Montag, 8. Oktober 2018

Mitmachen Gehen Zerstören - Umgang mit geistlichem Machtmissbrauch

Vertuschung, Kontrollzwang, Masken, Intrigen und irritierende Gespräche könnten ein Indikator für geistlichen Missbrauch sein. Oft scheitert es schon an der Benennung, so dass Betroffene völlig isoliert damit fertig werden müssen. Betroffen sind meist fitte und aktive Christen, die in Konflikt mit ihrem unsicheren oder inkompetenten Leiter geraten.



Die Sommerpause war diesmal besonders lang. Kaum Pressetermine, wenige Kundenanfragen, keine Fernreise. So wurde die Sommerzeit dazu genutzt, unser Gartenhaus von normal in Schwedisch umzufärben. Also nicht Blau und Gelb, sondern robustes Falunrot mit weißen Kontrastlinien. Damit waren wir zwei Wochen beschäftigt. Aus Langeweile las ich mir das Weißbuch der Bundesregierung von 2016 durch und hatte trotzdem immer noch viel Zeit.

Schreib' doch endlich mal das Buch!

"Schreib' doch endlich mal das Buch über geistlichen Missbrauch!", kam die Anregung aus der Familie. Hm, aber wo anfangen? Ich setzte mich hin und begann bei der Skizzierung der Ereignisse, die nun schon drei Jahre zurücklagen. Nach einer Woche war das Manuskript auf 120 Seiten angewachsen. Erlebnisse und Prinzipien wurden miteinander kombiniert, so dass der Text einen Mix aus gut lesbarer Story und Wissen darstellte.

Um einen möglichst hohen Mehrwert für eine breite Leserschaft zu bieten, sandte ich das Manuskript an etwa zehn Personen. Darunter waren Weggefährten, Betroffene aus anderen Missbrauchssystemen und völlig unbeteiligte Berater, auf deren Meinung ich einen großen Wert lege. Den angefragten Pastoren war das Thema wohl zu heiß. Deshalb konnte keine pastorale Meinung in das Buch einfließen.

Resonanz auf das Manuskript

Die Resonanz war ermutigend und erschütternd zugleich. Ungeahnt schnell hatten meine Lektoren das Manuskript durchgelesen und gaben mir teilweise sehr ausführliche Rückmeldungen. Dadurch konnten weitere Sichtweisen und Beispiele in das Buch aufgenommen werden. Die wenigen mit Ironie gewürzten Passagen wurden entfernt und eine große Schnittmenge der allgemeinen Lesbarkeit und Verständlichkeit eingearbeitet. Vielen Dank!

Erschütternd war, dass auch die als unbedarft angesehenen Leser massiv an alte Situationen erinnert wurden. Jeder der Leser war getriggert. Triggern heißt, dass als vergessen geglaubte Dinge plötzlich wieder hochkommen und erneut verarbeitet werden müssen. Wenn kein Heilungsprozess stattgefunden hat, kann die Wunde erneut aufreißen. Allein das Manuskript hatte Denkprozesse angestoßen, die für eine abschließende Heilung nützlich sein können.

Drei Optionen

Der Titel des Buches setzt sich aus den drei Optionen zusammen, die einem Betroffenen bei geistlichem Machtmissbrauch zur Verfügung stehen: Mitmachen oder Gehen oder Zerstören. Dabei ist Mitmachen die schlechteste Lösung, Gehen die gesündeste Lösung und Zerstören die schwerste Lösung. Auf den über 150 Seiten geht es um den schleichenden Beginn, die heiße Konfliktphase, das Danach, die konkreten Schritte zur Heilung und letztlich die Möglichkeiten des Zerstörens solcher Missbrauchssysteme.

Das Coverbild war kurz vor dem Besuch des Vorsitzenden des Ministerrates von Bosnien und Herzegowina am 13. August 2018 im Kanzleramt entstanden. Besen und Teppich symbolisieren eines der wichtigsten Prinzipien des geistlichen Missbrauchs: unter den Teppich kehren.

Taschenbuch und E-Book

Das Buch ist als elektronische Version und als echtes Taschenbuch verfügbar.

Die ersten Leser des E-Books und des Taschenbuchs waren sehr schnell durch. Selbst meine Mutter als Unbeteiligte hatte das Buch angefangen und bis zum Ende nicht mehr aus der Hand gelegt. Einer der Leser fragte, ob denn die Beispiele wirklich real seien. Ja, teilte ich ihm mit. Meine Frau ergänzte noch, dass die Beispiele so absurd seien, dass man sich die gar nicht selbst ausdenken könne.

Montag, 10. September 2018

Evangelische Allianz in Berlin

Die Evangelische Allianz kennt Otto Normalchrist eigentlich nur durch die Einladungen zur Gebetswoche Anfang des Jahres. In der letzten Woche besuchte ich ein Meeting von Verantwortlichen der Region Berlin und war überrascht.



Die Allianz-Gebetswoche gilt als das Flaggschiff der Deutschen Evangelischen Allianz. Grau-weißes Haar, muffige Gemeinderäume, uralte Lieder und Absitzen einer Pflichtveranstaltung sind die Assoziationen, die sich bezüglich der Gebetswoche eingebrannt haben. Die Allianz-Gebetswoche findet immer im Januar statt - oft begleitet von Kälte, Nässe, Schnee.

Entsprechend war auch meine Erwartungshaltung, als ich am Freitag die EFG Tempelhof ansteuerte. Einmal im Jahr trifft sich dort die Evangelische Allianz der Region und beredet die nächsten Aktivitäten. Als ich den Raum betrat, war ich jedoch überrascht:

Überraschung beim Alter

Etwa die Hälfte der Anwesenden war jünger als ich. Dynamische Pastoren aus Pankow, Prenzlberg oder Westend saßen an den Tischen und interessierten sich für eine Durchdringung der Stadt mit christlichen Inhalten. Eine Frau aus Tegel berichtete über das interkonfessionelle Gebet und Gebetskreise am Gymnasium ihrer Tochter. In Berlin gebe es sogar ein Gebetshaus, das 24/7 ausgelastet sei.

Es tut sich also etwas in Berlin. Insbesondere ist eine gravierende Verjüngung der Beter selbst festzustellen. Die jungen Aktivisten interessieren sich nicht mehr für konservierte Formen einer Januar-Gebetswoche, sondern beten, wo und wann es gerade passt. Eine ältere Teilnehmerin hatte sich das Frühgebet von Berufstätigen angeschaut und war beeindruckt über das Aufstehen zu nachtschlafender Zeit und die Intensität der Gebete.

Klimaveränderung in der Großstadt

Wie das Beispiel New York City zeigt, kann gemeinschaftliches Gebet und überkonfessionelles Handeln das Klima einer ganzen Stadt verändern. In New York City wurde klar definiert, dass eine große Stadt viele verschiedene Gemeinden braucht, um viele verschiedene Menschen erreichen zu können. Dort wird Diversität in Einheit gelebt - mit geistlichem Erfolg. Die Evangelische Allianz in Berlin hat auch solch ein Potenzial. Flankiert durch die drastische Verjüngung kann dieses Potenzial zur Entfaltung gebracht werden.

Von einmal pro Woche zu einer Woche pro Jahr

Als die Evangelische Allianz 1846 gegründet wurde, gab es eine Aufbruchsstimmung unter den evangelischen Christen. Die drei wichtigsten Ergebnisse der Gründungskonferenz in London waren das gemeinsame Gebet einmal pro Woche, die aktive Vernetzung von Gemeinden und ein Lebensstil, der Christen in der Gesellschaft sichtbar macht.

Das Gebet pro Woche wurde inzwischen auf eine Woche pro Jahr reduziert. Die anderen beiden Werte werden durch neue Gemeinden in der Stadt disruptiert. Das heißt, neue Gemeinden leben das einfach, während etablierte Gemeinden lieber im eigenen Saft schmoren und mal eben zur Allianz-Gebetswoche auf regionale Einheit machen.

Bei unseren Wanderungen durch die Stadt haben wir mehrere Parallelwelten erlebt, die oft nur wenige Meter voneinander entfernt existieren. Trotz sehr ähnlicher theologischer Prägung, gibt es keine Verzahnung. Dabei könnten Synergien entstehen, die sich positiv auf sämtliche Bereiche auswirken würden.

Gemeinsam

Die Evangelische Allianz in Berlin arbeitet sehr eng mit dem Gemeinsam für Berlin e.V. zusammen. Dieser verfolgt als Nebenschauplatz die gleichen Ziele wie die Allianz und bringt sogar Katholiken, Kopten und Orthodoxe an einen Tisch. Bei EINS sitzen die Christen unterschiedlicher Denominationen nicht nur an einem Tisch. Sie beten auch gemeinsam, haben gemeinsame Andachten und informieren sich gegenseitig über ihre Freuden und Herausforderungen. Daraus kann eine Bewegung entstehen, die tatsächlich die Stadt verändert - positiv wie New York City.

Das Treffen in der EFG Tempelhof war also eine positive Erfahrung mit einer Bewegung, die ich bisher als verstaubt und wenig relevant wahrgenommen hatte. Deshalb nahm ich mir eines der Informationshefte zur "Verantwortung der Christen in Staat und Gesellschaft" mit. Die Evangelische Allianz setzt sich nämlich auch im politischen Umfeld für biblische Werte ein und hat in Uwe Heimowski einen kompetenten Vertreter bei der Bundesregierung.

Die Evangelische Allianz bildet die Schnittmenge aus Christen, die ihre Basis in Jesus und der Bibel sehen und theologische Unterschiede wie das Tauf-Alter, die Form des Abendmahls, die Leitungsstrukturen und andere Sekundärthemen um der Einheit willen außen vor lassen können.

Montag, 3. September 2018

Startup.Life Berlin - Young Professionals treffen sich in der Digital Eatery

Startup.Life ist ein neues Format des Gemeinsam für Berlin e.V. und dient der Vernetzung junger Unternehmer und Führungskräfte aus der christlichen Szene Berlins.



