Donnerstag, 14. Dezember 2017

Hörtest

Einige physische Gebrechen haben keine physische Ursache. Das wusste ich schon länger. Jetzt habe ich das erfolgreich in einem Selbsttest nachweisen können.



Kürzlich hörte ich eine Predigt, in der ein Pastor berichtete, dass ihn seine Frau zum Hörtest geschickt hatte. Das Ergebnis war ein hervorragendes Gehör, das nur auf einer Frequenz schwächelte: der Stimme seiner Frau.

Mein Sohn und ich wurden bereits mehrfach ermahnt, die Wortspiele am Frühstückstisch zu unterlassen. Ob Radio-Ansagen oder mehr weniger ernste Gespräche, gerne wechselten wir einzelne Buchstaben aus und veränderten damit auf humoristische Weise den Sinn des Gehörten. Humor empfanden allerdings nur mein Sohn und ich, so dass uns diese Art des Umgangs mit der Sprache untersagt wurde.

Mein Sohn hielt sich schnell daran. In meinem Alter dauert die Umstellung etwas länger. Frau und Tochter konnten sogar meinen Sohn überreden, in der Familienkonferenz für einen Besuch beim Hörgeräte-Service zu stimmen. Willig fügte ich mich der Mehrheit.

Kurz darauf bekam meine Frau eine Einladung zum Hörtest. Sie und ihre Mutter tragen Hörgeräte und sind damit sehr zufrieden. Es wäre doch schön, wenn auch der Ehemann wieder gut hören könnte. So nahm ich die Karte und spazierte zum Hörgeräte-Laden. Es war leer. Im Akustik-Labor saß noch eine Testperson. Zur Überbrückung der Wartezeit wurde mir ein Fragebogen gereicht: Ja, Nein, Ja, Nein und noch ein Freitext, was ich denn mit dem Hörtest erreichen wolle.

Der Freitext muss wohl die Adventswoche der Hörgeräte-Experten gerettet haben. Die Dame im Test-Labor lachte laut auf und tippte die Angaben in ihren Computer. Dann ging es los: Piep rechts, Piep links und immer schnell das Knöpfchen drücken. Dann musste ich mir noch einige absurde einsilbige Wörter anhören und wiederholen. Fertig! Was hatte nur bei meinem Vorgänger so lange gedauert?

Ein Klick und das Ergebnis wurde ausgedruckt: 100% Gehör und alles im Normbereich. Ich dachte an die Predigt. Stolz nahm ich den Ausdruck entgegen und spazierte nach Hause. Viral wurde das Ergebnis per WhatsApp verbreitet und das Blatt für den Hausarzt kopiert.

Der Beweis war erbracht: Gehör in Ordnung und eine sagenhafte Leistungsfähigkeit bei der selektiven Wahrnehmung. Letztere ist sehr praktisch bei der Ausblendung von Radiogedudel, flachen Unterhaltungen oder Ansagen, die keine Aktion meinerseits erfordern.

Selektive Wahrnehmung ist weiter verbreitet, als man landläufig annimmt. So wird diese vorwiegend auf das Reden Gottes angewendet oder gar auf das Lesen der Bibel. Besonders effektiv ist es dabei, gar nicht erst die Bibel zu lesen oder im Gebet immer nur selbst zu reden, statt auf Gott zu hören. OK, das war jetzt Ironie, aber auch diese versteht ja nicht jeder.

Montag, 11. Dezember 2017

Lunch bei Gemeinsam für Berlin

Vernetzung wird in der christlichen Szene unterbewertet. Immer wieder entdecken wir Parallelwelten oder Gemeinden, die regional gar nicht vernetzt sind. Heute besuchte ich das auf Vernetzung ausgelegte Lunch beim Gemeinsam für Berlin e.V.



In den letzten acht Jahren hatte ich verschiedene Wirtschafts-Clubs getestet und nur wenige Gruppen gefunden, bei denen Zeitaufwand, Kosten und Nutzen in einem sinnvollen Verhältnis stehen.

Einer der interessanteren Wirtschaftsclubs wirbt zurzeit um meine Mitgliedschaft. Um eine weise Entscheidung zu treffen, musste ich mich erst einmal beraten. Am Vormittag führte ich deshalb zwei längere Telefonate mit dem Effekt, dass sich die gesamte Tagesplanung verschob. So klingelte ich erst zehn nach eins an der Tür von GfBerlin.

Pünktlich 13 bis 14 Uhr

Ein Blick in den Raum offenbarte mir, dass ich der fünfte Teilnehmer war. Das akademische Viertel, das in Gemeinden der City-Region üblich ist, gab es hier nicht. Pünktlicher Beginn und pünktliches Ende, fast wie beim Politischen Frühstück im Haus der Commerzbank am Pariser Platz. Pünktlich heißt: 13 bis 14 Uhr. Das Lunch findet etwa zweimal pro Monat statt und ist offen für jeden, der sich in der christlichen Szene vernetzen möchte. Die Kosten werden per Spende gedeckt.

Divergente Teilnehmer

Heute saßen eine NGO-Vertreterin, ein Gemeindegründer, ein Pastor, Andrea Meyerhoff von GfBerlin und der Church Checker zusammen. Leckeres Essen mit Nachtisch und Salat plus Kaffee wurden verzehrt und dabei jede Menge Infos und weiterführende Kontakte vermittelt. Visitenkarten wechselten ihre Besitzer. Da ich vermute, dass diese Art Zusammentreffen unter Chatham House Rules ablaufen, kann ich hier keine weiteren Details veröffentlichen.

Der Exit

Am Ende - also kurz nach zwei - gab uns Andrea noch jede Menge Flyer mit und warb für das Gebets-Event EINS, das am 20. Januar 2018 in Schöneberg stattfinden soll.

Anfahrt und Abfahrt konnten nur bedingt mit der Länge des Meetings in Einklang gebracht werden. Dennoch waren die Begegnungen so wertvoll, dass sich der Weg gelohnt hatte.

Die pünktliche Entlassung hatte sogar den Effekt, dass viele Themen nur angerissen werden konnten und eine abschließende Erörterung die Beibehaltung der neuen Kontakte erforderlich machte. Sehr cleveres Format!

Montag, 4. Dezember 2017

Limelight Collection - Creativity @Heilsarmee

Die Limelight Collection ist ein interessantes Format der Annäherung an Bibeltexte. Ein Berufskünstler leitet die kleine Gruppe bei der Entfaltung ihrer Kreativität an. Heute Abend habe ich Limelight in Prenzlberg besucht.



Nach dem Gottesdienst zeigte mir ein bekannter Schauspieler sein Smartphone. "Kennst du das?", wollte er wissen. Ich sah eine Einladung zu Limelight für Montagabend. Die Adresse war identisch mit der von Gemeinsam für Berlin. Hm, Montag? Der Männerabend bei Eben Ezer war mir zu weit: Lankwitz. Prenzlauer Berg hingegen wäre in 20 Minuten zu erreichen - mal unabhängig von der Parkplatzsuche betrachtet. Wegen eines Paralleltermins könne der Schauspieler selbst wohl nicht mitkommen.

So machte ich mich heute alleine auf den Weg. Den Parkplatz fand ich wenige Meter vom Haus entfernt. Pünktlich halb acht betrat ich die Räume der Heilsarmee. Diese befinden sich im Kellergewölbe der Kastanienallee 71 - freundlich, gemütlich und weihnachtlich geschmückt.

Mittzwanziger, Tee und Englisch

Mit meinem Erscheinen erhöhte sich die Teilnehmerzahl auf vier. Tee wurde angeboten. Es gab auch kleine Schokokekse. Sprache der Wahl war Englisch. Das Limelight Collective verstand jedoch auch Deutsch, so dass wir uns bilingual verständigen konnten.

Innerhalb des akademischen Viertels trafen weitere Leute ein, so dass wir letztlich mit neun Personen starteten. Den homogenen Altersdurchschnitt von Mitte zwanzig überschritt ich um einige Jahre - um nicht gleich das Wort Verdoppelung zu verwenden. Ich schaltete um auf den Ich-fühle-mich-jung-Modus. Zunächst setzten wir uns um eine große Decke und sangen Weihnachtslieder mit Tejas, einem Softwareguru aus Indien. Tejas leitet übrigens die Jugendgruppe bei Saddleback, so dass sich hier völlig unerwartete Netzwerk-Verbindungen schlossen.

Matthäus 2

Dann bekamen wir eine kleine Einführung in Matthäus 2, 1-12. Alles auf englisch, aber egal. Wenigstens hatte ich am Sonntag den Akku nachgeladen, so dass meine Bibel-App wieder genutzt werden konnte. Außer Vulgata und Hebraica habe ich wohl nichts weiter auf dem Smartphone. Irgendwann ist der Speicher ja ausgereizt.

Nach einem entspannten Austausch über den Text verteilten wir uns im Raum. Buntstifte, Fasermaler, Kugelschreiber und Papier lagen bereit. Der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt. So wurde gemalt, getextet, sinniert, gebetet, gesessen, getanzt, gesungen oder Gitarre gespielt.

Papier und blauer Buntstift

Ich nahm ein Blatt Papier und malte mit einem blauen Buntstift, was mich bei diesem Text bewegte. Ein großer Stern im Zentrum, ein Weg, der sich langsam durch die dunkle Umgebung schlängelte und dann mitten in den Stern hineinmündete. Darunter das verschlafene Jerusalem, eine zugeklappte Bibel und ein Königs-Apfel mit Kreuz-Ornamenten, oder wie auch immer diese Kugel heißt, die die Könige auf alten Gemälden in der Hand halten. Letzteres symbolisierte das schockierte Jerusalem, den erschrockenen König Herodes und die desinteressierten Schriftkenner. Vers 10 bewegt mich schon seit gut 30 Jahren, als wir diesen Text erstmalig genüsslich mit Kollegen in einer Nachtschicht auf uns wirken gelassen hatten.

Kunstbetrachtung

Nach ausreichend viel Zeit kamen wir wieder an der flauschigen Decke zusammen. Es gab Brot und Butter - pardon bread & butter - eventuell in Anlehnung an das gleichnamige Festival of Style and Culture. In einer kreativen Reihenfolge stellten wir die Ergebnisse vor. Es wurden Bilder herumgereicht und jeder konnte sich einen Augenblick lang hineinversetzen. Wir kamen über Farben, Formen und den tieferen Sinn ins Gespräch und entdeckten Dinge, die selbst der jeweilige Künstler noch nicht bemerkt hatte.

Texte und Tanz

Kurze Texte wurden gelesen und eine Frau aus Ghana tanzte dazu. Sie erklärte uns jede ihrer Bewegungen, so dass ich erstmalig ein Verständnis für Ballett-Choreografie vermittelt bekam. Die Bewegungsabläufe waren so genial, dass ich wohl mit heruntergeklappter Kinnlade auf der Decke gesessen haben muss.

Drei Stunden City-Kreativität

Auf diese Weise hatte ich gar nicht bemerkt, dass schon drei Stunden vergangen waren. Der Abend wurde mit einem Gebet abgeschlossen und alle halfen noch beim Aufräumen. Wie ich erfuhr, kamen die Kreativen aus verschiedenen Gemeinden der weiteren City-Region: Wedding, Moabit, Mitte, Prenzlberg. Englisch war eine gute Option für die allgemeine Verständigung gewesen. Halb zwölf war ich wieder zu Hause.

Limelight findet jeden Montag statt und bietet einen guten Rahmen zur freien Entfaltung der Kreativität. Die geschaffene Kunst wird ernst genommen und das eigene Denken auf eine spannende Entdeckungsreise geschickt. Die Werke werden für spätere Inspirationen archiviert - als Original oder als Foto.

Sonntag, 3. Dezember 2017

Gemeinde Berlin in Moabit

Wer bei Google die Suchbegriffe "gemeinde" und "berlin" eingibt, bekommt als erstes Ergebnis Gemeinde-Berlin.de präsentiert. Nachhaltig setzt sich diese Domain gegen Webseiten des Mülheimer Verbandes und anderer Gemeinden in Berlin durch. Heute besuchten wir diese gut positionierte Gemeinde in Moabit.



Der Weg nach Moabit war gut bekannt. Vorbei an der Bundespressekonferenz, vorbei am Kanzleramt, vorbei am Innenministerium, vorbei am Hauptbahnhof, vorbei am Büro der Internetmission Berlin und dann noch zweimal rechts: Zwinglistraße.

"Katholisch können sie nicht sein", bemerkte mein Sohn mit Hinweis auf den Straßennamen. Das Häuser-Karree war dicht bebaut und präsentierte sich mit einer interessanten Innenhof-Landschaft, zu der auch das zweistöckige Haus der Gemeinde in Berlin gehörte. Nummer 32a machten wir anhand eines kleinen Schaukastens aus. Daneben eine breite Gitterpforte - verschlossen. Eine Viertelstunde vor Gottesdienstbeginn war eventuell zu früh. Wir begaben uns auf den Nachbarhof und suchten nach einem alternativen Zugang. Nichts!

Versammlung um den Tisch des Herrn

Wer bei eisiger Kälte nach Moabit fährt, gibt nicht so schnell auf. So gingen wir wieder zum Gittertor. Im gelben Gemeindehaus regte sich etwas. Ein junger Mann hatte uns erspäht und gewährte uns den Einlass auf den Hof und ins Haus. Helle schlichte Räume, sehr funktional eingerichtet. Im Hauptsaal waren jeweils zwei Stuhlreihen um einen Tisch gruppiert, den "Tisch des Herrn".

