Sonntag, 30. April 2017

Berlin Connect - Hillsong Family in der Kulturbrauerei

Berlin Connect gehört zur Hillsong Family und spricht Young Professionals und Studenten auf Englisch an. Die Willkommenskultur ist beispielhaft. Heute besuchten wir Berlin Connect in der Kulturwerkstatt.



Berlin Connect feiert seine Gottesdienste inzwischen im Hotel Maritim proArte stattfinden. So hatte ich es zumindest der Webseite entnommen. Wir entschlossen uns für eine Anreise mit der S-Bahn. Kurz vor elf traten wir in die Lobby und fragten nach dem Gottesdienst. "Sie meinen diese Kirche", fragte die Dame an der Rezeption. Ihre Kollegin bot noch das "Gebet für Berlin" an. Aber beides fand heute nicht statt. Da hatte ich mich wohl verguckt.

Flexibler Ortswechsel

Smartphone, Webseite, Aha: Kino in der Kulturbrauerei, 11:00 Uhr. Wir entschieden uns, mit der Straßenbahn zur Kulturbrauerei nach Prenzlauer Berg zu fahren. Die M12 kam kurz nach elf und zuckelte eine Viertelstunde von der Friedrichstraße in den Trendbezirk.

Im Blogbeitrag aus 2015 wurde nichts von einem akademischen Viertel erwähnt. Deshalb gingen wir davon aus, dass wir mitten in den Gottesdienst hineinplatzen. Auf dem Weg malten wir uns aus, wie wir neben der Bühne die Tür zum Saal öffnen und alle Augen auf uns gerichtet sind. Schnell deklarierten wir die Peinlichkeit in eine geeignete PR-Aktion um und gingen zielstrebig auf den gelben Backsteinkomplex zu.

Welcome Home

Der Weg zum Gottesdienst war gut ausgeschildert. An der Treppe wurden wir sehr freundlich begrüßt und jegliche Bedenken wegen des Zuspätkommens zerstreut. An der Tür empfing uns eine Mitreisende des #MDGC16-Teams und organisierte für meine Frau ein Kopfhörer-Set. Der heutige Gastredner solle sehr schnell sprechen. Inzwischen sind wir jedoch verschiedene Referenten mit markantem "American English" gewohnt. Deshalb verzichtete der Rest der Familie auf eine Simultan-Übersetzung.

Im Kinosaal nahm uns ein weiterer Mitarbeiter mit Welcome-Home-Shirt in Empfang und zeigte uns eine freie Sitzreihe. Die Lobpreiszeit war noch in vollem Gange. Auf der Bühne spielte eine Band und wurde von vier Sängerinnen unterstützt. Die Gemeinde konnte den jeweiligen Text an der riesigen Kinoleinwand ablesen.

Wir hatten also noch nicht so viel verpasst. Es folgten die Ansagen per Videobotschaft und die Kollekte mit großen Plastiktöpfen. Diese werden wohl originär für Grünpflanzen verwendet. Es konnten neben Geld auch die im Responsive Design gestalteten Kontaktkarten eingeworfen werden.

Dein Wert bei Gott

Dann trat Sy Rogers auf. Ein Mann mit einer sehr bewegten Historie und einer entsprechenden Kompetenz bei der Seelsorge in sexuellen Fragen. Letzteres passte sehr gut zur aktuellen Seminarreihe "God, Sex & Culture", die noch an drei Abenden im Mai fortgesetzt wird.

Auch wenn Sy Rogers nur wenige Bibelstellen zitierte, hatte er doch eine klare Kernbotschaft: Jeder Mensch hat einen Wert vor Gott. Im Deutschen wird immer von "Liebe" geredet, während andere Sprachen wie Griechisch, Latein oder Englisch nach Mitgefühl, Erotik, Freundesliebe oder Wertschätzung differenzieren. Das hilft bei der Auslegung und Umsetzung der Bibelstellen deutlich mehr als der frei interpretierbare Begriff "Liebe".

Die Performance von Sy Rogers war so brillant, dass die in der Tat sehr schnelle Aussprache und die Länge der Predigt kaum ins Gewicht fielen. Meine Familie konnte gut folgen und lachte an den richtigen Stellen, was auf ein problemloses Verstehen des englischen O-Tons hindeutete. Spontane Amen-Zurufe und nonverbale Gesten aus dem Publikum zeigten eine breite Übereinstimmung mit dem so lebhaft auf der Bühne vorgetragenen Thema.

Während der Predigt scannte ich gedanklich mehrere Personen aus dem Bekanntenkreis und überlegte, ob ich sie ihrem Wert vor Gott entsprechend behandle und wo konkreter Optimierungsbedarf bestehe.

Segen und Integration

Zum Abschluss wurde ein Start in die Beziehung zu Jesus inklusive Übergabegebet angeboten. Dann folgte eine weitere Kollekte, diesmal für Sy Rogers. Nach den Segenswünschen für die kommende Woche verließen die Besucher den Kinosaal.

Es waren nur noch wenige Minuten bis zum 13-Uhr-Gottesdienst. Dennoch widmeten sich die Welcome-Home-Mitarbeiter entspannt den Gästen und Dauerbesuchern. Selbst unsere Kinder wurden von etwa sechs Gemeindeleuten angesprochen. Eine integrative Atmosphäre, in die man gerne öfter eintauchen möchte. "Bis nächsten Sonntag", wurden wir verabschiedet und mussten uns regelrecht losreißen.

Beim benachbarten "Pane e Vino" reflektierten wir bei Pizza für 3,90 Euro den Gottesdienst und entschieden uns für den Besuch eines der Seminare im Mai.

