Sonntag, 15. Oktober 2017

20 Jahre CVJM Kaulsdorf

Der CVJM in Kaulsdorf ist eine feste Größe im Bezirk. Auch wir pflegen seit zwei Jahren einen regen Kontakt zu den wertvollen Mitarbeitern. Heute feierte der CVJM Kaulsdorf seinen 20. Geburtstag.



Exakt 49 Jahre nach der Gründung des heutigen Staates Israel wurde am 14. Mai 1997 der CVJM Kaulsdorf gegründet.

Die Geschichte des CVJM ist eine Geschichte der Wunder. Der Kaufpreis des Gästehauses, die Finanzierung der Projekte, die Harmonie der Leitung und die positive Wirkung auf das Umfeld des Großbezirkes Marzahn-Hellersdorf sind mit wissenschaftlichen Argumenten nicht zu erklären.

Trotz der aktuellen Umbaumaßnahmen ist das Übernachtungspotenzial ausgelastet und die Gäste kommen gerne wieder. Die Wandelbar mit ihren Kinder- und Jugendaktivitäten platzt aus allen Nähten. Die Mitarbeiter sind jedoch hoch motiviert. Die richtigen Leute am richtigen Platz.

Flankiert wird die praktische Arbeit des CVJM Kaulsdorf durch eine wöchentliche Gebetsgruppe. Neben Wundern im privaten und beruflichen Umfeld konnten hier auch Wunder bezüglich des CVJM erbeten und erlebt werden.

Am heutigen 20. Geburtstag waren so viele Freunde und Mitglieder des CVJM Kaulsdorf gekommen, dass sogar noch Stehplätze genutzt werden mussten. Es gab Berichte aus der Historie, musikalische Untermalung, einen Gottesdienst, Grußworte und eine Hausbegehung inklusive der neuen Räume im Dachgeschoss.

Die Mitglieder und Mitarbeiter des CVJM Kaulsdorf sind in verschiedenen Gemeinden der Stadt beheimatet. Eine entsprechend freie Atmosphäre herrscht im Haus und auf den regelmäßigen Freizeiten. Auch zur Presse, der regionalen Wirtschaft und den politischen Akteuren in Bezirk und Bundesregierung bestehen sehr gute Beziehungen.

Freitag, 13. Oktober 2017

Ungläubiges Staunen von Navid Kermani

Das Sinnieren über Gemälde ist in Zeiten von YouTube und Instagram nicht mehr so populär. Navid Kermani hat sich mit verschiedenen christlichen Kunstwerken beschäftigt.


An einem der ersten Tage in der Reha-Klinik bekam ich das Buch "Ungläubiges Staunen - Über das Christentum" von Navid Kermani geschenkt. Also Navid Kermani ist der Autor und geschenkt hatten es mir die ersten Besucher. Das Buch war noch verschweißt und wurde auf der Rückseite vollmundig als "großes Geschenk für Christen und Nicht-Christen" (Martin Krumbholz, Bayerischer Rundfunk) angepriesen.

Navid Kermani Ungläubiges Staunen
Navid Kermani - Ungläubiges Staunen
Die Folie landete im Papierkorb - keine Mülltrennung. Sofort begann ich zu lesen. Dabei stellte ich fest, dass der Titel des Buches verfehlt ist. Das ist kein "Ungläubiges Staunen".

Bilder wirken lassen

Der Autor beschreibt die Szenen auf den mehrere hundert Jahre alten Bildern als scharfer Beobachter und entdeckt Details, die beim schnellen Vorbeihuschen durch den Touristen gar nicht bemerkt werden. Teilweise sitzt er mehrere Stunden in einem finsteren Raum, beleuchtet die Bilder mit seinem Handy oder gleicht die Aussagen im Katalog mit der Wirkung des Originals ab. Er geht vor und zurück und fixiert einzelne Bereiche der Oberfläche.