Wenig später trafen weitere Besucher ein und begrüßten uns freundlich. Überhaupt eine sehr integrative Atmosphäre bei der "Gemeinde in Berlin". Fast alle strahlten einen tiefen inneren Frieden aus. Das ist selten in dieser geballten Form anzutreffen.

Bibel dabei und wiedergeboren

"Hier hätten wir wohl unsere Bibeln mitbringen sollen", flüsterte mein Sohn herüber. Wegen des späteren Abendmahls wurden wir gefragt, ob wir wiedergeborene Christen seien. Das konnten wir positiv beantworten.

Die Versammlung begann mit einer spontanen Lesung aus Psalm 122. Die versammelten 20 Personen stimmten in den Text ein und bestätigten einzelne Passagen durch betonte Wiederholungen und mehrfaches Amen. Wenn Worte hängen blieben, wurden diese noch einmal ausgesprochen. Die Augen glänzten und es war zu merken, dass die Bibelverse regelrecht in den Menschen lebten. Sie inhalierten den Text und atmeten diesen mit Leidenschaft aus.

Zwei Frauen hatten uns Bibeln gereicht, so dass wir uns aktiv beteiligen konnten. Meine Bibel-App war nicht mehr nutzbar, da sich der Akku verabschiedet hatte.

Wenn ihr zusammenkommt, trägt jeder etwas bei.

Das Bibel-Wissen war faszinierend. Wir fühlten uns wie in 1. Korinther 14 Vers 26: "Wenn ihr zusammenkommt, trägt jeder etwas bei: einer einen Psalm, ein anderer eine Lehre, der dritte eine Offenbarung; einer redet in Zungen und ein anderer übersetzt es. Alles geschehe so, dass es aufbaut."

Psalmen, Lieder, Psalmen, Jeremia, Hebräerbrief, Epheser - je nach Assoziation von Kontext oder einzelnen Worten wurde quer durch die Bibel gesprungen. Dennoch ergab sich ein sinnvoller Faden. Ich war erstaunt, wie gut und harmonisch das funktionierte. So völlig ohne Alleinunterhalter auf der Kanzel. Zwei Stunden lang.

Abendmahl

Zur Halbzeit wurde das Abendmahl gereicht. Alle zitierten die entsprechenden Bibelstellen. Knack - brach das Brot auf dem Teller. Es gab Wein und Traubensaft. Dazu Lieder und Psalmen. Danach ging das Bibelgespräch weiter.

Am Ende gab es Ansagen und Segnungen. Anschließend wurden wir persönlich nach Karlsruhe eingeladen und verließen nach einem kurzen Smalltalk die Gemeinde. Schließlich hatten wir uns um 12 mit dem Rest der Familie verabredet.

Schublade

Auf der Fahrt zur Kalkscheune unterhielten wir uns über das Erlebte. Im Liederbuch hatten wir keine Namen von Autoren oder Komponisten gesehen. Es waren nur Noten, Texte und Bibelstellen abgedruckt. Als Bibelübersetzungen waren Luther und eine andere Version verwendet worden. Es klang nach Elberfelder, wohl weil die Urtexte von Nestle-Aland ins Deutsche übertragen worden waren. Ganze Passagen konnte die Gemeinde gemeinsam aus dem Gedächtnis rezitieren. So etwas hatte ich bisher nur in Brüdergemeinden erlebt. So richtig passte die Brüder-Schublade aber nicht, weil die Gemeinde zu charismatisch war.

Die bemerkenswerte Indizierung von gemeinde-berlin.de bei Google schien in Moabit niemanden zu interessieren. Die Webseite hat den optischen Stand von 2007. Die Informationen sind spärlich und die Wortwahl für langjährige Christen verständlich. Ein erklärtes Alleinstellungsmerkmal der Gemeinde in Berlin ist folgendes: Nur eine Gemeinde pro Ort. Deshalb auch keine Vernetzung innerhalb der durchaus lebendigen christlichen Szene der Stadt.

Vernetzung charismatischer Brüder

Vernetzung gibt es dennoch: bundesweit und weltweit, wie uns die Link-Seite der Gemeinde in Karlsruhe verriet. Dort wurde dann auch eine Brücke geschlagen zu den Prinzipien von Watchman Nee. Watchman Nee lebte von 1903 bis 1972 in China. Geprägt wurde er durch die Plymouth Brethren - also tatsächlich eine Brüdergemeinde.

Während sich die Brüderbewegung in Deutschland mit der Ausübung der im ersten Korintherbrief beschriebenen Geistesgaben schwer tut, wurden diese in China offensichtlich gerne angenommen und schwappten dann sehr zaghaft nach Europa zurück. Eine interessante Kombination, der man hier normalerweise nur als Entweder/Oder von evangelikal versus charismatisch, gesetzlich versus liberal oder bibelwissend versus erlebnisorientiert begegnet.

Freitag, 1. Dezember 2017

Christ erscheint vor dem 1. Advent

Die Ereignisse des heutigen Tages bieten eine Steilvorlage für Predigten zum ersten Advent. Während vier Sonntage lang symbolisch auf die Ankunft (Adventus) von Jesus gewartet wird, ist heute in Berlin der Christ erschienen.



Eine bunte Schar einfacher Menschen blickte auf den großen Stern - Herrnhut. Dieser wird in wenigen Tagen das Innere des Präsidialamtes erhellen. Die rauen Männer und wenigen Frauen waren in ihrer Arbeitskleidung gekommen und warteten auf das Signal. Als ihre Hirtin kam, folgten sie ihr über das holperige Pflaster des Gartens in ein festlich erleuchtetes Haus.

"Lasset uns hinaufgehen", heißt es in Lukas 2 Vers 15. So stieg die bunte Schar erst eine Treppe, dann noch eine Treppe und schließlich auf ein hölzernes Podest hinauf. Dort positionierten sie die Kameras.

Christ, weise Männer und Geschenke

Kurz nach elf erschien der Christ - sein Vorname: Josef. Ort: kein Stall mit Krippe, sondern ein Schloss - das Schloss Bellevue am Großen Stern.

Statt Caspar, Melchior und Balthasar waren Männer eines vergleichbaren Ranges zugegen: Frank-Walter Steinmeier, Thomas de Maizière und Andreas Voßkuhle. Wie die Weisen aus dem Orient hatten auch sie eine Schatulle mit wertvollem Inhalt dabei: Das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Abweichend von den Berichten aus Matthäus 2 wurde diese Schatulle nicht dem Josef Christ überreicht, sondern seinem Vorgänger Wilhelm Schluckebier. Schluckebier und Christ stehen der Christ-Demokratie sehr nahe.

12 Jahre

12 Stämme Israel, 12 Apostel, 12 Jahre Amtszeit eines Verfassungsrichters. Obwohl seine 12 Jahre noch nicht vollendet waren, wurde Wilhelm Schluckebier vorzeitig entlassen. Er bekam heute sogar eine Entlassungs-Urkunde. Entlassung ist ein Wort, bei dem wohl jeder Arbeitnehmer zusammenzuckt. Wilhelm Schluckebier trug es mit Fassung und Freude. Die etwa 30 Gäste applaudierten sogar. Vor wenigen Tagen hatte er seinen 68. Geburtstag gefeiert und war damit dem Dämpfungsfaktor Alter erlegen. Das ist ein durchaus biblisches Prinzip für die Karriere eines Leviten - pardon Verfassungsrichters.

Wilhelm Schluckebier war im Strafrecht zu Hause und musste sich mit einigen neuen Themen wie Kopftüchern, Flüchtlingen und der elektronischen Fußfessel beschäftigen. Er galt als besonnen und fachkompetent. Auf mich machte er einen sehr bescheidenen, freundlichen und insgesamt sympathischen Eindruck.

Christ, Big Data und Familie

Sein Nachfolger, Josef Christ, kennt sich mit Big Data, Wirtschaft und Vermögen aus. Er kommt aus dem südlichsten Süden Süddeutschlands. Mit dem neuen Arbeitsort Karlsruhe kommt er seiner Familie sehr entgegen. Diese hatte dem schwäbischen Umzugs-Hype nach Berlin erfolgreich widerstanden. Der Bundespräsident ging darauf sogar in seiner Rede ein.

Auch Josef Christ darf nur eine biblische Zahl von 7 Jahren im Amt bleiben, da er bereits 61 ist. Das sieht man ihm nicht an. Dennoch eine weise Regelung, die auch auf Gemeinden und parakirchliche Organisationen adaptiert werden könnte.

Nach einer halben Stunde verschwanden Christ und Gäste im großen Saal. Die Männer und Frauen auf dem hölzernen Podest packten ihre Habe zusammen und verließen freudig den Ort. Hatten sie doch heute viel erlebt und den Schwur von Josef Christ gehört, der mit den Worten endete: "So wahr mir Gott helfe."

Video: Wechsel beim Bundesverfassungsgericht

Mittwoch, 22. November 2017

40 Tage Gebet @Saddleback

Kurzzeit-Aktionen wie 7 Tage Fasten, 6 Wochen Ehekurs oder 40 Tage Gebet eignen sich hervorragend zum Appetit machen. Gut, wenn die positiven Erfahrungen dieser Zeit die Beziehung zu Jesus nachhaltig prägen.



Rick Warren, der Hauptpastor von Saddleback in Kalifornien, ist bekannt für seine ausgereifte Didaktik. Begriffe werden in einzelne Buchstaben zerlegt und den Buchstaben Sinn stiftende Bedeutungen verliehen. Es wird mit Zahlen und Aufzählungen jongliert. Bei Seminaren gibt es dicke Begleithefte mit selbst zu ergänzenden Lückentexten. Zur sonntäglichen Predigt werden Zettel mit den Bibeltexten und Platz für eigene Notizen gereicht. Nahezu jede Zusammenkunft - ob Hauskreis, Mitgliederseminar oder Gottesdienst - wird mit einem Video unterlegt. Letzteres schon etwas zu viel für meinen Geschmack, auch wenn die Nutzung von Videos durchaus Vorteile hat.

40 Tage Gebet - weltweit und in Kleingruppen

Konzertierte Aktionen wie 40 Tage Gebet schweißen eine Gemeinde zusammen, fördern den Austausch über gemachte Erfahrungen und verbinden Personen, die sich vielleicht bisher nicht kannten.

Wir entschieden uns zur Einrichtung eines Kurzzeit-Hauskreises, an dem sogar unsere Kinder teilnehmen. Die bunten Begleithefte, die es übrigens auch auf Deutsch gibt, laden zum Mitmachen ein und bieten genug Platz für Notizen. Jeden Tag gibt es einen kurzen Bibeltext und drei Fragen dazu. Ich habe die Bearbeitung auf den Morgen gelegt, so dass der Tag gleich mit Gedanken über Gott beginnt. Einmal in der Woche treffen wir uns mit den Hauskreis-Teilnehmern und tauschen uns aus. Dazu gibt es - na, ratet mal - ein Video und Tee und Weihnachtsgebäck.

Vaterunser

Die Predigten am Sonntag flankieren das Thema, so dass wir uns in eine weltweite Aktion eingebunden fühlen. Am letzten Sonntag sprach Rick Warren über das Vaterunser (Matthäus 6, 9-13). Erstaunlich, was sich aus diesem Text immer wieder herausholen lässt. Der geborene Didaktiker aus Amerika teilte das Vaterunser auf den Tag auf. Das ist eine moderne Form des Gedächtnis-Trainings. Gegenstände, Zeit-Marken, Orte, Personen werden zu Erinnerungspunkten für andere Themen, so dass beispielsweise ein regelmäßiger Gebets-Impuls ausgelöst wird.

Der von Rick Warren skizzierte Tagesablauf mit Vaterunser sah wie folgt aus:

  1. Aufwachen - Dank an Gott
  2. Frühstück - Namen Gottes und deren persönliche Bedeutung
  3. Vormittag - Was sind Gottes Prioritäten in meinem Leben?
  4. Mittag - Was ist mein heutiger Bedarf?
  5. Nachmittag - Wen habe ich verletzt? Wem habe ich zu vergeben?
  6. Abend - Gebet um weise Entscheidungen
  7. Vor dem Einschlafen - Nimm eine ermutigende Wahrheit aus der Bibel in dich auf!

Bisher war mir auch noch gar nicht so bewusst aufgefallen, dass Jesus "so sollt ihr beten" statt "das sollt ihr beten" sagt. Damit gibt er einen Leitfaden statt eines auswendig zu lernenden Textes weiter.

Inzwischen haben wir die Halbzeit überschritten und konnten einige gute Erfahrungen machen. Diese schreiben wir in die Begleithefte und reden beim nächsten Treffen darüber. Ich bin gespannt auf die finalen zwei Wochen und was sich im globalen Maßstab durch diese Gebetszeit tut.

Sonntag, 19. November 2017

Volkstrauertag - Ewigkeitssonntag - 1. Advent

Der heutige 19. November fällt mit dem Volkstrauertag zusammen. Ein bedeutungsvoller Tag für unsere Familie, der Geschichte und Gegenwart verbindet.



Der Volkstrauertag wurde 1919 als Gedenktag vorgeschlagen und erstmalig am 1. März 1925 begangen. Bis 1951 fand der Volkstrauertag im Februar oder März statt - Reminiscere, dem fünften Sonntag vor Ostern. 1952 wurde er auf den zweiten Sonntag vor dem ersten Advent gelegt. Gedacht wird insbesondere an die Menschen, die durch Krieg und Gewalteinwirkung ums Leben gekommen sind.

Im Dritten Reich wurde der Tag auf den 16. März festgelegt. Am 16. März 1935 war die Wehrpflicht reaktiviert worden und damit ein passender Anlass, von der christlichen Zeitrechnung abzuweichen.

