, über die eine Simultanübersetzung erfolgte. Ein dritter Prediger trat auf die Kanzel und versuchte die beiden Texte auf Deutsch in Einklang zu bringen. Er redete sehr lebhaft und setzte sich authentisch mit seinen Bemühungen um die Umsetzung dessen auseinander, was er beim Lesen der Bibel entdeckt hatte. Dabei brachte er noch Offenbarung 3 Vers 15 ins Spiel, um die Gemeinde vor Lauheit zu warnen.

Nach eineinhalb Stunden trat ein Chor auf, der ohne Mikrofone mit gewaltigen Stimmen den Kirchensaal füllte. Danach gab es noch eine kurze Gebetsgemeinschaft, das Vaterunser und den Segen. Den nachgelagerten Ansagen war zu entnehmen, dass am 18. Juni ein Kinderfest um die Kirche herum stattfinden wird, und am 19.06.2016 um 13:00 Uhr ein Familiengottesdienst.

Unsere Begleiter ließen sich anschließend durch die benachbarten Gemeinderäume führen und genossen die herzliche Atmosphäre. Wir waren bereits unterwegs in unseren 1300 durch Albrecht III erwähnten Stadtteil, wo es für die Kinder Döner und türkische Pizza geben sollte.

Freitag, 3. Juni 2016

Kirche43 und Geschichten aus Marzahn

Kirche43, ehemals Jugendkirche Marzahn, ist ein gutes Beispiel für die Lebenszyklen eines Gemeinde-Gründungsprojektes. Besonders herausfordernd sind die Übergänge zwischen den Phasen, die eine tragfähige personelle Basis mit entsprechender Vision und Berufung benötigen.



Marzahn hat eine lange Geschichte. Eine Geschichte, die in Berlin gar nicht so bekannt ist, aber doch entscheidend die Stadtentwicklung beeinflusst hat. In den 1930er Jahren wurden Sinti und Roma im dörflichen Marzahn angesiedelt, da sie das olympische Stadtbild störten. Der Bahnhof Marzahn diente als Umschlagplatz für Zwangsarbeiter. Moderner Sklavenhandel. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges erreichten die russischen Truppen zuerst Marzahn und kämpften sich durch den homöopathischen Widerstand des aus Kindern und Rentnern rekrutierten Volkssturms in Richtung Innenstadt vor. Der noch heute erhaltene Dorfkern diente als Unterkunft für den Stab und die Dorfkirche als Markierungspunkt für die Bomber.

Ende der 1970er Jahre begann der Bau einer riesigen Plattenbausiedlung. Das Einfamilienhaus meiner Schwiegermutter wurde plattgewalzt und Wohnblöcke mit sechs, elf und mehr Etagen an dieser Stelle errichtet. Marzahn war durch grauen und dunkelroten Beton sowie schlammige Parkplätze und Zufahrtswege geprägt. Berliner konnten Stadtrundfahrten buchen, um sich das Leben in der neuen Siedlung anzusehen. Die Einwohner sprachen vorwiegend sächsisch, plattdeutsch oder vietnamesisch, was eine generelle Skepsis der Berliner erzeugte. Marzahn war wie ein dahingepflanzter Fremdkörper, ähnlich dem heutigen Potsdamer Platz.

Interesse an Marzahn


In Marzahn-Nord wurde die letzte Kirche der DDR erbaut und nach dem Fall der Mauer gab es einige wagemutige Missionare, die bewusst in diesen Stadtteil zogen, um dem über 95-prozentigen Atheismus einen anderen Akzent entgegen zu setzen. Als wir 2010 einen kleinen Hauskreis in Texas besuchten, trafen wir dort einen Briten. Er war 1991 beim großen OM-Event "Love Europe" in Berlin dabei und hatte sich insbesondere mit Marzahn beschäftigt. Kurz danach bildete sich ein Team aus mehreren jungen Männern und Frauen, die in diesen fernöstlichen Stadtteil zogen und dort Gospelchor, Englischunterricht und Jugendaktivitäten anboten. Es waren vorwiegend Briten, Amerikaner und Australier. Ab und zu gesellte sich ein Schwabe oder Badener dazu. Berliner waren für solch einen Umzug nicht zu gewinnen.