Besonders beeindruckt zeigt er sich von den Werken des Italieners Caravaggio (1573-1610), der mit ausdrucksstarken Personen und unkonventionellen Momentaufnahmen glänzte. Das verschaffte ihm dann wohl auch einigen Stress mit der sakralen Obrigkeit. Caravaggio wurde nur 37 Jahre alt.

So ist die Lektüre dieses Buches in weiten Teilen ein Genuss, so man sich denn für den tieferen Sinn von Kunst interessiert. Nur das Schriftbild sorgt für eine regelmäßige Ermüdung.

Unglaube, Freundschaft, Reiselust

Navid Kermani bezeichnet sich mehrfach als Moslem und betont, dass er im christlichen Sinne ungläubig sei. Das tiefe Verständnis für die Zusammenhänge der Botschaft vom Kreuz lassen jedoch erhebliche Zweifel an seiner Ungläubigkeit aufkommen.

Oft zitiert er Dialoge mit "dem katholischen Freund", beschäftigt sich mit Maria und Personen wie Hieronymus und Franz von Assisi. Zudem besucht er auch orthodoxe Kirchen und Klöster. Nebenbei saugt er die Atmosphäre in den Kirchen und Museen auf und beschreibt diese sehr plastisch.

Er ist viel unterwegs in Rom, in Syrien, im Kosovo und in Köln. Die Beschreibung der Kunstwerke unterlegt er mit Vergleichen zu islamischen Traditionen und Sichtweisen sowie fundiertem historischen Wissen. Die Bibel scheint er gut zu kennen, da er treffsicher daraus zitiert.

Bildbetrachtung im Schnelldurchlauf

Zum würdigen Abschluss der Reha ergab sich die Gelegenheit, den Bundespräsidenten nach Rom zu begleiten. Das Buch hatte ich im Gepäck und wollte vor Ort einige der Bilder auf mich wirken lassen. Dazu kam es allerdings nicht.

Wir sahen zwar die Vatikanischen Museen inklusive der Gruppe des Laokoon, der Stanzen des Raffael und der Sixtinischen Kapelle, aber alles im Schnelldurchlauf. Nach 73 Minuten fuhren wir weiter zur Basilica San Clemente. Das Buch von Navid Kermani hatte ich in Rom nicht ein einziges Mal geöffnet.

Montag, 9. Oktober 2017

Sant'Egidio - Mose war auch in Rom

Sant'Egidio ist in 73 Ländern der Welt aktiv und hat sich die "Weitergabe des Evangeliums und den Dienst an den Armen" auf die Fahnen geschrieben. Im Kloster Sant'Egidio in Rom traf ich Mose.



Die Fahrzeug-Kolonne des Bundespräsidenten rollte auf die gepflasterte Piazza di Santa Maria. Die wenigen Meter zum Kloster Sant'Egidio legten auch Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender zu Fuß zurück. Schwerbewaffnete, aber dekorative Polizisten in Uniform und Zivil säumten das Umfeld. Grün gekleidete Soldaten mit schussbereiten Sturmgewehren lauerten auf ungewöhnliche Bewegungen.

Garten und Buffet

Die Presse und Teile der Delegation wurden zu einem anderen Eingang geleitet und sollten dem Präsidentenpaar innerhalb des Hauses wieder begegnen. Nach dem Durchschreiten einiger verwinkelter Gänge fanden wir uns in einem romantischen Garten wieder, umbaut mit dem Kloster. Ich machte einige Fotos für meine Frau. Das einzige für mich zuordenbare Grün waren riesige Bananen-Pflanzen. Dazwischen Metallstühle mit Kissen, Stehtische, zwei runde Tafeln für den Präsidenten und seine Gesprächspartner sowie ein Buffet. Um dieses wuselte schwarz gekleidetes Personal herum, darunter ein beachtlicher Teil Mitarbeiter mit Down-Syndrom. Das freute mich.