Wer den Titel übersetzen kann, gehört dazu. Alle anderen können hier abbrechen und sich wieder ihren bevorzugten Themen zuwenden. Ich kann den Titel zumindest sinngemäß in Alltagsdeutsch übersetzen. Dennoch gehöre ich nur bedingt dazu. Warum? Mein erstes Start-up liegt 18 Jahre zurück und Young ist auch schon eine Weile her.

Bei Start-ups denkt der Beobachter der Berliner Wirtschaft an Firmen, die im Technologiesektor angesiedelt sind und eine Lebensdauer von maximal drei Jahren haben. Dann kommt entweder die Ernüchterung der Steuernachzahlung oder der Kapitalgeber steigt aus oder die Firma wird an einen Strohmann verkauft. Über 30% der Start-ups überleben tatsächlich die ersten drei Jahre nicht.

Heute Abend fand das erste Treffen - pardon Meeting - der christlichen Start-up-Szene in einer prominenten Location statt: der Digital Eatery in der Straße unter den Linden. Betreiber des digitalen Essens ist Microsoft. Wer hier seinen Cappuccino trinkt, kann hautnah die moderne Work-Life-Balance erleben. Zu Deutsch die Ausgewogenheit zwischen Arbeit und Privatleben. Eine Bankerin kommentierte kürzlich einen Vortrag zum Arbeitsumfeld der Zukunft mit "Work-Life-Life-Life-Balance" und karikierte damit den eher ungesunden Trend zur spaßbezogenen Arbeitskultur. Studenten hatten dabei die Wünsche ihrer Kommilitonen erfasst und im Berlin Capital Club - gesprochen Börrlinn Käppitell Klapp - präsentiert.

Ich war heute extrem früh in der Digital Eatery und hatte leider mein Smartphone zu Hause in der Steckdose gelassen. Wer die Start-up-Phase überlebt hat, kommt normalerweise auch ohne ständige Erreichbarkeit aus. Hier hätte es aber zum guten Ton gehört und die Wartezeit auf den Beginn sehr gut überbrückt.

Die Damen von Gemeinsam für Berlin und Rainer Schacke vom BIT, dem Berliner Institut für urbane Transformation liefen emsig durch die Eatery und trafen die letzten Absprachen. Immer mehr junge Leute füllten den Raum. Gefühlt 30% waren regelmäßige Besucher von Saddleback. Der Rest verteilte sich auf die anderen Berliner Trendgemeinden wie ICF, Berlin Projekt oder Hillsong. Hinter mir saß Filmemacher Julius Schindler. Auch kein wirklicher Start-up, dafür aber erfahren im Crowd Founding - gesprochen Kraut Faunding. Crowd Founding bedeutet, dass Gelder für ein Projekt über die Crowd - eine Masse von Investoren - aufgebracht werden.

Kurz nach halb acht waren alle Plätze besetzt - sehr zur Freude der Veranstalter. Die Young Professionals waren bei namhaften Firmen wie Zalando tätig oder fühlten sich einfach als Führungskraft. Kaum jemand von denen, die ich im Saal erkannte, war tatsächlich Unternehmer. Ich ließ mich vom Programm überraschen.

Es gab drei kurze Einleitungen und den längeren Impuls-Vortrag einer Brasilianerin, der ich schon mehrfach bei Saddleback begegnet war. Es ging um Venture Capital, Burnout und das konsequente Leben christlicher Werte am Arbeitsplatz. Alle Programmpunkte wurden auf Englisch vorgetragen. Es outete sich niemand, dass er das nicht verstehe. Nur gut, sonst wäre ich für die Simultanübersetzung zuständig gewesen. Also konnte ich mich an der großen Tasse mit Café Americano festhalten und dem Vortrag lauschen. Gegen neun folgten noch drei kurze Elevator Pitches - Kurzvorstellungen von eigenen Angeboten - und dann war Schluss.

Da meine Life-Balance signalisierte, dass ich für heute keine Lust mehr auf Englisch habe, verließ ich relativ schnell die Location. Draußen standen die jungen Führungskräfte und unterhielten sich angeregt über ihre Profession oder andere Dinge. Auch im Saal waren noch viele Gespräche im Gange - alles auf Englisch - selbst unter Deutschen.

Das nächste Treffen von Startup.Life Berlin ist für November geplant. Der Markt für diese berufliche Vernetzung ist auf alle Fälle gegeben. Dass Christen unterschiedlicher Gemeinden auch außerhalb der Gemeinderäume zusammenkommen, ist mir schon lange wichtig. Passt es doch gut zum in New York vorgestellten Modell des Dreibein-Hockers oder den Prinzipien der 97 Prozent.

Sonntag, 24. Juni 2018

Gerhard Schnitter wollte den David hören

Stabile familiäre Beziehungen beeinflussen die Entwicklung der Kinder. Musikproduzent und Komponist Gerhard Schnitter zeigt uns, wie das geht.



Wieder einmal konnte ich mit meinem Haarschnitt erschrockene Gesichter provozieren. Dabei wollte ich diesmal nur etwas nachschneiden. Frau und Tochter versuchten sich an der Schadensbegrenzung. Tapfer begleiteten sie mich auf der Fahrt zum Gottesdienst. Auch der Technikleiter von Saddleback starrte mich fassungslos an und fand keine Worte. Ein guter Bekannter aus dem Wellcome-Team erkannte mich gar nicht. Schnell verkrümelte ich mich in den Glaskasten. Von dort aus sollte ich heute das Rahmenprogramm übersetzen.

Der Saal füllte sich. Der Pastor mit seiner Frau waren zu einer Konferenz nach Kalifornien geflogen. Deshalb wurden ihre Kinder von den Großeltern betreut: Elisabeth und Gerhard Schnitter. Sie setzten sich in eine der Reihen vor dem Glaskasten. Gerhard Schnitter hatte einen Kopfhörer dabei.

Unzählige Jugendlieder der letzten vierzig Jahre tragen die Signatur Gerhard Schnitters. Er schrieb nicht nur Lieder. Er baute auch diverse Chöre auf. Besonders prägend waren seine 15 Jahre beim ERF. Das agile Ehepaar ging nach dem Renteneintritt - also 2006 - nach Paraguay, wo Gerhard Schnitter den Chor einer deutschen Gemeinde mit rund 400 Mitgliedern leitete.

Die 78 Jahre sieht man ihm nicht an. Mit Glatze und Hornbrille wirkt er wie ein 60-jähriger Prenzlberger. Dabei kommt er aus dem beschaulichen Süddeutschland. In der christlichen Szene ist er gut vernetzt und als Gesprächspartner gefragt. Auch mit Schauspieler Rolf-Dieter Degen hat er musikalisch zusammengearbeitet.

Gerhard Schnitter setzte während der Video-Predigt von Rick Warren die Kopfhörer auf. Die Ansagen schien er auch so verstanden zu haben. Seine Frau nutzte keine Kopfhörer.

Nach dem Gottesdienst sagte mir Yilmaz vom Welcome-Team, dass er mich nur wegen meines nebenstehenden Sohnes erkannt habe. Zwei der wenigen Deutschen bei Saddleback blickten grinsend auf meine Frisur und kamen zu einem Smalltalk auf mich zu. Langsam wurde ich unsicher.

Dann kam Gerhard Schnitter mit seiner Glatze vorbei. Er schaute und kam auf mich zu. "Wir kennen uns doch", war der Einstieg zu einem kurzen aber wichtigen Gespräch. Ja, er schreibe noch Lieder. Er und seine Frau seien diese Woche hier wegen der Enkel.

Ich fragte ihn, ob er denn gut mit dem Englischen klar gekommen sei. "Ich wollte David hören", entgegnete er darauf. "Ich wollte hören, wie er das so macht", schob er nach. Gelebtes Interesse eines Vaters an seinem Sohn. David alias Dave Schnitter übersetzt sämtliche Saddleback-Predigten ins Deutsche. Dabei trifft er genau unseren Sprachgebrauch und ersetzt sogar die Witze in deutsche Analogien.

Gerhard Schnitter versteht Englisch. Die Stimme seines Sohnes war ihm aber wichtiger.

Samstag, 2. Juni 2018

Geduld: Savlanuth und die defekte Hupe

Savlanuth ist Hebräisch und wird mit Geduld übersetzt. Geschwindigkeit kann ein wichtiger Motivator sein, der mit Savlanuth kollidiert. In den letzten Tagen gab es Situationen, die mich der Savlanuth näher brachten.


Es begann mal wieder kurz vor Ablauf der Garantiezeit. Bei einem beherzten Linkseinschlag fing meine Hupe an zu hupen. Wahrscheinlich der Schalter verklemmt. In den folgenden Tagen geschah das immer öfter - bei Linkskurven, bei Bodenwellen und im Stand. Da die Erwartung des Werkstatt-Termins einige Geduld erforderte, ließ ich die Sicherung 62 ziehen. Das war eine Sofort-Lösung, die keine Geduld erforderte.

Mit gezogener Sicherung 62 nahm ich dann einige Wochen am Straßenverkehr teil. Das ist in Deutschland unkritisch, da für den normalen Fahrbetrieb keine Hupe gebraucht wird. Zumindest widerspricht eine Hupe der verkehrstechnischen Lebenserfahrung. In Ländern des südlichen und westlichen Europas mag das anders sein. Es gab allerdings einen Haken: Ich konnte die vor mir wartenden Verkehrsteilnehmer nicht mehr darauf hinweisen, dass es soeben Grün geworden war.

Was ist dein Antrieb?

Ein Hammerschlag gegen meine Psyche. Hatte ich doch vor zwei Jahren einen Test mitgemacht, bei dem es um unsere Antriebskräfte ging. Es gab fünf Antriebe zur Auswahl:

- Perfektionismus: Sei perfekt!
- Geschwindigkeit: Mach schnell!
- Anstrengung: Streng dich an!
- People Pleaser: Mach es allen recht!
- Stärke: Sei stark!

Nach der Beantwortung von 50 Fragen stand fest, was mir auch vorher schon klar war: Geschwindigkeit ist mit deutlichem Abstand mein Antrieb Nummer Eins. Dann eine Weile nichts. Dann auf etwa gleicher Höhe die Antriebe Perfektion, Anstrengung und Stärke. Es allen recht zu machen, treibt mich so gar nicht an.

