Sonntag, 13. August 2017

13. August und die Umwidmung eines historischen Datums

Der 13. August 1961 hat eine besondere Bedeutung in Deutschland. In der Kalkscheune wurde dieses historische Datum heute umgewidmet.



Am 13. August, einem Sonntag vor 56 Jahren, begann in unmittelbarer Nähe der Kalkscheune eine Großbaustelle. An das Stadtschloss, Downtown Potsdamer Platz oder das Band des Bundes war zu dieser Zeit noch nicht zu denken. Diese Bauwerke hätten wohl eher in einem Science Fiction ihren Platz gefunden, als Provokation eines subversiven Elementes, das durch die aggressivsten Kreise des Imperialismus unter der Vorherrschaft der USA und der BRD gesteuert wurde. 1961 tobte der kalte Krieg. Inzwischen sind die Kriege asymmetrisch und hybrid geworden, gelegentlich auch heiß.

Heiß und kalt

Das Wasser im Hof der Kalkscheune war relativ kalt. Der blaue INTEX-Pool war schnell gefüllt. Fassungsvermögen: 2.700 Liter. Kameras und Mikros mit Windschutz standen bereit. Ebenso begleitende Verwandte mit Handtüchern und Wechselsachen. Drei junge Leute wollten sich taufen lassen.

Vorher gab es eine intensive Predigt über Simson. Dieser biblische Held war äußerlich stark und innerlich völlig unreif. Tom Holladay ging auf 5 Punkte ein, die starke Personen ausmachen: Motivation zur Verwendung der Stärke, Teamfähigkeit, Steuerung eigener Gelüste, Vertrauen auf Gottes Geist und Nutzung der zweiten Chance.

Second Chance

Das S am Anfang von Saddleback wird auch als Merk-Buchstabe für Second Chance (zweite Chance) kommuniziert. Heute war die Second Chance für den 13. August.

Auch bei Trauma-Therapien ist es üblich, alte Sequenzen anzusehen. Dabei wird ehrlich in die Situation hineingefühlt und der Film dann neu programmiert. Das ist eine sehr wirkungsvolle Methode, alte Verletzungen auszuheilen oder sogar in die Vergessenheit zu schieben.

Beisetzung und Auferstehung

Die Taufe wird in der Bibel mit einem Begräbnis verglichen. Eine Beisetzung zusammen mit Jesus und eine Auferstehung zusammen mit Jesus. Dieses Symbol wurde vor dem Planschbecken noch einmal genau erklärt und dann unter Jubel und Medienpräsenz durchgeführt. Ich hielt ein langes Mikrofon, während meine Tochter zusammen mit einem GoPro Action-Camcorder ins Wasser getaucht wurde.

Der 13. August hat nun eine ganz neue Bedeutung für uns. Statt Bau einer Mauer, das Durchbrechen der Mauer zwischen Gott und Menschen.

Donnerstag, 10. August 2017

Münster und die Sache mit der Taufe

Dass Münster etwa die gleiche Einwohnerzahl wie Berlin-Marzahn hat, war einem Dialog der Kanzlerin mit Kulturstaatsministerin Grütters zu entnehmen. Münster lag in der Nähe unserer Urlaubsroute und bot Potenzial für weitere Entdeckungen.



Über den Sinn eines Kulturstaatsministers ließe sich an geeigneter Stelle philosophieren. Immerhin dient Berlin-Marzahn als Wahlkreis für Monika Grütters. Monika Grütters wurde 1962 in Münster geboren. Das ist die erste Brücke. Die zweite Brücke besteht in der Einwohnerzahl von knapp 260.000. Weitere Brücken wären die hervorragende Infrastruktur und das viele Grün. Das war es dann aber wohl schon.

Zwei Fahrräder

Münster gilt als Studentenstadt und die Stadt mit dem höchsten Fahrradaufkommen pro Kopf in Deutschland. Nämlich zwei. Das ergibt ein Gesamtaufkommen von einer halben Million Drahtesel. Eine Horrorvorstellung für den Autofahrer aus Berlin, der die rücksichtslose Militanz des gemeinen Radfahrers aus der Innenstadt kennt.

Münster
Münster - City ohne Autos
Deshalb erstaunte uns sehr, wie gesittet die Radler in Münster unterwegs waren. Die Autofahrer wurden ersatzweise mit sinnfreien Regeln gegängelt. Parkplätze für Anwohner oder per Prepaid-Ticket mit einer maximalen Parkdauer von ein oder zwei Stunden. In die Tiefgaragen konnten wir mit dem gemieteten VW Caddy nicht einfahren. Die Decken waren zu niedrig. Deshalb stellten wir den 7-Sitzer auf einem Platz mit zwei Stunden Maximalzeit ab und liefen Richtung Altstadt.

In der autofreien City steuerten wir die Kirche St. Lamberti an. In einer dekorativen Anordnung hingen drei große Metallkäfige oberhalb der Turmuhr: Zeugnisse der Reformationszeit.

Reformation und Baptismus

Mit Luther erschienen auch die Wiedertäufer auf der Bildfläche. Das waren Theologen, die die Passagen über die Taufe und deren Bedeutung als bewusste Entscheidung für Tod und Leben mit Jesus im Römerbrief und weiteren Stellen des Neuen Testamentes praktisch umsetzen wollten. Wiedertäufer deshalb, weil fast alle ihre Zeitgenossen als Kind getauft worden waren. Eben nach den gesellschaftlichen Gepflogenheiten und nicht aus freier eigener Entscheidung.

Das Dogma der Baptisten gruppiert sich ebenfalls um eine Taufe als mündiger Christ. Ich hatte erlebt, dass Abendmahl, Mitgliedschaft oder Singen im Chor nur nach erfolgter Glaubenstaufe gestattet war. Bei den Methodisten, dem Mülheimer Verband oder anderen Denominationen sieht man das etwas lockerer: Kindestaufe wird praktiziert und anerkannt, auf Wunsch noch einmal getauft oder nach der bewussten Entscheidung erstmalig getauft.

Ein Historiker wurde im Radio gefragt, ob es für ihn nicht interessant wäre, Luther und andere Reformatoren im Bekanntenkreis zu haben. Ohne Denkpause verneinte er das und bemerkte, dass wohl keiner von uns längere Zeit mit diesen Personen der Zeitgeschichte auskommen würde. Es waren Extremisten in religiöser Hinsicht, die durch ihre extremen Ansichten und Handlungsweisen Vieles bewegt hatten.

Münster
Münster - St. Lamberti und die drei Käfige
Auch die drei Käfige zeugen von Extremismus während der Reformationszeit. Im Frühjahr 1534 hatten die Wiedertäufer unter Bernhard Krechting, Bernd Knipperdolling und Johann Bockelson - auch als Jan van Leiden bekannt - die Herrschaft in Münster übernommen. Zur Durchsetzung der neuen Erkenntnisse wurden auch Todesurteile gefällt und andere seltsame Dinge praktiziert. Knipperdolling fungierte dabei zunächst als Bürgermeister und dann als Scharfrichter.

Käfige

Münster schien damals gut befestigt gewesen zu sein. Die katholischen Gegner unter Bischof Franz von Waldeck mussten die Geburtsstadt der Kulturstaatsministerin ganze 16 Monate lang belagern und eroberten sie am 25. Juni 1535 zurück. Es wurde eine Kostenrechnung aufgemacht und Scharfrichter Knipperdolling machte den Vorschlag, die führenden Täufer in Käfigen zur Schau zu stellen. Dafür sollte Eintritt verlangt werden. Knipperdolling hatte wohl nicht damit gerechnet, das die Käfige tatsächlich für ihn und seine Mitstreiter gebaut werden.

Am 6. Januar 1536 wurden Knipperdolling, Krechting und Bockelson von einem Inquisitionsgericht in Wolbeck zum Tode verurteilt. Die Details der Hinrichtung ersparen wir uns an dieser Stelle. Erwähnt sei jedoch, dass die sterblichen Überreste - hier in ihrer ursächlichen Wortbedeutung - in die Käfige gepackt und am Kirchturm zur Schau gestellt wurden. Noch 50 Jahre später sollen Überreste zu sehen gewesen sein. Das war wohl Abschreckung genug für die Bevölkerung und mögliche Reformatoren.

St. Lamberti

Die Kirche St. Lamberti ist ansonsten ein normales großes Kirchengebäude mit einer angenehmen Atmosphäre im Inneren. Kein Hauch der blutigen Vergangenheit. Hier ein großer Leuchter, dort ein gemalter Kreuzweg und im Deckengewölbe das Lamm Gottes.

Heute gibt es eine Baptistengemeinde, Mennoniten (Brüdergemeinde), ein Christus Zentrum eine FEG und weitere evangelische Gemeinden in Münster. Diese sind weitläufig um den Domplatz mit den drei Körben angeordnet. Man kann dort sicher auch besser parken. Unsere Kulturstaatsministerin ist übrigens katholisch.

Sonntag, 6. August 2017

Stadtkirche Offenburg

Offenburg liegt ganz in der Nähe von Straßburg, also an der Grenze zum Elsass. Da wir zu wenig Französisch verstehen, fuhren wir kurzentschlossen über den Rhein und besuchten einen evangelischen Gottesdienst in der Stadtkirche Offenburg.



Eine knappe halbe Stunde brauchten wir von Straßburg bis ins Zentrum von Offenburg. Das Navi kannte den Weg. Direkt vor der Tür der Stadtkirche wurde ein Parkplatz frei. Zwei Kinder, zwei Omas, meine Frau und ich verließen das gemietete Mehrzweckfahrzeug. Die Sonne schien.

Gastfreundschaft

Während wir noch die hohe Außenfassade und die Inschriften studierten, kam ein sportlicher Best Ager und begrüßte uns freundlich. Zusammen mit ihm betraten wir die Kirche und bekamen sofort zwei Gesangsbücher in die Hand gedrückt. Ein weiterer Mitarbeiter gesellte sich dazu und fragte, ob jemand von uns bei der Fürbitte mitmachen wolle. Ich bemerkte kurz, dass wir nur zu Besuch seien. Das sei egal, wir könnten es uns noch überlegen.

Suchmaschinen-Optimierung

Wegen der Hörgeräte meiner Schwiegermutter wurde eine der vorderen Reihen angesteuert. Der Saal füllte sich mit etwa 60 Erwachsenen. Der Best Ager hatte sich einen Talar übergeworfen: Pfarrer Kühlewein-Roloff. Bei der Suche nach einem Gottesdienst in der Nähe unseres Urlaubsortes hatte meine Frau anhand der guten Internet-Bewertungen und der Facebook-Präsenz die Entscheidung zum Besuch der Stadtkirche Offenburg getroffen. Auch der Name Kühlewein-Roloff fiel mehrfach und wurde von unseren Gastgebern als empfehlenswert bestätigt.

Zwei Gesangsbücher und drei Lesezeichen

Drei Bänder waren am dicken Gesangsbuch angebracht. Diese wurden mit den ersten drei Zahlen an den Wandtafeln harmonisiert. Nach jedem Lied oder Psalm wanderten die Bänder weiter im Buch, so dass wir gut vorbereitet durch die Liturgie kamen. Das letzte Lied wurde aus dem dünnen Jugend-Liederbuch gesungen. Geschätzter Altersdurchschnitt: 55 Plus. Allerdings passte das nicht so recht zur frischen und sehr gepflegten Optik der Kirche. Ein Großteil der Mitglieder muss wohl auf Reisen gewesen sein.

Rück-Formung durch Herz-OP

Der agile Pfarrer setzte die Zuhörer kurz in Kenntnis, dass er heute vom Predigttext aus dem Losungsbuch abweichen werde und sprach dann über die Jahreslosung. Zur Mitte des Jahres könne man das ruhig einmal machen. Die Jahreslosung aus Hesekiel 36 Vers 26 besagt, dass Gott uns ein neues Herz und einen neuen Geist schenkt. Zunächst zerlegte der Referent das inflationär genutzte Wort Reformation und machte daraus eine Rück-Formung. Über diese Rück-Formung des Menschen in einen Zustand, wie ihn sich Gott vorgestellt hatte, baute er das Sprungbrett zur Herz-Transplantation. Mir war bisher gar nicht bekannt, dass Menschen mit einem physisch neuen Herzen plötzlich anders ticken können.