Sonntag, 23. April 2017

Saddleback Berlin mit Taufe und Live-Predigt

Heute war ein besonderer Sonntag bei "Saddleback". Mit baptistischen Wurzeln sind regelmäßige Taufen schon fast ein Muss. Ergänzend dazu wurde heute auch noch live gepredigt. Buddy Owens, der Mentor von Pastor Dave Schnitter, war aus Kalifornien angereist, so dass auf die übliche Video-Predigt verzichtet wurde.



Bereits gegen 8:30 Uhr hatte "a couple of guys" das Taufbecken im Hof der Kalkscheune aufgebaut. Eine Gartenplansche von 2,6 x 1,6 x 0,65 Metern und einem Fassungsvermögen von 2.700 Litern Wasser. Egal, Hauptsache ein Wasserstand, der ein komplettes Untertauchen als Symbolhandlung gemäß Kolosser 2, 12 und Römer 6, 3-4 ermöglicht. Der zeitgenössische Baptismus kann sogar den gesamten Akt der Taufe per Video festhalten. Dazu reicht eine der beliebten Action-Kameras oder ein wasserdichtes Smartphone.

Gottesdienst in der Kalkscheune

Als wir gegen zehn bei Saddleback eintrafen, plätscherte das Wasser ins Taufbecken. Wenige Stunden zuvor war meine Frau mit ihren Freundinnen an dieser Stelle noch von einem Dance Floor zum nächsten geschwebt. Dave Schnitter begutachtete das Wasser und eilte dann in den zweiten Stock, um die Gottesdienstbesucher zu begrüßen.

Als der Countdown endete und die ersten Gitarrenklänge von der Bühne schallten, war es noch sehr leer im Saal. Nirgends konnte ich Buddy Owens entdecken und fragte mich, ob heute flexibel umdisponiert werde. Aber der Raum füllte sich und füllte sich und zum Ende der Lobpreiszeit erspähte ich den heutigen Redner ganz hinten in der Ecke. Er beobachtete von dort aus den europäischen Ableger der amerikanischen Muttergemeinde, die mit 20.000 Gottesdienstbesuchern als "Mega Church" bezeichnet wird. Die Bezeichnung "Groß-Mutter" könnte hingegen zu Verwechslungen führen.

Buddy und Matthäus

Buddy Owens justierte sein kleines Mikrophon am Hemdskragen und legte los. Er redete über "die skandalöse Liebe Gottes" und hangelte sich dabei an diversen Bibelstellen entlang. Den Zuhörern stand wie üblich ein Begleitzettel für Notizen zur Verfügung. Es ging um Matthäus, der das Matthäus-Evangelium geschrieben hatte. Als Zollbeamter wurde er von den Leuten seines eigenen Volkes gemieden und die Römer mochten ihn nicht, da er kein Römer war. Matthäus saß also zwischen den Stühlen und hatte lediglich sein Geld und Freunde mit ähnlichen gesellschaftlichen Kennziffern. Den Juden galt er als "unrein" und hatte damit keinen offiziellen Zugang mehr zu Gott.

Jesus ist für sein unkonventionelles Vorgehen bekannt. In Matthäus 9 Vers 9 kommt er am Zollhaus vorbei, schickt einen seiner Schüler los und lässt dem Beamten ausrichten: "Wenn du alles richtig machst und dich ordentlich anstrengst, können wir mal über eine Begegnung reden". Nein, so war das nicht. Der Text beschreibt das folgendermaßen: "Und Jesus sah einen Mann im Zollhaus sitzen, der Matthäus hieß, und sagte zu ihm: Laufe hinter mir her". Solch eine Ansprache war völlig unerwartet und neu für Matthäus.

Blickwinkel

Neu für mich war die Interpretation von Matthäus 13, wo es um die kostbare Perle und den Schatz im Acker geht. Seit meiner Kindergottesdienstzeit hatte ich verinnerlicht, dass der Kaufmann ein Mensch ist, der endlich zu Jesus, also der kostbaren Perle findet und dann alles andere dafür aufgibt, um diese Perle zu bekommen. Buddy Owens wechselte die Blickrichtung und setzte Jesus an die Stelle des Kaufmanns. Jesus, der mit seinem Leben dafür bezahlte, dass er mich gewinnen kann. Sagenhaft. Eine Sicht, die auch auf den Schatz im Acker adaptierbar ist und viel logischer klingt als die bisherige Interpretation.

Kaffee am Pool

Nach dem Gottesdienst sollten wir uns alle noch Kaffee holen und in den Hof gehen. Dave Schnitter hatte Shorts und ein dunkelblaues Tauf-Shirt, ein T-Shirt sozusagen, angezogen. Auch Buddy Owens war so gekleidet, trug aber keine Schuhe. Er zitterte, trug die Unterkühlung jedoch mit Fassung. Es wurde noch einmal heißes Wasser in den Pool gegossen und dann konnte es losgehen. Der Hof der Kalkscheune war jetzt mit Menschen sämtlicher Nationalitäten und Altersgruppen gefüllt, die mit Smartphones und Kaffeebechern dem Geschehen beiwohnten. Spontan entschied sich noch eine weitere Frau zur Taufe, so dass es insgesamt sieben Unterwasseraufnahmen mit der GoPro geben konnte.

Sieben Taufen

Dave erklärte kurz den Sinn der Taufe anhand der oben zitierten Bibelstellen. "It's a symbol", sagte er und wie auf Knopfdruck ging ein Platzregen auf die Sonnensegel im Innenhof nieder. Dieser wurde immer stärker und endete in einem Hagel. Die Sonnensegel schützten jedoch die Gemeinde, so dass nach einer kurzen aber würdigen Beachtung des Zeichens vom Himmel die Zeremonie fortgesetzt werden konnte. Buddy und Dave stiegen ins Planschbecken und tauchten alle sieben Personen nacheinander komplett unter. 2,6 x 1,6 Meter waren ein durchaus geeignetes Maß dafür. Mit Applaus und Ausrufen der Begeisterung begrüßte die Gemeinde die "auferstandenen" Familienmitglieder.