Ungeplante Lektion in Geduld

Und dann fiel die Hupe aus. Eine willkommene Gelegenheit, mal über Savlanuth (סבלנות) in der Alltagspraxis nachzudenken. Wann immer ich an einer Grün gewordenen Ampel von anderen Verkehrsteilnehmern blockiert wurde, dachte ich an meinen Antrieb und an Savlanuth. Savlanuth und die gezogene Sicherung 62 halfen mir, eine gewisse Entspanntheit in die Ampelsituation hineinzubekommen.

Nachdem die Hupe dann wieder repariert war, gab es eine nächste Lehreinheit zur Geduld. Zu Fuß war ich unterwegs zum S-Bahnhof. Ich wollte mit der Bahn zu einer der vielen Veranstaltungen zum 70. Geburtstag von Israel fahren. Das Timing war super. Schnellen Schrittes betrat ich die Drehtür des Einkaufszentrums vor dem S-Bahnhof. Genau in der Mitte stellte die Tür ihre Bewegung ein. Ich blickte auf die Uhr. Und was dachte ich in diesem Moment? "Israel - Savlanuth - Passt ja!"

Das nahm den Stress aus der Situation. Nach zwei Minuten oder so lief die Drehtür wieder an und ich schaffte tatsächlich noch die begehrte S-Bahn.

Viele Betroffene

Geduld alias Savlanuth ist eine große Herausforderung für viele Zeitgenossen. Bei einem Test in der Männergruppe der LKG Eben Ezer stellte sich heraus, dass viele von ihnen ähnlich ticken wie ich. Einer davon ist nun im Ruhestand und hetzt so durch die Gegend, dass Einladungen zur Grillparty oder zum Gebetsabend nicht mehr in den Kalender passen.

Geduld ist erlernbar!

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Savlanuth erlernbar ist. Etwa 2014 hatte ich damit begonnen, auf Urlaubsreisen konsequent E-Mails und Handy zu ignorieren. Allein SMS bezüglich von Server-Abstürzen oder Anrufe von der Alarmanlage meines zu Hause gebliebenen Autos wurden behandelt.

Zunächst praktizierte ich das bei einwöchigen Trips. Das steigerte sich dann auf drei Wochen Kommunikations-Pause während anschließender Reisen. Das klappt tatsächlich gut, auch wenn gelegentlich nach drei Wochen eine vierstellige Anzahl von Mails sortiert werden muss. Aber egal: Die bewusste Entschleunigung schafft eine Tiefenentspannung, aus der heraus die aufgelaufenen Themen bearbeitet werden können. Vieles hat sich dann zwischenzeitlich ohnehin von selbst geklärt.

26 Stunden ohne Internet

In dieser Woche waren bei uns für 26 Stunden Telefon und Internet ausgefallen. Die Kinder putzten die Wohnung, der Abwasch wurde erledigt, die Wäsche wurde gewaschen, Sport getrieben, Datensicherungen gefahren, die Mikrowelle repariert und Kapitel über Kapitel in der Bibel gelesen. Die besondere Kunst der Geduld besteht ja darin, sich in der Zwischenzeit anderweitig zu beschäftigen.

Als das Internet dann wieder da war, hatte die Sucht nachgelassen. Mein Sohn spielte weiter Ukulele, meine Tochter machte Hausaufgaben und ich schaltete den Rechner einfach aus, nachdem ich das Tagesgeschäft erledigt hatte. Geht alles!

"Geduld tut Not", lesen wir in Hebräer 10 Vers 36. Geduld und Entschleunigung können unserem Leben auch einen guten Antrieb liefern.

Sonntag, 27. Mai 2018

60 Jahre Aktion Sühnezeichen

Auch in diesem Jahr gibt es wieder viele Geburtstage. Heute feierte Aktion Sühnezeichen sein 60. Jubiläum. Ich besuchte dazu den Gottesdienst in der Französischen Friedrichstadtkirche.



So früh war ich wohl noch nie zum Gottesdienst erschienen: 60 Minuten vor Beginn. Nach einer kurzen Personen-Kontrolle betrat ich den Saal. Schon etwa die Hälfte der Plätze waren besetzt oder mit Taschen und Jacken reserviert worden. In der zweiten Reihe erspähte ich einen Stuhl ohne Tasche, Jacke oder Handtuch. Er war tatsächlich noch frei.

Die Tasche neben mir gehörte einer älteren Dame, die freundlich grüßte und sich als Frau eines Aktivisten von Sühnezeichen vorstellte. Sie sei aus Leipzig angereist und fragte, wie ich denn mit der Aktion Sühnezeichen verbandelt sei. "Gar nicht", sagte ich und verwies auf den Terminkalender des Bundespräsidenten. Dieser sollte am Gottesdienst und dem anschließenden Festakt teilnehmen. Deshalb auch die Anmeldung mit Name und Geburtsdatum, die Kontrollen am Eingang und das gelbe Bändchen mit der Aufschrift "Bundeskriminalamt".

Frank-Walter Steinmeier erschien recht unspektakulär 10 Minuten vor der Zeit. Zunächst stand er unbeachtet am Eingang - und stand und stand. Dann war der Chorleiter mit seinen Ansagen fertig und der Bundespräsident wurde offiziell begrüßt. Er durfte in der ersten Reihe direkt vor dem Altarbereich sitzen. Elke Büdenbender - seine Frau - war nicht dabei.

Normalerweise ist der Spitzenpolitiker das Maß aller Dinge und bestimmt mit seinem Erscheinen den Beginn. In der Französischen Friedrichstadtkirche war das heute anders. Zehn Minuten des Wartens, zehn Minuten der Stille. Keiner betrat mehr den Saal. Die Uhr des Organisten bestimmte den Beginn: Punkt zehn griff er in die Tasten.

Während des Gottesdienstes erfuhren wir viel über Aktion Sühnezeichen. So sei die Organisation aus dem Impuls entstanden: "Man kann es einfach tun". Die Betonung liegt auf dem Tun. Der sperrige Begriff Sühnezeichen wurde bewusst gewählt und auch über die Jahrzehnte beibehalten, da kein passenderes Wort gefunden werden konnte.

Wofür aber Sühne? Zwischen 1938 und 1945 war ein Drittel der gesamten jüdischen Weltbevölkerung ausgelöscht worden. Daran waren maßgeblich Menschen aus Deutschland beteiligt: als aktive Täter, Desinteressierte oder willige Masse. Solch ein Genozid schreit nach Vergeltung. Sühne kann also einerseits mit Rache zur Vergeltung angegangen werden oder andererseits als Reue und Wiedergutmachung. Aktion Sühnezeichen hat sich der letzteren Form verschrieben und setzt seit 1958 auf konkrete Hilfe für Überlebende und deren Nachkommen.

Bischof Dröge predigte über 5. Mose 32, 46-47 und kam über die Brücke der zehn Gebote immer wieder auf das Tun von Aktion Sühnezeichen zurück. Wenn jemand schuldig geworden sei, solle er um Vergebung bitten. Die Aktion Sühnezeichen sei eine "tatkräftige Bitte um Vergebung".

Dieser Gottesdienst machte bewusst, dass die Pogrom-Nacht von 1938 auch eine göttliche Dimension hatte. Damals waren in Berlin 9 von 15 Synagogen zerstört worden. Die Schriftrollen mit dem Gesetz - also auch den 10 Geboten - waren herausgeholt, zerschnitten und verbrannt worden. Markus Dröge kennt die protestantische Denkweise, die dem Gesetz normalerweise so begegne, dass der Freiheit in Christus der Vorrang eingeräumt werde. Zu Deutsch: "Wir müssen nichts tun".

Aktion Sühnezeichen tut und hat dabei keine Nachwuchs-Probleme. In den 60 Jahren des Bestehens waren etwa 25.000 Menschen losgezogen und haben Zeichen der Sühne getan. Hauptfokus: Israel. Das Aufgabenspektrum ist inzwischen gewachsen. Es geht um Hilfe für Behinderte, Minderheiten, Flüchtlinge, Sinti und Roma sowie um zivilen Ungehorsam und Akzente gegen Populismus.

Aktion Sühnezeichen hatte für heute Mittag auch zur Gegendemonstration anlässlich einer AfD-Veranstaltung vor dem Hauptbahnhof aufgerufen. Diese Demo zog sich relativ ungeordnet über das Regierungsviertel bis zur Friedrichstraße. Nach dem Gottesdienst mit Aktion Sühnezeichen hatte ich mich mit meiner Familie an der Kalkscheune verabredet. Dort wurden wir Zeugen, wie es aussieht, wenn es auf den Straßen Berlins brennt. Diesmal brannten - wenige Meter von der Synagoge in der Oranienburger Straße entfernt - keine Thora-Rollen, sondern Mülltonnen.

Sonntag, 6. Mai 2018

Bullets, Warriors, Katholiken und die Gottesdienste in Eberswalde

Das erste Football-Spiel unseres Sohnes fand heute in Eberswalde statt. Die Zeit zwischen Abliefern des Kindes und Spielbeginn nutzten wir zum Besuch eines katholischen Gottesdienstes im Ortsteil Eberswalde-Finow.



"Warum wohnen wir nicht in Eberswalde?", fragte unsere Tochter nachdem wir unseren Sohn am Wasserturm rausgelassen hatten. Rechts und links saftige Wiesen, kleine Wäldchen, flache Häuser, gepflegte Altbausubstanz, hier noch ein See und dort neues Kopfsteinpflaster. Warum eigentlich nicht? Das sah hier ganz nett aus.

Im Vorfeld hatte ich bei Google nach Kirchen in Eberswalde gesucht. Die Ergebnisse waren übersichtlich: Baptisten, eine evangelische Kirche, eine freie Christus Gemeinde Eberswalde, eine neuapostolische Gemeinde, eine methodistische Gemeinde und zwei katholische Gemeinden. Neuapostolisch hatten wir bisher nicht auf dem Radar. Die Webseiten der Methodisten, Baptisten und Evangelischen Kirche waren so altbacken oder rudimentär, dass ein Besuch ebenfalls ausschied.