Café und Alleinstellungsmerkmale

Nach dem Gottesdienst begaben wir uns in das Café. Dieses ist auf der Westseite an das Kirchenschiff angebaut. Dort unterhielten sich die Omas mit einigen Senioren. Das Café sei sehr beliebt bei Mitgliedern und Gästen. Die Stadtkirche Offenburg hat zudem ein beneidenswertes Alleinstellungsmerkmal: Potenzial an Kindermitarbeitern aber zu wenige Kinder. Der Normalfall ist ja umgekehrt.

Bemerkenswert ist auch die Eingangstür zur Kirche. Dort ist das Glaubensbekenntnis in Form einer Topic Cloud eingeprägt. Freundlich, hell und integrativ sind Attribute, die mir nach dem Besuch der Stadtkirche Offenburg im Gedächtnis haften. Wer in der Nähe ist, sollte dort einmal vorbeischauen.

Samstag, 5. August 2017

Oberlin: Pastor handelt mit seinen Begabungen

Unseren Gastgebern zufolge wurde im Elsass so Einiges erfunden. Ihr Patriotismus stilisierte die Region schon fast zur Wiege der Menschheit. Auch Jean Frédéric Oberlin lebte im Elsass. Wir besuchten sein Museum in Waldersbach.



Es hatte sich eingeregnet. Deshalb setzte ich die beiden Omas, die patriotische Reiseleitung und den Rest der Familie direkt vor dem Eingang des Gehöftes ab. 50 Meter weiter wurde ein Parkplatz frei. Meine Mutter hatte bereits mehrere Vorträge über Oberlin gehalten. Die Senioren waren wohl darüber beeindruckt und hatten ihr eine Rose geschenkt.

Johann Friedrich Oberlin Museum
Johann Friedrich Oberlin Museum - Bild aus der Schublade
Aber wer war Oberlin?

Dem Namen nach gehört er eigentlich nach Preußen. Oberlin als französische Schreibweise von "Oh, Berlin" oder Abkürzung für Ost-Berlin wären glaubhafte Namensbezüge. Jean Frédéric Oberlin wurde am 31. August 1740 in Straßburg geboren und starb nach einem erfüllten Leben mit knapp 86 Jahren in Waldersbach. Jean Frédéric heißt auf Deutsch Johann Friedrich.

Im Elsass gibt es einen fließenden Übergang zwischen Deutsch und Französisch, was nicht ganz leicht für die Identitätsfindung ist. Deshalb fühlen sich Elsässer in einem Sonderstatus hinein, vergleichbar mit der Volksgruppe der Spandauer am Stadtrand von Berlin.

Johann Friedrich Oberlin Museum
Johann Friedrich Oberlin Museum - Entwicklung des Beamers
Wirtschaft und Bildung

Bereits auf dem Weg hatte uns die begleitende Elsässerin mehrere Wirkungsbereiche von Oberlin gezeigt. Er habe dafür gesorgt, dass sich rentable Industriezweige in der ärmlichen Gegend ansiedeln. Er konnte erwirken, dass Brücken gebaut werden, damit die Kinder ohne Schwimmabzeichen nicht mehr in den Flüssen ertrinken.

Generell hatte er einen großen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung und die Bildung in seiner Region. Unterstützt wurde er von Mitarbeiterinnen, die zu Fuß durch die umliegenden Ortschaften zogen und Wissen sowie Hilfe zur Selbsthilfe vermittelten.

Die ausgetretenen Stufen des Schulhauses von Waldersbach dokumentieren die hohe Frequenz an Schülern, die von Oberlin unterrichtet wurden. Sein privates Haus zwischen Kirche und Schule baute er erst, nachdem die Schule fertig war. Das nennt man Altruismus oder Philanthropie. Er war nicht nur an vielen Dingen interessiert. Er hatte auch die Gabe, andere Menschen mit diesem Interesse anzustecken und breites Wissen an seine Zeitgenossen zu vermitteln. Dadurch kamen gerade Kinder aus sozial schwachen Schichten in Genuss von Bildung, die ihnen und den folgenden Generationen einen gesicherteren Lebensunterhalt ermöglichte.

Oberlin hat Teile der deutschen Pädagogik geprägt. Auf ihn werden die frühkindlichen Lehreinheiten durch spielerisches Erfassen von Wissen zurückgeführt.

Johann Friedrich Oberlin Museum
Johann Friedrich Oberlin Museum - Tuschkasten
Pastor kauft seine Lebenszeit aus

Bei so viel Effizienz dachte ich an das Berufsbild eines Unternehmers, Wissenschaftlers oder Politikers. Aber nein, Oberlin war Pastor! Im Museum ist oft vom Pastor die Rede und gemeint war Oberlin. Der Pastor kam, sah und siegte.

Sein Lebenswerk erscheint im Rückblick vollmundig und komplett. Ein Mann, der seine Lebenszeit zum Bau des Reiches Gottes und zur Entwicklung seiner Gesellschaft genutzt hatte. Keine Minute schien er vergeudet zu haben. Er bewegte sich offensichtlich genau in den Bahnen, die Gott ihm vorgezeichnet hatte. Welch ein Vorbild, wenn ich es mit meinen Lebensabschnitten vergleiche.

Nachdem wir einige Dinge im Museumsladen gekauft hatten, schauten wir uns die benachbarte Kirche an. Alles sah so aus, als würde Oberlin gleich erscheinen und eine Predigt über Psalm 41 halten. Dieser Text war bei der Altarbibel aufgeschlagen.

Sein Grab besuchten wir im Nachbarort und fuhren dann über die oben erwähnte Bettlerbrücke weiter zum nächsten Touristenpunkt. Diesmal römische Geschichte. Die Zeugnisse des Garten Edens waren durch die Sintflut weggespült worden. Sonst wäre uns das von den Gastgebern wohl auch noch als Geschichte des Elsass verkauft worden.

Samstag, 29. Juli 2017

Advent in Marzahn - jeden Samstag ab 9:30 Uhr

Eine Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten hatte ich wohl bisher noch nie besucht. Eine dieser Gemeinden trifft sich jeden Samstag zum Gottesdienst in der Kirche Marzahn/Nord.



Wenn sich Gemeinden die Räume teilen, kann es gelegentlich zur Überschneidung von Interessen kommen. Sehr praktisch, wenn eine Adventgemeinde als Untermieter fungiert. Adventisten praktizieren ihren Glauben antizyklisch:

Ankunft

Advent ist für sie kein Zeitraum am Jahresende. Advent ist vom lateinischen Wort für Ankunft abgeleitet und steht für die Erwartung der baldigen Ankunft von Jesus. Da es sich bei Jesus eher um eine Wiederkehr oder Rückkehr handelt, hätten auch Namen wie Revent- oder Reditus-Gemeinde gepasst. Den Advent kennt aber in unseren Regionen jeder. Das gibt einen guten Anknüpfungspunkt für Gespräche.

Sabbat

Das zweite markante Alleinstellungsmerkmal ist die Heiligung des 7. Tages, des biblischen Ruhetages, des Sabbats. Deshalb treffen sich Adventgemeinden am Samstag zum Gottesdienst und haben diese Wocheneinteilung sogar in ihren Namen aufgenommen: Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten.

Bibelgespräch und Predigt

Gottesdienste der Adventgemeinde Berlin-Marzahn beginnen am Samstag um 9:30 Uhr. Die folgenden zwei Stunden beinhalten zwei wesentliche Teile: Bibelgespräch und Predigt. Das sei weltweit so üblich und habe sich bewährt. Die beiden Teile könnten auch in der Reihenfolge gedreht werden, gehörten jedoch elementar zur Sabbat-Feier.

Umrahmt wurden das Bibelgespräch und die Predigt heute durch acht Lieder, die gemeinsam gesungen wurden. Davon kannte ich 25%. Ansonsten hängte ich mich an den Gesang der Gemeinde. Nur bei einem Lied wurden Strophen ausgelassen.

Auch die bekannten Elemente Kollekte, Schriftlesung und Ansagen gab es. Sehr erfreut war ich über die Aufforderung, am Mikrofon über aktuelle Erlebnisse mit Gott zu berichten. Die persönliche Beziehung zu Jesus spielt hier eine wichtige Rolle. Jeder hatte seine Bibel dabei. Auch ein Alleinstellungsmerkmal. Dass das so sein könnte, war mir beim Frühstück eingefallen, so dass auch wir zwei Besucher aus der Nachbarschaft eine Elberfelder und eine Schlachter dabei hatten.

Bibel, Gesetz und Galaterbrief

Ohne die Bibeln wären wir beim Bibelgespräch sehr aufgefallen. Die etwa dreißig Gottesdienstbesucher im Altersdurchschnitt von Mitte fünfzig wurden in zwei Gruppen geteilt und in zwei Räume geleitet. Es ging um Galater 3. Die Gemeinde hatte sich über die Woche schon auf Soli Fide (nur aus Vertrauen) nach dem Vorbild Abrahams vorbereiten können.

Der Brief an die Galater ist insofern eine pikante Lektüre, da die Befolgung der Gesetze des Alten Testamentes wichtiges Merkmal adventistischer Frömmigkeit ist. Den Sabbat am Samstag als Ruhetag einhalten, keinen Alkohol trinken, nicht rauchen, keinen Schmuck tragen, kein Schweinefleisch essen waren einige der Regeln, die während der geleiteten Diskussion genannt wurden.

Einige der Teilnehmer setzten sich sehr ehrlich mit ihren Grenzen bei der Einhaltung der Gesetze auseinander und wiesen auf die Freiheit hin, die wir in und durch Jesus haben. Zu viel Frömmigkeit deute auf eine Leiche im Keller hin.

Wachstum im Süden

Weltweit werde über die Woche dasselbe Thema behandelt. So sind alle 19 Mio. Adventisten über den Sommer mit dem Galaterbrief beschäftigt. Jährlich kommen über eine Million Adventisten dazu. Das stärkste Wachstum ist in Afrika und in Südamerika zu verzeichnen. Europa rangiert im Promille-Bereich. In Deutschland gibt es knapp 100 Adventgemeinden, die regional teilweise in Körperschaften des öffentlichen Rechts zusammengefasst sind. Das hat Auswirkungen auf die organisatorische Bewegungsfreiheit und die Steuerzahlung. Apropos Steuern: 2014 hatten die Adventisten weltweit etwa 3,4 Mrd. USD erwirtschaftet, was einer Steigerungsrate von knapp 4% zum Vorjahr entspricht.

Advent nach Lukas 15

Die Predigt war in die zweite Stunde des Gottesdienstes eingebettet. Es ging um den verlorenen Sohn aus Lukas 15, 11-24. Der Referent habe schon einmal darüber gepredigt und nun weitere interessante Aspekte gefunden. Sein Fokus lag auf dem Auslandsaufenthalt des Sohnes, seiner möglichen Motivation der Freiheitsliebe und den Freunden, die mehr seine Ressourcen als ihn selbst liebten. In Vers 20 lesen wir: "und aufstehend kommt er zu seinem Vater ..." auf Latein "et surgens venit ad patrem suum". Da war es wieder, das Wort venire, das auch im Advent steckt.

Nach dem Gottesdienst wurden wir von vielen Leuten angesprochen und unterhielten uns noch über eine halbe Stunde mit ihnen. Kaffee oder Snacks gab es nicht. Das war uns egal, schließlich waren wir ja wegen des Sabbat-Gottesdienstes hier.

Samstag, 22. Juli 2017

Die Umarmung des Prinzen

Serienfotos offenbaren Details, die dem bloßen Auge entgehen. Sie fangen Mikrogesten ein oder dokumentieren Details auf Nebenschauplätzen. So auch beim Besuch von Prinz William im Kinderhaus Bolle.



Menschentrauben umgaben das Prinzenpaar aus England. Von den 15 Minuten im Garten des Kinderhauses Bolle am letzten Mittwoch waren William und Kate nur etwa drei Minuten so gut sichtbar, dass die Fotografen ihrer Arbeit nachgehen konnten. Dabei lag der Hauptfokus auf der Herzogin von Cambridge. Ihr Gatte William stand mehrfach frei, ohne dass die Fotografen Notiz davon nahmen.