Dreieinhalb Grad

Während sich die Getauften abtrockneten, traten wir den Heimweg an. Da es immer noch regnete und sich große Pfützen am Straßenrand gesammelt hatten, führte ich meiner Familie das sogenannte "Drive By Baptism" vor. Es fanden sich allerdings keine Interessenten. Kurz vor der Haustür merkte ich beim Bremsen ein gewisses Aquaplaning. "Ja, meine Sommerräder rutschen auch öfter mal bei den aktuellen Temperaturen", sagte meine Frau. Ich schaute aufs Thermometer: 3,5 °C.

Samstag, 22. April 2017

Every Nation Berlin - samstags im Prenzlauer Berg

Der Name "Every Nation Berlin" lässt bereits vermuten, dass es sich um eine jugendliche Gemeinde mit internationalem Touch handelt. Der entscheidende Unterschied zu vergleichbaren Gemeinden besteht darin, dass die beiden Gottesdienste am Samstag stattfinden.



Diese Gemeinde wollte ich schon länger einmal besuchen, hatte mir aber nur etwas wie "internäschnell" und "Tschörtsch" gemerkt und war Dank Google bei der BICC im CinemaxX gelandet. Eine interessante Erfahrung, aber eben nicht die gesuchte Zielgemeinde. Inzwischen konnte ich noch einmal nachfragen und mir tatsächlich "Every Nation" merken.

Die Parkplatzsituation in der Heinrich-Roller-Straße war unerwartet entspannt. Punkt 19:30 Uhr trat ich durch die Tür der Nummer 13. Im Erdgeschoss hat die Gemeinde mehrere Räume ausgebaut.

Gemütlich

Ich fand mich in einer regelrechten Club-Atmosphäre wieder. Überall wuselten einheimische und internationale Mittzwanziger herum. Einige hatten es sich bereits auf den Ledersofas und Kneipenstühlen im Hauptsaal gemütlich gemacht und lauschten der mit Musik untermalten Begrüßung. Kein akademisches Viertel und kein Countdown.

An einer Säule lehnte ein Bekannter vom CVJM. "Ich höre mir noch die ersten drei Lobpreislieder an und gehe dann", sagte er und erklärte mir, dass er bereits beim Siebzehn-Uhr-Gottesdienst dabei gewesen war. Zudem solle ich mich nicht wundern, dass es hier sehr charismatisch zugehe. Das klang spannend.

Intensive Anbetungszeit

Ich setzte mich vor das Mischpult und ließ mich vom Drive der Lobpreisband mitreißen. Die Lieder waren teilweise bekannt oder so sparsam mit Text versehen, dass der Erstbesucher schnell auf Deutsch oder Englisch mitsingen konnte. Eine derart intensive Anbetungszeit hatte ich schon lange nicht mehr erlebt und ertappte mich im gedanklichen Abschweifen und dem simultanen Lobpreisgebet. Nach dem geistigen Exkurs klang immer noch dasselbe Lied durch den Raum, was jedoch in diesem Kontext weder störend noch langweilig wirkte.

Kollekte und der Altersdurchschnitt

Die Kollekte zur Halbzeit erzeugte eine gewisse Aufbruch-Stimmung. Ist jetzt schon Schluss? Ein Teil der etwa hundert Leute blieb sitzen und befüllte die mit Geschenkpapier beklebten Sammelboxen.

Das Durchschnittsalter von "Every Nation Berlin" muss bei Mitte zwanzig liegen. Einige Ältere hatten sich zwar im Saal verteilt, aber ansonsten zeigte sich eine recht homogene Altersstruktur. Ansagen, Berichte und Predigt wurden auf Deutsch und Englisch vorgetragen, so dass immer mindestens zwei Personen auf der Bühne standen.

Every Nation ist eine Gemeindebewegung, die in etwa fünfzig Ländern vertreten ist. Heute Abend wurde ein starker südafrikanischer Einfluss deutlich.

Heilung und Prophetie

Ein wenig fühlte ich mich in die frühen Jahre der Gemeinde auf dem Weg versetzt, als diese noch liebevoll als "Phila" (Philadelphia Gemeinde) bezeichnet wurde und sich in Schöneberg zum Gottesdienst traf. Warum kam ich mir nur plötzlich so alt vor?

Krankenheilung, Handauflegung, Sprachengebet und Prophetie sind selbstverständliche Elemente des Glaubenslebens bei Every Nation. Zudem zog sich durch den gesamten Gottesdienst der Hinweis auf den stellvertretenden Tod von Jesus, der damit die Trennung in der Beziehung zu Gott beseitigt hatte. Auf der Bühne stand ein Kreuz mit der Aufschrift "Gnade".

Sonne, steh still!

Heute ging die Predigtreihe "Auf in den Kampf" zu Ende. Es ging um die Schlacht bei Gibeon aus Josua 10. Nach einer sehr guten Erklärung der Gründe für die Kriegshandlungen im damaligen Kanaan ging der Referent auf die erhebliche Leistung der israelischen Soldaten ein, die eine ganze Nacht marschiert waren und dann gleich einen Tag lang kämpften. Gott unterstützte den Kampf mit Hagel. Und damit nicht genug: Josua sprach dann zur Sonne und zum Mond, dass sie still stehen bleiben sollten und sie taten das. Somit konnten die Soldaten einen weiteren Tag kämpfen und die fünf Armeen der Amoriter inklusive der fünf Könige vernichtend schlagen.

Daraus ließen sich viele interessante Gedanken für unsere Alltagssituationen ableiten. Rede mit Gott und rede zu den Herausforderungen, zu den im Weg stehenden Bergen. Der spannende Bibeltext und der Mix mit persönlichen Erlebnissen machten die Predigt lebendig und etablierten eine Aufmerksamkeit, die bis zum Schluss andauerte. Flankiert wurde das durch Themenfotos auf der Leinwand.