Volkstrauertag 2017 Neue Wache Kranzniederlegung
Volkstrauertag 2017 - Neue Wache - Kranzniederlegung
Volkstrauertag - Ewigkeitssonntag - 1. Advent

Der Volkstrauertag ist nicht zu verwechseln mit dem Totensonntag. Der Totensonntag - auch Ewigkeitssonntag genannt - ist ein evangelischer Gedenktag an die Verstorbenen - egal, in welcher Form sie abgelebt waren. Der Ewigkeitssonntag findet am letzten Sonntag des Kirchenjahres, also am Sonntag vor dem ersten Advent, statt. So ergibt sich die zeitliche Abfolge: Volkstrauertag, Ewigkeitssonntag, 1.Advent.

19. November

Die Eltern meiner Frau waren beide an einem 19. November geboren. 2016 feierte meine Schwiegermutter das erste Mal in Schwarz und ohne ihren Mann. Er war wenige Tage zuvor gestorben. Auch in diesem Jahr war es sehr knapp: Fast wären meine Schwiegermutter und ich nicht dabei gewesen.

Zum Volkstrauertag oder dem Ewigkeitssonntag habe ich keine besondere Beziehung. Warum auch? Von den Taten und Persönlichkeiten der Verstorbenen können wir einige Dinge lernen. Wir können uns an gemeinsame Erlebnisse erinnern und dann wieder unserem Alltag zuwenden. Ein Teil von ihnen lebt ja als DNA in uns weiter.

19. November 2017

Im Gottesdienst trafen wir einen Pastor, den wir noch aus früheren Zeiten kannten. Trauer über Vergangenes? Nein, stilles Verständnis. Nach dem Gottesdienst eilte ich zur Neuen Wache. Bei klirrender Kälte und schneidendem Wind trugen Minister und Präsidenten Kränze in einen LED-beleuchteten Raum. Wo einst die "Ewige Flamme" loderte, sitzt nun eine Mutter mit ihrem toten Sohn. Keine Pieta mit der kreuzförmig angeordneten Maria, die Jesus festhält, sondern eine Mutter des 20. Jahrhunderts, die ebenfalls um ihren Sohn trauert.

Danach trafen wir uns beim Thailänder und starteten in den Geburts-Tag meiner Schwiegermutter. Die Tage, an denen sie Schwarz trägt, werden immer weniger. Den Gang zum Friedhof hatte sie schon gestern absolviert. Heute standen nur noch Kaffee trinken, Abendessen und Gemeinschaft mit der Familie auf dem Programm.

Donnerstag, 16. November 2017

Disruption nach 1. Könige 11, 11

Disruption ist ein Wort, das zeitgleich mit Industrie 4.0 und Big Data in Mode gekommen ist. Inzwischen wird es zwar durch Jamaika überlagert, hat aber nichts von seiner Brisanz verloren. Umso erstaunter war ich, dass bereits die alten Römer und Vulgata-Übersetzer Hieronymus (347-420) mit diesem Wort vertraut waren.



Die Bibel ist Big Data. Egal, wie oft ich sie lese, ich entdecke immer wieder Neues. Das liegt wohl daran, dass sie mich in verschiedenen Lebenssituation und fortlaufenden Altersetappen begleitet. Momentan bin ich beim ersten Könige-Buch. Und auch hier ist es das 11. Kapitel, in dem die Situation kippt.

Samuel und die vier Könige-Bücher

Das erste Könige-Buch schließt nahtlos an den 2. Samuel an. Kein Wunder also, dass einige Übersetzungen den Samuel als erstes und zweites Könige-Buch umwidmen und die bekannten Könige einfach als drittes und viertes Buch zählen. Im ersten Kapitel übergibt David die Amtsgeschäfte an Salomo, setzt einige Themen auf dessen Agenda und schläft in Kapitel 2, 10 ein.

Salomo arbeitet die Agenda ab, bekommt die größte Weisheit, die je ein Mensch bekommen konnte. Dazu bekommt er Reichtum und Frieden an sämtlichen Grenzen. Salomo baut den ersten Tempel in Jerusalem.

Fallen des Glücks

Zur Abrundung des Glücks nimmt er sich insgesamt 1.000 Frauen. Letzteres erfahren wir in Kapitel 11. Vers 4 berichtet uns, dass die Frauen es schaffen, das Herz des alt gewordenen Salomo dazu zu bewegen, anderen Göttern nachzulaufen. Detailliert wird beschrieben, welche Götzentempel er wo bauen lässt. Wegen der bisher so guten Beziehungen zu Gott erscheint Gott höchst persönlich und teilt Salomo sein Missfallen mit. Bei Leuten, die keine so enge Beziehung zu Gott haben, werden entweder Boten gesendet oder das Gericht bricht ohne weitere Vorwarnung herein.

Salomo und die Disruption

Gott spricht Klartext mit Salomo: "disrumpens scindam regnum tuum ei dabo illud servo tuo" (Vulgata). Zu Deutsch: "deine Regierung wird disruptiert, abgeschnitten und deinem Mitarbeiter gegeben". Das Wort scindere (spalten, trennen, teilen, abschneiden) taucht mehrfach im Kapitel 11 auf. Das Wort rumpere (auch ruptum) nur in Vers 11. Kann man sich gut merken: 11, 11.

Rumpere oder ruptum bedeutet: zerbrechen, zerreißen, zersprengen, verletzen, vernichten, auflösen oder unterbrechen. Der Ruptor ist der Verletzer - auch im Sinne von Vertragsbruch. Neudeutsch wird immer noch das die Trennung verstärkende Dis davorgesetzt.

Und tatsächlich geht es bereits in Kapitel 11 zur Sache. Israel bekommt Stress an den Grenzen, seitens der zum Tribut verpflichteten Fremdvölker und durch innenpolitischen Druck. Fortan wird Salomo mit asymmetrischen Konflikten und handfesten kriegerischen Auseinandersetzungen beschäftigt. Im Gegensatz zu seinem Vater bewirkt das jedoch keine Hinwendung zu Gott, sondern eine geistliche Erosion. Sein Sohn verliert bereits nach wenigen Tagen Regierungszeit zehn von zwölf Volksgruppen. Als er diese mit Gewalt zurückholen will, hört er auf den Boten Gottes und fügt sich in die Situation.

Disruption der Neuzeit

Vor zwei Jahren besuchte ich eine Konferenz, von der ich inhaltlich kaum etwas erwartete. Den Artikel hatte ich bereits in der Schublade und wollte ihn vor der Veröffentlichung nur noch mit ein paar Erlebnissen vor Ort ausschmücken. Es sollte mal wieder um Disruption und Vier-Punkt-Null gehen. Wie langweilig!

Allerdings sprach diesmal nicht Günther Oettinger über Kühe mit PH-Wert-Chip und Schlaglöcher statt Funklöcher, sondern Christoph Keese von Axel Springer. Er hatte im Silicon Valley nachgespürt, was Disruption bedeutet. Entsprechend spannend war sein Vortrag, der beste übrigens, den ich je zu diesem Thema gehört habe.

Bemerkenswert wäre die allgemeine Arroganz des Establishments, das sich als "Halbtoter auf dem Weg zum Friedhof" lange über die Bemühungen des Disruptors amüsierte. Christoph Keese prognostizierte eine Sterblichkeit durch alle Branchen von 95%. Abschließend bemerkte er: "Disruptoren greifen an, wo Sie es nicht erwarten, mit Dingen, die Sie nicht ernst nehmen."

Disruption im Reich Gottes

Es ist immer wieder interessant, wenn Vertreter etablierter Strukturen von "Ecclesia semper reformanda" reden und sich wohlwollend auf die eigene Schulter klopfen. Die immerwährende Rückformung der Gemeinde betreffe schließlich nur die Anderen. Und dabei disruptieren die hierarchisch Unbeachteten ständig - semper sozusagen - das große Gebilde, indem sie fern bleiben, eigene Aktionen durchführen oder ihren persönlichen Glauben mit anderen Quellen ernähren.

Dass etablierte Kirchen und Gemeinden an Mitgliederschwund leiden, ist eine Wirkung von Disruption. Kontemporäre Gemeinde-, Kleingruppen- und Gottesdienst-Formen ziehen geistlich hungrige Christen und neugierige Interessenten an. Diesen Gemeinden wird gerne Transferwachstum vorgeworfen, da sie wertvolle Mitarbeiter aus Bestandsgemeinden abzögen. Das ist nur bedingt richtig. In den letzten drei Jahren durften wir feststellen, dass sich in diesen modernen Gemeinden regelmäßig Menschen für Jesus entscheiden, also ganz neu dazukommen.

Disruption ist aber auch im globalen Maßstab zu betrachten. Ein Christ, der seinen Glauben 24/7 lebt, wird seine alltägliche Umgebung disruptieren und damit positiv verändern. Selbsttests bestätigen das.

Montag, 6. November 2017

2. Samuel - Wenn die Biografie kippt...

Nach dem 1. Samuel ist folglich der 2. Samuel dran. Auch dieses Buch aus dem Alten Testament ist harte Kost. Da ich wusste, was darin passiert, zögerte ich diesmal mit dem Weiterlesen. Der angeborene Drang zum Durchlesen setzte sich aber durch.



"Beni-------i Avschalom, Beni-------i", weinte David seinen Schmerz hinaus (2. Samuel 18,33). Fassungslos standen die Boten vor ihm. Gerade hatten sie ihm die freudige Nachricht überbracht, dass sein Feind getötet worden war. Sein Feind, sein eigener Sohn: Absalom - wie die Vulgata den Namen in unsere Buchstaben fasst.

Mit qol gadol - einer großen Stimme - wiederholte David den Aufschrei in Kapitel 19 Vers 4. Sein Heerführer Joab war das Morden gewohnt und hatte nun auch den Sohn des Königs getötet, entgegen dem ursprünglichen Befehl. Ganze acht Verse brauchte David, um sich zu erheben und im Stadttor Platz zu nehmen. Das Volk war frustriert darüber, dass David offensichtlich seine Feinde liebt und seine Freunde hasst (19,6).

Wie das Unheil seinen Lauf nahm:

Als ich diesen Text vor ein paar Jahren erstmalig auf Hebräisch las, wurde mir die ganze Tragweite der Situation bewusst. Der tiefe Schmerz, der durch David ging. Absalom war nun schon der zweite Sohn, der gewaltsam ums Leben gekommen war. Ein dritter Sohn war sieben Tage nach der Geburt gestorben. Und damit hatte alles begonnen...

Eine Segenslinie zieht sich von 1. Samuel 16 bis ins 10. Kapitel des 2. Samuel-Buches. Kapitel 11 beginnt daher fast idyllisch mit der Jahreszeit, in der die Könige damals zum Krieg auszogen, David auf der Dachterrasse entspannte und eine Nachbarin ein Bad nahm. Kurz darauf war die Nachbarin schwanger und der treue Ehegatte der Nachbarin überbrachte dem oben erwähnten Joab sein eigenes Todesurteil - einen Brief, geschrieben von König David. Der Plan ging auf, der Ehemann starb und Nathan kam.

Weiterleben mit Auflagen

Nathan war der Prophet, der öfter mit David sprach und ihm auch unangenehme Dinge sagen konnte. In Abwägung der innigen Beziehung, die der König bisher zu Gott gehabt hatte, durfte David zumindest weiterleben (12,13).

Noch in Kapitel 12 starb das Kind und David atmete auf. Hatte er doch damit das erste Gericht Gottes überstanden. In Kapitel 13 nahm das Verhängnis seinen weiteren Lauf: Davids Sohn Amnon vergewaltigte die Schwester Absaloms - sie hatten unterschiedliche Mütter. David hörte zwar davon und war sehr traurig - unternahm aber nichts.

Absalom konnte sich bemerkenswert gut beherrschen. Zwei Jahre lang ließ er sich nichts anmerken und erschlug dann bei einer Party seinen Halbbruder Amnon. Damit war Absalom der neue Erstgeborene und musste fliehen. Drei Jahre lang lebte er im Exil. Dann holte ihn Joab zurück nach Jerusalem. Es dauerte weitere zwei Jahre bis Absalom endlich seinen Vater sehen durfte. Der Wortwahl nach muss die Begrüßung ähnlich emotional verlaufen sein, wie die des verlorenen Sohnes.

Absalom baute seinen Einfluss aus und fühlte sich irgendwann so stark, dass er gegen seinen Vater putschte. Er nahm sich die Nebenfrauen Davids und erfüllte damit einen Teil der Prophetie Nathans. Es kam zum Kampf zwischen Absaloms Heer und Davids Leuten unter Joab. Das Ende kennen wir bereits: "Mein So-------ohn Absalom, mein So-------ohn".

Ganze 11 Kapitel wird der Bibelleser zum Mitleiden angeregt. Erst in 2. Samuel 22 wird diese Linie der Konsequenzen durchbrochen.

Negativ-Beispiele

Beim gedanklichen Scan der Bibel fielen mir erschreckend viele Personen ein, bei denen die Biografie ins Negative gekippt war: Adam, Eva, Saul, Gideon, Hiskia, Salomo, Hannanias, Zafira, Judas, Bileam, Gehasi.

Ihre Fallstricke waren Habsucht, Eigenwille, Erfolg, Toleranz, Angst und Eitelkeit.

Im Leben von Herodes, Ahab, dem Gelähmten vom Teich Bethesda oder Kain gab es zwar göttliche Begegnungen, aber keine Änderung. Sie blieben bis zum teilweise unappetitlichen Tod in ihrer gottesfernen Biografie verhaftet.