Gestelltes Gruppenbild und Serienfotos

Die letzten drei Minuten wurden zur Sortierung des Gruppenfotos verwendet. Es müssen um die hundert Kinder, Jugendliche und Erwachsene gewesen sein. Auch Botschafter Sebastian Wood und Bürgermeister Müller waren dabei. Dann löste sich die Formation auf und die adligen Herrschaften strebten dem Ausgang entgegen.

Ich hielt mit der Kamera drauf, zoomte heran und Klack, Klack, Klack, Klack ... die Serienfotos wurden eingesammelt. Hauptsache, die Protagonisten waren mittig und scharf vor der Linse. Knapp 70 Bilder wurden an diesem Nachmittag geschossen. Einige wurden gleich vor Ort aussortiert und die anderen später am Bildschirm gesichtet.

Die Auswertung

Zunächst konzentrierte ich mich auf die Bewegungsabfolge der markanten Kate mit ihrem blauen Kleid. Ein Kind hielt ihr eine Karte mit der "Abend Show" des rbb entgegen. Sie bemerkte das Kind, überflog die Karte, lächelte und drehte sich dann zu ihrem Mann. Die beiden Bodyguards hinter ihr bildeten mit ihren Körpern dezent eine Kapsel um sie und drängten charmant das Kind mit der rbb-Karte ab. Sehr professionell, wie man es auch von den Bodyguards unserer Spitzenpolitiker kennt.

Die Umarmung des Prinzen Lukas 15, 11-32
Die Umarmung des Prinzen - spontan und frei nach Lukas 15, 11-32


Parallel-Handlung

Der - wie so oft - unscheinbare William stand frontal zur Kamera. Ein kleiner blonder Junge kam auf ihn zu. Er war vielleicht einen Meter groß. Kaum hatte er den Prinzen erreicht, umklammerte er ihn und verharrte in dieser Position. Der Prinz legte seine Hände auf den Rücken des Jungen und der Junge ruhte faktisch in dieser Umarmung. Die Konstellation erinnerte an "Die Rückkehr des verlorenen Sohnes" von Rembrandt.

Während Kate noch mit der "Abend Show" beschäftigt war, beugte sich der Prinz weiter herunter und ließ seine Hände auf dem Rücken des Jungen ruhen. Beide verharrten darin. Mehrere Sekunden lang. Das letzte Serienfoto zeigt Kate, die Bodyguards und die umstehenden Kinder, wie sie diese Szenerie anschauen. Alles fokussiert sich auf William und den kleinen Jungen. Dann Rücken vor dem Motiv, Hektik, Ausgang, Abfahrt und der nächste Termin.

Die Umarmung des Prinzen

Was diese Umarmung in dem Kind ausgelöst haben mag? Das erste Mal Geborgenheit? Das erste Mal Anerkennung durch einen Erwachsenen? Das erste Mal bemerkt? Die erste Begegnung mit einem echten Prinzen?

So fühlt es sich wohl an, wenn ein Mensch zu Jesus kommt. In Lukas 15 kommt ein Sohn zurück zu seinem Vater, nachdem er aus eigenem Antrieb alles verspielt und verloren hat. Sein Vater hatte lange auf ihn gewartet, er freut sich über die Rückkehr und nimmt ihn wieder in Liebe auf.

In Vers 20 lesen wir, was der Vater des zurückgekehrten Sohnes tat: "... und er rannte zu ihm, fiel ihm um den Hals und küsste ihn."

Mittwoch, 19. Juli 2017

William und Kate besuchen das Kinderhaus Bolle in Marzahn

Während das Image von Marzahn zurzeit durch die Presse demontiert wird, war es heute Anlaufpunkt für die Sympathieträger der Monarchie: William und Kate. Sie besuchten das Kinderhaus Bolle.



Als wir über den Film "Spuk unterm Riesenrad" redeten, warfen unsere Freunde ein: "Wir hatten letztens mal wieder ein Video über Marzahn kurz nach der Wende gesehen". Überall brauner, roter, grauer Waschbeton, schlammige Straßen und Grün im Anfangsstadium.

Wandel und dessen Akzeptanz

Mit dem Wechsel ins neue Jahrtausend war ein deutlicher Wandel der Atmosphäre in Marzahn zu spüren. Die Häuser wurden bunter, die Freiflächen grüner, die Bäume höher, die Menschen entspannter. Es kamen verschiedene Missionsteams nach Marzahn, bei denen sich insbesondere die Frauen schwer taten mit dieser Wohngegend. Der familiäre Kompromiss war dann das Haus am Stadtrand oder die Wohnung in einer Neubau-Enklave hinter der mentalen Grenze zur Plattenbau-Siedlung, dem Blumberger Damm südlich der Landsberger Allee.

Die allseits beliebten Gärten der Welt liegen ebenfalls in diesem Planquadrat. Dort findet zurzeit die IGA 2017 statt. Dass die Besucherzahlen von einer Million bis zur Halbzeit nicht erreich wurden, liefert Futter für die tendenziöse Berichterstattung. Brauchst du einen Bericht über soziale Problemfälle? Geh nach Marzahn/Hellersdorf!

Dass selbst Stadtteile wie die Bronx in New York eine positive Wandlung erfahren können, durfte ich im letzten Jahr erleben. Etwa zehn Jahre hatte es gedauert, das Klima dort zu verändern. Viel Gebet, die Entstehung neuer Gemeinden und das damit verbundene Umdenken der bislang trostlosen Menschen.

William Kate Kinderhaus Bolle Marzahn
Kinder beim Fußball im Kinderhaus Bolle in Marzahn
Hidden Champion

Marzahn verfügt über eine sagenhafte Infrastruktur, hat eine gute Autobahnanbindung, ausgedehnte Grünflächen und bemerkenswerte Einfamilienhaus-Siedlungen. Viele Autos vor unserem Hochhaus sind schwarz und liegen im Neupreissegment oberhalb der 50.000 Euro. Im Umkreis von 800 Metern stehen hier fünf neue BMW 7er, S-Klassen und große Audis. Was die Presse nicht wahrhaben will, wissen Autodiebe schon lange.

Gefälle

Dennoch gibt es in Marzahn/Hellersdorf ein starkes Nord-Süd- und Ost-West-Gefälle. Anna aus Biesdorf distanziert sich von Chantal aus Marzahn/Nord oder von Igor aus Ahrensfelde. Wobei das sich anschließende Dorf Ahrensfelde wieder gut situiert ist. Ein Marzahner will auf gar keinen Fall als Hellersdorfer gelten. Solche Dinge kennt man auch aus dem Konflikt zwischen Berlin und Spandau.

Die Arche in Hellersdorf und das Kinderhaus Bolle haben also ihre Berechtigung. Beide Häuser sind voll mit Kindern, deren Eltern lieber andere Dinge tun oder kein Geld für eine warme Mahlzeit haben. Bolle-Chef Eckhard Baumann ist eine gewisse Zeit bei der Arche mitgelaufen und versteht sich auf die Regeln des Fund Raisings. Die Arche und Bolle sind originär christliche Einrichtungen. Versuche, die Kinder und Jugendlichen in Gemeinden zu integrieren, waren jedoch selten von Erfolg gekrönt. Dennoch kennen sie die Basics von Gottes Liebe, Jesus, Vergebung und anderen geistlichen Tatsachen. Das lernen sie spielerisch an den Nachmittagen oder auf den gemeinsamen Freizeiten.

William Kate Kinderhaus Bolle Marzahn
William und Kate besuchen das Kinderhaus Bolle in Marzahn
Eckhard Baumann mit Krawatte und Bundesverdienstkreuz

Beim Besuch des Prinzenpaares trug Eckhard Baumann Anzug, Krawatte und die Bandschnalle des Bundesverdienstkreuzes. Diese Optik ist seine Zielgruppe nicht gewohnt. Dennoch wurde er voll akzeptiert, als er mit dem Megaphone das Fußballspiel beendete und zum Gruppenfoto mit William und Kate aufrief.

Die Besucher von der Insel inklusive Botschafter und Bürgermeister Müller waren etwa 40 Minuten vor Ort. Auf der Hohensaatener Straße waren sogar Lieferwagen wegen des Parkverbotes umgesetzt worden. So konnten die Eltern und Schaulustigen aus Marzahn der Ankunft um 15:20 Uhr beiwohnen. Ich hatte schon über eine Stunde im Garten hinter dem Haus ausgeharrt.

15:36 bis 15:51 Uhr im Garten

15:36 Uhr traten sie aus dem Haus. Jubel, Fähnchen und dann das Bad in der Masse. Die Fotografen neben mir ließen die Kameras sinken. Kate war nicht mehr zu sehen. Nur Rücken und Kate-Doubles mit blauen Kleidern. Die Traube bewegte sich zum Stand der Robert-Enke-Stiftung. Kate war verdeckt. Niemand bemerkte, dass William noch an der Treppe stehen geblieben war und mit zwei Leuten redete: Völlig frei zum Fotografieren. Dann verschwand auch er in der Menschentraube am Robert-Enke-Zelt. Diesmal verdeckt durch die Rücken der britischen Presse. "Tolle Aufnahmen!", wie der Pressefotograf zu sagen pflegt. William und Kate hatten jedenfalls keine Berührungsängste mit den Kindern aus Marzahn.

Dann bekam Kate einen Rosenstrauß überreicht, den sie lächelnd annahm und kurz darauf einer Bediensteten weiterreichte. Dann das oben erwähnte Gruppenfoto und kurz darauf der Abgang. Die Viertelstunde hinter dem Haus war somit in folgende Abschnitte gegliedert: Menschentraube an der Treppe 5 Minuten, Menschentraube unter dem Robert-Enke-Zelt 7 Minuten, Blumenstrauß mit Gruppenfoto und Abgang 3 Minuten. Alles exakt geplant, zumindest was die insgesamt 15 Minuten im Garten von Bolle betrifft.

Zurück in die City

William und Kate mussten wieder zurück in die City. Ab 16:35 Uhr stand ein Gesprächstermin mit dem Bundespräsidenten auf dem Programm. Da ich dazu auch angemeldet war, raste ich hinterher. Als ich ohne Blaulicht dort eintraf, kamen die Kollegen mit ihren Kameras bereits wieder heraus. Zu spät.

Sonntag, 16. Juli 2017

Zwei Degen und eine Zeitreise: Kirche Marzahn/Nord

Die Evangelische Kirchengemeinde Marzahn/Nord nutzt das letzte Kirchengebäude, das vor dem Ende der DDR eingeweiht wurde. Sehr spontan hatten wir uns für den Besuch des dortigen Gottesdienstes entschieden.



Meine Schwiegermutter hatte sich um 9:36 Uhr per WhatsApp zum Mitkommen angemeldet. Der Rest der Familie hatte andere Pläne. Zwei Freunde aus Marzahn kamen mit dem Fahrrad. Man musste sich bücken, wenn man den Seiteneingang zur Kirche nutzen wollte. Dieser war mit einem weißen Schlauch versehen, an dessen Anfang das heutige Datum stand. Eine Zeitreise ins Innere der Kirche.

Zugang durch den Tunnel

Da ich mich in der Kirche Marzahn/Nord nicht so gut auskannte, spähte ich in die verschiedenen Seitenräume des Ganges. Schließlich landete ich im Gemeindesaal. Die Wände waren mit Tüchern verhangen. Der Altarbereich wirkte königlich und antik mit silbernen und goldenen Tüchern sowie dunklen ehrwürdigen Vorhängen.

Meine Schwiegermutter hatte ich direkt vor der Tür abgesetzt und war dann noch mit der Parkplatzsuche beschäftigt gewesen. Offensichtlich hatte sie sich im Gang verlaufen und kam erst deutlich nach mir in den Saal. Um 10:30 Uhr begann der Gottesdienst mit einem alten Kirchenlied. Pastorin Dang gab eine kurze Einleitung und kündigte den bevorstehenden Einsatz von zwei Degen an: Monika und Rolf Dieter Degen.