Flyer und Gebet

Am Ende konnten die jeweiligen Sitznachbarn füreinander beten. Dabei sollte auch die Frage nach einer konkreten Entscheidung für Jesus gestellt werden. Die Frage nach der Entscheidung und das Angebot der entsprechenden Begleitung fand sich auch auf den Flyern wieder, die auf den Plätzen lagen oder an Erstbesucher ausgeteilt wurden. Als ich die Nummer 13 verließ, regnete es. Ich stopfte die Flyer in meine Jacke und begab mich zum Parkplatz.

Mittwoch, 19. April 2017

Handbuch für die gefährlichsten Orte der Welt

Unbewaffnet in Krisenregionen unterwegs zu sein, erfordert alternative Methoden zum Überleben. Das hier vorgestellte Handbuch vermittelt auf kurzweilige Weise das notwendige Wissen.



Achtung! Wer die Rezension eines frommen Buches erwartet, sollte: Nicht weiterlesen!
Alternativ können hier Rezensionen über fromme Literatur abgerufen werden.


Handbuch für die gefährlichsten Orte der Welt
Handbuch für die gefährlichsten Orte der Welt - Rosie Garthwaite - 2011


Das "Handbuch für die gefährlichsten Orte der Welt" ist eines der witzigsten Handbücher, die ich je gelesen habe und stellt sogar die IT-Handbücher von O'Reilly in den Schatten. Es geht so ziemlich auf alle Situationen in Ländern mit aktiven oder jüngeren Kriegshandlungen ein und bewegt sich mit seinen Praxisbeispielen vorwiegend im Nahen und Mittleren Osten. Das liegt wohl daran, dass die Autorin eine blonde Britin ist, die als Journalistin in dieser Region arbeitet.

Training und Realität

Das Handbuch deckt sich weitestgehend mit den per Trial & Error durchlebten Lehrgangseinheiten des HEAT-Programms (Hostile Environment Awareness Training) am Vereinte Nationen Ausbildungszentrum der Bundeswehr. Nur dass die Beispiele im Buch aus echten Situationen stammen und nicht im Rollenspiel nachgestellt wurden.

Immer mehr Presseagenturen, international tätige Firmen und Hilfsorganisationen entdecken die Vorzüge einer praktischen Vorbereitung ihrer Mitarbeiter auf den Einsatz in Krisenregionen. Wie oben kurz angedeutet, fliegen gerade Mitarbeiter von Hilfsorganisationen mit dem Gedanken "Mir passiert sowas nicht" in destabilisierte Regionen und wundern sich dann, wenn ihnen die Geschosse um die Ohren fliegen, das Bein nach einem Tritt auf eine kleine bunte Mine ab ist oder ihre Hilfsorganisation die Spendengelder des Vorjahres als Lösegeld auf den provisorischen Tisch einer subtropischen Laubhütte legen muss.

Trockener Humor

Mit trockenem britischen Humor vermittelt die Autorin wichtige Kenntnisse im Umgang mit drohendem Kidnapping, Bespitzelung, Missverständnissen bei der Nutzung der Kamera, Wahl der Unterkunft, Fahrten durch die Stadt, Verhalten an Check Points oder dem Verhalten in Minenfeldern.

Erste Hilfe

Etwa hundert Seiten widmen sich der Ersten Hilfe. So kurzweilig und einprägsam hatte ich noch nie etwas über Erste Hilfe gelernt. Nun weiß ich, wie sich Erfrierungen äußern, wie man eine Wunde näht oder Gliedmaßen amputiert und was in die Notfall-Tasche gehört. Auch die stabile Seitenlage wird wiederholt und in Episoden aus dem journalistischen Alltag eingebettet. Da das Handbuch den Anspruch auf ein Nachschlagewerk erhebt, sind die Gesundheitsthemen nach Alphabet sortiert.

Ferner werden Trauma-Prävention und -Nachsorge, Sport auf engstem Raum mithilfe des Eigengewichtes, kleine Tricks der Selbstverteidigung, beherztes Agieren bei Vergewaltigung, die Wahl von Bodyguards, Fahrern oder Dolmetschern, die Wahl der Kleidung, das Entsichern einer Schusswaffe, die Wert-Zeit-Kurve einer Geisel und die zweckentfremdete Nutzung von Alltagsgegenständen thematisiert.

Expertise

Es kommen viele Pressekollegen der Autorin Rosie Garthwaite zu Wort. Einige Passagen des Buches wurden von Fachleuten geschrieben oder durch deren Expertise in die finale Form gegossen. Nach dem Lesen war ich erstaunt, wie viele Aspekte es bei solch einem Auslandsaufenthalt zu beachten gibt und dass scheinbar nichts davon im Handbuch fehlt.

Auf dem deutschen Markt gibt es viele aus dem Englischen übersetzte Bücher, die lieber im Original gelesen werden sollten. Bei diesem Handbuch mit dem als Lesezeichen dienenden schwarzen Gummiband ist Bernhard Kleinschmidt ein großartiger Wurf bei der Übersetzung gelungen.

Ernst der Lage

Im letzten Fünftel des etwa 300 Seiten starken Buches wird es ernst. Der bisherige Humor weicht einer ehrlichen Betroffenheit, wenn über Länder wie Nordkorea und Myanmar oder posttraumatische Verhaltensweisen berichtet wird. Der Reisende solle sich auf sämtliche Alltagsgegenstände wie Notizbücher, Spiegel, Medizinbeutel oder die Zahnbürste den Grund für die Anwesenheit in der jeweiligen Region schreiben. Ist der ursprüngliche Grund nicht mehr gegeben, oder werde man fremdbestimmt, ist ein geeigneter Zeitpunkt für die hoffentlich vorab geplante Rückreise gekommen.