Jugendkirche Marzahn


Um die Wendezeit entstanden viele kleine aber lebhafte Gemeinden. Darunter waren die Christen in Marzahn-Hellersdorf, die Arche (Hellersdorf), die JKB (Junge Kirche Berlin in Hellersdorf) und eben auch die Jugendkirche Marzahn, liebevoll mit JKM abgekürzt. Das internationale Team, das unter dem Dach von OM wirkte, baute sehr intensive und gute Kontakte zu Jugendlichen des Bezirks auf. Bei einer Übungsstunde des Gospelchores fragte jemand: "Den englischen Text verstehe ich soweit, aber was bitte ist ein Jesus?". Diese Wissenslücken konnten ein oder zwei Jahre Kontakt zum OMer nicht kompensieren. Zudem waren die Kontakte so persönlich, dass sie nicht in ein tragfähiges Gemeindegeflecht übergeben werden konnten. Dennoch wurden in dieser Zeit viele Marzahner und Missionare durch JKM geprägt und Weichen für ihren weiteren Lebensweg gestellt. Auch wir zogen 1995 in eine echte "Platte", um die Arbeit vor Ort aktiv zu unterstützen. Wir sangen im Chor, übernahmen Teile der Veranstaltungsprogramme und Gottesdienste, trafen uns zu einem Hauskreis mit Erwachsenen und beteten regelmäßig für die entstehende Gemeinde und Marzahn.

Kurz vor der Jahrtausendwende stellte OM seine Aktivitäten im Stadtbezirk ein. Begründet wurde das mit dem Fokus auf die Auslandsmission und die ausbaufähige Unterstützung der Muttergemeinde in Schöneberg. Noch ein Jahr lang führten wir zusammen mit Jugendpastor Heiko Bürklin monatliche Gottesdienste im Freizeitforum durch. Dann musste auch er zum Heimaturlaub in die USA.

Gebet für Marzahn


Wir waren nun ganz alleine. Marzahn sah immer noch rotbraun und grau aus, wenngleich nicht mehr so schlammig. Ältere Ehepaare liefen mit Camcorder durch die Straßen und filmten ihre Freizeitaktivitäten. "Ei, gugge, die Agduelle Gammera", veranschaulichte uns, dass die jüngsten historischen Entwicklungen ausgeblendet wurden. Wir wussten, dass Marzahn unser Platz ist. Und wir stellten fest, dass wir gar nicht alleine waren. Eine benachbarte Missionarin war wegen Heimaturlaubs ebenfalls von ihrem gesamten Team verlassen worden. Somit waren wir schon zu dritt und beteten jeden Dienstag für eine positive Klimaveränderung in Marzahn. Eines Tages sagte Pamela, dass sie sich hier inzwischen sehr wohl fühle. Das war wie ein Schalter, der umgelegt wurde.

Überall wurden Platten abgerissen, Fassaden saniert, Hochhäuser auf Terrassenform zurück gebaut, neue Spielplätze wurden angelegt. Die Bäume hatten eine jugendliche Größe erreicht und generell schien sich das Klima des Miteinanders zum Positiven gewandelt zu haben.

Jugendkirche Marzahn mit neuem Team


Zum Jahrtausendwechsel kam Heiko Bürklin wieder. Er hatte ein Team aus Amerikanern und einer Frau aus Süddeutschland zusammengestellt. Die Mindestzeit sollte gemäß der Erfahrungen mit OM mindestens fünf Jahre betragen. Ein festes Beziehungsgeflecht wurde aufgebaut. Junge Leute nahmen am Gospelchor, Englischkursen, Basketball, Bibelkursen, Hauskreisen und anderen Aktivitäten teil. Viele kamen durch die gute Platzierung der Internetseite bei Google dazu. Mindestens 30% der Sänger aus dem Gospelchor entschieden sich für eine Beziehung zu Jesus. Jugendkirche Marzahn at its best! Hauskreise wurden multipliziert, Hochzeiten gefeiert und Jugendliche im See getauft. Die Gottesdienste fanden zunächst im CVJM-Haus Trinity statt und später in einem Nebentrakt der Arche in Hellersdorf.