Zwei Degen, 150 Psalmen und das Leben eines Königs

Monika platzierte sich unauffällig an der Technik während ihr Gatte uns auf eine Zeitreise mitnahm. Wir wurden etwa 3.000 Jahre zurück katapultiert. Der Hirtenjunge David saß am Tisch und schrieb Psalm 23. Er wolle sich erinnern und nichts vergessen von den großen Taten Gottes in seinem Leben. Rolf Dieter Degen rezitierte Ausschnitte aus vielen Psalmen und verband diese mit der Chronologie des Lebens von David. Scharfsinnig interpretierte er die Zusammenhänge der Geschehnisse im Leben des zweiten Königs von Israel.

Voll Spannung klebten die Zuhörer an seinen Lippen und den langsamen Bewegungen des Degens. Es waren um die siebzig Besucher erschienen. Das entsprach in etwa auch dem Durchschnittsalter.

Schilder, Bibeltexte, Bausubstanz

Nach einer Stunde, einem weiteren Lied, dem Vaterunser und dem Segen war der Gottesdienst zu Ende. Die Gemeinde wurde auf die Schleusinger Straße hinaus geführt, wo neue Tafeln mit Texten aus der Bibel aufgestellt waren. Auch die Künstlerin war dabei und wurde mit einem Blumenstrauß geehrt. Die Texte verbinden wichtige Aussagen aus dem Neuen und Alten Testament miteinander.

Das Gemeindehaus, der Garten und das Pfarrhaus machen einen sehr gepflegten Eindruck. Finanzielle Engpässe scheint es in Marzahn/Nord nicht zu geben. Im Garten staunten wir über die liebevoll angeordneten Tonfiguren und Tontafeln, die die 10 Gebote und biblische Geschichten darstellten. Ganz neu war die Bühne am Ende des Gartens - der Traum eines jeden Lobpreisleiters, der noch mit dem Fallstrick Selbstdarstellung kämpft.

Vor dieser Bühne gab es Eintopf mit Würstchen sowie Kaffee und Kuchen. Spontane Life-Musik mit Gitarre und Gesang untermalte das Essen und die Gespräche an den Tischen.

Gebückt durch die enge Pforte

Und dann war es endlich so weit: Die Akteure der Zeitreise hatten das Essen, die Gespräche, die Danksagungen und das Geschirr-Wegbringen erledigt und waren bereit zum Einsatz in der Historie.

Wieder liefen wir gebückt durch den Schlauch am Seiteneingang. Diesmal fiel mir auf, dass viele Personen der Geschichte mit Mitte fünfzig aus dem Diesseits geschieden waren. Sollte mir das zu denken geben? Mein Hausarzt hatte eine Reduzierung der Körperfülle empfohlen und dabei auf den Herzinfarkt mit Mitte vierzig verwiesen. Hatten alle diese berühmten Leute einen Herzinfarkt? Nein, einige waren wohl auch an der Pest gestorben.

Dann kamen wir zur ersten Station: Saul. Saul war nicht da. Scheinbar musste er noch Tassen in den Geschirrspüler räumen. Irgendwann erschien er. Er war ja schließlich der König. Freudig berichtete er über seine psychischen Probleme und die Beziehung zu David. Der Schrubber-Stiel in seiner Hand hatte am unteren Ende eine bedrohlich wirkende Spitze.

Paul Gerhard und zwei Unbekannte

Schnell gingen wir weiter - kurz über den Flur - 1.000 Jahre später in Jerusalem. Hier ging es um Petrus, der kurz vor der Verurteilung von Jesus plötzlich nicht mehr wusste, dass er mal mit Jesus durch die Gegend gezogen war. Es schloss sich eine Station mit dem weniger bekannten Johannes Agricola (1494 - 1566) an. Diesem folgte der bekannte Paul Gerhard (1607 - 1676) und der wiederum eher unbekannte Franz Theremin (1780 - 1846). Frau Dang konnte besonders viel über Franz Theremin, dessen Werk und Familie berichten.

Die Zeitreise sollte wohl eher am späten Abend durchgeführt werden. Beim Flackern der Kerzen entfalten die Kulissen bestimmt eine sehr realistische Wirkung.

Samstag, 15. Juli 2017

Colonia Dignidad beschäftigt auch den Bundestag

Seit über zwei Jahren analysieren wir die Mechanismen des geistlichen Missbrauchs. Dabei läuft uns immer wieder die Colonia Dignidad über den Weg. Inzwischen ist sie auch im Bundestag angekommen.



Bei der Recherche zur "Ehe für Alle" war ich ungeplant auf die 243. Sitzung des Bundestages am 29. Juni 2017 gestoßen. Ab 22:58 Uhr wurde über die zwei Anträge 18/11805 und 18/12943 abgestimmt. Dem gingen einige Reden voraus, die trotz der üblichen Differenzen zwischen Rot, Grün und Schwarz in sachlicher Harmonie vorgetragen wurden. Von den 623 Abgeordneten, die am nächsten Morgen über die Zukunft der Ehe abstimmten, waren nur etwa 3% im Saal.

Lagebild vor Ort

Eine Gruppe aus Parlamentariern der unterschiedlichen Fraktionen war zuvor nach Chile gereist. Ein Lagebild direkt am Ort des Geschehens zu ermitteln, ist oft sehr nützlich für Entscheider. Die Colonia Dignidad liegt knapp 380 Kilometer südlich der Hauptstadt. Laut Google-Maps ist sie in vier Auto-Stunden von Santiago de Chile aus zu erreichen.

Schon im vergangenen Jahr war der Aufarbeitungsprozess um die Sekte ins Rollen gekommen. Der gleichnamige Film hatte im April 2016 auch den damaligen Außenminister Steinmeier bewegt. In seiner Rede zum Film räumte er öffentlich das Versagen der deutschen Diplomatie ein. Außerdem verkürzte er die Sperrfrist der relevanten Akten auf 20 Jahre, so dass diese nun eingesehen werden können.

Antrag 18/12943

In der Einleitung zum Antrag 18/12943 ist unter anderem folgende Aussage zu lesen:
Dabei nutzte die Sekte für ihre Verbrechen die abgeschiedene Lage der CD, die Kooperation mit der chilenischen Militärdiktatur und die unkritische Beobachtung der an der Oberfläche vorbildlich erscheinenden deutschen Gemeinschaft.
Die Colonia Dignidad war weit weg vom Blickkontakt einer übergeordneten Instanz. Die Mitglieder hatten sich vorab von ihren baptistischen Strukturen gelöst. Dadurch war die Supervision und das Eingreifen durch den Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden massiv einschränkt.

Statt ein gesundes Korrektiv geistlicher Vorbilder zu nutzen, wurden Kooperationen mit offensichtlich destruktiven Partnern eingegangen. Ab diesem Moment hätten die Alarmglocken zumindest bei den Gut-Gläubigen angehen sollen. Ins System von Paul Schäfer passte das jedenfalls: Wolf im Schafspelz.

Apropos Schafspelz: Nach Außen wirkte die Sekte sauber und gepflegt. Die Colonia Dignidad konnte sich sogar altruistisch und sozial engagiert darstellen.

Es kann jeden treffen.

Colonia Dignidad ist ein gravierendes Beispiel.

Geistlicher Missbrauch kann aber nahezu jeden in jeder christlichen Gemeinschaft ereilen. Ob Baptisten, Mülheimer Verband, Brüderbewegung oder SELK, keine Gruppierung ist davor sicher. Die Mechanismen sind gleich und funktionieren sehr effektiv.

Vor den Augen der übergeordneten Instanz

Es kann sogar unmittelbar vor den Augen der übergeordneten Instanzen ablaufen, ohne dass es weiter untersucht wird. Es bedarf lediglich eines anerkannten Mittelsmannes, der seine Sicht der Dinge darlegt. Das Thema ist dann schnell durch. Dass eine Gemeinde hier und eine Gemeinde dort kaputt geht, fällt dann gar nicht auf. Und wenn es auffällt, findet sich eine geeignete Begründung, die nur selten überprüft wird.

Im Antrag 18/12943 lesen wir dazu:
Auch aufgrund der fehlenden Entschlossenheit und des Wegschauens deutscher Diplomaten in den 1960er, 70er und 80er Jahren bedurfte es des Mutes der diesem Martyrium entkommenen Opfer sowie des Einsatzes deutscher und chilenischer Menschenrechtsanwälte und -verteidiger, damit die Wahrheit ans Licht kommen und Paul Schäfer 2005 festgenommen werden konnte.

Durch oberflächliche oder gar keine Recherche machen sich bis heute Leiter und Verbandsfunktionäre schuldig.

Meine Schuld

Als Vereinsvorstand und Teil der Gemeindeleitung empfand ich es damals sehr bequem, die Begründungen der ordinierten Vertrauensperson anzunehmen, wenn sich mal wieder ein Gemeindemitglied verabschiedet hatte. War die Rechtfertigung mundgerecht und schlüssig aufbereitet, konnte schnell zur Tagesordnung übergegangen werden. Ja, ich ließ mich sogar dazu benutzen, die gelieferte Begründung an die Gemeinde zu übermitteln.

Durch Hinterfragung bestimmter Vorgänge kollidierte ich dann selbst mit dem System. Das erweiterte mein Blickfeld. Im Zuge des Ausstiegs kontaktierte ich sämtliche ehemalige Mitglieder und klärte das Geschehene im persönlichen Gespräch. Vierzig weniger Eins Abgänge wurden innerhalb von vier Jahren gezählt. "Das ist ja eine komplette Gemeinde", bemerkte ein ehemaliger Teamleiter dazu.

Lehrplan

Das Auswärtige Amt jedenfalls hat ihre Lehren aus der fehlenden Entschlossenheit und dem Wegschauen gezogen und nimmt das Fallbeispiel Colonia Dignidad sogar in das Studienprogramm zukünftiger Diplomaten auf.

Ein Vorbild für Elstal & Co.?

Sonntag, 9. Juli 2017

Dorfkirche Marzahn wächst weiter

Vor einem halben Jahr wurde Lucas Ludewig als neuer Pfarrer in der Dorfkirche Marzahn begrüßt. Heute besuchten wir dort einen Gottesdienst.



Der gute Ruf als innovativer Vertreter des klerikalen Standes war Lucas Ludewig schon damals vorausgeeilt, nachdem er mit einem Star-Wars-Gottesdienst die Aufmerksamkeit der Presse auf die Zionskirche gelenkt hatte. Unsere Mutter und Schwiegermutter besuchen seit einiger Zeit regelmäßig die Veranstaltungen der Dorfkirche Marzahn. Auch sie sind vom Neuen in Schwarz begeistert.

Der Pfarrer mit dem gewinnenden Lächeln stand am Eingang der Kirche und begrüßte die Besucher. Ich skizzierte ihm kurz die familiären Zusammenhänge, als wir mit der geballten Verwandtschaft den rotbraunen Sakralbau betraten.

Heute wollten wir Lucas Ludewig mal predigen hören. Im Innenraum hatten sich etwa 80 Personen eingefunden. Damit war der untere Bereich fast komplett besetzt. Einige Besucher wichen auf die Empore aus. Der Kampf um angestammte Sitzplätze stellt seit Einführung von Pfarrer Ludewig eine immer größer werdende Herausforderung dar. Wir freuten uns über das deutliche personelle Wachstum.

Unsere Mütter begrüßten ständig ihre gleichaltrigen Freundinnen aus dem Seniorenkreis. Dann gab es noch einen Platzwechsel wegen der Hörgeräte und der Gottesdienst konnte beginnen. Orgelspiel, ein modernes Lied und dann die Ansagen des Pfarrers. Er werde heute nicht predigen, sondern die Bühne - also den Altarbereich - für die Kinder und Jugendlichen freigeben. Sie hatten ein Musical einstudiert.

Mit zunehmendem Alter nahm die Textsicherheit ab, selbst wenn nur ein Wort vorzutragen war. Die jüngeren Kinder schlugen sich dafür sehr gut, wobei schlagen wohl das falsche Wort ist, da es um Reformation und die Liebe Gottes ging. Es wurde viel gesungen und oft die Kleidung und die Kulisse gewechselt. Langer Applaus für die Kinder!