Sant'Egidio

Sant'Egidio wurde 1968 als parakirchliche Gemeinschaft gegründet und ist von der römisch-katholischen Kirche anerkannt. In Rom ist das wichtig und auch nicht für jeden erreichbar. Die Gemeinschaft ist in über 70 Ländern aktiv und setzt sich hauptsächlich für die Weitergabe des Evangeliums ein. Dabei liegt ein wichtiger Fokus auf dem Dienst an den Armen.

Das Kloster hatten die Karmeliter 1930 im historischen Stadtbild Roms integriert. 1971 übernahm die Sant'Egidio den Gebäudekomplex.

Mediation und Sicherheitsbedarf

Die schwer bewaffneten Soldaten seien von der Regierung dort platziert worden, weil sich Sant'Egidio mit seinen Friedensverhandlungen weltweit engagiert. Das erzeugt nicht immer Gegenliebe. Der spektakulärste Verhandlungserfolg war die Beendigung des Bürgerkrieges in Mosambik. Dieser hatte 16 Jahre gedauert und fand am 4. Oktober 1992, also vor 25 Jahren, seinen Abschluss. Die Gemeinschaft ist regelmäßig in Konflikt-Mediationen in Asien, Lateinamerika und Afrika involviert. Sie kümmert sich ebenfalls um Themen wie AIDS-Bekämpfung, humanitäre Hilfe und Bildung. Deshalb erfährt sie finanzielle Hilfe seitens des Auswärtigen Amtes.

Reden und reden lassen

Der Gründer und der Präsident von Sant'Egidio freuten sich sehr über den Besuch des prominenten Ehepaares aus Deutschland. In einem randvoll mit Zuhörern befüllten Raum hielt Herr Steinmeier die zweite offizielle Rede seiner Rom-Reise. Die erste hatte er am Vortag in der evangelischen Christuskirche in der Via Sicilia gehalten.

Mose und Elia

Es war schon früher Nachmittag und das zeitliche Delta zum Frühstück war entsprechend strapaziert. Umso erfreuter waren wir über die allgemeine Einladung zum Mittagessen. Antizyklisch bewegte ich mich in eine der kunstvoll bemalten Kapellen und nutzte das dortige Buffet. Mitarbeiter - teilweise mit Down-Syndrom - waren uns beim Auftun der italienischen Küche behilflich. Ich entschied nach Diätplan, was trotzdem sehr lecker war.

Ein Schwarzer mit pastoralem Hemdskragen gesellte sich an unseren Tisch. "Ich heiße Mose", lächelte er mich an und reichte mir seine Hand. Währenddessen lag mir schon ein "Und ich Elia" auf der Zunge. Im letzten Moment nannte ich meinen richtigen Namen, hatte aber gleich einen guten Einstieg für das folgende Gespräch.

Mose, Psalmen und Lukas

In bestem Deutsch erklärte er mir, dass er in Rom Theologie studiere. Sein Schwerpunkt sei Altes Testament. Ich nannte ihm eine meiner Lieblingsstellen: 5. Mose 7 und erklärte die geniale Bedeutung des Textes als Metapher für unsere eigene Reifung im Glauben. Meinen Lieblingspsalm 107, in dem es um Unternehmer in ihren Herausforderungen und das Eingreifen Gottes geht, beantwortete er mit seinem Lieblingspsalm 82. Dieser behandelt das zweite Hauptthema von Sant'Egidio: Dienst an den Armen.

Ein weiterer Schwarzer kam an den Tisch. Ich holte noch etwas Käse und Erdbeeren. Es war nicht Elia, sondern ein junger Mann aus Haiti - auch mit pastoralem Hemdskragen. Wegen der vermeintlichen Papst-Audienz hatte ich heute sogar eine Krawatte um. So war es zumindest in den Infoblättern zur Vatikan-Reise vorgeschrieben worden. Dem Bruder aus Haiti fiel die Kinnlade nach unten, als ich ihn nach seinem Lieblingstext fragte. Er sei ein Freund des Lukas-Evangeliums, dem "Evangelium für die Armen". Das war mir bisher gar nicht so bewusst.