Christus Gemeinde Eberswalde und das erste Spiel der Berlin Bullets

Den interessantesten Eindruck vermittelte die CGE Christus Gemeinde Eberswalde. Deren Gottesdienst sollte von zehn bis zwölf gehen. Das kollidierte jedoch mit dem Spielbeginn der Berlin Bullets gegen die Eberswalde Warriors um elf.

Ein halbes Jahr hatte unser Sohn auf dieses erste echte Spiel hintrainiert: American Football. American Football hat mit Fußball so gut wie gar nichts zu tun und ist eine Sportart mit Schubserei, Festhalten, Umrennen, vielen blauen Flecken und undurchsichtigen Regeln. Die Amis stehen darauf. Deshalb läuft alles auf Englisch mit Quarterback, O-Line, Defense und ähnlichen Begriffen, die unser Sohn inzwischen komplett beherrscht.

St. Theresia zum Kinde Jesu

Blieb also noch die katholische Kirche St. Theresia vom Kinde Jesu, wo der Gottesdienst um 8:30 Uhr begann. Oh, war das früh! Um diese Zeit mussten wir aber unseren Sohn abgegeben haben und hatten dann noch zweieinhalb Stunden Zeit.

St. Theresia ist eine kleine Backsteinkirche auf einem Eckgrundstück. Der Innenraum ist hell und freundlich. An den Wänden sind Reliefs mit dem Kreuzweg eingelassen. Der Altarbereich dieses schlichten Raumes freute mich besonders - endlich mal wieder Latein: "Agnus Dei qui tollit peccatum mundi". Das steht in Johannes 1 Vers 29 und bedeutet: "Das Lamm Gottes, das wegnimmt die Sünde der Welt". Meine Tochter schaute skeptisch, da sie Wörter wie peccatum (Sünde) in der Schule nicht gelernt hatte.

Der Saal füllte sich, so dass letztlich etwa 30 Personen auf den Holzbänken saßen. Das Durchschnittsalter lag bei 70. Eigentlich schade, denn die Ansagen des Pfarrers und dessen Predigt waren wirklich kurzweilig und gut. Er sprach frei, hielt Blickkontakt zu den Besuchern und redete wie ein Mann, der die Alltagssprache und die Herausforderungen seiner Nachbarn kennt. Unterstützt wurde er von zwei Messdienern im Teenager-Alter. Diese beäugten uns unentwegt, da wir den Altersdurchschnitt so signifikant nach unten korrigierten.

Katholisch heißt "für alle da"

In der Predigt zu Apostelgeschichte 10 - der heidnische Hauptmann Cornelius wird getauft - machte der Referent klar, dass auch Cornelius katholisch wurde. Katholisch im Sinne von "für alle da". Mir kam dabei ständig in den Sinn, dass auch Luther katholisch gewesen sei, obwohl man ihn heute in einer anderen Ecke einordnet. Die Predigt ermutigte, dass auch eine katholische Gemeinde wieder praktisch für alle da sein sollte. Dass sich der biologische Nachwuchs ausgedünnt hatte, war ja deutlich zu erkennen.

Übrigens war ich bei Recherchen zum Nuntius des Heiligen Stuhls - also dem Botschafter des Vatikans - darauf gestoßen, dass Erzbischof Eterovic (Chef des Diplomatischen Korps in Deutschland) seit 2011 als Päpstlicher Rat zur Förderung der Neuevangelisierung fungiert. Dieser Rat zur Förderung der Neuevangelisierung wirkt gerade in Ländern, wo das Christentum schon lange beheimatet ist, jedoch durch die Säkularisierung an Bedeutung verloren hat. Genau in diesen Tenor stimmte die heutige Predigt bei St. Theresia ein.

Gesang ohne Instrumente

Bemerkenswert war auch die Musik. Der Gesang kam komplett ohne Instrumental-Begleitung aus und füllte das Volumen des Kirchenschiffs. Wegen der guten Beschilderung konnten wir fast alle Elemente der Liturgie mitsingen und schauten uns den Rest von den Leuten ab, die um uns herumsaßen. Es gab auch Abendmahl und den üblichen Friedensgruß mit Körperkontakt: Hände schütteln.

Nach dem Gottesdienst brachten wir die Gesangsbücher weg und traten in die gleißende Sonne. Über Kopfsteinpflaster rumpelten wir zum Wasserturm zurück.

Bullets versus Warriors

Die Berlin Bullets waren umgezogen und machten sich auf dem Platz warm. Die Warriors hatten zwei Hüpfburgen aufgeblasen und ein großes WARRIORS auf den Platz gepinselt. Warriors heißt Krieger, während Bullets die Patronen sind. Nach der ersten Halbzeit stand es 40 zu Null für die Eberswalder. Unentwegt war ich unterwegs, um Kuchen, Würstchen, Salat, Grillfleisch, Kaffee, Schirme oder Decken zu holen. Bei den Regeln sah ich ohnehin nicht durch. Ich wusste nur, dass mein Sohn die weiß-grüne 53 war. Den Rest konnte man unter Helm und dem Brustpanzer nicht erkennen. Meine Tochter hatte noch dafür gesorgt, dass er gelbe Turnschuhe trug. Das fiel auf.

Es war das erste Spiel dieser Mannschaft überhaupt. Deshalb waren die 40 zu Null zu verkraften. Insbesondere deshalb, weil in der zweiten Halbzeit keine weitere Veränderung des Spielstandes eintrat. Die erste Halbzeit war zum Üben, die zweite zum Bewähren. Wir sind gespannt auf das nächste Spiel.

Sonntag, 22. April 2018

Lutherisch auf Farsi in der Dreieinigkeits-Gemeinde Steglitz

Gottfried Martens aus der Dreieinigkeits-Gemeinde ist durch die Presse bekannt geworden. Er engagiert sich für Menschen aus dem Nahen und Mittleren Osten. Heute haben wir einen Doppelgottesdienst in Steglitz besucht.



Mein Begleiter trieb mich zur Eile. Wenn wir nicht pünktlich vor Ort seien, bekämen wir keinen Sitzplatz mehr. Über 1.000 Menschen mit Fluchtgeschichte gehören wohl zur Dreieinigkeits-Gemeinde in Steglitz. So entschieden wir uns, schon zur vorgelagerten Beichtandacht zu erscheinen. Diese begann um zehn.

Das Gemeindehaus steht auf einem Eckgrundstück in der Steglitzer Südendstraße. Parkplätze waren an der Straße vorhanden. Aus dem Küchenfenster klangen orientalische Klänge. Überall Schilder mit arabischen Schriftzeichen. Im Eingangsbereich wurden wir freundlich begrüßt. Ein dunkelhaariger Mann reichte uns die drei benötigten Gesangsbücher und ein separates Liedblatt.

Sieben Kreuze und Vergebung

Da die Familie nicht dabei war, konnten wir uns in der dritten Reihe platzieren. Kirchenbänke mit Kissen. Im Altarbereich zählte ich sieben Kreuze: Kanzel, Kerzen, Altarkreuze und ein herzugetragenes Aufstellkreuz. Das war eine Steilvorlage für die Beichtandacht. Wir hatten ja schon einige lutherische Gemeinden erlebt, wo auf der Sündhaftigkeit des Besuchers herumgeritten wurde - teilweise mit bedrohlich gestalteten Liedtexten an der Wand.

Hier wurde ein klarer Gegenakzent gesetzt: Ja, es gibt immer wieder Sünde, aber es gibt auch Vergebung. So stand die Beichtandacht im Zeichen der Vergebung. Gruppen von etwa 20 Personen kamen in den Altarbereich, knieten sich nieder und bekamen auf Deutsch, Farsi und Englisch Vergebung zugesprochen. Dazu legte Gottfried Martens jedem die Hand auf. Auch mein Begleiter reihte sich ein und war dann im gefühlt siebten Durchlauf dabei. Die Wartenden nahmen kein Ende. Ich war beeindruckt.

200 Plätze und kein Smartphone

Die Sitzplätze im Saal und auf der Empore müssen um die 200 Personen fassen. An jedem Platz - also sechs Mal pro Holzbank - war ein Hinweis auf Farsi und Deutsch angebracht, dass wir uns der Gegenwart Gottes bewusst sein sollten und deshalb jegliche Benutzung von Smartphones als respektlos anzusehen ist. Wer sein Smartphone benutzen möchte, solle den Saal verlassen und erst nach dem Gottesdienst wieder betreten. Eine deutliche Ansage, die wohl ihre Gründe hat.

Der Übergang zwischen Beichtandacht und Gottesdienst dauerte etwa zehn Minuten. Der Saal füllte sich noch etwas, so dass die 200 Plätze nahezu ausgereizt waren. Niemand starrte auf sein Handy. Alle konzentrierten sich auf die Liturgie. Pfarrer Martens zelebrierte die lutherische Liturgie mit Hingabe und fast komplett ohne Textvorlage. Die Liturgie schien in ihm zu leben.

Da gefühlt 90% der Anwesenden Farsi sprachen, wurden die Bibeltexte auch in Farsi verlesen. Es wurde sehr viel gesungen: Kirchenlieder, Jugendlieder von 1990 und schwungvolle Lieder auf Farsi. Ich verstand kein Wort - doch: Pontius Pilatus. Farsi ist Amtssprache im Iran, in Afghanistan und in Tadschikistan. Als indogermanische Sprache klingt sie gar nicht arabisch, obwohl Farsi die gleichen Schriftzeichen hat. Es gibt weltweit etwa 70 Millionen Muttersprachler.

Verfall und Erneuerung

Mit Hingabe predigte Gottfried Martens über einen Text aus dem zweiten Korintherbrief: "Wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so werden wir doch am inneren Menschen von Tag zu Tag erneuert" (2. Korinther 4, 16). Nachts um drei habe er die Predigt vorbereitet - nach einem Tag der Herausforderungen und Rückschläge beim Einsatz für seine zum Christentum konvertierten Gemeindemitglieder. Am eigenen Körper erlebe er, wie er ermüdet. In der nächsten Woche fallen einige Veranstaltungen aus, da er "Schlaf-Urlaub" mache.