Montag, 17. April 2017

IGA 2017 - Gottesdienst in der Arena

Christen in der Arena gab es schon vor 1900 Jahren in Rom. Der heutige Aufenthalt in der Arena war nicht ganz so gefährlich und kostete statt der körperlichen Unversehrtheit je nach Personengruppe bis zu 90 Euro.



Die IGA 2017 Internationale Gartenausstellung war am Gründonnerstag in Berlin-Marzahn eröffnet worden. Wo vor drei Tagen der Bundespräsident und die Altrocker-Band Karat auf der Bühne standen, agierten heute der Gospelchor "Bona Deus" und die Band "Patchwork". Patchwork wird inzwischen wohl mehr auf eine weit verbreitete Familienform als auf eine Decke aus verschiedenen Stoffteilen bezogen.

Ökumenischer Gottesdienst

Der ökumenische Ostergottesdienst unter dem Titel "O Happy Day" war schon im März angekündigt worden. Es wurden vergünstigte Karten vermittelt, so dass es 2.500 Vorverkäufe gab. Das entspricht der Hälfte der geladenen Gäste zur Eröffnung am Gründonnerstag.

Das Wetter war jedoch genauso durchwachsen wie vor drei Tagen, so dass nur etwa ein Drittel der Ticketinhaber in der Arena erschienen waren. Den Altersdurchschnitt schätzten wir auf fünfzig. Während kurzer Schauer wurden bunte Regenfolien übergestreift. Die Helfer mit ihren gelben Jacken waren dennoch gut zu erkennen. Zu Beginn hatten sie kleine Faltblättchen mit den Liedtexten und dem Gottesdienstablauf verteilt. Am Ende halfen sie an den Gebetsstationen. Es wurde Weihrauch verbrannt und hüllte die Arena in den Gärten der Welt in seinen markanten Duft.

Osterhase und Osterbotschaft

Die Halleluja-Rufe von der Bühne erinnerten an den Münchner Engel Aloisius beim "Frohlocken". Die vorderen Blocks gingen nach wiederholtem und lauter werdendem "Halleluja" willig mit. Der Moderator, Pastor einer Berliner Baptistengemeinde, wirkte etwas unvorbereitet und teilte seiner ökumenischen Zuhörerschaft freudig mit, dass der Osterhase die Osterbotschaft bringe. In diesem Zusammenhang könnte der Lehrplan der Theologischen Hochschule Elstal etwas nachjustiert werden.

Der Gärtner

Anschließend trat weder der Osterhase noch einer der pelzigen Freunde, die während der IGA zum Fotoshooting animieren, auf die Bühne, sondern Probst Dr. Christian Stäblein von der EKBO. Er trug einen schwarzen Talar und ein großes silbernes Kreuz um den Hals.

Er hielt eine sehr anschauliche Predigt. Es ging um Johannes 20, 11-18 mit Maria und ihrer Annahme, Jesus sei der Gärtner. Der Gärtner kümmere sich um das Leben und der Gärtner entsorge tote Pflanzen oder gelegentlich auch andere Tote. Es sei allgemeines Klischee, dass der Gärtner insbesondere in britischen Krimis der Mörder sei. Jesus sei als Gärtner auch zum Mörder geworden. Er habe den Tod getötet. Eine spitzfindige Pointe zu diesem Bibeltext und eine gelungene Brücke zur IGA 2017.

Apropos Brücke

Da die Eintrittskarten für den Besuch der gesamten Ausstellung galten, hatten wir vorab einige Stationen in den Gärten der Welt besucht. Besonderes Interesse bestand an der kunstvoll gestalteten Friedhofslandschaft. Beide Omas hatten innerhalb der letzten zwei Jahre Abschied von ihren Ehepartnern nehmen müssen. Auf einer Bank neben den Grabsteinen aßen wir selbst gebackene Schokokekse und Bouletten.

Dann liefen wir zur Seilbahn und ließen uns über den Kienberg nach Hellersdorf gondeln. Anstehen sowie Hin- und Rückfahrt hatten insgesamt nur zwanzig Minuten gedauert, so dass wir tatsächlich fünf Minuten vor Gottesdienstbeginn in der Arena saßen.

Freitag, 14. April 2017

Karfreitag in der Gemeinde auf dem Weg

Die "Gemeinde auf dem Weg" liegt an der Peripherie Berlins. Am heuten Karfreitag machten wir uns auf den Weg nach Tegel zu einem "Konzert für Gott".



Es sind immer exakt 110 Kilometer, die ich nach einer Fahrt nach Tegel in mein Fahrtenbuch eintrage. Von Marzahn aus auf die Autobahn, den Nordring entlang und am Kreuz Oranienburg wieder in Richtung City. Am Karfreitag oder am Sonntag geht das in einer halben Stunde. Wegen der genialen Autobahnanbindung ist die Gemeinde auf dem Weg (GadW) aber auch aus anderen zentralen oder peripheren Teilen Berlins und des Speckgürtels gut zu erreichen.

Gesunder Mix

Bereits im letzten Jahr hatten wir das Lobpreis-Konzert in Tegel besucht und dabei viele alte Bekannte getroffen. Heute hatten wir uns mit niemandem verabredet. Als wir zehn vor acht in die Lobby traten, hatten sich schon einige Menschentrauben gebildet. Demografisch und ethnisch waren die Anwesenden stark diversifiziert und stellten damit einen gesunden Mix für den nachhaltigen Bestand dieser Gemeinde dar. Am Eingang beteten zwei Besucher füreinander.

Nachdem wir einige Zeit das Treiben beobachtet hatten, wurden die Türen zum Saal geöffnet. Die Bühne war bereits in ein oranges Lichtspiel getaucht. Wir setzten uns relativ nah an die Bühne.