Positiv geändert

Wer hatte sich im Alten Testament eigentlich positiv gewandelt? Jesaja? Naomi? Manasse? Nebukadnezar? Ja, Nebukadnezar ist ein gutes Beispiel aus dem Daniel-Buch.

Von Daniel wird so berichtet, als sei er immer schon ein Freund Gottes gewesen. Gleiches ist bei Henoch, Noah, Abraham, Melchisedek und Hiob der Fall.

Im Neuen Testament fallen mir ad hoc mehr Biografien ein, die sich radikal zum Positiven gewandelt hatten - mal abgesehen von der Metapher des verlorenen Sohnes. Da gibt es den Hauptmann Cornelius, den Zöllner Zachäus, den Zöllner Matthäus, Maria von Magdala, den Gefängnisleiter von Philippi, Paulus, die Korinther, die Epheser und Petrus - um nur einige zu nennen.

Wie kann ein Kippen der Biografie verhindert werden?

Schauen wir uns dazu noch einmal David ab 2. Samuel 12 an:

Zunächst hörte er sich aufmerksam an, was Nathan zu sagen hatte. Er beurteilte die Situation nach göttlichen Maßstäben. Diese waren tief in ihm verwurzelt. Final kommentierte er die Situation mit: "Ich habe gegen den Herrn gesündigt". David war also nicht beratungsresistent. Er hörte und bekannte.

David trug die Konsequenzen seines Handelns - mit Gottes Hilfe. Er übernahm die Verantwortung für sein Fehlverhalten und versuchte es nicht zu übertünchen oder anderen in die Schuhe zu scheiben. Letzteres hatten ja Adam und Eva gemacht und mussten in der Folge den Garten Eden verlassen.

David wusste, dass das Leben weitergeht. Deshalb stand er auf, suchte die Nähe Gottes und lebte weiter. Dieses Prinzip wird bereits in Kapitel 12,19-20 deutlich: David hatte sich nach der Vollendung der ungewollten Schwangerschaft auf den Erdboden geworfen - iacuit super terram - und gefastet. Nach sieben Tagen starb das Baby und die Diener wussten nicht, wie sie es David beibringen sollten, bis er selbst nachfragte. Dann lesen wir: "Als sie ihm antworteten, dass er tot ist, stand David vom Erdboden auf".

Davids Sohn Salomo, der Bruder des verstorbenen Babys, schrieb dazu in Sprüche 24, 16: "Denn der Gerechte fällt siebenmal und steht wieder auf; aber die Gottlosen stürzen nieder im Unglück."

Samstag, 4. November 2017

Abend für Paare in der LKG Eben Ezer

Eine Ehe zwischen Mann und Frau gilt heute als antiquiert und homophob. Umso wichtiger ist es, dieser Minderheit Hilfe zur Selbsthilfe an die Hand zu geben. Gestern besuchten wir einen Paar-Abend in Lichterfelde.



SMS, Facebook und WhatsApp sollen Anzahl und Umfang von Missverständnissen deutlich erhöht haben. So kam der Hinweis auf den Paar-Abend bei Eben Ezer per WhatsApp. Meine Rückfrage nach Dresscode und Kosten wurde mit einem kurzen "nothing" beantwortet. Bezog sich das auf den Dresscode oder auf die Kosten? Ich fragte zurück.

Da ich am Nachmittag noch beim Berlin Tattoo war, trafen wir erst kurz nach sieben in der Celsiusstraße ein. Ich war müde und hungrig. Vor der Tür stand ein Feuerkorb - ohne Grillfleisch. Ein kurzer Blick in den Eingangsbereich verriet uns: Paar-Abende bei Eben Ezer sind beliebt - sehr beliebt.

Feuerschale, Eis und Vorraum

Als die WhatsApp kam, hatte ich sofort ein romantisches Candle Light Dinner mit maximal fünf Paaren im Sinn. Nun standen wir einer Situation ähnlich der Rush Hour am Times Square gegenüber. Deshalb wechselten wir einige Worte mit dem Veranstalter-Ehepaar, die uns auf einen Eisblock neben dem Feuerkorb hinwiesen. "Schaut mal genau hin", bat uns Birgit. Tatsächlich, da waren Playmobil-Figuren im Eisblock. Mir fiel der saisonal produzierte Playmobil-Luther ein. Auf Nachfrage wurde bestätigt, dass es sich hierbei nur um ein Hetero-Paar handele. Ich war beruhigt.

Im Vorraum trafen wir erstaunlich viele Bekannte. Sie hatten alle ihre Partner dabei. Aber wo war das Essen? Auf dem Weg zum offiziellen Teil griff ich mir noch drei Salzstangen und begegnete damit dem penetranten Hungergefühl. Im Gemeindesaal lagen Eis-Bonbons auf den Plätzen. Sehr gut! Das Bonbon-Papier legten wir neben einen Zettel mit zwei Thermometern.

Impulsvorträge und Gespräche mit dem Partner

Die nächsten zwei Stunden waren gefüllt mit kurzen Impulsvorträgen vom Altarbereich aus. Diese wurden durch praktische Übungen in Form von Gesprächen mit dem eigenen Partner aufgelockert. Jeder sollte auf den Thermometer-Zetteln die aktuell gefühlte Temperatur der Beziehung eintragen. Wir lagen fast gleich mit unserer Einschätzung.

Das Thema lautete übrigens: "Zurück zur ersten Liebe". An einer Stelle des Abends sollten wir aufschreiben, welche Bedürfnisse wir bei unseren Partnern wahrnehmen. Mir fielen auf die Schnelle drei Punkte ein. Zusätzlich notierte ich meine eigenen Bedürfnisse und schob den Zettel meiner Frau zu: "müde, 21:00, Hunger".

Der Spannungsbogen wurde dadurch aufrecht erhalten, dass es im vorletzten Teil um Zärtlichkeiten in Theorie und Praxis gehen sollte. Der Praxisteil wurde theoretisch behandelt. Im Finale gab es einen Vortrag über die verändernde Kraft des heiligen Geistes.

"Ich will jetzt einen Döner essen", schrieb ich auf den Zettel und zeigte ihn meiner Frau. Sie verwies auf die angekündigte Suppe. Vielleicht gab es die ja schon um sieben und wir hatten die verpasst. Nein, das könne nicht sein. Schließlich sei keines der Hemden bekleckert. "Siehst du, alles Dunkelblau", zeigte sie auf den Pullover eines Mannes, der über die Bühne zum WC eilte.

Suppe und Networking

Viertel nach neun war alles gesagt und das Networking konnte beginnen. Meine Vorstellungen von "Suppe" wurden nun durch die Praxis korrigiert. Im Café-Bereich der Gemeinde waren sechs Töpfe mit verschiedenen Suppen aufgereiht. Alle sahen sehr lecker aus. Dazu Schmand und geröstetes Brot sowie Käse in sämtlichen Formen und Farben.

Nachdem ich nur noch müde - aber nicht mehr hungrig - war, verbrachten wir noch mindestens eine Stunde in den gemütlichen Räumen von Eben Ezer. Als wir gingen, war die Playmobil-Frau schon fast aufgetaut. Der Mann hingegen war immer noch fest im Eisblock verhaftet.

Mittwoch, 1. November 2017

Church Checker sagt Danke: 100.000 Leser

Vor 500 Jahren und einem Tag hatte Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlicht. Passend dazu hat Church-Checker.de heute die Leserzahl von 100.000 überschritten. Ein Grund, allen Ideengebern, Darstellern, Co-Autoren und Lesern Danke zu sagen.



Der Blog war 2010 ins Leben gerufen worden. Damals hatte ich eine Mitarbeiterin gebeten, den Bezirk Marzahn multimedial mit christlichen Inhalten zu bearbeiten. Es war schon lange mein Hobby, Gemeinden und Werken bei Google eine bessere Position zu verschaffen. Diesmal ging es um die Suchergebnisse für das Keyword: marzahn. Dabei entstanden Beiträge mit einer Gesamt-Performance von etwa 1.000 Lesern. Es folgte eine längere Pause.

2015

Vor etwa zwei Jahren hatte ich den Blog reanimiert und mit Berichten über unsere diversen Gottesdienstbesuche in Berlin und Umgebung befüllt. Schon die ersten Texte erfreuten sich einer guten Resonanz, so dass ich fortan fast jede unserer Bewegungen in der Szene mit einem Blog-Beitrag kommentierte.

4.000 Leser

Um ein möglichst realistisches Bild zu bekommen, hatte ich den Statistik-Filter ist so eingestellt, dass Eigenaufrufe und Suchmaschinen nicht mitgezählt werden. Im aktuellen Durchschnitt hat sich die monatliche Leserzahl auf 4.000 eingepegelt.

Transparenz und Feedback

Die Artikel sende ich zeitnah an die Leiter der Gemeinden oder die Event-Verantwortlichen. In der Regel wird es als hilfreiches Feedback aufgenommen und gerne für eigene Publikationen genutzt.

Wichtig ist mir auch der Austausch mit Kennern der Szene und anderen Personen, die die besuchten Gemeinden oder Formate ebenfalls erlebt hatten. So kann es durchaus zu Evaluations-Besuchen kommen. Im Allgemeinen werden die Schilderungen jedoch als plausibel und zutreffend bestätigt.

Nun aber zum Dank!

Der erste und größte Dank gilt Jesus, der mir gezeigt hat, dass die Nutzung der Infrastruktur des Internets durchaus Teil einer Berufung sein kann. Das Internet ist längst als Werkzeug zum Bau des Reiches Gottes etabliert und ich darf damit arbeiten.

Der nächste Dank gilt meiner Familie, die mich zu fast allen hier beschriebenen Gottesdiensten und Veranstaltungen begleitet hatte. Manchmal kam nur meine Frau, mein Sohn oder meine Tochter mit, aber immer diskutierten wir über das Erlebte, so dass ein guter Mix an Eindrücken in die Artikel einfließen konnte. In unserer Familie herrscht Meinungs-Pluralität, so dass die eigene Meinung immer auf dem Prüfstand steht.

Ein genereller Dank gilt all den besuchten Gemeinden und Veranstaltern für die Gastfreundschaft, gute geistliche Impulse, Gespräche, neue Kontakte und gewachsene Freundschaften.

Einige Namen

Namentlich möchte ich hier den CVJM-Kaulsdorf herausstellen, der uns Ende 2015 sehr herzlich aufgenommen hatte, so dass wir dort bis heute am wöchentlichen Gebetsabend teilnehmen. Ich danke ferner der FBG, der Internetmission Berlin, Gemeinsam für Berlin, dem Gesprächsforum Leben + Glauben, der Evangelische Allianz und Saddleback, die mich in der Berufung bestärkt und die Luft zum Durchatmen in der Szene gegeben hatten. Ein herzliches Dankeschön auch an die Baptisten-Gemeinden der Stadt für ihre bemerkenswert gute Willkommenskultur.

Dank gilt auch unseren Freunden aus Marzahn, die leider nicht namentlich erwähnt werden möchten. Sie begleiten uns gerne und geben ihren kritischen Input zu den Artikeln. Befruchtend sind auch ihre Checklisten mit den bisher nicht besuchten Gemeinden. Wenn wir mit ihnen unterwegs sind, staunen wir immer über ihre gute Vernetzung quer durch die Denominationen Berlins.

Ich danke Saddleback-Pastor Dave Schnitter für sein weites Herz bei der Förderung des Reiches Gottes auch über den Tellerrand der eigenen Gemeinde hinaus.

Herzlichen Dank auch an Pfarrer Axel Nehlsen, der mir bei theologischen Fragen zur Seite steht und gerne ein prüfendes Auge auf Artikel über Bibel, Kirchengeschichte und globale Zusammenhänge wirft.

Einige Berichte wurden nur durch Pressestatus und die Akkreditierung bei der Bundesregierung möglich. Deshalb an dieser Stelle ein besonderer Dank an die Mitarbeiter des Presse- und Informationsamtes und die Kollegen in den Presseabteilungen des Präsidialamtes, des Kanzleramtes und weiterer Behörden.

Ferner danke ich dem Mülheimer Verband mit seinen Pastoren Torsten Klotzsche und Hans-Peter Pache. Beide hatten uns zum Betreten des weiten Landes (Psalm 31, 9) motiviert und einen großen Vorrat an Praxis-Beispielen geliefert.

Auch der Dank an Pfarrer Swen Schönheit darf nicht fehlen. Ohne sein Buch "Menschen mit Format" hätte ich wohl nie so intensiv zu geistlichem Missbrauch und Leitungsprinzipien recherchiert.

Leser

Der Blog lebt von den Lesern. Deshalb an dieser Stelle ein herzliches Dankschön an die Leser.

Es ist immer wieder eine Freude, Leute zu treffen, die ich bisher nicht kannte, die aber ganze Passagen aus dem Church Checker zitieren können und mir dann von ihren eigenen Erfahrungen berichten. Darüber haben sich schon interessante Querverbindungen ergeben, die die Grenzen der Parallelwelten im christlichen Berlin abbauen.

Sinn und Zweck und Frucht

Der Church Checker erfüllt damit nicht nur einen Informationszweck für Menschen, die auf der Suche nach der zu ihnen passenden Gemeinschaft sind. Er fördert auch die Offline-Vernetzung der Christen in der Stadt. Zudem setzt er Optimierungspotenzial in Gemeinden frei, wie gerade bei ICF Tempelhof erlebt.

Schön, dass das Reich Gottes mithilfe des Internets so gut gebaut und gefördert werden kann.

Dienstag, 31. Oktober 2017

Luther beantwortet Frage: Christ als Soldat?