Wer ist in der Mitte?

Wir traten in den Garten und unterhielten uns weiter über die Bibel und Sant'Egidio. An einem der runden Tische diskutierte der Bundespräsident mit den Leitern der Gemeinschaft über Themen, die hier nicht zitiert werden dürfen.

Mose erzählte mir, dass er einen Freund habe, der Elia heiße. Die Beiden nehmen das zum Anlass für folgende Frage: "Wer ist in der Mitte?" - "Jesus", sagte ich und Moses Gesicht erhellte sich zu einem breiten Lächeln.

Dann Aufbruch-Stimmung, Kameras startklar und hinter dem Bundespräsidenten her. Vor der Pforte des Klosters hatten sich die Mitarbeiter aufgereiht: Gruppenfoto. Plötzlich badeten wir in einer Menge herbeigeströmter Touristen. Deutsche erkannten den Mann, dessen Partei sie kurz zuvor gewählt haben mussten. Einer davon grüßte seinen "Frank" aus einer Kleinstadt, deren Name mit inzwischen entfallen ist. "Who is that man?", fragte mich ein Holländer. Die Menschentraube bewegte sich langsam und unter lautstarker Beachtung des Publikums zurück zur Piazza di Santa Maria, wo die Fahrzeuge warteten.

Samstag, 7. Oktober 2017

Kirche für Jedermann in Teltow

Die "Kirche für Jedermann" in Teltow ist eine freundliche und gemütliche Gemeinde, die sich jeden Samstag für zwei Stunden zum Gottesdienst trifft. Heute war ich dort zu Gast.


Hätte ich gewusst, dass die Hausnummer 18 am gefühlten Stadtrand von Potsdam liegt, wäre ich wohl mit Auto zur Kirche für Jedermann gefahren. So stellte ich beim Erblicken des ersten Straßenschildes "Potsdamer Straße" fest, dass ich noch über 70 Haunummern ablaufen müsse. Die Potsdamer Straße fiel durch zwei Dinge auf: Tod und Autohäuser. Zwei Bestatter, ein Denkmal mit mahnenden Toten und unzählige Gebrauchtwagen-Händler. Wenigstens regnete es nicht.

Willkommen!

Zehn nach zehn war ich endlich an der Eingangstür des großflächig bemalten Flachbaus angelangt. Die Begrüßung war sehr herzlich. Kaum hatte ich mich gesetzt, bekam ich als Gast einen Gutschein für den Buchertisch. Ich schnaufte noch etwas die 70 Hausnummern weg und hatte mich zum ersten Klang der Anbetungszeit wieder gefangen.

Anbetung

Die Anbetungszeit verdiente hier tatsächlich diese Bezeichnung, da die sehr bekannten Lieder aus den 1990ern klar auf die Ehre Gottes ausgerichtet waren und nicht auf unser Wohlbefinden. Wenn es um uns in den Liedern ging, dann mit der Bitte um ein neues Herz und die Symbiose mit Jesus. Der unterlegte Klangteppich aus Gitarren, Cajon und Keyboard hatte einen Drive, der mich die ganze Zeit über gefesselt hielt. Fasziniert war ich auch über die Harmonie der Stimmen.

Erlebt

Es schloss sich eine Zeit des Erzählens an. Endlich mal wieder eine Gemeinde, in der die Leute von ihren alltäglichen Erfahrungen mit Jesus berichten konnten. Die Leute von der Kirche für Jedermann hatten viel mitzuteilen und freuten sich gegenseitig an den Erfahrungen. Im Saal saßen etwa 50 Personen. In diesem Bereich bewegte sich auch das Durchschnittsalter mit leicht nach unten orientierter Tendenz. Hier entscheiden sich regelmäßig Menschen für Jesus. Heute sollte es sogar eine Taufe für einen Rollstuhlfahrer geben.