Nach Gebet, Abschlusslied und Segen wurde die Gemeinde zum Sommerfest eingeladen. Dieses startete unmittelbar nach dem Gottesdienst: Grillwurst, Hüpfburg, Kaffee und Kuchen.

Sonntag, 2. Juli 2017

Gelebte Gruppendynamik nach Johannes 9, 22

Die namentliche Abstimmung über die "Ehe für Alle" am Freitag im Bundestag hatte eine polarisierende Wirkung. Während die EKD über 64% Zustimmung jubelt, nähern sich Katholiken, Freikirchen und Orthodoxe in ihrer Bibelauslegung an.



100 Tage hatte der Genozid in Ruanda gedauert. 1.000.000 Menschen überlebten diesen nicht. Die Tätergruppe der Hutus war vier Jahre lang medial und materiell auf den Start am 6. April 1994 vorbereitet worden. Um die Sache möglichst effektiv anzugehen, wurden fertige Namenslisten rausgeholt und systematisch abgearbeitet.

Das eine Drittel

Welche 393 Abgeordneten des Bundestages für und welche 226 gegen die "Ehe für Alle" gestimmt hatten, wurde beispielsweise hier veröffentlicht. Interessant ist dabei die Verteilung innerhalb der Parteien:

Die katholisch geprägte CSU stimmte geschlossen dagegen. Die CDU gewährte ihren Mitgliedern das Recht auf freie Entscheidung. So stimmte 1/4 von ihnen dafür. Die Kanzlerin bekannte sich mit einer roten Karte offen dagegen. Sie trug eine blaue Jacke in RAL 5005.

Die Grünen votierten wegen des Themas geschlossen dafür. Ihre Karten hatten eine undefinierbare Grundfarbe, die zwischen Lichtgrün RAL 6027 und Pastelltürkis RAL 6034 lag. Die Linke ist schon aus der Tradition heraus auf eine homogene Meinung getrimmt und wählte gemeinsam die Karten im zarten Blaugrünton. Bedeutung: Ja.

Die eine Karte

Auch die SPD zeigte Einheit im Ergebnis: zartes Blaugrün. Diese Einheit erinnerte ein wenig an die Situation der Eltern in Johannes 9 Vers 22. Hatten doch auch sie Angst vor einem Ausschluss aus der Gemeinschaft. Stattdessen opferten sie lieber ihren Sohn, der alt genug sei, für sich selbst zu sprechen. Nur einer der Genossen hatte wohl den Mut und gab seine heterophobe Karte nicht ab.

Aber, ich wollte mal fragen...

Dass die SPD einen erheblichen Gruppendruck aufbaut, war mir schon im Zuge der Euro-Einführung aufgefallen. Im großen Saal des Roten Rathauses saßen damals Gewerbetreibende mit dem roten Parteibuch und Schals in RAL 3026. Es war eine erhebliche Verunsicherung über die neue Währung zu spüren. An die Experten auf der Bühne durften Fragen gestellt werden. Besonders verwunderte mich, dass jeder der Unternehmer seine Frage in etwa mit folgenden Worten einleitete:

"Ich bin ein langjähriges, gutes, treues Mitglied der SPD, arbeite in vielen Gremien ehrenamtlich mit und habe immer meinen Beitrag bezahlt ... aber ich wollte mal fragen ..."

Wer als Unternehmer so unterwürfig seine Fragen formuliert, stimmt sicher auch mal mit Blaugrün, wenn er eigentlich Rot meint. Hauptsache es gibt keine Haue vom Vorstand, oder gar den Vermerk auf einer schwarzen Liste, oder gar einen Ausschluss aus der Gruppe.

System versus Freiheit

Die Eltern aus Johannes 9 Vers 22 durften nach der Distanzierung von ihrem Sohn sicher im System bleiben. Der Sohn hingegen wurde in Vers 34 rausgeworfen: "Et eiecerunt eum foras", wie es sehr eindrücklich auf Latein formuliert ist.

In Vers 35 hört Jesus davon und geht aktiv auf die Suche nach ihm. Er findet ihn und redet mit ihm. Während die Eltern im System versauern, ist ihr Sohn draußen mit Jesus unterwegs und erlebt eine ganz neue Freiheit. Er war blind geboren und Jesus hatte ihn kurz zuvor geheilt. Das war der Anlass zum Konflikt mit der alten Community.

Ökumenische Konstellationen

"Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht", lautet ein Zitat, dessen Ursprung nicht mehr eindeutig zu klären ist. Die EKD ist schon lange offen für die "Ehe für Alle". Davon legt das Bedford-Strohm-Interview ein leidenschaftliches Zeugnis ab.

Die russische Orthodoxie hatte die Freundschaft mit der EKD gekündigt, als eine Frau zur Ratsvorsitzenden gewählt wurde. Die griechisch Orthodoxen brechen nicht gleich alle Brücken ab, sind aber klar in der Sache. Genauso die Katholiken. Kein Wunder also, dass die CSU komplett gegen den Gesetzentwurf gestimmt hatte. Damit ergibt sich ein Schulterschluss mit den biblischen Ansichten der Freikirchen. Eine interessante ökumenische Konstellation, ausgelöst durch eine gesellschaftliche Debatte. Betrachtet man das Thema interreligiös, sollten auch die Moslems mit im Boot sitzen.

Mittwoch, 28. Juni 2017

Timbuktu - entschleunigte Realitäten ab FSK12

Wenn wir mal wieder zum Gottesdienst nach Lankwitz unterwegs sind, setzen wir gerne das Wort Timbuktu als Metapher für den Anfahrtsweg ein. Gibt es Timbuktu wirklich?



Dass es Bielefeld nicht gibt, hat sich in Berlin schon herumgesprochen. Eine mittlere Entfernung ins Nirgendwo, Mecklenburg Vorpommern beispielsweise, wird gerne als Fahrt nach Buxtehude bezeichnet. Wenn die Länge des Weges und die tatsächliche Ankunft am Zielort unkalkulierbar erscheinen, kommt Timbuktu ins Spiel.

Es gibt mehrere Dinge, die Zeitgenossen aus unserem Umfeld nicht wissen:

  • Timbuktu gibt es wirklich.
  • Timbuktu liegt am Niger.
  • Timbuktu liegt in Mali.
  • Timbuktu hat großen Stress mit islamistischem Terror.
  • Timbuktu wurde in den letzten Jahren stark zerstört.
  • Timbuktu war und ist Austragungsort eines großen jährlichen Musikfestivals.
  • Timbuktu ist nur mit hohen finanziellen und logistischen Anstrengungen zu erreichen.

Der letzte Punkt schließt dann wieder den Kreis zum Gebetsabend der FBG in Lichterfelde Ost.

Timbuktu - der Film

Seit 2014 gibt es sogar einen Film mit dem Titel Timbuktu. Die Länge des Films ist mit etwa 92 Minuten angegeben und fühlt sich deutlich länger an. Der Film ist sehr entschleunigt, überaus entschleunigt. Aber gerade in dieser Entschleunigung wird das Ausmaß der Herausforderungen der dort lebenden Menschen deutlich. Die Sinnlosigkeit und Brutalität der herrschenden Milizen zergeht langsam auf der Zunge und entfaltet dadurch eine ganz besondere Wirkung. Eine Wirkung, die ein Action-Streifen nie vermitteln könnte.

Doppelmoral, sinnfreie Regeln und Kontrollzwang

Die dargestellten Verhaltensmuster tangieren auch uns Mitteleuropäer. Wer christliche Gemeinden erlebt hat, die geistlichen Missbrauch praktizieren, wird typische Elemente wie Doppelmoral, sinnfreie Regeln und Kontrollzwang wiederentdecken. Hier im Mantel islamischer Gotteskrieger. Zweifel sind nicht erlaubt, Regeln sind nicht zu hinterfragen und Strafen sind unangemessen hoch.

Im Verlauf des Films füllt sich das Gefängnis von Timbuktu kontinuierlich. Das reale Fußballspiel wird durch Pantomime ohne Ball ersetzt und dann blendet die Kamera zu einer Steinigung wegen vermeintlichen Ehebruchs über. Und das alles sehr entschleunigt und so real ohne wirkliche Helden oder reißerische Befreiungsaktionen. Die Bilder wirken. Der allgegenwärtige feine Sand wird schon fast zum würzenden Salz bei der Aufnahme des Gesehenen.

Sand überall

In einem Logistik-Journal der Bundeswehr las ich, dass gerade der Sand eine hohe Herausforderung für Menschen und Material in Mali darstellt. Bei Regen pappt der Staub so fest zusammen, dass er in den Radkästen der Fahrzeuge zur scharfen Sichel wird, die die Reifen zerschneidet und andere Schäden anrichtet. Regnet es nicht, ist der Sand überall. "Und wenn ich sage überall, dann meine ich auch überall", erzählte mir in der letzten Woche ein Unteroffizier, der eigene Mali-Erfahrungen gesammelt hatte.

Der Film Timbuktu hatte in den Jahren 2014 und 2015 mehrere Preise abgeräumt. Zu Recht, wie ich meine.

Sonntag, 25. Juni 2017

Kreuzkirche Lankwitz

Die Kreuzkirche Lankwitz ist eine gesunde Gemeinde für alle Generationen mit einem guten Ruf über den Süden Berlins hinaus. Heute besuchten wir den Vormittags-Gottesdienst.



Ob bei Mavuno, den Nazarenern oder beim Kneipengottesdienst in Lankwitz - immer ist von der Kreuzkirche die Rede. Ein guter Ruf eilt ihr voraus. Aber Lankwitz? 10 Uhr? Einmal quer durch die Stadt mitten in der Nacht?

Ich hatte meine eigenen Vorstellungen von der Kreuzkirche: Großer roter Backsteinbau mit Kirchturm und überdimensioniertem Kirchenschiff. Als wir mit methodistischer Pünktlichkeit 15 Minuten vor Beginn in die sehr enge Zietenstraße einbogen, wurde ich eines Besseren belehrt. Die Kreuzkirche befindet sich auf dem Areal eines ehemaligen Dachdecker-Betriebes und nutzt einen flachen Gebäudekomplex, der in der Tat dunkelrot ist. Aber weder ein Kirchturm noch der erwartete Sakralbau.

Alleinstellungsmerkmal: Jugendgruppe

Wir wurden sehr freundlich begrüßt und betraten einen Raum, der etwa 400 Besucher fasst. Bühne und Taufbecken befanden sich an der Längsseite des Saales. Dadurch hatten die Besucher von allen Seiten einen guten Blick auf das Geschehen.

Uns fiel die breite Altersdurchmischung auf. Ein Alleinstellungsmerkmal der Kreuzkirche ist wohl, dass es hier eine Jugendgruppe gibt, offensichtlich sogar eine große. Dieser Altersbereich fehlt in vielen Gemeinden der Stadt oder ist so versippt, dass eine externe Erweiterung kaum möglich ist. Dann wurde ich Zeuge, wie unsere Kinder angesprochen und zum parallelen Jugend-Gottesdienst eingeladen wurden. Alles ohne Druck und sehr charmant. Sie wollten aber lieber bei uns bleiben.

Klassik und Moderne

Wir entdeckten erstaunlich viele Bekannte: Team.F, Internetmission, Leute aus unseren früheren Gemeinden. Die Atmosphäre, der Umgang der Besucher miteinander und das Altersspektrum vermittelten einen sehr gesunden Eindruck.

Der Gottesdienst enthielt traditionelle und moderne Elemente. Klassisches Orgelspiel und Lobpreis mit Schlagzeug wechselten sich ab. Wegen einer Konferenz bekamen wir gleich noch die neuesten Informationen aus dem Methodismus vermittelt. So wussten wir bisher nicht, dass die Pastoren wohl jedes Jahr wie Russisch Roulette verteilt werden und die Gemeinde regelmäßig aufatmet, wenn die zweieinhalb Pastoren noch ein Jahr bleiben dürfen. Das wäre mir zu aufregend.

Heute ist dieses Wort vor euren Ohren erfüllt.