Christ und Waffe ist in der Szene sehr umstritten. Es gibt Pro und Contra sowie die einschlägigen Bibelstellen mit der anderen Wange oder dem Sinn der obrigkeitlichen Gewalten. Auch Martin Luther musste sich vor fast 500 Jahren dazu positionieren.



Zum heutigen Reformationstag flatterte eine Pressemitteilung des evangelischen Militärbischofs ins Haus. Darin wurde wieder einmal auf die Kriegsleute-Schrift von Martin Luther verwiesen. Er hatte sie 1526 geschrieben. Diesmal wollte ich mir selbst ein Bild machen und las den Text des kleinen Büchleins.

Am Rande eines kurfürstlichen Events wurde Luther von einem Ritter befragt, wie denn das Kriegshandwerk mit dem christlichen Gewissen zu vereinbaren sei. Die kämpfenden Kollegen hätten entweder massive Gewissensbisse oder seien gänzlich vom Glauben abgefallen. Luther nahm sich des Themas an und verfasste die Schrift "Ob Kriegsleute in seligem Stande sein können".

Amt versus Person

Nach einer kurzen Einleitung nimmt der Reformator eine Unterscheidung vor, die den Leser durch das gesamte Buch begleitet:
"Ein Amt oder eine Tat kann an sich sehr wohl gut und richtig sein, aber doch böse und falsch, wenn die Person oder der Täter nicht gut oder richtig ist oder nichts richtig macht."

So könne sich selbst ein von Gott gewollter Auftrag ins Negative verkehren, wenn die ausführende Person aus egoistischen Motiven wie Ehrsucht und Geldgier handelt. Der Autor bringt so pikante Beispiele wie den Kuss des Judas. Der Kuss an sich sei etwas Gutes, im Kontext des Judas-Kusses sei dieser aber in einer zutiefst negativen Bestimmung angewendet.

Gerechter und ungerechter Krieg

Der Reformator schreibt über die unterschiedlichen Formen bewaffneter Konflikte. Für die Fallbeispiele dient ihm vorrangig das 1. Samuel-Buch. Es taucht auch der Begriff des gerechten Krieges auf. Habsucht und Tyrannei seien Wurzeln des ungerechten Krieges. Die Landesverteidigung beurteilt er dagegen als einen gerechten Krieg.

Bürgerkrieg

Detailliert geht er auf die hierarchische Richtung von Kriegen ein. Den Bauernkrieg lehnt er entschieden ab, obwohl damit gewisse Tyrannen gerichtet wurden. Er ergreift für keine der beiden Seiten wirklich Partei. Stattdessen verweist er beharrlich auf die obrigkeitlichen Gewalten aus Römer 13, 1 und darauf, dass Gott selbst die problematische Führungsebene richten werde. Das Vollstrecken des Gerichtes an gottlosen Führen bezeichnet er mehrfach als "crimen laese maiestatis divinae" - einen Raub der göttlichen Majestät. Dadurch schließe sich der Kreislauf des Unrechts.

Mit zwei Beispielen macht Luther deutlich, dass die Absetzung des einen Herrschers nicht automatisch einen besseren Nachfolger bringt. Es kann sogar schlimmer werden, was sich bis heute zeigt. Luther kommentiert das in seiner rustikalen Art:
"Der tolle Pöbel aber fragt nicht viel, wie es besser werde, sondern nur danach, dass es anders werde. Wenn es dann schlimmer wird, will er wieder etwas anderes haben."

An einigen Stellen könnte der Leser dennoch meinen, Luther schreibe ein Buch für die Fürsten. Dem tritt er entschieden entgegen und formuliert sehr deutlich, dass sich die Gottlosigkeit durch alle Gesellschaftsschichten ziehe und jeder in seiner individuellen Position von Gott zur Rechenschaft gezogen wird.

Weil Luther sämtliche Standes-Ebenen tangiert, lassen sich die Ausführungen nicht nur auf damalige Ritter und Soldaten adaptieren, sondern auch auf heutige Unternehmer, Regionalpolitiker, Witwen, Empfänger von Arbeitslosengeld II und weitere Bevölkerungsgruppen.

Wer beginnt, verliert.

Im zweiten Teil des Buches stellt Luther eine interessante These auf, die er mit diversen Bibelstellen und Beispielen seiner Zeit untermauert: Wer einen Krieg beginnt, verliert diesen auch. Deshalb spricht sich Luther sehr klar für Notwehr und Landesverteidigung aus. Angriffskriege lehnt er ab. Es sei denn, der Angriff ist für die Verteidigung notwendig.

Luther stellt sogar volkswirtschaftliche Überlegungen an. So sei der Bauer für die Nahrung, der Soldat für den Schutz des Landes und der Fürst für den Dienst am Volk zuständig. Unnütze Leute solle man nicht dulden, sondern aus dem Lande jagen. Deshalb sieht Luther die Landsknechte sehr kritisch, da sie in der Regel nur Lust auf Krieg hatten. In der Zeit zwischen ihren Freelancer-Aufträgen seien sie jedoch keiner nützlichen Tätigkeit nachgegangen.

Beziehung zu Gott

Die Beziehung des einzelnen Menschen zu Gott zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Es beginne damit, dass Gott mehr gehorcht werden solle, als einem Tyrannen - und das mit allen Konsequenzen. Luther zitiert dazu aus der Apostelgeschichte. Zudem solle der Soldat den Feind nicht verachten, sondern als Menschen sehen, der auch mit seinen Sünden zu tun habe.

Luther wünscht sich zum Abschluss viel mehr Soldaten mit einer Christus-Beziehung in den Armeen. Das könnte das Klima in der Truppe verändern und: "Sie fräßen wohl die Welt ohne einen Schwertstreich".

Nachhaltige Wirkung

Die Leitlinien des kleinen Buches tauchen auch heute noch in den Ethik-Diskussionen der Bundeswehr auf. Bei verschiedenen Anlässen war ich erstaunt, wie tief biblische Grundlagen im Denken, Reden und Handeln der Offiziere verwurzelt sind. Überhaupt gibt es bei der Bundeswehr Gottesdienste und Andachten, die am Otto Normalchristen völlig vorbeilaufen. In den sicherheits-politischen Publikationen sind regelmäßig Artikel mit christlichen Themen zu finden.

Allein der Evangelische Militärbischof Dr. Sigurd Rink aus Berlin hatte bisher 80 Standorte und Auslandseinsätze besucht. Angesichts von Gefechtssituationen oder familiären Herausforderungen dienen die Seelsorger als wichtige Ansprechpartner der Soldaten. So überschneiden sich auch 500 Jahre nach Luther noch die obrigkeitlichen mit geistlichen Bereiche. Sigurd Rink bemerkt dazu, dass es den Kirchenvertretern nicht um die Ausübung politischer Macht gehe, sondern um einen kritischen Einfluss auf die Politik.

Sonntag, 29. Oktober 2017

ICF Tempelhof und die konstante Selbstoptimierung

Vor einem halben Jahr hatten wir ICF Berlin in der aktuellen Location in Tempelhof besucht. Seitdem hat sich einiges getan. Damals glänzten die Räume noch im Beton-Charme. In gleicher Weise die Willkommenskultur. Deshalb war mir ein erneuter Besuch wichtig.



Die Umstellung auf Winterzeit schenkte uns heute Morgen eine Stunde. So konnte ich mir in aller Ruhe noch das Galileo-Video zum Besuch bei einer Freichristlichen Gemeinde anschauen. ICF spielt darin eine zentrale Rolle. Gutes journalistisches Handwerk schließt eine Recherche zur Bestätigung einer Meinung aus. So war auch der Film eher neutral und informativ gehalten. Der Zuschauer konnte seine eigene Meinung bilden. Ebenso nüchtern wollte auch ich diesen zweiten Besuch in der Ringbahnstraße angehen.

Schön, dass Du da bist!

Kurz vor elf traf ich ein. Die ganze Straße war zugeparkt. Große Bäume am Straßenrand bewegten sich im Wind und avisierten einen Versicherungsfall. Deshalb fuhr ich auf den Hof und stellte das Auto etwas unkonventionell auf die letzte mögliche Freifläche. Den Weg zum Treppenhaus kannte ich noch. Stimmen und Lachen hallten mir entgegen. Mit einem großen Schild freute sich ICF darüber, "dass Du da bist". Eine Frau mit ICF-Badge trat durch die Tür und begrüßte mich sehr freundlich.

Im Vorraum, der nun weiß gestrichen ist, standen jede Menge Leute und tauschten sich angeregt aus. Ich kaufte einen Kaffee. Dieser wird neuerdings in echten Tassen gereicht. Sehr freundliche und schnelle Bedienung. Da die Zeit etwas knapp war - wie ich dachte - betrat ich den abgedunkelten Saal. Der ICF-Mitarbeiter an der Tür lächelte und grüßte.

Damit hatte sich der lange geplante Evaluationsbesuch gelohnt! Alle Punkte, die uns im April so massiv gestört hatten, waren bemerkenswert gut nachjustiert worden.

Rechts, links und Nebel

Das Mittelfeld vor der Bühne war schon voll besetzt. So steuerte ich den rechten Block an. Wobei ich mich seit dem letzten Gottesdienst mit dem Bundestag frage, wo in einer Kirche rechts und links ist. Beim Auto und in der S-Bahn ist das einfach. Rechts und links wird nach der Fahrtrichtung bestimmt. In einer kontemporären Gemeinde ist das wahrscheinlich auch so.

Von der Bühne her dampfte der Party-Nebel und sorgte für eine abwechslungsreiche Lichtwirkung. Über die drei Leinwände flimmerten kurze Videos und ein Countdown. Bei ICF geht es fünf nach elf los. Medial alles sehr professionell und ansprechend. Interessant wäre, in welchem Turnus die coolen Videos wiederholt und neu erstellt werden. Der Nebel machte meinen Hals trocken. Ich leerte die Kaffeetasse.

Lobpreis auf Englisch

Die große Handtasche auf dem Nachbarstuhl hatte ich gar nicht bewusst wahrgenommen. Plötzlich setze sich eine Frau zu mir und stellte sich kurz vor. "Dann lass uns einen schönen Gottesdienst haben", sagte sie nach dem Smalltalk und das Lobpreisteam startete mit dem ersten Lied. Fast Alles wurde auf englisch gesungen. Eine Übersetzung gab es unter den Texten an der Leinwand. Ich kannte nicht eines der Lieder, konnte aber relativ schnell mitsingen.

Predigtreihe über Johannes 15

Neben mir setzte sich ein Matthias - Sammelbegriff in meinem Alterssegment - und stieß meine Kaffeetasse um. Egal, die war ja schon leer. ICF-Pastor Stefan Hänsch schloss heute eine Predigtreihe ab: "Die Kraft des Gleichen". Heute sollte es um nachhaltigen Erfolg gehen. Dass ICF keine Trendwende zum Wohlstands- und Wohlfühl-Evangelium macht, war eine der ersten Aussagen der Predigt.

Durch das Referat zog sich die mathematische Formel 5x+1. In dieser Formel ist die Eins konstant. Und jeder Christ dürfte wissen, dass diese konstante Eins gleichbedeutend mit Jesus ist. Der nachhaltige Erfolg stelle sich also ein, wenn man sich auf die einzige Konstante, nämlich Jesus, konzentriert und ihn als Basis und Quelle sieht.

Gestützt war die Predigtreihe auf Johannes 15. Dort geht es um den wahren Weinstock, die Reben, die Frucht und den Weingärtner. Die Gemeinde war herausgefordert, mehrere Wochen lang, genau diesen Text täglich zu lesen und darüber nachzudenken.

Stefan Hänsch sprach aber nicht von der Herausforderung, sondern von der Challenge. Die Bedeutung dieses Wortes kannte wohl jeder im Saal. Überhaupt verwendete er viele Anglizismen und war dialektisch nicht ein einziges Mal als gebürtiger Sachse zu erkennen. Deshalb war ich beeindruckt, als er diese Herkunft in die Predigt einfließen ließ.

Postludium

Nach der Predigt gab es eine weitere bewegende Zeit mit Sologesängen unter anderem von Thirzah. Ich überlegte, welcher Bibelstelle dieser Name zuzuordnen sei und verortete sie zunächst bei Mose. Das war fast richtig. 4. Mose 27, 1 berichtet uns, dass Thirzah eine der fünf Töchter Zelophehads war, ihre Schwester Milka hieß und es keine männlichen Erben in dieser Familie gab. Das löste damals einen rechtlichen Sonderfall aus.

Von der Bühne aus wurde noch einmal kurz die Bedeutung der Beziehung zu Jesus erklärt und ein gemeinsames Gebet zur Auffrischung dieser Beziehung gesprochen. Dann folgte eine Art Segen und die offizielle Verabschiedung. Das war für fast alle ICF-Besucher ein Signal zum schnellen Verlassen des Saales.

Namensvetter und andere Bekannte

Mein Nachbar und Namensvetter fragte mich, wie lange ich schon bei ICF sei. Ich sagte ihm, dass ich nur Gast sei und gleich zu Saddleback fahre, um dort meine Familie abzuholen. Der unaufhörlich in den Saal strömende Party-Qualm ließ meine Stimme versagen. Matthias schien bereits daran gewöhnt zu sein. Jedenfalls stellten wir fest, dass wir so einige gemeinsame Bekannte hatten und dass auch ein Ex-Mitglied meiner Ex-Gemeinde aktiv bei ICF eingestiegen sei. Das freute mich.