Die Gottesdienste finden samstags statt, weil die Wurzeln der Gemeinde auf die Adventisten zurück gehen. Hier ist aber Jedermann willkommen, so dass sich eine sehr heterogene Gruppe gebildet hat, die sich gegenseitig inspiriert.

Erziehung

Etwa zur Halbzeit wurde ein Bügelbrett mit Laken auf die Bühne getragen: das obligatorische Puppenspiel. Das Puppenspiel führte - wie auch diverse andere Elemente - zur Predigt hin. Es ging um Erziehung. Ein knuffiger Plüsch-Prinz wollte ein Praktikum als Erzieher machen und musste sich einem Test unterziehen. Er fiel durch.

Die Predigt wird bei der Kirche für Jedermann von Laien gehalten. Dadurch ist ein brauchbarer Alltagsbezug gewährleistet. Mit Hebräer 12, 6 wurden wir in die herausfordernden Facetten der Erziehung hineingenommen. Erziehung der eigenen Persönlichkeit durch schmerzliche Erfahrungen. Der heutige Prediger konnte das mit sehr vielen Beispielen plastisch erläutern und suchte auch immer wieder den Dialog mit den Zuhörern.

Segen

Zum Abschluss stellte sich die gesamte Gemeinde im Kreis auf, fasste sich an die Hände und sang ein Segenslied. Sehr familiär. Überhaupt hatte ich mich sehr heimisch gefühlt. Das Licht, die kneipenähnliche aber gemütliche Einrichtung und die natürliche Freundlichkeit der Anwesenden waren ein gelungener Mix, einen Schnupper-Gast zum Mitglied werden zu lassen.

Ich hätte mir noch ein Buch aussuchen können. Auch hätte ich noch zu Mittag essen können. Allerdings hatte ich heute noch weitere Termine und wollte das Diät-Essen in der Klinik nicht verpassen. So wechselte ich noch einige Worte und eilte hinaus. Auch der Rückweg über eine Parallelstraße dauerte 25 Minuten. Damit waren neben Laufband, Ergometer und Muskelaufbau noch zwei Einheiten Ausdauer-Training dazu gekommen. Eine ungeplante Sporteinlage von knapp sechs Kilometern schnell gelaufener Wegstrecke.

Montag, 2. Oktober 2017

Gesprächsforum Leben + Glauben mit Pianist Sam Rotman

Die Abende im Best Western Steglitz bieten immer wieder eine gute Gelegenheit, Freunde oder den Chef mitzubringen. Gestern Abend spielte Sam Rotman Stücke von Beethoven und Rachmaninow.



Wir waren früh dran - gestern Abend beim Gesprächsforum Leben + Glauben. Meine Frau kam von zu Hause und ich aus der Reha-Klinik in Teltow. Unser Timing war nahezu perfekt. An Tisch 8 sollten wir diesmal sitzen. Die liebevoll per Hand geschriebenen Namenskarten standen bereits an den Plätzen. Vier alte Bekannte aus der Lukas-Gemeinde sollten uns beim Hören und Essen Gesellschaft leisten.

Kleiner Mann - große Energie

Weitere Bekannte erschienen, so dass der Abend ohne große Aufwärm-Phase seinen Lauf nahm. Hallo, kräftiger Händedruck, Umarmung, kurze News und dann war es auch schon 18 Uhr. Der kleine Sam Rotman setzte sich an den polierten Flügel und schmetterte Beethoven in die Tasten. Alles auswendig!

Dazu gab er mit seiner sagenhaften Radio-Stimme Erklärungen ab. Er erläuterte auch die weiteren Stücke von Rachmaninow und wurde dabei von Joe Hartung übersetzt. Der Pianist, der wohl zu den 25 der Besten seiner Instrumenten-Klasse zählt, sprach Englisch. Dennoch kannte er einige Wörter wie "Schade", "Ja" und "Danke".