Nach wenigen Liedern, der Kollekte und den Ansagen ging es relativ schnell zur Predigt über. Es ging um einen meiner Lieblingstexte aus Lukas 4: Jesus liest in der Synagoge von Nazareth aus Jesaja vor, setzt sich, alle gucken und "Heute ist dieses Wort vor euren Ohren erfüllt". Ein genialer Text mit erheblicher Tiefe. Pastor Frank Drutkowski stellte drei Fragen, die er in etwa vierzig Minuten entfaltete. Wir waren zu sechst erschienen. Bei der anschließenden Reflexion stellten wir erfreut fest, dass die Aufmerksamkeit bei jedem von uns an einer anderen Stelle ausgesetzt hatte. Dadurch konnten wir das Gesagte gemeinsam vervollständigen. Mich hatte insbesondere der Teil mit "Das ist doch Josefs Sohn?!" und der Entwicklung von Jesus als Kind zu Jesus als dem Gesalbten Gottes angesprochen.

Lobpreis, Kaffee und Kontakte

Nach der Predigt gab es noch ein Sahnehäubchen: Lobpreis mit bekannten Liedern und zwei Sängern in Personalunion mit Keyboarder und Drummer. Mal wieder eine der wenigen Lobpreiszeiten, in denen sich Gänsehaut über meine Arme breitete. Ich war fasziniert, wie nur zwei Musiker mit nur zwei Instrumenten solch eine Klangfülle in den Saal gießen konnten.

Nach Vaterunser und Segen versorgten wir uns mit Kaffee und tauchten in die Konversation mit den oben erwähnten Bekannten ein. Mehrfach wurde uns berichtet, dass es bei der Kreuzkirche sehr kompetente Seelsorge gäbe. Insgesamt alles sehr herzlich, hell und freundlich. Auch die Kaffee-Logistik funktionierte wie ein Schweizer Uhrwerk. Letztlich mussten wir uns von der Gemeinde losreißen und fühlten uns dabei ein wenig wie Paulus in Apostelgeschichte 20.

Auf dem Rückweg kamen wir an der EFG (Baptisten) und ICF Tempelhof vorbei. Dann ging es auf die Stadtautobahn. Die vielen Baustellen in der City wollten wir uns nicht antun. Zum Mittag gab es Eierkuchen und einen regen Austausch über die äußerst positiven Erfahrungen in der Kreuzkirche Lankwitz.

Sonntag, 18. Juni 2017

10 x Danke pro Tag verändert den Termin mit Gott

Der Ablauf des täglichen Termins mit Gott wurde durch einen Vorschlag meiner Tochter geändert. Sie drückte uns eine Herausforderung der ganz besonderen Art auf.



Jedes Wochenende freuen wir uns auf die Familienkonferenz. Die Aufgaben Catering, Agenda, Protokoll und Aufräumen rotieren. Bei der 37. Konferenz war meine Tochter mit der Agenda dran und hatte die Hoheit über Themen und Timing des Ablaufs.

Sie holte ihren Notiz-Zettel von Saddleback - ausgesprochen Zettel-Bäck - heraus. Rick Warren hatte wohl über den überfließenden Becher aus Psalm 23 Vers 5 gesprochen. "Ich habe hier eine Challenge für die nächste Woche". Jeder von uns sollte jeden Tag 10 Danksagungen aufschreiben.

Ich hatte schon etwas länger überlegt, wie ich mal ein wenig den eingefahrenen Ablauf meiner Morgenandacht umbauen kann.

Hörendes Frühgebet

Viele Monate hatte ich das Frühgebet praktiziert. Das war insbesondere für das Hören auf Gott effektiv. Eine Stunde vor dem normalen Wecksignal stieg ich aus dem Bett, schwankte ins Büro, machte die Tür zu und betete. Völlig im morgendlichen Delirium war ich gar nicht in der Lage, einen klaren eigenen Gedanken zu fassen. So konnte ich ungestört auf Gottes Reden achten und bekam sehr viele wertvolle Antworten und Hinweise auf die nächsten Schritte.

Gebet nach dem Frühstück

Etwa ein dreiviertel Jahr praktizierte ich das sehr erfolgreich und verlagerte den Zeitpunkt auf den Zeitraum nach dem Frühstück mit den Kindern. So ist das bis heute. Der Ablauf war fast zwei Jahre lang identisch: mindestens ein Bibelabschnitt oder Kapitel, Tür zu und Gebet.

Die Dank-Challenge meiner Tochter veränderte diesen Ablauf: A5-Zettel, Kugelschreiber und schon rauschten zehn Themen durch den Stift. Das ging ja schnell. Das besondere an der Dank-Herausforderung war, dass sich die Danksagungen nicht doppeln durften. So arbeitete ich mich systematisch vor:

10 x Danke pro Tag

Erst die Familie, dann die Familie und sachliches Drumherum, dann die berufliche Situation und die sagenhafte Versorgung, Jesus in mir und die vielen Freunde, innerer Frieden und geistliche Nahrung, Umgang und Bewertung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bis hin zum Loslassen können. Der siebte Tag beschäftigte sich mit Gemeinden, Taufen und der Fähigkeit, anderen Christen in schwierigen Situationen Trost zu spenden.

Nach dem Schreiben und Beten las ich den üblichen Abschnitt in der Bibel und stieg nach diesem Termin mit Gott ins Tagesgeschäft ein.

Streber und Motivator

Bei der 38. Familienkonferenz war ich für die Agenda zuständig und fragte nach den Erfahrungen mit dem 10er-Dank. Die Reaktionen waren unterschiedlich. Um der Aktion das Sahnehäubchen aufzusetzen, schlug ich den heutigen Morgen zwischen Frühstück und Gottesdienst zum Verlesen der Zettel vor. Als Streber fing ich an. Die Danksagungen für die Familienmitglieder taten auch ihnen gut, so dass auch die anderen Zettel herausgeholt und vorgelesen wurden.

Ob ich das in der nächsten Woche fortsetze, weiß ich noch nicht. Zumindest hatte der Wechsel im Ablauf den Termin mit Gott erfrischt. Hinzu kommt, dass ich schon wieder fast mit dem Neuen Testament durch bin und vor der üblichen Entscheidung stehe: Vollbibel, Neues Testament, Übersetzung, Sprache?

Freitag, 16. Juni 2017

Internetmission Berlin: 8-Jährige macht Party

Die Internetmission Berlin feierte heute ihren 8. Geburtstag. Es gab Rap, Falafel und viele neue Kontakte.



Pünktlich zum #Kirchentag war die neue Webseite der Internetmission Berlin mit ihrem Branding GottinBerlin.de an den Start gegangen. 14 Monate war konzipiert, layoutet, projektiert und programmiert worden. 14, eine durchaus biblische Zahl, die uns in Matthäus 1 Vers 17 gleich dreimal über den Weg läuft. 14 entspricht dem Zahlenwert des Namens David (דוד).

David, CIA und Push!

Soweit ich mich erinnere, war jedoch kein David anwesend. Dafür aber Sammelbegriffe aus dem 50er-Segment wie Thomas oder Matthias. Überhaupt war die heutige Party eher ein Event für die ganze Familie. Kleinkinder, Jugendliche, Best Ager und Greise saßen im Saal und lauschten den Klängen der CIA. Da die CIA zur Zeit kaum in den Schlagzeilen ist, ersetzte ich das Wort auf dem Liedblatt durch NSA. Ohnehin war CIA hier im Sinne von Christen in Aktion zu verstehen.

Die CIA machten eine ähnliche Musik wie TCM: Rap. Richtig cooler Rap! Hey Yoh - Push! Und das demografisch durchmischte Publikum setzte mit ihrem Push! ein. Push hier im Sinne von Pray until something happens! (Bete bis etwas passiert!) Ein cooler Satz, den man sich so ähnlich wie BMW - Bete mal wieder! - gut merken kann.

Jänsehaut, Dominicus und Smartphone

Jänsehaut konnte man beim Gesang der schwarzen Mädels von Mélodie du Ciel (Melodie des Himmels) bekommen. Sie sangen auf Französisch oder so. Zumindest gab es eine deutsche Übersetzung. Auch der katholische Pfarrer vor uns wippte mit. Bertram Tippelt leitet die Gemeinde St. Dominicus in Gropiusstadt. Er betrat die Bühne und redete völlig frei über Jesus, den Konjunktiv und darüber, was Jesus mit einem Smartphone gemacht hätte. In der Predigt erfuhren wir zudem, dass hoch qualifizierte Kirchenmusiker wie Hausmeister bezahlt werden. Das fand der Mann im Baumwolltalar nicht angemessen.

Falafel, Würstchen und Quizduell

Anschließend gab es das von den Anwesenden ersehnte Buffet. Heute mit Spezialitäten aus dem Nahen Osten wie Humus und Falafel. Es war sehr lecker und ich entdeckte kein Fleisch. Deshalb wurden wohl draußen noch Würstchen gegrillt. Insbesondere dieser Teil der Gott-in-Berlin-Party ist hervorragend für die Vernetzung in der Szene geeignet. Meine Frau wurde von mehreren Schlüsselpersonen auf die Strategien beim Quizduell angesprochen, während ich mich über neue Technologien der Mülltrennung in China und Pakistan unterhielt.

Webseite, Kneipe und die große Uhr

Mit einer großen Uhr wurde der dritte Teil des Abends eingeleitet. Die neue Webseite und die Arbeit der Internetmission sollten vorgestellt werden. Jeder Redner hatte maximal 5 Minuten - zumindest laut Plan. Im Durchschnitt blieb es bei einer Verdoppelung dieser Vorgabe, so dass tatsächlich um 22:00 Uhr mit einem Gebet abgeschlossen werden konnte.

Ungeplant blieben wir jedoch noch eine weitere Stunde vor Ort. Während emsig Flaschenkisten und andere Utensilien an uns vorbeigetragen wurden, nahmen wir uns Zeit für ein wichtiges Gespräch mit einer alten Bekannten.

Sonntag, 11. Juni 2017

Kirche des Nazareners in Steglitz

Die Kirche des Nazareners ist eine Gemeinde-Bewegung, die vor etwa 100 Jahren ihren Anfang nahm. Auf Empfehlung eines Nazarener-Protagonisten besuchten wir heute die Johannes-Gemeinde in Steglitz.



Was hat Johannes mit Nazareth zu tun? Bereits im ersten Kapitel des Johannes-Evangeliums wird gefragt, ob aus Nazareth etwas Gutes kommen könne. Jesus verbrachte seine Kindheit und Jugend in Nazareth. Deshalb wurde er Nazarener genannt. Auch die Moslems sprechen von Nazarenern, wenn sie Christen meinen.

Erweckung 1908

Die Kirche des Nazareners ist eine weltweite Bewegung, die ihre Wurzeln im Methodismus hat. Ihr Startpunkt kann auf die Erweckungsbewegung von 1908 in den USA datiert werden. Innerhalb von fünfzig Jahren hatten sich die Nazarener über verschiedene Länder verteilt und waren 1958 auch in Deutschland angekommen, zunächst in Frankfurt am Main.

In den 1990er Jahren galt es bei Jugendlichen in Berlin als trendy, die Gebetskonzerte der Nazarener zu besuchen. So gehört Musik auch heute noch zu den definierten Grundwerten:

  • Gemeinschaft mit viel Lobpreis
  • Bibel kennen lernen in Hauskreisen und Seminaren
  • Authentisch als Christ den Alltag meistern
  • Missionsprojekte unterstützen

Bible Belt Steglitz

Die heute besuchte Johannes-Gemeinde gehört zum Verband der Kirche des Nazareners. Im Umkreis von etwa 100 Metern treffen sich mindestens sechs weitere Gemeinden, darunter auch Powerhouse Ministries. Letztere nutzt die Räume der Nazarener, die jeden Samstag zusätzlich an eine arabische Gemeinde untervermietet sind. Wrangelstraße als "Bible Belt" von Berlin.

Ein besonderes Merkmal der Johannes-Gemeinde ist wohl die ausgesprochen herzliche Willkommenskultur und integrative Atmosphäre. Der Lobpreis ist entschleunigt. Die Liedtexte werden präzise auf der Leinwand eingeblendet. Der Gemeindesaal bietet Platz für rund 70 Personen. Heute waren etwa 50 Erwachsene mit mehreren Kindern erschienen. Als besonderes Highlight durften die Kinder die gesamte Lobpreiszeit bei den Eltern bleiben und gingen dann in ihr Programm. Jugendliche sahen wir keine.

