Sonntag, 2. April 2017

Autobahnkirche A71 und der Radio-Gottesdienst

Schon oft bin ich an Hinweisschildern für Autobahnkirchen vorbei gefahren. Ein Lehrgang in Unterfranken ließ mich heute die A71 nutzen, an deren Wegesrand eine solche Kirche steht.



Der urbane Sonntagsfahrer wird regelmäßig durch Marathon-Derivate oder Fahrradrennen seiner Bewegungsfreiheit beraubt. Deshalb entschied ich mich heute für ein zeitiges Durchqueren der Stadt und einen Gottesdienst-2-Go. Auf gut Glück schaltete ich den Deutschlandfunk ein. Dort lief gerade eine Sendung über Marx und den Kapitalismus. Religionsfreiheit.

Radio-Gottesdienst im DLF

Nach den Nachrichten wurde im DLF tatsächlich auf eine evangelische Kirche im Saarland umgeschaltet. Orgelmusik, alte Lieder, Lesungen. Es ging um 1. Mose 22. Ein Text, der mich schon oft beschäftigt hatte und der von einer Männerstimme sehr eindrucksvoll vorgetragen wurde. Im Text geht es um Abraham, der von Gott beauftragt wird, in ein Land zu gehen, das Gott ihm zeigen werde und dort seinen Sohn Isaak zu opfern. "Siehe, hier bin ich", reagiert Abraham auf die Ansprache Gottes.

Die predigende Pfarrerin war der Stimme nach recht jung. Die Predigt blieb zwar am Text, ging jedoch in eine Richtung, die eher in einen anthropozentrischen Kontext gepasst hätte. Gott wurde als nebulöse, ferne und unberechenbare Größe dargestellt. Im Mittelpunkt stand der Mensch Abraham. Wer also Angst habe, solle auf Abraham schauen. Der eingespielte Ausschnitt aus dem französischen Film "I wie Ikarus" während der Radiopredigt bewegte mich durch die Baustelle am Berliner Südring. Es ging um ein Experiment mit Lehrern und Schülern sowie die Bestrafung des Schülers, wenn dieser einen Fehler machte. Das stimmte mich thematisch auf den Lehrgang am Zielort ein.

Autobahnkirche A71 (Richtung Süden)

Nach dem Gottesdienst schaltete ich auf CD um und fuhr weiter Richtung Thüringer Wald. Auf der A71, in der Nähe von Bibra, rauschte ein Schild mit Parkplatz und Autobahnkirche an mir vorbei: "Thüringer Tor". Nein, ich muss jetzt nicht auf Toilette. Nein, ich fahre da jetzt nicht raus. "Fahr raus", vernahm ich eine energische Stimme in mir. Ich zog zwischen zwei Fahrzeugen auf der rechten Spur hindurch und begab mich kurzentschlossen auf die Zufahrt zum Parkplatz.

Seichter Wind, Sonne, Quellwolken, Ein Klohäuschen und nur drei oder vier parkende Fahrzeuge. Für das Seminar hatte ich meine Haare kurz geschoren und sah insgesamt wohl nicht wie der typische Besucher einer Autobahnkirche aus. Zunächst ging ich zur Infotafel und machte ein Streckenfoto für die WhatsApp-Gruppe.

Dann sprach mich eine Frau an.

"Schön, dass sich jemand für unsere Kirche interessiert", sagte sie und stellte sich kurz vor. Den Namen konnte ich mir gut merken, da er identisch mit einem Kinderbuch-Protagonisten von Astrid Lindgren war. Wir liefen den sogenannten Rosenweg entlang. "Ist das eine katholische Kirche", wollte ich wissen. Nein, das sei eine ökumenische Kapelle. Schließlich sei auch Jesus ökumenisch gewesen. Das Argument war plausibel. Meine Begleiterin müsse nach der Kollektenbox schauen, da diese kürzlich rausgetragen und vor der Kapelle gesprengt worden sei. "Wieviel war denn da drin", wollte ich wissen. "Die machen das auch für zwanzig Euro", kam die ernüchternde Antwort. Was für ein Aufwand?!

Auf den knapp fünfzig Metern hoch zum schneckenförmigen Sakralbau gesellte sich noch ein Mann dazu, der vermutlich familiär mit der Frau verbandelt war. Wir betraten das Betondomizil durch einen schlichten Gang, der uns in das Innere des Schneckenhauses einfädelte. Durch hohe Fenster gelangte Licht ins Innere. Die Dame legte Zeitungen auf einen Infotisch und kontrollierte die Kollekte. Die Sichtachsen waren faszinierend. Im Süden blickte man auf ein Metallkreuz, im Westen auf die harmonisch geschwungene Landschaft des Thüringer Waldes.

Ich bin Christ.

Und da war sie wieder, die obligatorische Frage nach meiner Gemeindezugehörigkeit. "Ich bin Christ und gehöre seit zwei Jahren keiner Gemeinde an", antwortete ich völlig unvorbereitet. Das Outen als "Christ" war ein Novum in meiner Selbstvorstellung. Aber Christ? Keine Gemeinde?

Wir kamen dann auf den Church Checker und dessen Mehrwert bei der Orientierung in der christlichen Szene Berlins zu sprechen. Meiner Ansicht nach könne nicht jeder distanzierte Bekannte in jede Gemeinde mitgenommen werden: Stil und Sprache sollten eine Brücke zur Lebensrealität des Interessenten bauen. Dafür gebe es im Blog die Kategorie "Freunde". Meine Gesprächspartnerin sah das anders und meinte, das sei das Problem des Gastes. Das harmoniert mit der Meinung des EKD-Ratsvorsitzenden.

Nachdem ich noch etwas die sonnige Atmosphäre in der kleinen Kapelle eingesogen hatte, blickte ich über die Polsterstühle, die an der gesamten Wand aufgestellt waren, schrieb einen Text ins Gästebuch und verabschiedete mich mit Segenswünschen von den beiden Einheimischen. Draußen atmete ich die Luft des Thüringer Waldes ein und fuhr weiter Richtung Süden.

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