Bekannte Lieder

Kurz nach acht ging es los. Der Abend bestand aus drei Elementen: Lobpreis, Textlesung und Abendmahl. Die Band mit zwei Sängerinnen, drei Gitarren, einem Schlagzeug und einem Keyboard spielte fast nur Lieder, die wir kannten und auch mit geschlossenen Augen mitsingen konnten. Auch die Kinder kannten fast alle Lieder, egal ob sie auf Deutsch oder Englisch vorgetragen wurden.

Die Texteinblendungen erinnerten mich an meine damaligen 20-Zoll-Sommerreifen von Hankook, die bei Nässe auch immer erst nach einer Gedenksekunde reagierten. Wegen der Bekanntheit der Lieder konnten wir die ersten Worte des Textes aus der Melodie und der Erinnerung ableiten.

INRI, Markus und das Abendmahl

In zwei Blöcken wurde der Bericht über Gefangennahme, Verurteilung und Kreuzigung von Jesus aus dem Markus-Evangelium vorgelesen. Umrahmt wurde das von weiteren Liedern. An zwei Stellen vor der Bühne wurde das Abendmahl mit wahlweise Saft oder Wein ausgeteilt. Diesmal war es nicht zu knapp, obwohl fast so viele Besucher wie im letzten Jahr gekommen waren.

Anders als im Vorjahr war übrigens auch, dass der Gottesdienst schon kurz nach neun zu Ende war. Viele der Anwesenden fluteten danach gleich hinaus. Auf dem Parkplatz standen überraschend wenige Autos und viele kleine Grüppchen liefen die Straße entlang ins nächtliche Tegel. "Wo gehen die hier alle hin", wollte mein Sohn wissen. Ich konnte ihm das nicht beantworten und bog auf die Stadtautobahn ein.

Kurze Wege

Etwa eine halbe Stunde später waren wir wieder zu Hause. Parkplatz direkt vor der Tür und wieder einmal genau 110 Kilometer im Fahrtenbuch. Meine Frau hatte in der Zwischenzeit ein Karfreitagsvideo an sämtliche Bekannte gesendet und eine der letzten Predigten von Rick Warren nachgehört. Sie hatte auch nicht damit gerechnet, dass wir schon so früh zurück kommen.

Dienstag, 11. April 2017

Focusing mit Geist, Seele und Leib

Verkopfter Glaube ist eine durchaus übliche Erscheinungsform. Wenn der Psalmist von "Alles was in mir ist" redet, meint er deutlich mehr als die obere Etage unseres Körpers.



Wer wissen möchte, mit welchen Werkzeugen ein Trauma-Therapeut hantiert, sollte das Buch "Wie der Glaube zum Körper findet" von Peter Lincoln lesen. Es hat 138 Seiten und enthält eine CD für praktische Übungen.

Focusing

Es geht darin um das sogenannte Focusing, das bewusste Wahrnehmen körperlicher Reize wie der Berührung des Rückens mit der Sitzfläche, dem Nachspüren der Fußsohlen auf dem Boden oder die Beachtung der Atmung. Sobald sich der fokussierte Leser dieser Reize bewusst wird, kann er weiter in sich hinein hören, bestimmte Bereiche entspannen und körperliche Reaktionen steuern.

Focusing - Wie der Glaube zum Körper findet
Focusing - "Wie der Glaube zum Körper findet" von Peter Lincoln
Peter Lincoln bringt diverse Bibelstellen, die die Ganzheit des Menschen als Wesen aus Geist, Seele und Leib darstellen und für eine Beachtung des "Tempels des Heiligen Geistes", nämlich des Körpers, sensibilisieren.

Hilfreiche Techniken

Das Buch hatte mir die Trauma-Beraterin Maike Behn empfohlen. Hätte ich sie nicht persönlich gekannt, hätte ich das Buch wohl nie gelesen und als Literatur für einschlägige Personengruppen aus den Cityregionen Berlins eingeordnet. Jedoch bei unserer Kur im letzten Sommer und bei FBG-Gebetsabenden hatte ich die progressive Muskelentspannung nach Jacobsen und einige Atemtechniken erlernt, die sich in Stresssituationen bereits als sehr hilfreich erwiesen haben.

Überleben

Beim Journalistenlehrgang in der letzten Woche hatte ich erleben dürfen, dass Jacobsen und Atemtechnik die Überlebensstrategien Nummer Eins bei komplexen Bedrohungssituationen wie Überfall, Beschuss oder Geiselhaft sind. Sobald der gesamte Mensch in der Tiefenentspannung ist, können rationale Gedanken gefasst und nach Auswegen aus der aktuelle Situation geschaut werden. Manch ein Geschehen kommt gar nicht erst nah an einen heran und kann sofort distanziert behandelt werden.

Beziehung zu Jesus

Aber auch außerhalb akuter Stressszenarien kann ein zur Ruhe kommen sehr gut die Kommunikation mit Gott anregen. In "Class 201" von Saddleback wird ein Leitfaden für die Stille Zeit vermittelt. Der erste Punkt heißt "Relax". Dann geht es mit Bibellesen und Reflexion weiter. Es geht um eine aktive und lebendige Beziehung zu Jesus mit unserem ganzen Sein. Eine verkopfte Wissensbeziehung stößt schnell an die Grenzen.

Trigger und Heilung

Ich hatte mich auf einige Übungen aus dem Buch eingelassen und erstaunliche Entdeckungen gemacht. Triggerpunkte aus der Vergangenheit, vielleicht sogar schon vierzig Jahre zurück, wurden plötzlich sichtbar und konnten bewusst an Gott abgegeben werden. Das Ergebnis ist ein kontinuierlicher innerer Heilungs- und Stabilisierungsprozess, der auch in zukünftigen Begebenheiten zum Tragen kommen kann.

Sonntag, 9. April 2017

ICF Tempelhof mit Autobahnanschluss

Innerhalb von zwei Jahren musste ICF Berlin mehrfach die Location wechseln. Heute besuchten wir den Gottesdienst in der Tempelhofer Ringbahnstraße.



