Sonntag, 22. Oktober 2017

Marienkirche am Alexanderplatz

Wenn Fotos der Kreuz-Reflexion auf dem Fernsehturm aufgenommen werden, dient die Marienkirche oft als willkommener Vordergrund - wegen der Bildtiefe. Heute besuchten wir einen Gottesdienst in der Marienkirche.



Der erste Todestag meines Schwiegervaters veranlasste uns heute zum Besuch der Marienkirche am Alexanderplatz. Anonymes Kirchenflair und Gottesdienste am heimischen Fernseher waren für ihn das gewünschte Maß christlicher Gemeinschaft gewesen. Seine Frau schaffte es heute jedenfalls, dass wir zu sechst vor Ort erschienen.

Ein großes Plus der Marienkirche ist es, dass sonntags um den Alex herum kostenlos geparkt werden kann. Die Sonne schien und ich bemerkte, dass ich mir die Kirche bisher noch nie so genau angeschaut hatte. Die Architektur ist schon etwas seltsam und wirkt - wie Berlin - heterogen.

Willkommen und Begleitheft

Wir passierten die Enge Pforte an der Westseite, vorbei an einem Bettler und einem Schild, auf dem vor betrügerischen Bettlern gewarnt wurde. Dann drückte uns ein freundlicher Herr ein Heftchen in die Hand.

Die Begleitung meiner Schwiegermutter hat den Vorteil, dass wir endlich mal wieder ganz vorne sitzen dürfen. Die Familie fühlt sich normalerweise unsicher wegen des Aufstehens und Hinsetzens. Das kann man aus den hinteren Reihen besser nachahmen. Vorne wird man selbst zum Trendsetter.

Hier war das aber kein Problem. Im 20-seitigen Begleitheft aus Ökopapier stand alles sehr genau beschrieben. Jeden liturgische Gesang mit Noten und Text, Aufstehen, Hinsetzen, jedes Mitmach-Gebet, das Glaubensbekenntnis und den Predigttext konnten wir chronologisch verfolgen. Ich war beeindruckt.

Evangelische Kirchengemeinde St. Petri - St. Marien

Anhand der Kerzen vor dem Altarbereich, der Marienstatuen, der weißen Kleider der Akteure und des mehrfach erwähnten "St. Petri - St. Marien" war ich mir wegen der konfessionellen Einordnung der Kirche unsicher. Auf Seite 20 fand ich dann endlich den auflösenden Hinweis: "Evangelische Kirchengemeinde St. Petri - St. Marien".

Die Marienkirche hatte ich als dunkles Gemäuer in Erinnerung. Das lag wohl daran, dass ich sie bisher immer nur abends besucht hatte. Heute Morgen wurde das helle Innere von Licht durchflutet. Das betraf insbesondere den Altarbereich auf der Ostseite. Ich bewunderte die bis ins Detail modellierten Skulpturen und fragte mich, wie die Künstler damals nur so gut die Bewegung von Kleidung und Haaren ohne Windkanal nachbauen konnten.

Markus, Lukas und die Engel

Im Saal saßen wohl etwas über 80 Personen. Die Aktionen fanden zunächst vor dem Altar statt. Dort war auch ein grünes Rednerpult aufgestellt. Von diesem aus wurde der Predigttext rezitiert: Markus 1, 32-39. Das ist eine Passage, die mit Lukas 4 und 5 harmoniert und einen interessanten Umdenkungsprozess bei Petrus ausgelöst hatte.

Als wir im Begleitheft die Heftklammern erblickten, also Seite 10, begann die Predigt. Leider nicht vom grünen Pult aus. Die Vikarin stieg eine schmale Treppe empor, verschwand kurz und dann erblickten wir sie wieder - umrahmt von einer unzählbaren Schar kleiner Engel, die über und unter ihr in und um ein Wolkengebilde herum schwebten. Es waren so viele, dass ihre Bewegungsfreiheit teilweise etwas eingeschränkt erschien. Einer der Engel hangelte sich an der Öffnung mit der Vikarin herab.

Exemplarischer Tagesablauf von Jesus

Plötzlich bemerkte ich, dass die erste Reihe doch keine so gute Idee war. Wir mussten jetzt etwa 45° schräg nach oben in die Engelswolke schauen. Es war ein Gebot der Höflichkeit, die Rednerin anzusehen. Sie schilderte einen Tagesablauf, wie ich ihn kenne: Kaffee, Ruhe, Kaffee, Frühstück, Kaffee, Lesen - dann begann auch bei ihr der Alltag und endete mit Erschöpfung am Abend. Das war die passende Brücke für den Arbeitstag von Jesus, der sich dann alleine auf einen Berg zurückgezogen und gebetet hatte.

Die Predigt war recht kurz. Um der ungesunden Körperhaltung keinen Dauerzustand zu verleihen, widmete ich mich wieder der Inneneinrichtung und der immer intensiver werdenden Licht-Durchflutung. Bei den folgenden Ansagen erfuhren wir, dass die Vikarin heute geübt habe. Am nächsten Sonntag solle ihre Predigt bewertet werden.

Knack!

Der Gottesdienst ging noch über weitere sechs Seiten des Heftchens und enthielt auch das Abendmahl: Oblaten und Weißwein. Bei den Einsetzungsworten brach Pfarrer Gregor Hohberg eine große Oblate. Der Bruch schallte durch das Schiff - immer wieder ein besonderer Moment. Es folgten Abschlusslieder und der Segen. Dann wurde die Gemeinde bei Orgelmusik in den Sonntag entlassen.

Kaffee, Kekse und Thailänder

Meine Frau traf beim Rausgehen noch ihre Religionslehrerin aus Steglitz. Die christliche Welt kann ab und zu recht klein sein. Mehrere Besucher gingen auf die Vikarin zu und bedankten sich für die Predigt. Sie freute sich. Ein Mitarbeiter trug große Teller mit Keksen in den Eingangsbereich. Dort waren Tische mit Kaffee aufgebaut. Das Angebot wurde rege genutzt. Allerdings nicht von uns.

Wir wollten anlässlich des Todestages meines Schwiegervaters zu einem Thailänder in Prenzlberg fahren. Bei Ingwer-Tee mit Zitronengras unterhielten wir uns über den Gottesdienst. Fast alle konnten Passagen der Predigt wiedergeben. Allein die Akustik sei in der ersten Reihe nicht so optimal gewesen.

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