Nach jedem Stück hauchte er ein "Ja!" in den Raum, schwang seine Hände wie ein Schwan im Fluge zur Seite, stand auf und verbeugte sich. Applaus. Dann die Erklärung des nächsten Stückes und einige Worte zum Komponisten.

Jesus versus Konzertflügel

Im letzten Viertel seines Konzertes erzählte er von sich selbst. Der 1950 geborene Rotman berichtete von seinen Eltern, seiner Geburt und Schulzeit in Nordamerika und seiner Begegnung mit Jesus. Jesus sei ihm wichtiger als die Musik. Immerhin war es Jesus gelungen, sein Innerstes zu verändern. Sam habe viele Masken getragen, sei sehr religiös und korrekt gewesen - rein äußerlich - und habe innen sehr viel Müll mit sich herumgetragen. Jesus habe das verändert. Die Begeisterung für die Beziehung zu Jesus sprudelte nur so aus ihm heraus.

Diätplan

Gegen 19:30 Uhr wurde das Buffet eröffnet. Ich hatte meinen Diätplan im Kopf und hielt mich an die unzähligen Varianten Fisch, Salate ohne Dressing sowie Ballaststoffe und ungesättigte Fettsäuren. Das ging erstaunlich gut. Die Gäste neben mir verspeisten Fleisch, Pilze, Brownies und andere leckere Dinge. Mal ganz abgesehen vom trockenen Rotwein an den Nachbartischen. Wir hatten stilles Wasser bestellt.

Termine und anderes

Am Tisch tauschten wir uns über die gemeinsame Vergangenheit und neueste Entwicklungen aus. Nach dem Essen wurden Fragen an Sam Rotman verlesen, die er sehr offen beantwortete. Es folgten Terminhinweise für Paar-Abende, Männertreffen und Gott begegnen am Meer mit Maike Behn und Joe Hartung.

Da meine Frau mit dem ÖPNV unterwegs war, mussten wir uns sehr bald von den Gesprächspartnern losreißen. Auf dem Weg durch die Lobby traf ich Bekannte aus Eben Ezer und bot ihnen eine Mitfahrgelegenheit nach Lichterfelde an. Während meine Frau auf den Bus wartete, hetzte ich mit meinen Fahrgästen durch die Nebenstraßen von Steglitz. Dass ich zu schnell war, merkte ich an ihrer Atemlosigkeit. Das Ausdauertraining in der Kardio-Klinik trägt Früchte.

Sonntag, 1. Oktober 2017

Nehemia Potsdam

Die Nehemia-Gemeinde in Potsdam ist über die Grenzen der Landeshauptstadt hinweg bekannt. Dabei werden immer zwei Attribute genannt: Royal Rangers und charismatisch. Heute wollte ich den Gottesdienst bei Nehemia besuchen.



Und wieder regnete es in Brandenburg. Wieder auf der Fahrt zu einem Gottesdienst in Potsdam. Sehr seltsam. Mein Ergotherapeut bestätigte letzte Woche, dass auch bei tagelangem Regen immer zu Sport und Bewegung im Freien die Sonne herauskomme.

Die Pappelallee liegt hinter der Alexandrowka. Den Weg war ich schon mehrfach gefahren, zumal auch Verwandtschaft in dieser Straße wohnt. Auf der linken Seite erblickte ich ein Areal mit Hinweisen auf die Nehemia-Gemeinde. Ich stellte das Auto in einer Nebenstraße ab und lief zum Haupttor. Es regnete immer noch.

Stadtmauer gegenüber des eigenen Hauses

Nehemia war der, der die Stadtmauer von Jerusalem wieder aufgebaut hatte. Jeder Einwohner sollte gemäß Kapitel 3 die Mauer gegenüber seines Hauses aufbauen. Das war sehr effizient. Schließlich hatten die Leute ein gewisses Eigeninteresse an diesem Schutzwall.