Ein Leuchten kam in seine Augen, als er den zweiten Teil des Predigttextes betrachtete. Wir werden täglich am inneren Menschen erneuert und erfrischt. Sehr plastisch malte er uns mit seinen Worten die Spannung zwischen äußerem Verfall und innerer Erneuerung - renovatur im Lateinischen - vor Augen. Ich betete für ihn, dass er in der nächsten Woche wirklich diese innere Kraft tanken kann.

Abendmahl mit Weißwein

Zum Abschluss des Gottesdienstes gab es Abendmahl. Dieses dauerte über eine halbe Stunde. Es müssen um die zehn Gruppen zu je zwanzig Leuten nach vorne gekommen sein. Der Pfarrer legte die Oblaten in den Mund jedes Einzelnen. Dann kam der Kelch mit Weißwein. Gerade der Wein muss eine besondere Herausforderung für ehemalige Moslems sein. Ein starkes Zeichen der Lebensveränderung.

Nach dem Gottesdienst verabschiedete Gottfried Martens alle Besucher persönlich. Äußerlich vom Stress gezeichnet, aber innerlich erneuert. Das verriet sein Blick, als er uns verabschiedete. Wir schauten noch kurz in den Essenssaal im Erdgeschoss und verließen dann die Dreieinigkeits-Gemeinde in Steglitz.

Samstag, 21. April 2018

Moskau Teil 4: Pastoren treffen sich in Selenograd

Gemeindegründung ist ein internationales Thema. Im 4. Teil ihres Reiseberichtes erzählt Gastautorin Martina über eine Pastoren- und Leiterkonferenz in Selenograd. Sie musste wohl erst nach Moskau reisen, um weitere Prinzipien guter Gemeindeleitung zu entdecken.



Als wir nach unserem Stadtausflug viel später als erwartet zur Baptistengemeinde von Selenograd zurückkehrten, hatte sich das Haus gut gefüllt. Wir versuchten, eine Aufgabe zu finden und halfen ein wenig bei der Registrierung. Dabei lernten wir weitere sehr freundliche Mitglieder aus der gastgebenden Gemeinde kennen.

Von den angereisten ca. 150 Pastoren und leitenden Mitarbeiter aus ganz verschiedenen Gemeinden und Gegenden Russlands konnten wir in den nächsten Tage einige kennenlernen. Es waren neben den Baptisten auch Christen aus Pfingstgemeinden und evangelischen Kirchen vertreten. Russisch-Orthodoxe waren nicht zu erkennen.

Moskauer Pastoren treffen sich einmal pro Monat

Als die Kommunisten in den 1920er und 1930er Jahren die Macht übernahmen, fassten sie die Freikirchen unter einem Dach zusammen. Sie hofften dadurch, dass die Christen sich wegen einiger unterschiedlicher Glaubensgrundsätze gegenseitig zerfleischen würden. Das Gegenteil war jedoch der Fall - und so sind heute vielleicht noch die Früchte daraus zu sehen. Für die Moskauer Region gibt es jedenfalls ein monatliches Pastorentreffen, zu dem Pastor Pavel alle Konferenzteilnehmer einlud.

Überhaupt scheint er ein Netzwerker zu sein. Er hatte es geschafft, so viele verschiedene Denominationen, Regionen und Ethnien nach Selenograd einzuladen und eine Atmosphäre der Gemeinschaft von Christen anzuregen. Hier können wir uns in Deutschland eine riesige Scheibe abschneiden.

Moskau Selenograd Baptisten Pastorenkonferenz
Pastorenkonferenz in der Selenograder Baptistengemeinde (Foto: Dave Schnitter)
Video à la Saddleback

Bei der ersten Live-Übertragung aus Amerika konnten wir nach dem Abendessen im Gemeindesaal dabei sein. Das Auditorium hörte gespannt zu, wie Tom Holladay seine Einleitung und einige Grußworte überbrachte. Er wurde live von der Bühne ins Russische übersetzt. Für Tom und Andrew aus Amerika, die eigentlich Hauptredner sein sollten, waren recht spontan zwei andere Pastoren namens Dave Holden und Dave Page, ebenfalls aus den USA angereist.

Es sollte um eine erneuerte Kirche und das Predigen mit Vision gehen. Dies ist Teil des Programms "Kirche mit Vision" der Saddleback Church aus Kalifornien. Nachdem in den 1990er Jahren das Buch "Leben mit Vision" von Rick Warren zu einem Weltbestseller in christlichen Kreisen geworden war, hat Pastor Rick weiter an Konzepten gearbeitet, wie einzelne Personen, Kirchen und Gemeinden und sogar ganze Länder von der Rückbesinnung auf Gottes Vision für uns Menschen verändert werden können. Dies ist alles unabhängig von nationalen Grenzen angelegt.

Handwerkszeug

In den nächsten Veranstaltungen im großen Saal ging es darum, als Gemeinde im Lobpreis, in Gemeinschaft, Jüngerschaft, Dienst und in der Weitergabe der Guten Nachricht zu wachsen. Insbesondere zum letzten Punkt gab es ganz konkrete Ideen und Anleitungen mit umfangreichem Material und vielen praktischen Beispielen der Redner. Alles wurde schließlich am Samstagmorgen zusammengefasst mit der Ermutigung für die Pastoren, ihre Gemeinden zu lieben.

Ich war beeindruckt von der Professionalität der Technik. Die Live-Übertragungen aus Kalifornien liefen ruckelfrei und waren gut zu verstehen. Das einzige, was zu der Zeit nicht funktionierte, war das W-LAN im Saal. Beeindruckt war ich auch von der guten Performance der beiden Übersetzer. Wobei überraschend viele Einheimische ihre Englischkenntnisse hervorholten, wenn wir uns mit ihnen unterhielten.

Moskau Selenograd Baptisten Pastorenkonferenz
Pastorenkonferenz in Selenograd - Casper, Martina, Ayanna (v.l.n.r. - Foto: Dave Schnitter)
Singen auf Russisch

Der Lobpreis - komplett auf Russisch - wurde zumeist von Andre aus Selenograd geleitet. Im Laufe der Konferenz zeigte sich, dass er zahlreiche Instrumente beherrschte. Bemerkenswert war außerdem die unterschiedliche Zusammensetzung des Teams bei gleichbleibend großer Begeisterung und Qualität. Manche Lieder kannten wir aus dem Englischen, andere waren völlig neu für uns. Alle Lieder wurden nur auf Russisch gesungen. Mein Vorteil war, dass ich alles mitsingen konnte, weil ich ja die russischen Texte vom Beamer lesen konnte. Die Lobpreiszeiten hätten für meinen Geschmack ruhig länger sein können.

Seminare über gesunden Gemeinde-Aufbau

Am Freitag und Samstag Nachmittag gab es je zwei Seminarblöcke, die entweder von den angereisten Amerikanern, von Dave Schnitter aus Berlin oder von Mitgliedern der Selenograder Gemeinde gehalten wurden. Es gab auch wieder Live-Übertragungen aus den USA. Inhalte waren der Aufbau von Gemeinden in Gegenden, in denen kaum noch jemand zur Kirche geht. Außerdem gab es Anregungen, wie man Nichtchristen mit dem Evangelium erreichen könnte. Oder auch Seminare darüber, wie man wertschätzend mit Mitarbeitern umgeht.

Ich entschied mich, mehr über die Gründungsgeschichte von Saddleback Berlin zu erfahren und ging zu Dave Schnitter. Da muss man erst nach Moskau reisen… Hätte ich bestimmt auch zu Hause erfragen können, bin aber nie auf die Idee gekommen.

Endlich putzen!

Schließlich konnten wir anderen drei nach etlichen Anläufen doch noch ein wenig helfen: Putzen. Dabei lernte Casper, wie man einen Staubsauger auf dem Rücken trägt. Ich lernte Olja kennen, die das komplette Gemeindehaus blitzblank hält. Mein Russisch war inzwischen auf 3-Wort-Sätze angewachsen. So konnten wir sogar eine Art Gespräch führen, denn Olja sprach gar kein Englisch.

Moskau Selenograd Baptisten Pastorenkonferenz
Putzen in Selenograd (Foto: Dave Schnitter)
Dann durfte ich sogar noch die Eingangstreppe sowie die Waschräume wischen. Wenn wir gerade nicht zur Stelle waren - also meistens - wird Olja bei solchen Veranstaltungen von den Jugendlichen aus der Baptistengemeinde unterstützt. Sie wienern das Haus, wenn alle Gäste die Lokalität verlassen haben und sorgen dafür, dass man sich am nächsten Morgen wohl und willkommen fühlt. Stolz erzählten einige junge Leute, dass sie im letzten Jahr sogar eine Urkunde für ihre Unterstützung erhalten hatten. Man merkte an dem Umgang miteinander, dass eine Atmosphäre der Wertschätzung und Anerkennung in diesem Haus nicht nur bloße Theorie ist, sondern gelebte Wirklichkeit.

Das ist wohl auch eins der Geheimnisse, warum Pastor Pavel Kolesnikov es geschafft hat, ein so junges, engagiertes Team zusammenzustellen, das wir am ersten Abend vorgestellt bekamen. Und bestimmt auch die Vision, eine gesunde, wachsende Kirche für sein Städtchen Selenograd zu etablieren.

Autorin: Martina Baumann (redaktionell bearbeitet von Matthias Baumann)

Freitag, 20. April 2018

Moskau Teil 3: Wanderung mit Karolina

Neben Kak, Da und Njet gibt es wohl nur noch ein Wort, das sich der per Pflicht-Unterricht gebildete Schüler aus dem Russischen gemerkt hat: Dostroprimeltschatjelnosti - Sehenswürdigkeiten. Der folgende Gastbeitrag meiner Frau Martina berichtet von einem Stadtrundgang mit Karolina.



Pünktlich um sieben trafen wir uns als Berliner mit zwei Amis und mit Karolina aus Selenograd. Karolina wollte uns Moskau zeigen. Auf das Frühstück hatten wir verzichtet, um den leeren Schnellzug in die City zu erwischen.