Virale Wirkung nach Lukas 13

Statt Pastor Martin Wahl predigte ein Gast aus Alabama, der sich zurzeit um Flüchtlinge in Griechenland kümmert. Der Amerikaner Jacob hatte spontan das Thema Trinitatis (Drei-Einigkeit) gewechselt und war seinem Eindruck gefolgt, dass heute Lukas 13 dran sei. In den Versen 18 bis 21 geht es um das Reich Gottes im Vergleich mit dem Senfkorn und dem Sauerteig.

Ein oft gelesener und bekannter Text, aber mit vielen neuen Sichtweisen. So hatte ich mir bisher noch nie darüber Gedanken gemacht, dass der Sauerteig biblisch eher negativ belegt ist. Sauerteig galt damals als Metapher für Korruption und hatte auch beim Passah-Mahl nichts zu suchen. Soll das Reich Gottes also in Korruption bestehen? Nein, Jesus widmet die Bilder um und zeigt anhand dessen, dass menschliche Maßstäbe von rein und unrein eben nur menschliche Maßstäbe sind. Auch das Senfkorn galt als unrein und gehörte nicht in einen gepflegten Gemüsegarten. Zu viral breite es sich aus und sauge den anderen Nutzpflanzen die Nährstoffe ab. Eine sehr spannende Auslegung.

Als wir uns losgerissen hatten ...

Nach dem Segen strebten viele der Besucher dem Tisch mit Getränken und Kuchen entgegen. Andere kamen auf uns zu, so dass wir längere Zeit im Saal standen und über die IGA, die Nazarener und gemeinsame Bekannte redeten. Wir mussten uns regelrecht losreißen.

Das Auto war durch die pralle Sonne gut beheizt. Während der Hinweg nur 34 Minuten gedauert hatte, nahm der Rückweg fast eine Stunde in Anspruch. Das lag nicht an der Fahrrad-Sternfahrt, sondern an den unzähligen Baustellen in der Stadt.

Samstag, 3. Juni 2017

Bibel durchlesen in 3 Tagen

Ein Tag für Mose und Geschichtsbücher, ein Tag für Psalmen und Propheten und ein Tag für das Neue Testament sind möglich: Die Bibel in Kurznachrichten. In der letzten Woche hatte ich es getestet.



"Und Gott chillte" lautet der Titel der "Bibel in Kurznachrichten". Die drei Exemplare, die wir im Bücherzelt auf dem #Kirchentag fanden, waren alle in Folie verschweißt. Wir ließen eines der Bücher auspacken und schauten hinein: Tatsächlich waren auf den 332 Seiten alle Kapitel der Bibel zu finden, nur eben deutlich komprimierter als im Original. Das diente als Kaufgrund.

1.000 Kurznachrichten-Schreiber

Auf der Rückfahrt mit der Tram las ich das Vorwort: Das Bibel-Projekt wurde beim #Kirchentag 2009 ins Leben gerufen. Dazu segmentierten die Ideengeber eine Lutherbibel in 3.906 Teile und fanden etwa 1.000 Freiwillige, die sich auf das Schreiben von 3.906 Kurznachrichten einließen. Eine Aktion mit hohem didaktischen Wert und eine Motivation auch über den zugewiesenen Text hinaus das Wort Gottes zu lesen.

Bibel in Kurznachrichetn - Und Gott chillte
Bibel in Kurznachrichten - "Und Gott chillte"
Ein jugendlicher Teilnehmer sagte, dass er evangelisch, aber nicht gläubig sei. Das zeigt, wie unterschiedlich die Hintergründe der Übersetzer auf Twitter-Deutsch waren.

140 Zeichen auf Lutherdeutsch und Jugendsprache

Der Titel lässt einen ähnlich flapsigen Stil wie bei der Volxbibel vermuten. Dem ist aber nicht so. Nur wenige Passagen sind in Jugendsprache verfasst, andere melodisch, Lutherdeutsch oder nüchtern.

Die starke Komprimierung auf 140 Zeichen je Abschnitt ermöglicht einen sehr schnellen Gesamteindruck über biblische Bücher und einzelne Kapitel. Das Lesen der Langversion der Bibel kann es jedoch nicht ersetzen. Das Buch stellt eine wertvolle Ergänzung zur Einprägung des Gesamtkontextes dar. Namenslisten werden auf Formulierungen zusammengefasst wie: "Der Mensch pflanzt sich fort, immer und immer wieder" (1. Mose 5).

Besonders ermutigend sind die Psalmen. Diese sind auf den Umfang von 150 Kalenderblättchen im A7-Format reduziert.

Zeitformen und Überarbeitungsbedarf

Es liegt in der Natur dieses besonderen Projektes, dass einige sachliche Schnitzer enthalten sind, die sich im Neuen Testament mehren. Hinzu kommt der ständige Wechsel der Zeitformen, was insbesondere beim Einlesen ins Alte Testament gewöhnungsbedürftig ist.

Eine Überarbeitung auf diese beiden Punkte würde der Twitter-Bibel einen professionellen Schliff geben und diese auch für Bibel-affine FEG-Mitglieder interessant machen. Theologie-Studenten sollten sie bereits jetzt in ihre Bibliothek aufnehmen.

3 Tage, 4 Wochen, 7 Monate

Selbst-Tests zum Timing des Bibellesens haben ergeben, dass eine Vollbibel wie die Elberfelder nicht unter 7 Monaten durchzulesen ist. Das Alte Testament in einer anderen Sprache benötigt auch mehr als 7 Monate. Den kürzesten Durchlauf beim Neuen Testament hatte ich bei 4 Wochen registriert. Vorausgesetzt, man versteht und beachtet noch, was man da liest.

Donnerstag, 1. Juni 2017

Patriarch von Konstantinopel trifft den Bundespräsidenten

Orthodoxie ist für viele Deutsche ein Buch mit sieben Siegeln. Zurzeit bereist Bartholomaios I unser Land. Heute referierte er in der Konrad-Adenauer-Stiftung und besuchte anschließend den Bundespräsidenten.



Die Gold-Else am Großen Stern reflektierte die pralle Sonne. Schwerfällig wälzte sich der Verkehr um den Platz. Ich lief zur Konrad-Adenauer-Stiftung. Akribisch wurde die Gästeliste abgeglichen. Wer nicht im "Buch" gefunden wurde, musste am Rand warten.

Schwarz

Ich setzte mich in die Nähe des Rednerpultes. In der Mitte des Saales sah ich Schwarz: schwarze lange Gewänder, schwarze Hüte, schwarze Mützen, schwarze und graue Bärte. Über den Gewändern goldene Ketten mit großen goldenen und Stein-besetzten Broschen. Keine Rapper aus Brooklyn, sondern Metropoliten, Archimandriten und der Patriarch selbst.

Das Casting für eine Komplettverfilmung der Bibel mit Abraham, Petrus und anderen wäre hier schnell und erfolgreich abgeschlossen worden.

Erzbistum und EKBO

Im Saal saßen neben den Botschaftern von Griechenland, der Türkei und Zyperns auch der katholische Erzbischof Heiner Koch aus Berlin und sein evangelischer Kollege Markus Dröge von der EKBO. Ein breites Grinsen ging regelmäßig durch die Reihen, wenn in den Grußworten die "Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz" in der Langversion ausgesprochen wurde.

Patriarch von Konstantinopel Bartholomaios I in Berlin
Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I, in Berlin



Grüß Gott!

Bartholomaios begann seinen Vortrag über Menschenrechte mit einem schwungvollen "Grüß Gott". Er hatte in München drei Semester Deutsch gelernt und las seine Rede fließend auf Deutsch vor. Es sah so aus, als hatte er nur fünf Blätter in der Hand. Gelesene Seiten gruppierte er unter den flachen Stapel. So oft, wie er die Seiten wechselte, müssen es um die zwanzig Blätter gewesen sein.

Seine Kollegen in Schwarz genossen den Sekundenschlaf oder beschäftigten sich mit ihrem Smartphone. Erzbischof Koch wechselte Blicke mit dem Apostolischen Nuntius des Heiligen Stuhls, Erzbischof Nikola Eterović. Dann kam ein langes Wort und der Patriarch warf spontan ein: "Zu lang!" Lachen. Der Saal war wieder in die Realität des Vortrages geholt. "Wenn ich ein bisschen müde bin, Sie müssen viel müder sein", war sein verständnisvoller Kommentar zum Vortrag.

Menschenrechte

Obwohl der Vortrag über Menschenrechte etwa eine dreiviertel Stunde gedauert hatte, war er doch sehr interessant. Mir war gar nicht bewusst, dass nicht-christliche Religionen eine große Distanz zu Menschenrechten hegen, denn:

  • Menschenrechte seien westliches Kulturgut.
  • Menschenrechte tragen das Siegel des Christentums.
  • Menschenrechte schützen einen gefährlichen Individualismus.
  • Menschenrechte stehen für Säkularisierung und Anthropozentrik.
  • Menschenrechte verbünden sich mit dem Atheismus.
  • Menschenrechte widerstreben der Souveränität Gottes.

Kein Wunder also, dass Menschenrechte außerhalb der westlichen Welt abgelehnt und missachtet werden. Die Botschafter verzogen keine Miene.

Orthodoxie

Die Magna Charta der Orthodoxie sei eine "Kultur der Person". Selbstlose Liebe könne ungeahnte Kräfte freisetzen. Er nannte das die "Liturgische Diakonie", was im Sinne einer alltäglichen Liturgie nach der sonntäglichen Liturgie zu verstehen sei. Der Patriarch wurde sehr emotional, als er sagte, dass die "defensive Haltung gegenüber der Aufklärung endgültig überwunden" werden müsse. "Fehlentwicklungen" in der Orthodoxen Kirche sollten auf keinen Fall zur pauschalen Verurteilung dieser Konfession genutzt werden. Eine große Baustelle sei die Ethnozentrik.

Patriarch von Konstantinopel Bartholomaios I in Berlin
Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I, in Berlin
Ökumene

Bartholomaios hat viele Titel, so dass seine späteren Gesprächspartner im Schloss Bellevue erst einmal abklärten, wie sie ihn genau anzusprechen haben. "Seine Allheiligkeit Batholomaios I, Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel" ist der volle Titel. Bei der offiziellen Anrede wird "Eure Allheiligkeit" verwendet, während die Bischöfe wie säkulare Botschafter mit "Eure Exzellenz" angesprochen werden.

Die Ökumene im Titel ist vergleichbar mit der Wortbedeutung von katholisch und erklärt den übergeordneten Anspruch auf die Definition der Rechtgläubigkeit. Zurzeit findet jedoch ein intensiver Austausch zwischen Othodoxen, Katholiken und Protestanten statt. Letztere sehen Ökumene als Gemeinschaft von Christen jedweder Konfession um das Zentrum Jesus Christus und die Bibel. So wurde es auf dem #Kirchentag ausgedrückt.

Der Patriarch im Schloss

Anschließend wurden die Herren in Schwarz mit schwarzen BMW 5er-Limousinen zum Bundespräsidenten ins Schloss Bellevue gefahren. Kein Ehrenposten, keine militärischen Ehren, kein roter Teppich. Dafür aber ein blauer Teppich und eine sehr familiäre Atmosphäre. Vier Kameraleute, ein Gästebuch und eine vertrauliche Unterredung mit Frank-Walter Steinmeier. Diese war nicht presseöffentlich.

Bei immer noch strahlendem Sonnenschein staute ich durch die Innenstadt nach Hause.

Sonntag, 28. Mai 2017

#Kirchentag: Abschluss-Gottesdienst in Wittenberg

Heute fand auf den Elbwiesen südlich von Wittenberg der Abschlussgottesdienst zum #Kirchentag statt. Unsere Schlafgäste aus England, der Bundespräsident und ich waren auch dort.



122 km mehr standen auf dem Tacho, als ich das Auto in einem Wohngebiet der Lutherstadt Wittenberg abstellte. Die überall angekündigten Park-Leitsysteme fehlten. Wir liefen nach Gefühl Richtung Elbe. Dabei durchquerten wir die Innenstadt mit den wichtigsten Luther-Gebäuden. Kurz vor der Elbe stellten wir fest, dass wir noch einen großen Umweg über eine Bahnbrücke zu absolvieren hätten.