Einen Besuch in der Ringbahnstraße hatte ich mir schon lange vorgenommen. Zweimal hatten wir ICF im Ullsteinhaus besucht, einmal im Gasometer und einmal zu Weihnachten im Kino der Gropiuspassagen. Zum Jahreswechsel war ICF Berlin in neue Räume in der direkt an der Stadtautobahn gelegenen Ringbahnstraße umgezogen. Ein typisches Industrie- und Bürogebäude mit kleinem Parkplatz und niedriger Hemmschwelle für Erstbesucher.

ICF Welcome Home

Da wir nicht wussten, wie die Parkplatzsituation auf dem Hof aussieht, nutzten wir eine Lücke gegenüber der knallroten Beachflag "ICF WELCOME HOME". In der Einfahrt stand ein Mann mit blondem Haar und einer deutlich erkennbaren ICF-Beschilderung um den Hals. Er begrüßte uns sehr freundlich und versicherte uns, dass es bei ICF kein akademisches Viertel gebe. Das war gut so, da wir sehr früh vor Ort waren: zehn vor elf.

Während die Familie noch ratlos nach dem Weg spähte, entdeckte ich an der rechten Ecke des Vorhofes die nächste knallrote Beachflag "WELCOME HOME". Knapp konnten wir dem Überrollen durch ein Fahrzeug aus Potsdam-Mittelmark entgehen und erreichten unbeschadet den Eingang. Wir liefen durch das Treppenhaus und sahen eine angelehnte Tür. Dahinter wurde ein größerer Raum in Betoncharme sichtbar. Dieser war schon reichlich mit jungen Leuten und deren Kleinkindern gefüllt.

Willkommen und Transparenz

Langsam und präsent schlenderten wir durch den Raum, schauten uns um, bewegten uns auf den gegenüberliegenden Gang zu, blickten in eine Kinderecke und gingen dann in den großen hellen Vorraum zurück. Auf dem Weg begegneten uns mehrere Personen mit ICF-Badge. Allesamt blickten sie durch uns hindurch. Der gläserne Gast.

An der Theke wurde zuerst der hinter uns stehende Mann bedient. Dann kauften auch wir zwei Becher Kaffee für zwei Euro und stellten uns damit ans Fenster. Von dort aus beobachteten wir die hereinflutenden Gottesdienstbesucher. Einige kannten wir vom Sehen oder vom SOLA. Auch mutmaßliche Dauerbesucher standen wie Luft im Vorraum.

Gottesdienst

Als die Türen zum Saal geöffnet wurden, verständigten wir uns darauf, im Mittelfeld zu sitzen. Die Familie hatte mit der Reihe ganz hinten geliebäugelt. Es müssen um die 160 Sitzplätze gewesen sein. Optisch erinnerte uns der Saal an die Equippers in der Blissestraße.

In medialer Perfektion flimmerte ein Video über die Leinwände. Coole Szenen, attraktive Mittzwanziger und ein genialer Schnitt zeichneten dieses Intro aus. Es folgte eine kurze Begrüßung und dann startete die Lobpreisband. Keines der im Verlauf des Gottesdienstes gespielten Lieder war uns bekannt. Fast alles auf Englisch, die Texte gelegentlich etwas flach, aber eine gute musikalische Performance.

Hashtag Jesus

Die aktuelle Predigtreihe #JESUS umfasst mehrere Themenkomplexe. Heute sprach André Schönfeld von ICF Grünheide über Freundschaft. Mein Sohn konnte sich im Vorfeld noch daran erinnern, dass es bei unserem Besuch in Grünheide um Kreise ging, in denen man sich bewege und die man auch mal übertreten solle. Heute wurden mehrere Bibelstellen von Adam und Eva, über Mose und die Schlacht gegen Amalek bis hin zu "Ich habe euch Freunde genannt" aus Johannes 15 Vers 15 zitiert.

Der Referent hantierte die gesamte Predigt über mit einer großen Blumenspritze und pumpte die potenzielle Sprühkraft auf. Die ersten beiden Sitzreihen waren bereits befeuchtet worden und es war unklar, ob die Spritze später noch zur Reaktivierung der Aufmerksamkeit genutzt werde. André zog damit eine Parallele zum Prinzip von Druck und Stärkung.

Nach der Predigt folgten weitere unbekannte Lieder, eine kurze Gebetszeit für die Anliegen auf dem Screen sowie ein Segensgebet.

Postludium

Die "transparente" Willkommenskultur hatte eine nachhaltige Wirkung auf mein Wohlbefinden und die Bleibeperspektive. Unmittelbar nach dem Amen strebte ich dem Ausgang entgegen. Eine der oben erwähnten ICF-Schildträger stand im Vorraum und grüßte nun freundlich. Dann folgte sie uns Richtung Ausgang. Sie wollte wissen, ob wir das erste Mal bei ICF seien und lud uns zu einem Getränk ein. War nett gemeint, aber der richtige Zeitpunkt verpasst. Ich lehnte ab und trat ins Treppenhaus.

Meine Familie fand das zu hart und versuchte mich zu beruhigen: "Wir sind bei ICF noch nie begrüßt oder angesprochen worden". In dieser Form war mir das bisher noch gar nicht aufgefallen, wahrscheinlich weil ich sonst immer selbst auf die Leute zugegangen war.

Jedenfalls hatte die Familie einige Impulse aus der Predigt mitgenommen und zählte diese auf dem Weg zum Parkplatz auf. Während der gesamten Rückfahrt diskutierten wir sehr akzentuiert, bis uns schließlich mit Türkischer Pizza und Döner der Mund gestopft wurde.

Sonntag, 2. April 2017

Autobahnkirche A71 und der Radio-Gottesdienst

Schon oft bin ich an Hinweisschildern für Autobahnkirchen vorbei gefahren. Ein Lehrgang in Unterfranken ließ mich heute die A71 nutzen, an deren Wegesrand eine solche Kirche steht.