Wir unterhielten uns eine ganze Weile. Anschließend grabbelte ich die Tasse unter dem Stuhl hervor und ging in den lichten Vorraum. Dort tobte das Leben. Der Pastor diskutierte an einem Stehtisch. Ich drängte mich durch die Besucher. Mitglieder gibt es bei ICF übrigens nicht. Wer kommt, ist da und wer nicht mehr kommt, muss nicht extra austreten.

Am Tresen stellte ich die Tasse in eine Geschirr-Kiste und verließ den Ort des Geschehens. Mit einer Zwei-Punkt-Wendung setzte ich den Wagen frei und rollte über die nassen Straßen in Richtung City.

Dienstag, 24. Oktober 2017

19. Bundestag startet mit Gottesdienst in die Arbeit

Der erste Arbeitstag des 19. Bundestages begann heute mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Französischen Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt. Spitzenpolitiker, Abgeordnete und ich waren dabei.



Die Rush Hour hatte ich bei der Zeit-Planung unterbewertet. So stand ich nun im Stau und fragte mich, ob die Frau im Nachbarauto nicht besser mit der Bahn gefahren wäre. Und überhaupt - wo sollten all diese Autos in der City parken? Die Zeit verstrich. Ich hatte einen wichtigen Termin: Gottesdienst am Dienstagmorgen. Beginn 8:30 Uhr am Gendarmenmarkt.

Gottesdienst - Dienstag 8:30 Uhr

Das war wohl einer der frühesten Gottesdienste, den ich seit Jahren besucht hatte. Am Gendarmenmarkt waren mehrere Bereiche gesperrt, so dass genügend Parkplätze für die Gottesdienstbesucher zur Verfügung standen. Zumindest interpretierte ich das so und stellte den Wagen ab. Am Eingang zur Kirche traf ich den neuen Bundestags-Präsidenten, den ich zuvor mehrfach als Finanzminister erlebt hatte. Er nutzte den Fahrstuhl und ich die Treppe.

Auf der rechten Seite hinter der Linken-Politikerin Petra Pau waren noch jede Menge Sitzplätze frei. Zwischen ihr und Kerstin Griese (SPD) konnte ich gut hindurchschauen auf die Sitzreihe der Kanzlerin. Neben Frau Merkel saßen Frank-Walter Steinmeier, Norbert Lammert, Wolfgang Schäuble, Landwirtschaftsminister Schmidt, Thomas de Maizière und zwei Kirchenvertreter. Dahinter verfolgten unter anderem Hermann Gröhe und Ursula von der Leyen den Gottesdienst.

Volle Kirche

Als Eingangslied besangen über 300 Anwesende "die güldne Sonne" von Paul Gerhardt. Eine gewisse Ambivalenz zur tatsächlichen Wetterlage. Es folgte die liturgische Einleitung und ein Wechselgebet aus Psalm 27. Interessant fand ich die musikalische Gestaltung unter der Leitung von Kilian Nauhaus. In Personalunion bediente er die Orgel und dirigierte den kleinen Chor auf der Empore. Das Ensemble nutzte die sagenhafte Akustik im Kuppelsaal.


Gottesdienst zur konstituierenden Sitzung des 19. Bundestages
Ökumenischer Gottesdienst anlässlich der konstituierenden Sitzung des 19. Bundestages
Der Sämann und der Abgeordnete nach Markus 4, 1-9

Der Predigttext stand in Markus 4, 1-9. Es geht darin um den Sämann, der das Saatgut verstreut und damit vier verschiedene Böden trifft. War die Liturgie bisher von evangelischen Akteuren gestaltet worden, trat nun der katholische Karl Jüsten auf und hielt die Predigt. Zuerst holte er die neuen, bleibenden und gehenden Abgeordneten in ihrer Situation ab. Dann ging er auf den Text ein und schlug immer wieder eine Brücke zum Arbeitsalltag des Politikers. Ein spannender Spagat, der ihm sehr gut gelang.

Man könne es einfach nicht allen Recht machen. Die Botschaft treffe, wie auch bei Predigern, auf unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Ansichten. Bei manchen fruchte es und bei anderen eben nicht. Das sei ein ganz normales Prinzip. So wertete er den Bibeltext als einen besonderen Trost für Politiker in ihren täglichen Auseinandersetzungen mit den Wählern und Abgeordneten der anderen Fraktionen.

Vereint in Jesus

Dass Gottesdienste partei-politische Grenzen überwinden können, zeigte die anschließende Fürbitte. Petra Pau von den Linken, Volker Beck von den Grünen, Kerstin Griese von der SPD und Christian Hirte von der CDU traten nacheinander ans Mikrofon und lasen ihre Gebetsanliegen vor. Besonders gut waren die Worte von Petra Pau haften geblieben. Sie betete für einen respektvollen Umgang und eine konstruktive Streitkultur innerhalb des Bundestages. Die Gemeinde quittierte die Fürbitten jeweils mit einem "Erbarme Dich".

Beim Vaterunser hatte ich die Augen geschlossen und genoss den vollen Klang im Kuppelsaal. Die Akustik verriet, dass wohl mehr Männer als Frauen anwesend waren. Nach "Komm Herr, segne uns" folgte der Friedensgruß mit Händeschütteln, der Segen vom Altar aus und "Verleih uns Frieden gnädiglich" von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Abgang in ökumenischer Eintracht

Untermalt von Orgelmusik verließen die Gottesdienstbesucher die Französische Friedrichstadtkirche. Auch wenn keine Hektik zu spüren war, so doch eine gewisse Enge. Vor mir schob sich der Heilige Stuhl zum Ausgang. Das heißt, dessen Apostolischer Nuntius, der Doyen des Diplomatischen Korps. Neben ihm war die griechische Orthodoxie in die Menge integriert. Beide verstanden sich gut und unterhielten sich in gebrochenem Deutsch.

Draußen reichten uns der evangelische Theologe Martin Dutzmann und sein katholischer Kollege Karl Jüsten die Hand. Es nieselte. Während sich die Vertreter des Vatikans und der Orthodoxie zu einer Anschlussveranstaltung verabredeten, lief ich über den Gendarmenmarkt zu meinem Parkplatz. Der Arbeitstag konnte beginnen.

Montag, 23. Oktober 2017

Lob der Torheit - Erasmus von Rotterdam

Erasmus von Rotterdam war ein Zeitgenosse Luthers. Das Buch "Laus stultitiae" - "Lob der Torheit" gilt als sein bekanntestes Werk. Ich habe es gelesen.



Nach den ersten 30 Seiten fragte ich mich, ob das Weiterlesen im "Lob der Torheit" nicht eine erhebliche Zeitverschwendung sei. Immerhin hat das ursprünglich auf Latein verfasste Werk einen Umfang von 159 Seiten - zumindest in der Ausgabe des Anaconda Verlages. Das Schriftbild in Sepia auf Ökopapier ist nicht gerade Augen-freundlich.

30 Seiten Mythologie

Nach den ersten 30 Seiten hätte ich Erasmus von Rotterdam auch wegen seiner Ausführungen zum Weib als "Mario Barth der Reformationszeit" betitelt und das Buch beiseite gelegt. Ich wunderte mich über den sprachbegabten Mann aus dem Zentrum Innere Führung, der dieses Buch wohl im Original-Text gelesen und mir empfohlen hatte.

Obwohl Erasmus von Rotterdam Theologe war, quollen die ersten 30 Seiten über mit griechischer Mythologie. Gott oder Jesus wurden nicht erwähnt, obwohl Bibel und Apokryphen auch Bücher wie Prediger, Sprüche, Weisheit oder Sirach beinhalten.

Lob der Torheit - Erasmus von Rotterdam
Lob der Torheit - Erasmus von Rotterdam
Weiterlesen

Manch ein Buch entwickelt sich beim nochmaligen oder beharrlichen Lesen. Deshalb nahm ich das Buch mit zum Hausarzt. Wenn schon Zeitverschwendung, dann richtig. Im Wartezimmer las ich die nächsten 50 Seiten.

Das war sehr gut! Der Schreiber aus Rotterdam schwenkte nämlich plötzlich auf allgemeine Situationen und bekannte Personengruppen um. Das war auch etwas für Ungebildete - wie mich. Zumindest habe ich keinen Schein. Den muss ich bei Bedarf mit Aura ausgleichen. Mein Vater hätte die griechische Mythologie auswendig und im Urtext rezitieren können. Aber Altgriechisch ist so gar nicht meine Sprache.

Genuss

Die für die Torheit investierte Zeit im Wartezimmer war ein Genuss: Sprache, Satzbau und zielsichere Satire. Meine Reaktionen reichten vom stillen Schmunzeln, über breites Grinsen und entluden sich mehrfach im entzückten Auflachen. Die Mitpatienten lasen Yellow Press und Auto-BILD, während ich mich über die immer pointierter werdende Lektüre des Erasmus freute. Dann musste ich leider ins Behandlungszimmer.

Rundumschlag

Erasmus schont kaum eine gesellschaftliche Gruppe. Jeder bekommt sein Fett weg. Besonders intensiv beschäftigt er sich mit Wissenschaftlern, Kaufleuten, Fürsten, Rechtsgelehrten, Mönchen und seinen theologischen Kollegen.

Genüsslich seziert er die Zustände in der Lutherischen Kirche - pardon, ich meinte die Kirche zur Zeit Luthers, also um 1500. Diesen Zuständen verdanken wir unser 500. Reformations-Jubiläum. Erasmus selbst hatte sich jedoch von der Reformation distanziert und starb 1536 in Basel eines natürlichen Todes. Die Unabhängigkeit als Wissenschaftler war für ihn wichtiger, als Teil der Bewegung Luthers zu werden. Luther habe darauf sächsisch-rustikal reagiert.

Die spitzfindige Geißel, die Erasmus durch die letzten Seiten des Buches schwingt ist auch heute noch aktuell. "Ecclesia semper reformanda" heißt ja, dass sich die Gemeinde einem ständigen Erneuerungsprozess zu stellen hat. Das vor 500 Jahren verfasste "Lob der Torheit" zeigt, dass auch die zeitgenössische christliche Szene mit den parodierten Schemata harmoniert. Adrian Pless hätte es kaum besser ausdrücken können.

Narren-Freiheit in Lob verpackt

Da der Autor aus Sicht der Torheit schreibt, verzeiht man ihm die sämtlichen Frontalangriffe. Mit ungeschminkter Wahrheit prasseln sie auf den Leser ein - in Lob verpackt.

Rhetorisch geht Erasmus wie Paulus vor. Er beginnt allgemein und harmlos, holt den Leser in seiner Welt ab, filtert die Zielgruppen auf den ersten 30 Seiten aus und steigert die Ausführungen so exzellent, dass man das Buch erst beiseite legt, wenn es durchgelesen ist.

Im Abspann des Buches fühlt sich die schreibende Torheit so frei, dass sie aus meiner laienhaften Sicht etwas zu weit geht mit der Handhabung der Bibelverse, die im Lateinischen das Wort stultitia und im Deutschen das Wort Torheit beinhalten.

Generell wird so manch einem zart besaiteten Pastoralgehör der Gegenwart die grobe Sprache Luthers und seiner theologischen Zeitgenossen wie Erasmus als despektierlich (verachtend) erscheinen. Auch ich hatte einige Mühe, die durchaus trefflichen Formulierungen aus meinen Gedanken zu bekommen.

Sonntag, 22. Oktober 2017

Marienkirche am Alexanderplatz

Wenn Fotos der Kreuz-Reflexion auf dem Fernsehturm aufgenommen werden, dient die Marienkirche oft als willkommener Vordergrund - wegen der Bildtiefe. Heute besuchten wir einen Gottesdienst in der Marienkirche.



Der erste Todestag meines Schwiegervaters veranlasste uns heute zum Besuch der Marienkirche am Alexanderplatz. Anonymes Kirchenflair und Gottesdienste am heimischen Fernseher waren für ihn das gewünschte Maß christlicher Gemeinschaft gewesen. Seine Frau schaffte es heute jedenfalls, dass wir zu sechst vor Ort erschienen.

Ein großes Plus der Marienkirche ist es, dass sonntags um den Alex herum kostenlos geparkt werden kann. Die Sonne schien und ich bemerkte, dass ich mir die Kirche bisher noch nie so genau angeschaut hatte. Die Architektur ist schon etwas seltsam und wirkt - wie Berlin - heterogen.

Willkommen und Begleitheft

Wir passierten die Enge Pforte an der Westseite, vorbei an einem Bettler und einem Schild, auf dem vor betrügerischen Bettlern gewarnt wurde. Dann drückte uns ein freundlicher Herr ein Heftchen in die Hand.

Die Begleitung meiner Schwiegermutter hat den Vorteil, dass wir endlich mal wieder ganz vorne sitzen dürfen. Die Familie fühlt sich normalerweise unsicher wegen des Aufstehens und Hinsetzens. Das kann man aus den hinteren Reihen besser nachahmen. Vorne wird man selbst zum Trendsetter.

Hier war das aber kein Problem. Im 20-seitigen Begleitheft aus Ökopapier stand alles sehr genau beschrieben. Jeden liturgische Gesang mit Noten und Text, Aufstehen, Hinsetzen, jedes Mitmach-Gebet, das Glaubensbekenntnis und den Predigttext konnten wir chronologisch verfolgen. Ich war beeindruckt.

Evangelische Kirchengemeinde St. Petri - St. Marien

Anhand der Kerzen vor dem Altarbereich, der Marienstatuen, der weißen Kleider der Akteure und des mehrfach erwähnten "St. Petri - St. Marien" war ich mir wegen der konfessionellen Einordnung der Kirche unsicher. Auf Seite 20 fand ich dann endlich den auflösenden Hinweis: "Evangelische Kirchengemeinde St. Petri - St. Marien".