Das große Gittertor war verschlossen. Das kleine Gittertor für die Fußgänger war mit einer Kette gesichert. Keine Anzeichen eines in wenigen Minuten beginnenden Gottesdienstes. Kein Mensch weit und breit. Ein verlassen wirkender Gewerbehof mit Gebäuden, Grünanlagen und Freiflächen, die wohl ihre besten Jahre hinter sich haben. Ich zückte das Handy und schaute noch einmal auf der optimierungsfähigen Webseite der Nehemia-Gemeinde nach: Ort korrekt, Zeit korrekt, Datum korrekt. Es regnete immer noch.

Gemälde an der Gitterpforte

Nach fünf Minuten ging ich zum Auto zurück. Ein seiner Halbwertzeit ausgesetztes Banner bewarb die Royal Rangers und die Nehemia-Gemeinde. Eine Frau mit Hund kam mir entgegen. Ich parkte aus und rollte noch einmal langsam am Areal vorbei. Im Augenwinkel huschte ein Person mit einem Kreuzigungs-Gemälde an mir vorbei. Im Rückspiegel sah ich sie die Straße überqueren. Bei der nächsten Möglichkeit wendete ich. Vielleicht stimmte ja nur die Zeit nicht: 10 Uhr.

Als ich das Pfadfinder-Eldorado erreichte, stand auch die Frau mit dem Bild ratlos vor der Gitterpforte. Sie sei jetzt drei Wochen nicht beim Gottesdienst gewesen und habe lediglich gehört, dass eine neue Location im Gespräch sei. Diese sei wohl in der City, also der City von Potsdam. Sie wisse aber auch nichts über die genaue Adresse. Sie bemühte das Smartphon und kam zum gleichen Ergebnis wie ich zuvor. Das beruhigte mich.

Was ist los mit Nehemia?

Das Bild habe sie extra für die Nehemia-Gemeinde gemalt, wo es an den Wänden immer so kahl ausgesehen habe. Zudem sei sie eine halbe Stunde durch den Regen unterwegs gewesen. Zu Fuß schon frustrierend. Sie fragte, ob ich sie in die City - also die von Potsdam - mitnehmen könne. OK, das lag auf meinem Rückweg nach Teltow. "Wollen wir zu einem anderen Gottesdienst fahren", fragte sie und ich scannte kurz einige Alternativen durch: erlebt-Potsdam, mittendrin-Potsdam, ICF. Für mich war keine Alternative dabei, da ich ja unbedingt rechtzeitig zur leichten Vollkost in der Klinik zurück sein wollte. So blieb nur die Mitnahme in die City.

Nehemia sei eine kleine Gemeinde mit offensichtlich integrativer Atmosphäre. Die Leute seien sehr freundlich, der Lobpreis sei zeitgemäß und werde vorwiegend durch den Pastor und einen Gitarristen gestaltet. Der Pastor sei Mitte dreißig. Das klang ganz gut und passte in die Struktur von erlebt und mittendrin. Über die Predigten erzählte meine Mitfahrerin nichts, aber dass die Gottesdienste immer von 10 bis 12 Uhr gehen.

Farbe und die passende Info

Da sie die Querstraßen zur City nicht so gut kannte, setzte ich sie an einer Straßenbahn-Haltestelle ab. Das Bild hatte unter dem Regen etwas gelitten, was ich an den weißen Farbrückständen auf dem Ledersitz erkennen konnte. Während die Künstlerin durch das nasse Potsdam stapfte, fuhr ich durch das herbstliche Teltow-Fläming zurück. Der Abdruck des Gemäldes ließ sich problemlos mit Papiertüchern und Desinfektionsmittel entfernen. Es war wohl keine Ölfarbe.

Beim erneuten Besuch der Webseite - diesmal per Laptop - entdeckte ich plötzlich im zweiten Slider der Startseite einen wichtigen Hinweis: "Ab 1. Oktober finden unsere Gottesdienste im Friedenssaal statt (Schopenhauer Straße 23, 14467 Potsdam) - herzlich willkommen!"