Der urbane Sonntagsfahrer wird regelmäßig durch Marathon-Derivate oder Fahrradrennen seiner Bewegungsfreiheit beraubt. Deshalb entschied ich mich heute für ein zeitiges Durchqueren der Stadt und einen Gottesdienst-2-Go. Auf gut Glück schaltete ich den Deutschlandfunk ein. Dort lief gerade eine Sendung über Marx und den Kapitalismus. Religionsfreiheit.

Radio-Gottesdienst im DLF

Nach den Nachrichten wurde im DLF tatsächlich auf eine evangelische Kirche im Saarland umgeschaltet. Orgelmusik, alte Lieder, Lesungen. Es ging um 1. Mose 22. Ein Text, der mich schon oft beschäftigt hatte und der von einer Männerstimme sehr eindrucksvoll vorgetragen wurde. Im Text geht es um Abraham, der von Gott beauftragt wird, in ein Land zu gehen, das Gott ihm zeigen werde und dort seinen Sohn Isaak zu opfern. "Siehe, hier bin ich", reagiert Abraham auf die Ansprache Gottes.

Die predigende Pfarrerin war der Stimme nach recht jung. Die Predigt blieb zwar am Text, ging jedoch in eine Richtung, die eher in einen anthropozentrischen Kontext gepasst hätte. Gott wurde als nebulöse, ferne und unberechenbare Größe dargestellt. Im Mittelpunkt stand der Mensch Abraham. Wer also Angst habe, solle auf Abraham schauen. Der eingespielte Ausschnitt aus dem französischen Film "I wie Ikarus" während der Radiopredigt bewegte mich durch die Baustelle am Berliner Südring. Es ging um ein Experiment mit Lehrern und Schülern sowie die Bestrafung des Schülers, wenn dieser einen Fehler machte. Das stimmte mich thematisch auf den Lehrgang am Zielort ein.

Autobahnkirche A71 (Richtung Süden)

Nach dem Gottesdienst schaltete ich auf CD um und fuhr weiter Richtung Thüringer Wald. Auf der A71, in der Nähe von Bibra, rauschte ein Schild mit Parkplatz und Autobahnkirche an mir vorbei: "Thüringer Tor". Nein, ich muss jetzt nicht auf Toilette. Nein, ich fahre da jetzt nicht raus. "Fahr raus", vernahm ich eine energische Stimme in mir. Ich zog zwischen zwei Fahrzeugen auf der rechten Spur hindurch und begab mich kurzentschlossen auf die Zufahrt zum Parkplatz.

Seichter Wind, Sonne, Quellwolken, Ein Klohäuschen und nur drei oder vier parkende Fahrzeuge. Für das Seminar hatte ich meine Haare kurz geschoren und sah insgesamt wohl nicht wie der typische Besucher einer Autobahnkirche aus. Zunächst ging ich zur Infotafel und machte ein Streckenfoto für die WhatsApp-Gruppe.

Dann sprach mich eine Frau an.

"Schön, dass sich jemand für unsere Kirche interessiert", sagte sie und stellte sich kurz vor. Den Namen konnte ich mir gut merken, da er identisch mit einem Kinderbuch-Protagonisten von Astrid Lindgren war. Wir liefen den sogenannten Rosenweg entlang. "Ist das eine katholische Kirche", wollte ich wissen. Nein, das sei eine ökumenische Kapelle. Schließlich sei auch Jesus ökumenisch gewesen. Das Argument war plausibel. Meine Begleiterin müsse nach der Kollektenbox schauen, da diese kürzlich rausgetragen und vor der Kapelle gesprengt worden sei. "Wieviel war denn da drin", wollte ich wissen. "Die machen das auch für zwanzig Euro", kam die ernüchternde Antwort. Was für ein Aufwand?!

Auf den knapp fünfzig Metern hoch zum schneckenförmigen Sakralbau gesellte sich noch ein Mann dazu, der vermutlich familiär mit der Frau verbandelt war. Wir betraten das Betondomizil durch einen schlichten Gang, der uns in das Innere des Schneckenhauses einfädelte. Durch hohe Fenster gelangte Licht ins Innere. Die Dame legte Zeitungen auf einen Infotisch und kontrollierte die Kollekte. Die Sichtachsen waren faszinierend. Im Süden blickte man auf ein Metallkreuz, im Westen auf die harmonisch geschwungene Landschaft des Thüringer Waldes.

Ich bin Christ.

Und da war sie wieder, die obligatorische Frage nach meiner Gemeindezugehörigkeit. "Ich bin Christ und gehöre seit zwei Jahren keiner Gemeinde an", antwortete ich völlig unvorbereitet. Das Outen als "Christ" war ein Novum in meiner Selbstvorstellung. Aber Christ? Keine Gemeinde?

Wir kamen dann auf den Church Checker und dessen Mehrwert bei der Orientierung in der christlichen Szene Berlins zu sprechen. Meiner Ansicht nach könne nicht jeder distanzierte Bekannte in jede Gemeinde mitgenommen werden: Stil und Sprache sollten eine Brücke zur Lebensrealität des Interessenten bauen. Dafür gebe es im Blog die Kategorie "Freunde". Meine Gesprächspartnerin sah das anders und meinte, das sei das Problem des Gastes. Das harmoniert mit der Meinung des EKD-Ratsvorsitzenden.

Nachdem ich noch etwas die sonnige Atmosphäre in der kleinen Kapelle eingesogen hatte, blickte ich über die Polsterstühle, die an der gesamten Wand aufgestellt waren, schrieb einen Text ins Gästebuch und verabschiedete mich mit Segenswünschen von den beiden Einheimischen. Draußen atmete ich die Luft des Thüringer Waldes ein und fuhr weiter Richtung Süden.