Betrachtet man eine Jugendgemeinde als Schwamm, der Menschen kurz aufsaugt, prägt und dann wieder freigibt, kann man sicher mit den Dynamiken leben. So war auch die Jugendkirche Marzahn von Fluktuation geprägt. Wir beteten für Ausbildungsstellen und die Gebete wurden erhört. Allerdings mit dem Effekt, dass der Azubi umziehen musste. Umziehen war nach fünf Jahren auch für fast alle Amis angesagt. Als nächstes stand der Trendbezirk Prenzlauer Berg auf dem Programm, wo sich bereits Unmengen internationaler Missionare auf den Füßen herumtraten. Das dünnte nicht nur das Leitungsteam existenzbedrohlich aus, sondern zog auch viele der aufgebauten Folgeleiter hinterher.

Jugendkirche Marzahn mit neuem Pastor


In dieser Zeit, es war Sommer 2006, stellte sich ein deutscher Pastor mit südafrikanischer Frau vor. Sommer, Sonne, Grillen im Garten und viele Mitarbeiter und Jugendliche. Was für eine attraktive Gemeindestelle. In der Lukas-Gemeinde wurden LEGO-Steine gegen Spendenzusagen ausgegeben. Als das Pastorenehepaar im November nach Marzahn kam, war alles Grau in Grau, das Team war weitestgehend in die Innenstadt gezogen und verschiedene Folgeleiter packten bereits ihre Sachen. Entsprechend kurz war die Halbwertzeit, die zweieinhalb Jahre später endete.

Kirche43


Da die Jugendlichen teilweise die Zwanzig überschritten hatten, war die Jugendkirche Marzahn zwischenzeitlich in Kirche43 umbenannt worden. Um der Betriebsblindheit bei der Namensfindung abzuhelfen, hatten wir einen Designer aus Bielefeld beauftragt. Er nahm eine alte Postleitzahl und ersetzte die führende Zehn mit dem Wort "Kirche". Das gefiel uns sehr gut, zumal das den besonderen Kiezbezug darstellte. Als Farben für das Corporate Design wurden Grün und Orange gewählt.

Neuer Name, neue Farben, neues Logo konnten jedoch nicht verhindern, dass wegen der herausfordernden Abwanderungssituation von offizieller Seite bereits das Aus der Gemeinde kommuniziert wurde. Wieder also stand die Gemeinde am Nullpunkt. Was tun?

Kirche43 und der Independence Day


Es kamen nun der Wunsch eines Praktikanten zur hauptamtlichen pastoralen Tätigkeit und unsere alten Kontakte in die christliche Szene der Stadt zum Tragen. Auch der Jagdinstinkt einiger in Marzahn verbliebener Jugendlicher wurde geweckt. Mit einem Team hoch motivierter Mitarbeiter starteten wir neu durch. Es wurden mehrere Ladengeschäfte in der Hohensaatener Straße angemietet und ausgebaut. Die Gemeinde wuchs und brauchte immer mehr Platz. Nach einem Jahr, am Independence Day (04.07.2010), erlangte die Kirche43 ihre Unabhängigkeit von der Lukas-Gemeinde. Das begeisterte Team arbeitete so effektiv, dass an nur einem Wochenende die Gemeindeordnung fertig gestellt war und es in Richtung "normale" Gemeinde gehen konnte. Es kamen immer mehr junge Familien und Kinder dazu. Kirche43 hatte den Ruf einer integrativen Gemeinde mit bemerkenswerter Willkommenskultur.

Es wurden Glaubenskurse, Eheseminare, Spieleabende, Public Viewing, Männerabende, Mutter-Kind-Gruppen und wöchentliche Gottesdienste angeboten. Am 18. September 2011 wurde der damalige Praktikant Torsten Klotzsche zum Pastor im Mülheimer Verband ordiniert. Seine handwerklichen Fähigkeiten und ein besonderer Fokus auf gesellschaftlich benachteiligte Menschen aus dem Kiez prägen bis heute das Erscheinungsbild der Kirche43.

Lea Streisand von radioeins würde jetzt resümieren: "War schön jewesen. Geschichten aus der großen Stadt".

Kirche43 ab 2012


In den folgenden drei Jahren - 2012, 2013, 2014 - gab es drei Freizeiten, drei Sommerfeste und drei Leitungsteams mit unterschiedlicher Größe und Besetzung. Im November 2014 trat das letzte und personell umfangreichste Team zurück. Mitte 2015 verließen wir zusammen mit zwei weiteren in Gemeindegründung erfahrenen Ehepaaren die Kirche43. Weitere Familien folgten.

Dieser Blog ist ein Nebenprodukt unserer Neuorientierung.