Der Zugverkehr zu den Vororten ist ähnlich wie in Paris organisiert. Es gibt Züge, die an drei Stationen halten und dann nur 35 Minuten brauchen. Und solche, die 50 Minuten unterwegs sind, weil sie jede Haltestelle ansteuern. Karolina hatte die richtigen Fahrkarten besorgt und kümmerte sich trotz ihres jugendlichen Alters auch im weiteren Tagesverlauf darum, dass wir die richtigen Züge und Metros benutzen konnten.

Moskau Metro
Moskau - Metrostation (Foto: Dave Schnitter)
Als wir in Moskau-Komsomolskaja ausstiegen, blitzte so langsam die Sonne durch die Wolken, auch wenn der Wind noch eisig war. Hier gibt es insgesamt drei Bahnhöfe, allesamt sehr imposante Gebäude. Komsomolkaja ist einer der berühmten U-Bahnhöfe aus den 1960er Jahren, mit Stuck und Kronleuchtern. Hier kreuzen sich zwei Metrolinien. Im Berufsverkehr waren wir offensichtlich die einzigen, die die Architektur dieses Bahnhofs bewundern, genießen und fotografieren wollten. Am Bahnhof Belarus passierten wir eine weitere sehenswerte Metrostation.

Endlich gab es Frühstück: Kaffee und Croissants. So gestärkt bejahten wir Karolinas Frage nach unserer Bereitschaft zu einem längeren Fußmarsch.

Moskau Roter Platz Basilius Kathedrale
Moskau - Roter Platz mit Basilius-Kathedrale (Foto: Martina Baumann)
Auf unserem Weg zum Roten Platz, dem wir uns in kleiner werdenden Umrundungen näherten, zeigte uns Karolina verschiedene versteckte Ecken. Gut, dass wir eine Einheimische dabei hatten. So sahen wir beispielsweise das Theaterviertel, in dem man rund ums Bolschoi-Theater in Cafés und Restaurants in einer Fußgängerzone draußen sitzen könnte. Ein richtiger Geheimtipp war das Kinderkaufhaus, das eine kostenlose Aussichtsterrasse mit wunderbarem Blick über den Roten Platz samt Kreml und große Teile Moskaus bietet.

Nach fünf Kilometern gelangten wir auf dem Roten Platz an. Er kam mir viel kleiner vor als im Fernsehen und ich wunderte mich, wie dort mit solcher Präzision Paraden abgehalten werden können. Natürlich mussten die obligatorischen Fotos vor der Basilius-Kathedrale geschossen werden. Die Kathedrale ist heute ein Museum, weshalb wir sie nur umrundeten. Der Wind war kalt und kräftig.

Moskau Christus Kirche
Moskau - orthodoxe Christus-Kirche (Foto: Martina Baumann)
Abschließend besuchten wir noch zwei Parks und die Russisch-Orthodoxe Christus-Kirche, in der zwei verschiedene Kirchenräume untergebracht sind. Nach 8 Stunden und 13 Kilometern Fußmarsch fuhren wir mit dem Schnellzug nach Selenograd zurück. Wir waren völlig fertig, hatten aber das Gefühl, alles Wichtige von Moskau gesehen zu haben.

Fazit 1: Moskau ist eine sehr schöne Stadt.
Fazit 2: Mit einer Einheimischen die Stadt zu erkunden ist sehr bereichernd.
Fazit 3: Die Einheimische sollte nicht sehr viel sportlicher sein als die Touristen.

Autorin: Martina Baumann (redaktionell bearbeitet von Matthias Baumann)

Donnerstag, 19. April 2018

Moskau Teil 2: Baptisten und Selenograd

Im Moskauer Vorort Selenograd gibt es eine Baptisten-Gemeinde und viele andere Dinge zu entdecken. Der 2. Teil des Reiseberichtes meiner Frau Martina beschäftigt sich mit der Anreise, der Baptistengemeinde und dem Alltagsleben in Selenograd.



Der Gruppenchat funktionierte, wie verschiedene Kaffee- und S-Bahn-Posts auf dem Weg zum Flughafen bestätigten. Ich wurde liebevoll von meinem Mann auf dem Parkplatz verabschiedet, sofern man das in fünf Minuten kostenfreier Parkzeit bewerkstelligen kann.

Alle inklusive der Aeroflot-Maschine (Flugzeug heißt übrigens auf Russisch samoljot) hatten sich pünktlich eingefunden und das Abenteuer konnte beginnen. Der Flug war ruhig und mit nur 2,5 Stunden sehr kurz. Abenteuerlich die Landung in Moskau-Scheremetjewo. Ich überlegte, ob die Absätze zwischen den Betonplatten extra abbremsen sollen, falls die Bremsen einmal versagen. Ist das nötig bei Aeroflot? Eine Frage, der man vor einem Flug vielleicht lieber nicht näher nachgehen sollte. Nach einer Busfahrt, die unsere Reisezeit fast verdoppelte, gelangten wir am Flughafengebäude an. Passkontrolle – falsche Schlange – hier guckte die Staatsbedienstete jedes Passbild achtmal an – Koffer holen, die letzten auf dem Band.

Draußen wurden wir von Nieselregen, zwei Frauen namens Nastja und einem Mann namens Daniel erwartet. Sie fuhren uns in zwei PKW über die leere Maut-Autobahn. Nastja erzählte Ayanna und mir über großes Verkehrschaos in Moskau – außer auf dieser Straße, weil man ja hier bezahlen müsse.

Moskau Selenograd
Moskau - Wohnen in Selenograd (Foto: Martina Baumann)
Unser Ziel war Selenograd, ein Außenbezirk Moskaus, 37 km vom Zentrum entfernt. Es ist der größte Außenbezirk Moskaus und wurde 1958 auf dem Reißbrett entworfen. Zuerst hatte die Regierung es als Textilstandort gewählt, relativ bald wurde das geändert und ein Elektronik-Zentrum wurde angepeilt, ähnlich dem Silicon-Valley in den USA. Bis 1989 war Selenograd dann auch eine "verbotene Stadt", jedenfalls für Ausländer. Es durften damals vom Zentrum und den Forschungseinrichtungen keine Fotos gemacht werden.

Baptisten und Backsteine

Die Selenograder Baptistengemeinde ist ein recht großer Backstein-Komplex mit Gemeindesaal in Kinoform, zahlreichen Seminar- und Kinderräumen, Küche mit Speisesaal für 50 Personen sowie einem Bereich mit einfachen Zimmern für eine günstige Übernachtung auf Spendenbasis.

Wir wurden herzlich begrüßt, bekamen unsere Zimmer – wir Frauen zu zweit. Die Männer wurden in Erwartung der anderen Konferenzteilnehmer zu fünft in einem Raum untergebracht. Die Räume waren zum großen Teil mit Doppelstockbetten, Schrank, Tisch und Stühlen eingerichtet. Wer auf ein weiches Bett angewiesen ist, sollte sich noch eine aufblasbare Isomatte als Zwischenschicht mitbringen. Bettwäsche und Handtücher waren vorhanden.

Pavel und die Putzkolonne

Pastor Pavel Kolesnikov erwartete uns mit einer Führung durch das Haus, das trotz des Wetters draußen einen sehr hellen und gastfreundlichen Eindruck machte. Alles war liebevoll eingerichtet und dekoriert. Man sah an allen Ecken und Enden noch Menschen aus der Gemeinde putzen und wienern, so dass es schließlich kein Staubkörnchen mehr irgendwo gab.

Wir bekamen ein leckeres, frisch zubereitetes Mittagessen vorgesetzt und lernten das Pastorenpaar Dave und Peggy McKee aus der Saddleback-Gemeinde Kalifornien kennen. Sie waren schon mehrmals in Selenograd und anderen Teilen Russlands gewesen. Außerdem waren noch Michael und Dean zur Konferenz angereist, zwei Ruheständler aus den USA, die ihre freie Zeit zur Unterstützung von Gemeindearbeit in allen ihren Facetten verwenden.

Hochhäuser und der Zahn der Zeit

Nach dem Essen blieben uns zwei Stunden und wir ließen uns von Dave und Peggy das nächstgelegene Einkaufszentrum zeigen. Wir gingen 15 Minuten an der Hauptstraße entlang, und diese sechsspurige Straße war extrem laut. Der Teil des Ortes, den wir sahen, bestand aus wenigen Einfamilienhäusern auf der anderen Seite der Hauptstraße, abgeschirmt durch eine Lärmschutzwand. Größtenteils gab es Hochhäuser älterer und neuerer Bauart mit mindestens 22 Etagen. Während die neueren Häuser in Architektur und Anlage modern und vielseitig, fast kreativ wirkten, betrachteten wir mit Sorge die älteren Gebäude: Fehlende Balkons mitten in der Front, unterschiedlichste Fensterrahmen oder zersplitterte Fenster, Verkabelungen von Sattelitenschüssel zu Sattelitenschüssel, die von Hochhaus zu Hochhaus führten.

Es machte den Eindruck dass seit ihrer Errichtung in den 1970er Jahren außer dem Zahn der Zeit keiner mehr an den Häusern eine Veränderung vorgenommen hat. Man kann nur hoffen, dass sie innen besser erhalten sind. Das trübe Wetter, wenigstens inzwischen trocken, ließ diese Häuser noch trostloser wirken.

Moskau Selenograd Markt
Moskau - Supermarkt in Selenograd (Foto: Martina Baumann)
Kontrastprogramm war das Einkaufszentrum, das gut mit jeder Berliner Shopping-Meile mithalten könnte. Mobiltelefon-Läden, Klamottenläden, Fressmeile. Sogar Burger King gab es hier. Wir steuerten den Geldautomaten an und ich hielt nach drei Versuchen meine ersten Rubel in der Hand. Ein Rubel ist die kleinste Einheit. Kopeken, wie in meiner Kindheit, gibt es nicht mehr.

Supermarkt auf Russisch

Der Supermarkt auf der anderen Straßenseite kam mir bekannt vor. Er entsprach mit Produkten und Einrichtung in etwa den russischen Supermärkten, die aktuell im Osten Berlins an verschiedenen Stellen zu finden sind. Die anderen Berliner kannten das offensichtlich noch nicht und es wirkte um so exotischer, da sie ja auch die Schrift nicht lesen konnten. Es gab viel Fisch (ruiba), Tee (tschai), Kerne zum Knabbern und extrem süße Süßigkeiten. Natürlich auch andere Waren wie Milch (moloko) und Zucker (sacher), die auch bei uns im Regal zu finden wären. Einzig die Gefriergemüse-Truhe, aus der man die gefrosteten Blumenkohl-Stücken lose entnehmen konnte, kannte ich so auch nicht.