Die Marienkirche hatte ich als dunkles Gemäuer in Erinnerung. Das lag wohl daran, dass ich sie bisher immer nur abends besucht hatte. Heute Morgen wurde das helle Innere von Licht durchflutet. Das betraf insbesondere den Altarbereich auf der Ostseite. Ich bewunderte die bis ins Detail modellierten Skulpturen und fragte mich, wie die Künstler damals nur so gut die Bewegung von Kleidung und Haaren ohne Windkanal nachbauen konnten.

Markus, Lukas und die Engel

Im Saal saßen wohl etwas über 80 Personen. Die Aktionen fanden zunächst vor dem Altar statt. Dort war auch ein grünes Rednerpult aufgestellt. Von diesem aus wurde der Predigttext rezitiert: Markus 1, 32-39. Das ist eine Passage, die mit Lukas 4 und 5 harmoniert und einen interessanten Umdenkungsprozess bei Petrus ausgelöst hatte.

Als wir im Begleitheft die Heftklammern erblickten, also Seite 10, begann die Predigt. Leider nicht vom grünen Pult aus. Die Vikarin stieg eine schmale Treppe empor, verschwand kurz und dann erblickten wir sie wieder - umrahmt von einer unzählbaren Schar kleiner Engel, die über und unter ihr in und um ein Wolkengebilde herum schwebten. Es waren so viele, dass ihre Bewegungsfreiheit teilweise etwas eingeschränkt erschien. Einer der Engel hangelte sich an der Öffnung mit der Vikarin herab.

Exemplarischer Tagesablauf von Jesus

Plötzlich bemerkte ich, dass die erste Reihe doch keine so gute Idee war. Wir mussten jetzt etwa 45° schräg nach oben in die Engelswolke schauen. Es war ein Gebot der Höflichkeit, die Rednerin anzusehen. Sie schilderte einen Tagesablauf, wie ich ihn kenne: Kaffee, Ruhe, Kaffee, Frühstück, Kaffee, Lesen - dann begann auch bei ihr der Alltag und endete mit Erschöpfung am Abend. Das war die passende Brücke für den Arbeitstag von Jesus, der sich dann alleine auf einen Berg zurückgezogen und gebetet hatte.

Die Predigt war recht kurz. Um der ungesunden Körperhaltung keinen Dauerzustand zu verleihen, widmete ich mich wieder der Inneneinrichtung und der immer intensiver werdenden Licht-Durchflutung. Bei den folgenden Ansagen erfuhren wir, dass die Vikarin heute geübt habe. Am nächsten Sonntag solle ihre Predigt bewertet werden.

Knack!

Der Gottesdienst ging noch über weitere sechs Seiten des Heftchens und enthielt auch das Abendmahl: Oblaten und Weißwein. Bei den Einsetzungsworten brach Pfarrer Gregor Hohberg eine große Oblate. Der Bruch schallte durch das Schiff - immer wieder ein besonderer Moment. Es folgten Abschlusslieder und der Segen. Dann wurde die Gemeinde bei Orgelmusik in den Sonntag entlassen.

Kaffee, Kekse und Thailänder

Meine Frau traf beim Rausgehen noch ihre Religionslehrerin aus Steglitz. Die christliche Welt kann ab und zu recht klein sein. Mehrere Besucher gingen auf die Vikarin zu und bedankten sich für die Predigt. Sie freute sich. Ein Mitarbeiter trug große Teller mit Keksen in den Eingangsbereich. Dort waren Tische mit Kaffee aufgebaut. Das Angebot wurde rege genutzt. Allerdings nicht von uns.

Wir wollten anlässlich des Todestages meines Schwiegervaters zu einem Thailänder in Prenzlberg fahren. Bei Ingwer-Tee mit Zitronengras unterhielten wir uns über den Gottesdienst. Fast alle konnten Passagen der Predigt wiedergeben. Allein die Akustik sei in der ersten Reihe nicht so optimal gewesen.

Samstag, 21. Oktober 2017

1. Samuel - ein Leiterhandbuch

In der fortlaufenden Bibellese bin ich mal wieder am 1. Samuel vorbei gekommen. Diesmal fielen mir im Vorbeilesen fast auf jeder Seite wertvolle Leitungsprinzipien auf.



Wie schon im Artikel über Toxic Leadership geschrieben, habe ich zurzeit keinen bewussten Fokus auf das Thema Leitung. Dennoch rasteten beim 1. Samuel - fast beiläufig - wichtige Hinweise auf Leitungsmethoden und Persönlichkeit von Führungskräften ein. Aber der Reihe nach:

Eli und seine Söhne

Das erste Samuel-Buch beginnt mit einem Leiter, einem Hohepriester, der von Geburt an zu diesem Amt bestimmt war. Er saß am Eingang des Zeltes, das als Tempel fungierte. Dort richtete und unter-richtete er das Volk. Er war der zentrale Ansprechpartner, da es "in jenen Tagen keinen König in Israel gab und jeder machte, was er für richtig hielt" (siehe Richter 17,6 und 21,24).

Der Mann hieß Eli und seine Söhne machten auch, was sie für richtig hielten. Das war weder aus Sicht des Volkes richtig noch aus Sicht Gottes. Eli wurde von Gott her ermahnt, auf seine Söhne einzuwirken, da sie das Priesteramt in Verruf brachten und damit die gewünschte Vorbildfunktion untergruben. Eli wurde klar für das Fehlverhalten seiner Söhne in die Verantwortung gezogen. Mit einem kurzen "Du, Du, so geht das aber nicht!" kam er seiner Verpflichtung nach und ging dann zum Tagesgeschäft über.

Daraufhin griff Gott selbst ein: Eli wurde in den Kapiteln 2 und 3 mehrfach gewarnt. Abschließend lesen wir in Kapitel 4 von einer Kettenreaktion, die Gott selbst initiiert hatte, um die Zustände zu beenden.

Parallel-Handlung Samuel

Parallel-Schauplatz zu Eli ist die Geschichte von Samuel. Samuel war das Geschenk Gottes an eine unfruchtbare Frau: Hanna. Deshalb schenkte sie den Samuel an Gott zurück, nachdem er abgestillt war. Samuel wird der Diener Elis und hält sich permanent im heiligen Zelt auf. Dort lernt er die Stimme Gottes kennen und bestätigte aus höchster Quelle, was schon ein anderer "Mann Gottes" bezüglich der Söhne von Eli angekündigt hatte.

Aber auch Samuel hatte Söhne, die auffällig wurden. Sie nahmen Bestechungsgelder an. Deshalb kam das Volk in 1. Samuel 8, 3-4 zu ihm, beschwerte sich und bat um die Einsetzung eines Königs. Wobei Könige damals ja auch von ihren Söhnen abgelöst wurden.

König Saul

Saul war zunächst sehr schüchtern, obwohl er optisch keinen Grund dazu gehabt hätte. Samuel war von diesem stattlichen jungen Mann begeistert und salbte ihn zum König. Auch das Volk war von der Aura des ersten Königs geblendet und folgte ihm gerne in die ersten Kämpfe.

Saul muss mit Selbstwert-Defiziten gekämpft haben, so dass er sich als Führungskraft nicht konsequent durchsetzen wollte. Er ließ seinen Soldaten freie Hand und nahm dafür die Trennung von Gott in Kauf. Letztlich redete er im Dialog mit Samuel mehrfach von "dein Gott". Sauls Beziehung zu Gott war wohl erloschen und die Übergabe des Königtums an jemand anderen beschlossen.

Der kleine David

Schon beim nächsten Salbungsauftrag wurde klar, dass auch Samuel sich stark von Äußerlichkeiten beeindrucken ließ. So klärte ihn Gott bei Begutachtung des ältesten Sohnes Isais auf: "Ich habe ihn verworfen". Darauf folgt der berühmte Satz: "Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an". Die anderen Brüder waren zwar nicht verworfen, jedoch auch nicht erwählt. David musste erst vom Feld geholt werden, da niemand damit gerechnet hatte, dass der große Samuel ausgerechnet zum kleinen David geschickt worden war.

Spannend ist auch die Herangehensweise Davids an die Situation mit Goliath in Kapitel 17. Während seine Brüder Angst hatten und den kleinen David am liebsten nach Hause geschickt hätten, ließ sich David nicht von der Optik des Palästinensers blenden. Er sah dessen überhebliches Herz an und erkannte, dass Gott ihn verworfen hatte.

König Saul wollte David für den Kampf ausrüsten und verpasste ihm seine Rüstung. Das war nichts für ihn. Damit hätte er den Kampf nie gewonnen. Er nutzte seine eigenen Erfahrungen und persönlichen Kennziffern und war damit erfolgreich. Das 17. Kapitel ist ein Genuss, wenn man es sich Vers für Vers auf der Zunge zergehen lässt. Daraus ist übrigens auch der 151. Psalm entstanden, der nur in der Vulgata zu finden ist.

Saul und David

Bereits im nächsten Kapitel kippt die Situation. Die wachsende Beliebtheit und der Erfolg von David wurden Saul zuwider. Wie oben festgestellt, hatte Saul ja ein Problem mit seinem Selbstwert. Deshalb konnte er in seiner Umgebung niemanden ertragen, der etwas besser konnte. Zudem fehlte ihm der Mut, einen Prozess der Selbstoptimierung zu beginnen. Dann hätte es sicher eine gute Lösung gegeben.

Im weiteren Verlauf fällt noch ein elementarer Unterschied auf: David war ein Beziehungstyp und übernahm zum Beispiel Verantwortung für seine Familie (Kapitel 22, 1-3). Saul hingegen waren Menschen egal. Im selben Kapitel löschte er 85 Männer einer Priester-Familie und deren ganze Stadt aus (Verse 18-19). Dabei war er so gründlich, wie er es in Kapitel 15 gegen die Amalekiter hätte sein sollen.

Auch bei den Begegnungen mit dem schlafenden Saul zeigte David, dass er erstens seine Leute im Griff hat und zweitens dem Zeitplan Gottes nicht vorgreifen wollte. Generell stellt er vielen seiner Entscheidungen die Befragung Gottes voran (zum Beispiel Kapitel 23 Verse 4 und 10-12). Bemerkenswert sind auch Davids Aussagen über das Antasten des Gesalbten - gemeint war in diesem Zusammenhang Saul.

Jonathan

Abschließend lohnt sich noch eine Betrachtung von Sauls Sohn Jonathan. Er reihte sich in das Vater-Sohn-Verhältnis von Eli und Samuel ein - nur umgekehrt. Jonathan hatte die Pläne Gottes verstanden und drückte das in Kapitel 23 Vers 17 gegenüber David so aus: "Du regierst über Israel und ich bin dir der Zweite, aber auch mein Vater Saul weiß das." Saul wusste und hielt krampfhaft fest. Jonathan sprach nicht wie sein Vater von deinem Gott, sondern immer vom Herrn oder von Gott. Jonathan hatte mit David eine gemeinsame Basis der Gottes-Beziehung und konnte somit die Kompetenz-Verteilung gemäß Gottes Willen akzeptieren.

Selber lesen!

Das erste Samuel-Buch gibt jede Menge Anregungen zum Weiterdenken. Die oben skizzierten Situationen und Handlungsmuster können sicher in der Tiefe erforscht und analysiert werden. Interessant wäre auch die Frage nach dem "Was wäre wenn?", um mögliche Auswege aus den verfahren scheinenden Situationen zu finden.

Viel Spaß bei der Lektüre!

Freitag, 20. Oktober 2017

Toxic Leadership - Was tun?

In den ersten beiden Artikeln zu Toxic Leadership ging es um eine allgemeine Definition und die Persönlichkeits-Merkmale. Nachfolgend werden Empfehlungen zum Umgang mit dem Problem für betroffene Mitarbeiter und übergeordnete Leiter gegeben.



Bei den Recherchen zu Exit-Strategien beim Auftreten toxischer Leiter stellte ich fest, dass das Problem auch bei der Englisch sprechenden Gemeinde Einzug gehalten hat. In Deutschland scheint das Thema noch nicht angekommen zu sein. Die Lösungsansätze der christlichen Autoren waren jedoch nicht so gut auf den Punkt gebracht wie die Abhandlungen aus dem Geschäftsleben.

Wo stehe ich?

Es ist zunächst die eigene Position im toxischen Kontext zu ermitteln. Bin ich Leiter und stehe in der Verantwortung, zum Wohle der Mitarbeiter und der Organisation unpopuläre Entscheidungen zu treffen? Bin ich eher neutraler Beobachter oder gar ein Mentor? Oder bin ich Betroffener unterhalb eines toxischen Leiters?

Situation benennen

Egal in welcher Beziehung ich mich zu ihm befinde, der erste Schritt ist die Benennung des Problems. Dazu hilft die Auswertung einer Checkliste.

Als wir damals mit geistlichem Missbrauch konfrontiert wurden, half uns eine Checkliste aus Swen Schönheits Buch "Menschen mit Format" bei der Benennung. Diese Erkenntnis stieß keinesfalls auf Gegenliebe bei der sofort konsultierten Regionalinstanz. Damals wussten wir noch nicht, wie perfide solch ein System funktioniert und wie man mit diesem am elegantesten umgeht.

Was kann der übergeordnete Manager tun?