30°C und eine Stunde Fußweg

Es dauerte eine volle Stunde vom Parkplatz bis zum Ziel: Umweg, Schleuse für den Sicherheits-Check, Ponton-Brücke, Eingang an der Südseite des Feldes. Letzteres bedeutete, dass wir einmal am Feld vorbei und dann innen wieder zurück laufen mussten. Solche Aktionen waren uns schon von der Messe vertraut. 30°C. Die ersten Sanitäter liefen mit Tragen über die Wiese.

#Kirchentag Abschlussgottesdienst Wittenberg Elbwiesen
#Kirchentag - Abschlussgottesdienst in Wittenberg auf den Elbwiesen
Ich verabschiedete mich von unseren englischen Schlafgästen und stapfte der Bühne entgegen. In der dritten Reihe fand ich noch einen Platz. Passend zu den vielen Sanitätern und Hitzschlag-Gefährdeten war Gesundheitsminister Gröhe bereits vor Ort. Er trug kein Sakko, aber Krawatte und einen orangen Schal. Kurz vor Beginn des Gottesdienstes gesellte sich Innenminister de Maizière dazu. Auch er war sehr sommerlich gekleidet.

Nach dem Vorbild des Neuen Testamentes saßen in den Blöcken direkt vor der Bühne nicht nur die Ersten aus Kirche und Staat, sondern auch Lahme, Blinde und Taube.

Gleich geht es los!

Ein letztes Statement vom Chef der koptischen Christen aus Ägypten. Dann eine kurze Pause; herzliche Umarmung des schwarz gekleideten Kopten mit Hermann Gröhe und anderen; freundliche Begrüßung eines katholischen Bischofs.

#Kirchentag Abschlussgottesdienst Wittenberg Elbwiesen
#Kirchentag - 1/7 der Bläser beim Abschlussgottesdienst in Wittenberg auf den Elbwiesen
Hinter der Bühne blinkten hunderte Blasinstrumente und stimmten "Nun jauchzt dem Herren, alle Welt" an. Gigantisch! Posaunen, Pauken - so ähnlich muss das im Himmel sein, wenn die Ankündigungen aus der Offenbarung greifbare Realität werden. Als ich noch über die Zukunft vor dem Thron Gottes sinnierte, schritt der Bundespräsident neben der Bühne entlang und ging zu seinem Platz im Nachbarblock. Auch seine Frau - Elke Büdenbender - und jede Menge Fotografen waren dabei.

Predigt auf Englisch über 1. Korinther 13, 12

Der Gottesdienst nahm seinen Lauf. Liturgie mit Liedern, Gebet, Lesung aus 1. Korinther 13, Glaubensbekenntnis und Kollekte bildeten den Auftakt. In der Predigt sollte es laut Programmheft um 1. Korinther 13, 12 gehen: "Von Angesicht zu Angesicht". Es predigte Erzbischof Thabo Makgoba von der Anglikanischen Kirche Südafrikas. Als Schwarzer sprach er Englisch mit afrikanischem Akzent. Wer kein Englisch verstand, konnte auf dem linken Screen deutsche Untertitel und eine Übersetzung in Gebärdensprache sehen. Die rechte Videowand stand für das unkommentierte Original zur Verfügung. Viele der aus "Bade-Würte-Berg" stammenden Sitznachbarn konnten nur Deutsch.

So rauschte die Predigt an ihnen vorbei. An mir auch. Die Predigt hatte mit Martin Luther begonnen und lief über die allgemeine Ungerechtigkeit in der Welt in einem postulierten "I have a dream" aus.

#Kirchentag Abschlussgottesdienst Wittenberg Elbwiesen
#Kirchentag - Abschlussgottesdienst mit Abendmahl
Viel spannender war also das Drumherum. Dazu gehörten die immer wieder einsetzenden Bläser hinter der Bühne - wie schon erwähnt: Hunderte! Bewegend auch das gemeinsame Vaterunser, das gemeinsame Abendmahl und der Segen von EKD-Chef Bedford-Strohm im wehenden schwarzen Gewand. Die Sonne blitzte in das Kreuz über dem Talar und tauchte es in einen goldenen Glanz.

Einheit in Jesus Christus

Der Altar war eine Leihgabe des Deutschen Katholikentages. Überhaupt zeigten sich die katholischen Gastredner sehr erfreut über die guten Beziehungen zu den Protestanten. Das sei vor zehn Jahren noch nicht so selbstverständlich gewesen.

Frank-Walter Steinmeier begrüßte die Besucher mit "Liebe Schwestern und Brüder" und zeigte sich ebenfalls hoch erfreut darüber, dass die Christen unterschiedlicher Konfessionen und Denominationen auf einem guten Weg zur Bündelung ihrer Kräfte seien. Das solle weiter intensiviert werden. Der Bundespräsident war selbst viele Jahre lang aktiv an den Evangelischen Kirchentagen beteiligt. Ein katholischer Redner brachte es auf den Punkt: Uns verbindet die Einheit in Jesus Christus.

#Kirchentag Abschlussgottesdienst Wittenberg Elbwiesen
#Kirchentag - Abschlussgottesdienst mit Segen von Heinrich Bedford-Strohm
Gegen 14:00 Uhr nutzte ich den VIP-Ausgang neben der Bühne und wollte möglichst vor dem großen Abgang den Hot Spot verlassen. Immer noch um die 30°C und pralle Sonne. Vorbei an etwa zwanzig schwarzen Limousinen mit Blaulicht, vorbei am Pressezelt, vorbei an vielen Polizeiautos, durch einen hohen Gitterzaun, hinaus auf das freie Feld. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis ich die Pontonbrücke passiert und die Strecke über die Bahnlinie absolviert hatte.

Das Auto war extrem aufgeheizt. Ich entfernte die Decke über dem Lenkrad und trat den Heimweg an. 29,5°C war neben dem Tacho abzulesen. Unsere britischen Gäste hatten noch eine Verabredung in Wittenberg. So fuhr ich die 122 km alleine mit aufgedrehter Musik nach Hause.

Donnerstag, 25. Mai 2017

#Kirchentag: Messe Berlin und City

Der 36. Deutsche Evangelische Kirchentag wartet mit vielen Veranstaltungen in Berlin, Wittenberg, Potsdam und Leipzig auf. Heute schauten wir uns auf dem Messegelände am Funkturm und am Alexanderplatz um.



Die Entscheidung für den öffentlichen Nahverkehr fiel heute leicht. Bequem erreichten wir die Nordseite des Messegeländes, liefen an schwer bewaffneten Polizisten vorbei, lehnten Flyer dubioser Gruppen ab und betraten das Palais am Funkturm. Hier, wo seit Jahren die goldenen Lolas an Filmschaffende vergeben werden und wilde After Show Partys toben, flatterten heute orange Schals und orange Fahnen mit großen runden Augen.

Wahrheit vor der Kamera

Wir steuerten die Bühne an und setzten uns in die dritte Reihe. Der Innenminister diskutierte vor laufenden Kameras des ZDF über Wahrheit. Thematisch entglitt das Ganze in Richtung Medienkompetenz, Shit Storm und juristische Optionen. Es wurde kontrovers diskutiert, enthielt aber für alle Teilnehmer des Panels wertvolle Impulse. Alle waren sich einig, dass gegenteilige Meinungen durchaus erwünscht seien, jedoch sollte der Diskurs in einer respektvollen Atmosphäre geführt werden.

#Kirchentag
#Kirchentag - Sitzplätze in den Messehallen
Leere, Pilgerweg und Seelsorge

Anschließend unternahmen wir den Versuch, uns systematisch von Nord nach Süd durch die Messehallen zu arbeiten. Die ersten Hallen waren etwas spartanisch eingerichtet. Hier und dort ein vereinzelter Stand, dann eine ganze Halle als Pilgerweg. Die übliche Optik schillernder Messebauten mit Jutebeuteln und Kugelschreibern begegnete uns nicht. Wir kauften zwei Pizzabrote und liefen weiter.

Eine ganze Halle für Seelsorge: Paarberatung, Einzelberatung, Gebetskabinen, Wartelisten. Interessant, woran beim Kirchentag gedacht worden war. Die Population wurde dichter. Immer mehr orange Schals und Beutel mit DEKT-Aufschrift kamen uns entgegen. Eine jung gebliebene Dame hatte sich einen grauen Hoodie im Kirchentags-Look zugelegt. Zwei großen Augen schauten mich von ihrem Rücken aus an.

Markt der Möglichkeiten

Wir näherten uns den eigentlichen Messeständen und fanden uns plötzlich in einem wilden Durcheinander wieder. Das heißt, über einigen Ständen waren Tafeln mit Kategorien angebracht. Allerdings erschloss sich die Zusammenstellung nicht wirklich unserer Logik.

Hier eine Israel-Ecke, dort Freizeitheime, hier Hospitalschiffe und dort die Bundespolizei; Bücher, Verlage, Bibelschulen, Missionsgesellschaften, Godly Play, Nagelkreuz-Verein, Verein der ostpreußischen Ostkirche und interreligiöse Stände. Dazwischen noch Aktionen gegen Menschenhandel, Podiumsdiskussionen, Pfadfinder, die Internetmission, die Christoffel Blindenmission, die Jesuiten, christliche Berufsperspektiven und World Vision.

#Kirchentag
#Kirchentag - Du siehst mich.
Mitglieder und Spender

So muss Luther Rom erlebt haben: Spende für Kaffee, Spende für den Verein, ein Euro für den bedruckten Radiergummi, eine Unterschrift gegen die Bundeswehr und hier noch das Formular zum Eintritt in einen Förderverein. Wären wir auf all diese Wünsche eingegangen, hätte uns das viel Geld gekostet und rein rechnerisch täglich zur Teilnahme an mehreren Jahreshauptversammlungen verpflichtet. Die Vielfalt ist schön und bunt, könnte aber sicher auch gebündelt und damit effizienter gestaltet werden.

"Christ und nicht hetero", lasen wir an einem Stand, der uns auf die Umwidmung des Regenbogens einstimmte. Beim nächsten Anbieter mussten wir erst einmal schauen, in welchem Kontext der Regenbogen dort genutzt wurde. Aha, Holzspielzeug für Kinder. Überhaupt wirkten die Besucher wenig heterogen. Wer "kirchlich" ist, offenbart sich durch ein wesentliches Merkmal:

Die Brille.

Es muss ein Modell im dreistelligen Preissegment sein. Dazu graue oder weiße Haare. Frauen tragen das Haar maximal schulterlang und Männer zusätzlich einen kurzen Bart. Sportliche Ökokleidung und gepflegtes Äußeres, kombiniert mit einem intelligenten Blick runden den homogenen Kirchgänger ab. Was wir bisher nur instinktiv kategorisiert hatten, notierte ich auf einem Zettel und evaluierte es im weiteren Verlauf des (Kirchen-)Tages.

#Kirchentag
#Kirchentag - Marienkirche am Alexanderplatz (Foto: Archiv 27.06.2017)
Alexanderplatz

Am Abend schauten wir uns mehrere Musikveranstaltungen rund um den Alexanderplatz an. Mit geschärftem Blick erkannten wir die DEKT-Teilnehmer auch ohne den markanten orangen Schal. Eine Band aus dem Libanon fiel jedoch durch das kulturell-ethnische Raster. Die Rocker hätten auch als Europäer oder Amerikaner durchgehen können. Fasziniert lauschten wir ihrer musikalischen Darbietung. Ein Schwarzer tanzte, Frauen mit Kopftüchern blieben stehen und EKD-Mitglieder offenbarten ihr Rhythmus-Gefühl.

Im benachbarten Bücherzelt kauften wir eine Twitter-Bibel. In der Marienkirche lauschten wir dem Konzert von Einheimischen und Geflüchteten: Klassik auf höchstem Niveau aus einem Mix europäischer und nahöstlicher Klänge und Gesänge.

Auf dem Rückweg mit der Tram setzten sich zwei ältere Damen zu uns. Den Zweck ihres Berlin-Besuchs erkannten wir an den Brillen und den schulterlangen grauen Haaren.