See, Taufen und Orthodoxie

Zurück ging es zum Glück nicht mehr an der Hauptstraße entlang, sondern an einem See vorbei, der vom Fluss Skhodnya gespeist wird. Auch am Ufer des Sees gab es Hochhäuser, auf der anderen Seite befand sich eine Badestelle. Der See wurde in der Vergangenheit bereits durch die Baptistengemeinde zu Taufen genutzt, auch wenn es im Gemeindehaus ein Taufbecken gibt. Heute wäre das sehr unangenehm gewesen, es schwamm noch Eis auf dem See. Die Strecke durch den Park und am See entlang war nicht nur schöner, sondern auch kürzer, so dass wir bei späteren Ausflügen zum Bahnhof oder auf den Markt diesen Weg benutzten.

Gegenüber der Baptistengemeinde stand eine Russisch-Orthodoxe Holzkirche, die auch innen sehr schön sein soll, zu deren Besuch aber leider keine Zeit blieb.

Eingespielte Teams

Zurück in der Gemeinde gab es Abendbrot und anschließend eine Teamrunde. Hier trafen sich die drei Nationen Amerika, Deutschland (mit Erweiterungen) sowie Russland und wir teilten kurz unsere aktuelle Lebens- und Gemeindeposition. Von den Selenograder Baptisten waren ungefähr zehn Personen anwesend. Pastor Pavel Kolesnikov hatte ein junges engagiertes Team aus Mittzwanzigern bis -dreißigern. Viele von ihnen waren ehrenamtlich tätig und ansonsten Ingenieure oder Studenten. In der Gemeinde sind sie als Pastoren, Hauskreisleiter, Dekorateure, Übersetzer oder auch Mut-Macher aktiv.

Am Ende des Abends hatten wir viele freundliche Menschen kennengelernt, waren herzlich willkommen geheißen und hatten keine Aufgabe für die Konferenz bekommen. Aber wir verabredeten uns mit Karolina zu einer Führung durch Moskau.

Shopping in Selenograd

Am Freitagnachmittag nutzte ich eine letzte Möglichkeit, mich noch auf dem Markt gleich neben dem Bahnhof von Selenograd umzusehen. Mit seinen Nüssen, Trockenfrüchten und Gewürzständen mutete er etwas orientalisch an. Es gab außerdem Buden mit Schuhen, Schürzen und auch selbstgemachten eingelegten Früchten, die russische Mütterchen feilboten. Im Regen bekommt man hier bestimmt nasse Füße, denn die ausgelegten Bretter reichten gerade für den Matsch, der noch vom Vortag übrig war.

Es gab auch eine Markthalle, die sehr aufgeräumt wirkte. Trotz mehrerer Fischstände roch es nicht nach Fisch und Obst und Gemüse lagen hübsch aufgestapelt an den einzelnen Ständen. In einem Süßigkeitsladen entdeckte ich die Süßigkeiten, die mir in der Gemeinde am ersten Abend überraschend gut geschmeckt hatten. So war mein Mitbringsel für die Lieben daheim gerettet. Am Trockenfrüchte-Stand brachte ich eine Art Unterhaltung zustande, bei der ich den Preis erfragen (skolko stoit) und auf Nachfrage mitteilen konnte, dass wir aus Deutschland (ies germanii, ies berlina) kämen. Daraufhin holte mir der Händler einen 1-kg-Beutel Trockenfrüchte aus dem hinteren Bereich der Bude und meinte, diese seien besser als die ausgelegten. Ist doch schön, wenn die Sprachversuche sich in solchen messbaren Erfolgen niederschlagen.

Autorin: Martina Baumann (redaktionell bearbeitet von Matthias Baumann)

Mittwoch, 18. April 2018

Moskau Teil 1: Vorbereitung

Heute gegen acht brachte ich meine Frau zum Flughafen Schönefeld: Moskau-Reise mit drei weiteren Leuten von Saddleback Berlin. Nachfolgend Teil 1 des Reiseberichtes von Gastautorin Martina, in dem es um die Vorbereitungen geht.



Moskau, Moskau - diese Stadt hatte bereits Dschinghis Khan entdeckt: musikalisch und eventuell auch auf einem Feldzug. Nun wollte ich selbst einmal auf Entdeckungstour gehen.

Zu Russland hatte ich als gebürtiger Ossi schon aus geopolitischen Gründen einen Bezug. Hinzu kam der Besuch einer Schule mit erweitertem Russisch-Unterricht. Ich schlug mich mal mehr, mal weniger gut durch die russisch geprägte Schulzeit. Vor allem der Erdkunde-Unterricht auf Russisch über das damals noch Sowjetunion genannte Land erforderte mehr Sprachkenntnisse, als ich mir aneignen wollte. Später in West-Berlin spielte ich kurzzeitig mit dem Gedanken, Russisch als Abiturfach zu wählen. Mit den Muttersprachlern konnte ich jedoch nicht mithalten.

Theorie wird zur Praxis

Was mir nach zehn Jahren Schul-Russisch noch fehlte, war ein Besuch in Russland. Da die Schulzeit nun schon zwei bis drei Jahre zurückliegt, überraschte mich mein starkes Interesse selbst. Dave Schnitter, Pastor bei Saddleback Berlin, erwähnte in einem Gottesdienst Anfang März eine geplante Reise nach Moskau. Er wolle dort eine Gemeinde besuchen, die eine Pastorenkonferenz ausrichte. Dave würde sich freuen, wenn ihn jemand begleite, um die Gemeinde vor Ort zu unterstützen.

Nach kurzem Überlegen, Ermutigung durch die Familie - "Da wolltest Du doch schon immer mal hin“ - und einigen Details zur Reise, entschloss ich mich zur Fahrt gen Osten. Urlaub war schnell verlegt, Flug gebucht und Visum mit einer Unmenge an Papierkram beantragt. Es war erstaunlich, was der russische Staat für das Visum alles haben wollte: Passbild und Krankenversicherung leuchteten ja ein, aber bei Adresse und Lohnnachweis des Arbeitgebers und einem Einladungsschreiben, das man als Tourist auch für 15 Euro bei irgendeiner dubiosen Internet-Firma erwerben konnte, erschloss sich mir der Sinn nicht wirklich.

Schließlich musste der Reisepass für eine Woche beim Konsulat abgegeben werden. Wobei man beim Konsulat gar keinen Termin bekam, sondern in jedem Fall über das Russische Visa-Zentrum oder einen anderen kommerziellen Anbieter den Antrag stellen musste. Arbeitsbeschaffung auf Russisch.

Casper, Dave, Ayanna

Schnell gesellte sich Ayanna dazu. Sie kommt ursprünglich aus Trinidad und Tobago und macht in Berlin ihren Doktor in Energietechnik. Ihre Euphorie war ansteckend und ihre Organisationskünste stellten alle deutschen Bürokraten in den Schatten. Wenn ich etwas über Visa-Angelegenheiten oder Geldautomaten wissen wollte, antwortete Dave mit einem 1-Zeiler und Ayanna schickte fünf Minuten später eine wissenschaftliche, selbst recherchierte Abhandlung zum Thema. Der vierte im Bunde war Casper. Er ist gebürtiger Holländer, der inzwischen seit zehn Jahren in Berlin lebt. Er bekam kurzentschlossen noch Visum und Flugtickets.

Drei Tage vor der Abreise wurden wir im Gottesdienst bei Saddleback Berlin gesegnet. Ayanna und ich trafen Casper bei diesem Anlass zum ersten Mal. Welche Aufgaben wir erledigen sollten, ließ sich vor der Abreise nicht herausfinden. Überraschung!

Ich spreche Russisch.

Wenigstens fand ich das Buch "Ich spreche Russisch" im Bücherregal und begann, meine Sprachkenntnisse aufzutauen. Das ging besser als gedacht. Lesen fließend, verstehen Vieles. Aber beim Reden haperte es ganz schön - mir fehlte der passende Gesprächspartner. Meine Tochter ließ es mit viel Geduld über sich ergehen.

Apropos Sprache. Natürlich gab es eine Gruppe mit der Bezeichnung "We are going to Moscow" bei WhatsApp. Chatsprache war Englisch. Wie sich später herausstellte, hatten alle anderen Beteiligten bereits einen Teil ihres Lebens im englischsprachigen Ausland verbracht oder dies gar als Muttersprache. So musste ich also nicht nur Russisch wiederholen, sondern konnte auch noch mein Englisch-Wörterbuch zur Bildung von sinnvollen Sätzen nutzen.

Autorin: Martina Baumann (redaktionell bearbeitet von Matthias Baumann)

Montag, 16. April 2018

Heinrich Grüber und der Kirchenkampf der Nachkriegszeit

Und wieder lief mir ein wichtiger Akteur der Bekennenden Kirche über den Weg: Heinrich Grüber. Eher beiläufig erfuhr ich von einer Doktorarbeit über Grübers Wirken nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Ausführungen habe ich dann sogleich gelesen.



Wir genossen die Frühlingssonne, als wir zum Savoy schlenderten. Militärbischof Dr. Sigurd Rink sprach über die Geschichte seines Dienstgebäudes unmittelbar neben dem Bahnhof Zoo. Dort habe auch ReiBi Müller gesessen. Das niedliche ReiBi bedeutet Reichsbischof und war für die Christen der damaligen Zeit gar nicht niedlich. Der ReiBi gehörte den Deutschen Christen (DC) an, über deren Spezifika hier ja in letzter Zeit mehrfach berichtet wurde.

Die gegenüberliegende Bahnhofsmission war eine der Einrichtungen, die nach 1933 zuerst verboten worden war. Ein Zeichen für deren gute Arbeit. Im Gespräch über die DC fielen schnell die Namen Niemöller und Grüber. Eher beiläufig erwähnte der Bischof dazu, dass er seine Doktorarbeit über Heinrich Grüber geschrieben habe.