Bin ich als übergeordneter Manager nicht selbst ein toxischer Leiter, wird mir die positive Entwicklung der Organisation wichtig sein. dazu gehört auch ein konstruktives Arbeitsklima. Entdecke ich einen vergiftenden Leiter in meiner Downline, sind folgende Handlungsweisen empfehlenswert:

  • Die Folgen toxischer Führung nehme ich ernst.
  • Mit dem Toxiker rede ich in einer milden Weise, mache ihm aber klar, dass er erkannt ist.
  • Innerhalb der Organisation spreche ich meine Besorgnis über die Situation offen an.
  • Immer Notizen machen! Diese werden für spätere Dokumentationen wichtig sein.
  • Ich ermittle die vertrauenswürdigen Leiter und halte mich zu ihnen.
  • Ich achte genau auf jeden meiner Schritte und vermeide destruktive Gedanken.
  • Ich unterstütze produktive Mitarbeiter.
  • Ich verschaffe mir Abstand zur Situation und betrachte das Gebilde als Ganzes.
  • Ich etabliere Zeiträume (min. 1 Jahr) zum Kennenlernen der Persönlichkeit neuer Leiter.
  • Mir ist bewusst, dass Toxiker in ihrer labilen Persönlichkeit auch zur Selbstzerstörung neigen.

Sollten übrigens mehrere Manager für einen toxischen Leiter zuständig sein, ist Einheit sehr wichtig. Fehlt diese Einheit, wird es erfahrungsgemäß zu einer Zerrüttung innerhalb des Managements führen. Dadurch wirkt der Toxiker nicht nur zerstörend in sein anvertrautes Team hinein, sondern auch in die übergeordneten Strukturen.

Was kann der Mentor tun?

Mentoren haben den Vorteil, dass sie emotional abgekoppelt auf den toxischen Leiter eingehen können. Sie haben eine besondere Chance auf Gehör, wobei die tiefer sitzenden Selbstwert-Defizite eher ein Fall für die therapeutische Seelsorge oder die psychosomatische Abteilung einer Klinik sind.

Auch übergeordnete Leiter können als Mentoren fugieren und erfüllen somit eine nicht ganz einfache Doppelfunktion. Hier die Vorgehensweise:

  • Konfrontiere den Toxiker mit seiner Vergangenheit und spiegle ihn.
  • Sieh zu, dass sich im Team niemand erniedrigt oder klein gemacht fühlt.
  • Verhindere eine schlechte Behandlung von Mitarbeitern, die weniger stark sind.
  • Lenke den Fokus auf eine Win-Win-Win-Atmosphäre (andere, ich selbst, die Organisation).
  • Lass kein Denken aufkommen, dass jemand besser oder schlechter als andere ist.
  • Stärke das Teamdenken, in dem jeder mit seinen Fähigkeiten einen wichtigen Teil beiträgt.
  • Freue dich über das Erreichte und fördere die Zufriedenheit mit den Ergebnissen.

Tritt der Mentor gleichzeitig als Anwalt des Toxikers auf, disqualifiziert er sich selbst und wird Teil des Problems. Die Aufgabe des Mentors besteht darin, eine positive Entwicklung des neuralgischen Leiters zu erwirken und ihn in letzter Konsequenz davon zu überzeugen, dass er in einem anderen Wirkungsrahmen besser aufgehoben wäre.

Was kann der Mitarbeiter tun?

Der betroffene Mitarbeiter ist wohl am meisten gefährdet, von der Opfer-Persönlichkeit (victima) des toxischen Leiters zum Opfer-Typen gemacht zu werden. Bei Szenarien des geistlichen Missbrauchs ist Gehen oft die einzige Möglichkeit und nach einer gewissen Übergangsfrist dringend angeraten.

Für die Zwischenphase des Arrangierens hier einige Hinweise:

  • Entwickle Gleichgültigkeit und emotionale Ablösung.
  • Halte Ausschau nach kleinen Siegen, die dich motivieren und in Bewegung bleiben lassen.
  • Limitiere den Umgang und die Begegnungen mit der toxischen Person.
  • Rede mit Vertrauten über das Problem. Nenne es beim Namen.
  • Bleib in der direkten Begegnung standhaft und fordere die Verantwortung des Toxikers ein.

Der emotionale Abstand zu solch einer Situation ist übrigens durch Vergebung zu erreichen. Bei der Vergebung vergebe ich das Thema an Jesus, der sich dann darum kümmert.

Was kann der toxische Leiter tun?

Es gibt wohl nur sehr wenige Fälle, in denen sich ein toxischer Leiter positiv verändert hatte. Das liegt hauptsächlich an der mangelnden Einsicht und dem Lügengebilde, dass er jahrelang in und um sich aufgebaut hat.

Eine befreiende Lösung wäre, das Lügengebilde mit einem großen Rums zusammen fallen zu lassen und dann einen Neuanfang zu wagen. Dazu sind Toxiker in der Regel zu ängstlich und sterben dann lieber in ihrer Scheinwelt.

So kann sich an der Persönlichkeit nur etwas ändern, wenn eine Entscheidung getroffen wird. Nämlich die Entscheidung, sich positiv verändern (lassen) zu wollen. Dabei kann das Lesen der Bibel und ein vertrauensvoller Umgang mit anderen Menschen helfen.


Weitere Artikel aus dieser Serie:
Toxic Leadership - Was ist das?
Toxic Leadership - 10 Merkmale


Als wichtige Quelle diente eine Abhandlung von Marco Tavanti, DePaul University aus Juni 2011.

Donnerstag, 19. Oktober 2017

Toxic Leadership - 10 Merkmale

Die Recherchen zur toxischen Leitung haben doch einen größeren Fundus zu Tage befördert als zunächst angenommen. Im folgenden Artikel geht es um typische Merkmale der Akteure.



Längst werden toxische - also vergiftende - Leiter nicht mehr nur in der U.S. Army ausgemacht, sondern auch in Unternehmen und Organisationen. Das Ergebnis ist immer das Gleiche: Mitarbeiter und Aufgabengebiete sind nach der Wirkungszeit des Toxikers in einem schlimmeren Zustand als vorher.

Die Liste der Eigenschaften toxischer Leiter liest sich wie eine Checkliste zum geistlichen Missbrauch. Damit schließt sich der Kreis von säkularer Leitung zur Leitung in betroffenen Gemeinden. Nachfolgend 10 Eigenschaften, die als kennzeichnend für toxische Leiter gelten:

1. Arroganz und Narzissmus

Toxische Leiter stellen sich gerne selbst dar. Sie gehen davon aus, dass sie generell Recht haben und ihre Zuhörer die Worte als "Evangelium" aufsaugen.

Sie beanspruchen die Deutungshoheit und reagieren sehr scharf auf Kritik - auch auf konstruktive. Besonders hart werden Optimierungsvorschläge geahndet, die von Untergebenen kommen.

2. Autokratie

Toxische Leiter lassen in der Regel nur die eigene Meinung gelten und sehen sich als Leitfigur der Gruppe. Die Gruppe habe der vorgegebenen Richtung zu folgen und diese keinesfalls zu hinterfragen. Mitarbeiter haben in seinen Augen lediglich den Zweck, ihm zuzuarbeiten und seine Position als Oberhaupt zu bestätigen.

3. Reizbarkeit

Toxische Leiter sind in ihrer unsicheren Selbstwertstruktur schnell reizbar. Sie wollen überall mit einbezogen werden, beziehen aber selbst ungerne jemanden in ihre Angelegenheiten ein. Sie haben Angst vor Fragen und gehen diesen so gut es geht aus dem Wege. Ideen sowie Trial & Error werden auf ein Minimum reduziert. Kreative Gruppenmitglieder verlassen das Team oder gehen jämmerlich ein.

4. Unangemessenheit

Toxische Leiter benehmen sich oft wie Kinder, sind launisch und unflexibel. Bemühungen um Weiterentwicklung und positive Veränderung werden konsequent behindert.

5. Mangel an Vertrauen

Toxische Leiter bauen ein Gebilde aus Lügen und Manipulation um sich auf und verlieren somit das Vertrauen zu sich selbst und erst recht zu anderen. Im gemeindlichen Umfeld haben wir erlebt, dass ein Pastor qua Amt Vertrauen eingefordert hatte, das ihm aufgrund von Erfahrungen und seiner Persönlichkeit nicht automatisch zugestanden werden konnte.

6. Inkompetenz

Toxische Leiter sind davon überzeugt, die kompetentesten Personen zu sein. Allerdings karikiert sie die Praxis dadurch, dass es ihnen an Entscheidungsfähigkeit mangelt, Priorisierungen ohne Sinn festgelegt werden und sie selbst für einfache Aufgaben ungeeignet sind. Kaschiert wird das durch die Kritik an Dritten, was gelegentlich auf offene Ohren stößt und erst einmal vom Toxiker ablenkt.

Es kann durchaus vorkommen, dass das übergeordnete Management die Inkompetenz bewusst ignoriert und lieber das Team opfert. Das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass die Upline aus demselben Holz geschnitzt ist. Vielleicht benötigt der Vorgesetzte ja einen untergeordneten Toxiker, um selbst in ein besseres Licht zu kommen oder als dessen Mentor zu punkten.

7. Hierarchien

Kein Wunder, dass toxic leadership zunächst im militärischen Umfeld beleuchtet wurde. Ist doch das Militär die bekannteste Organisation mit harten hierarchischen Strukturen.

Aber auch auf das kirchliche Umfeld lässt sich das übertragen. Da gibt es den Senior-Pastor, den Vorstands-Vorsitzenden, den Super-Intendenten, den Präses, den Bundes-Ältesten, den Papst, den Dekan und viele andere schöne Titel, die eine Position in der Hierarchie ausdrücken.

Ohne Hierarchie würde der toxische Leiter zugrunde gehen. Er braucht die Hierarchie und idealerweise noch die passende Kleidung für sein Selbstwertgefühl. Untergebenen wird die Last des Überbaus sehr deutlich klar gemacht. Dient es doch dem Selbstschutz der problematischen Leitungsfigur.

8. Unrealistische Erwartungen

Toxische Leiter gängeln ihr Team mit unrealistischen Erwartungen. Wie es aus der Literatur zu geistlichem Missbrauch bekannt ist, werden diese Regeln und Erwartungen modifiziert, sobald deren Erfüllung realistisch wird. Dadurch erzeugt der toxische Leiter ein nachhaltig schlechtes Gewissen bei den anvertrauten Untergebenen.

9. Symbole persönlicher Autorität

Das harmoniert mit dem erstgenannten Punkt Arroganz und Narzissmus. Der Toxiker verschafft sich besondere Rechte wie einen speziellen Parkplatz, ein erhabenes Büro, freien Zugang zu allen Ressourcen, beeindruckende Titel und Etiketten, exklusive Amtskleidung. Die Liste könnte fortgeführt werden.

10. Diskriminierung

In Korrelation zur Inkompetenz in Punkt 6 passt auch die Diskriminierung von Personengruppen. Wir haben erlebt, dass Gemeindemitglieder mit der Begründung entlassen wurden, sie seien nicht kompatibel zur DNA des Gemeindeverbandes. Dabei hatten sie nur Fragen zu den hier genannten Punkten gestellt. Verbleibenden Mitgliedern wurde zudem der Kontakt untersagt, da man sich ja nicht mit Menschen abgeben solle, die "sich Bruder nennen, sind aber ..." siehe 1. Korinther 5, 11.

Weitere Erscheinungsformen

Ergänzend dazu gibt es noch den Manipulator und den Wettbewerber.

Der Manipulator ist schwer zu erkennen. Oft braucht es mehrere Jahre, um die Täuschungen des Manipulators als Taktik zur Erfüllung dessen egoistischer Ziele zu erkennen. Bei Dale Carnegy heißt es: "Wenn Egoisten Sie ausnützen wollen, streichen Sie sie von Ihrer Liste ...".

Der Wettbewerber ist als Siegertyp ein prädestinierter Herzpatient. Er will immer gewinnen, egal was es kostet. In diese Zielvorgabe zieht er seine Untergebenen mit hinein und macht auch diese zu potenziellen Herzpatienten.

Und ich?

Es ist immer hilfreich, sich selbst im Spiegel der oben genannten Punkte anzusehen. Das schlägt ja auch schon Jakobus in Kapitel 1, 23-24 vor. Beim morgendlichen Ausdauer-Training hatte ich über meine eigenen Fallen in diesem Bereich nachgesonnen. Allein das Reflektieren darüber ist ein Zeichen dafür, dass es bei mir nicht so stark ausgeprägt sein kann.

Toxische Eigenschaften entfalte ich in der Regel nur, wenn es um das Bereinigen von Faktoren geht, die das Überleben oder die Weiterentwicklung einer Organisation stören. Das trifft dann gelegentlich auch toxische Leiter, die ja zumeist entbehrlich sind und lediglich vermeidbare Kosten produzieren.

Eine Frage der Dosierung:

Am Rande des Workshops zum Traditionserlass wurde mir berichtet, dass der weise dosierte Einsatz von toxischen Leitern durchaus heilend wirken kann. Das kennt man ja auch aus der Medizin. Gemäß ADP 6-22 dürfen diese Leiter allerdings immer nur punktuell und temporär eingesetzt werden. Ist das Ziel erreicht, sollten sie rechtzeitig in andere Wirkungsbereiche vermittelt werden.

Auch der Voll-Toxiker kann eine heilende Wirkung erzielen. Nämlich als Fallbeispiel für seine Umwelt, so eine Betrachtung mit dem nötigen Abstand möglich ist.


Weitere Artikel aus dieser Serie:
Toxic Leadership - Was ist das?
Toxic Leadership - Was tun?


Zwei wichtige Quellen für diesen Artikel waren folgende Webseiten:
www.leadershipforces.com
www.yscouts.com