Schon wieder Grüber

Mir klappte die Kinnlade herunter. Stand doch ein Denkmal von Grüber direkt vor dem CVJM-Haus in Kaulsdorf. Doktor Rink als gebürtiger Hesse hätte doch über sonst welche praxisfernen Themen der Theologie schreiben können, aber ausgerechnet über Heinrich Grüber? Das war so spannend, dass ich nach dem Termin mit einem orangenen Buch und einer persönlichen Widmung das Haus verließ.

Sigurd Rink - Der Bevollmächtigte Probst Grüber und die Regierung der DDR - Doktorarbeit
Sigurd Rink "Der Bevollmächtigte - Probst Grüber und die Regierung der DDR" (Doktorarbeit)
An zwei Arzt-Terminen und einem Wochenende verschlang ich die 246 Seiten der Doktorarbeit. Titel: "Der Bevollmächtigte - Probst Grüber und die Regierung der DDR".

Die Arbeit stellt nicht nur eine fundierte Informationsquelle zu den politischen und kirchlichen Zuständen zwischen 1945 und 1958 dar. Sie zeigt auch sehr deutlich, dass dessen Autor Wert auf allgemeine Verständlichkeit legt. Sobald man sich mit dem Schriftbild angefreundet hat, liest sich das Werk sehr flüssig. In sehr seltenen Fällen werden Fremdwörter, lateinische Begriffe oder Zitate auf Englisch verwendet.

Pragmatiker und Diplomat

Systematisch nähert sich Sigurd Rink den jeweiligen Lebensabschnitten Heinrich Grübers. Dabei werden die politischen Zusammenhänge und Machtgeflechte mit den speziellen Begabungen Grübers in Verbindung gebracht. Heinrich Grüber war theologisch ausgebildet, hatte seinen Schwerpunkt jedoch immer in den sozialen Aspekten des barmherzigen Samariters gesehen. Das Samariter-Gleichnis war die rote Linie in seinen Entscheidungsprozessen und seinem sehr beherzten, schnellen und flexiblen Handeln. Heinrich Grüber war Pragmatiker und diplomatisch gewandt. Heute würde man ihn als Networker, Lobbyisten und Manager bezeichnen.

Grüber, der selbst einige Zeit im KZ gesessen hatte, kam in den 13 Jahren nach dem Krieg faktisch vom Regen in die Traufe. Getrieben vom Samariter-Vorbild kümmerte er sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und Kontakten um eine praktische Linderung der Not in Berlin. Er bewies Fingerspitzengefühl beim Umgang mit der russischen Besatzungsmacht und den Entscheidern beim Magistrat. Er vernetzte Hilfsorganisationen, Kirchenstellen, überkonfessionelle Akteure und Staatssekretäre. Auch international war er bekannt und anerkannt. So konnte er Einiges in Sicht auf die schwierige Versorgung mit Medikamenten und medizinischem Gerät erreichen.

Tatsachen schaffen und Kirche aushungern

Sobald die Seitenzahl dreistellig wurde, konnte ich das Buch kaum noch zur Seite legen. Stalins Tod, der vorauseilende Gehorsam der SED-Führung, die Vorbereitung juristischer Rahmenbedingungen zur Zerstörung der Kirche in Ostdeutschland und deren praktische Anwendung illustrierten einen Teil der Zeitgeschichte, dem ich mich in dieser Intensität und differenzierten Betrachtung noch nie genähert hatte.

Heinrich Grüber zieht sich zwar durch alle Kapitel hindurch, ist aber oftmals gar nicht der Hauptdarsteller. Spannend ist die Interaktion seiner Bezugspersonen. Diese standen immer auch im Spannungsfeld des beginnenden Kalten Krieges, der Besatzungsmacht, der Pressefehden und dem systematischen Aushungern der Kirche im Osten.

Jugend und Zukunft

Schon oft habe ich an dieser Stelle bemerkt, dass wir in den Gemeinden Berlins nur selten eine funktionierende Jugendarbeit angetroffen haben. Unser damaliges Gründungsprojekt in Marzahn hatte ja einen starken Fokus auf Jugendliche und eine entsprechend hohe Fluktuation. Das änderte sich nach etwa 10 Jahren, als die jugendliche Kern-Mannschaft die Zwanzig überschritten hatte. Die Zielgruppe änderte sich darauf in Richtung Mittdreißiger mit Kleinkindern. Die typische Demografie der angesagten Gemeinden Berlins.

Die Doktorarbeit von Sigurd Rink setzt hier noch einmal einen sehr klaren Akzent. In den 1950er Jahren entbrannte ein erbitterter Kampf um die Jugend im Osten Deutschlands. Die Freie Deutsche Jugend (FDJ) sollte die Themen besetzen und die Junge Gemeinde wurde aktiv verfolgt. Das Ergebnis bekamen wir Mitte der 1990er Jahre in Marzahn zu spüren. Atheismus in dritter Generation: "Den englischen Text verstehe ich, aber was ist ein Jesus?"

Good Guy - Bad Guy

Trotz seines Pragmatismus und seiner ausgeprägten Manager-Fähigkeiten, war Grüber durch und durch Diplomat und bezeichnete sich immer wieder selbst als Pontifex - Brückenbauer. Dialog und Zielerreichung in kleiner Runde waren seine Strategie. Dem gegenüber stand Bischof Otto Dibelius, sein Chef. Dieser ging die sowjetische Besatzungsmacht und die SED-Führung offen und konfrontativ an und zog sogar Vergleiche zur jüngst abgelösten Diktatur. Damit erzielte er zwar auch Effekte, aber keine, die der Kirche genützt hätten.

Grüber hatte mit seiner Diplomatie wesentlich mehr Erfolg. Allerdings auch nur bis 1958. Dann fühlte sich der Machtapparat der DDR so gefestigt, dass sämtliche Brücken zwischen evangelischer Kirche und Staat abgebrochen wurden. Der Ministerpräsident entzog Grüber die Akkreditierung und die Angelegenheiten der Kirche wurden an die Regionalebenen delegiert. Damit gab es keinen einheitlichen Ansprechpartner mehr und der Klassenfeind Kirche war als segmentierter Feind besser zu bekämpfen.

Selbst lesen

Man könnte hier sicher noch auf die Massenflucht, die fatalen Wirkungen des Militärseelsorge-Vertrages, die Sicht der Russen auf die Stellung der Kirche oder die legislativen Vorbereitungen eingehen. Das würde aber an dieser Stelle zu weit führen.

Ich jedenfalls fand die Lektüre äußerst spannend und kann das Buch in mehrfacher Hinsicht empfehlen: Geschichtsbildung, Charakterbildung und Durchblick in verschiedenen Macht-Konstruktionen bei Kirche, Organisationen und Staatsgebilden.

Samstag, 14. April 2018

Facebook und die Dankbarkeit

Facebook ist ja zurzeit wieder in aller Munde. Es geht um vertrauliche Daten und deren Verbreitung. Ich selbst nutze Facebook sehr intensiv. Hier ein Artikel pro Facebook.



"Mein Facebook ist voll", verkündete ich der Familie am Frühstückstisch. Meine Frau schaute erschrocken. Mein Sohn grinste.

Am 3. September letzten Jahres hatten mir die Kinder ein Facebook auf die Intensivstation mitgebracht. Ein Buch im A5-Format mit blauem Einband und dem weißen Aufdruck facebook - zu Deutsch Gesichts-Buch. Nach mehr als sieben Monaten war das Gesichts-Buch zu einem Geschichtsbuch geworden. Beim Blättern stellte ich fest, dass ich seit dem 3. September jeden Tag 10 Gründe zum Danken in diesem Facebook festgehalten hatte.

Im Juni letzten Jahres hatte uns unsere Tochter vor die Herausforderung gestellt, jeden Tag zehn Gründe zum Danken aufzuschreiben. Eine Woche lang sollte das gehen. Das war ein guter Impuls für die morgendliche Zeit mit Gott. Zunächst wurden die 10 x Danke auf A5-Blätter mit Firmenlogo geschrieben. Eine Woche, zwei Wochen, drei Wochen, zwei Monate. Der Stapel wuchs und wurde zwischenzeitlich dem Recyclingprozess zugeführt. Am 3. September kam die Lungenembolie und damit auch Facebook.

Facebook und Faith Book
Facebook und Faith Book
Facebook begleitete mich in der Klinik, zu Hause, bei der Reha, beim Vatikanbesuch und jeden Morgen bei der Zeit mit Gott. Dazu gesellte sich ein weiteres Faith Book - auch Fäjßbuck ausgesprochen und zu Deutsch Vertrauensbuch - die Bibel. Ein Kapitel Faith Book und eine Seite Facebook. Eine starke Kombination zur Konzentration auf den Dialog mit Gott.

Beim Blättern war ich fasziniert über die realen Eingriffe Gottes in meine Alltagssituationen. Endlich konnte ich ihm schriftlich vorhalten, was er getan hatte und wozu er auch zukünftig fähig wäre. Das Facebook wurde dadurch selbst zu einem Faith Book, einem Buch des Vertrauens in die Gegenwart und Kraft Gottes, der über Bitten und Verstehen hinaus in uns und um uns herum wirken kann.

Das sind Momente, in denen die Kinnlade herunterklappt und ich wortlos auf Jesus blicke. Parallel zum Facebook hatte ich ja das Faith Book gelesen. Manchmal mehr und manchmal weniger, aber mindestens ein Kapitel. In der Klinik hatte ich noch die Mose-Bücher vor mir und bin nun beim Prediger. "Vanitas vanitatum" - "Nichtigkeit der Nichtigkeiten", vermittelt uns dort Salomo. "Alles ist für den A...", übersetzt es die Volxbibel. Ausgerechnet dieses Buch zur letzten Seite meines Facebooks?

Nein, das Facebook ist nicht "für den A..."! Im Schrank habe ich noch weitere Facebooks zu liegen. Wenn das mit den Danksagungen so weitergeht, muss ich wohl mal wieder auf eine Messe gehen, wo auch Facebook vertreten ist. Vielleicht gibt es ja an deren Stand noch mehr solcher Bücher.