Mittwoch, 14. Dezember 2016

Bahnhofsmission am Zoologischen Garten

Auf der Rückseite des Bahnhofs Zoologischer Garten, abgewandt vom pulsierenden Leben des Zoo-Einganges, des Zoo-Palastes, der Kantstraße und des Breitscheidplatzes mit Gedächtniskirche befinden sich die Zugänge zur Bahnhofsmission. Täglich finden hier mehrere hundert Menschen Hilfe.



"Der Gott des Himmels wird es uns gelingen lassen; denn wir, seine Knechte, haben uns aufgemacht und bauen wieder auf", heißt es in Nehemia 2, 20. Diesen Losungstext hörten heute Vormittag mehr als zwanzig Kameraleute, zehn Textjournalisten, diverse Polizisten und Personenschützer, der Bundespräsident, Daniela Schadt sowie Gäste und Mitarbeiter der Bahnhofsmission.

Gäste oder Fremde?

Das Vokabular ist wichtig. Während in herkömmlichen Gemeinden bei unbekannten Besuchern gerne von "Fremden" gesprochen wird, redet man in der Bahnhofsmission von "Gästen". Einige dieser Gäste standen zusammen mit den Pressevertretern vor der Tür und warteten auf das, was da kommen möge. Advent eben. Auf dem WC teilte einer der Gäste seinem Mitgast mit, dass Jauch käme. "Nein, Gauck", teilte der andere Gast mit. "Den Vogel muss ich mir mal angucken" lallte der Gesprächseinsteiger und brachte noch eine kurze Zusammenfassung seiner sozialpolitischen Einsichten, die der andere Gast kompetent zu korrigieren wusste.

Bahnhofsmission am Zoologischen Garten
Bahnhofsmission am Zoologischen Garten - Mitarbeiter in Blau, Daniela Schadt in Grau, Joachim Gauck im Anzug
Der Bundespräsident erschien pünktlich und begrüßte zunächst die Anzugträger. Dann gesellte er sich zu den Mitarbeitern in Blau, die die Eingangstür "bewachten" und nahm sich Zeit für Gruppenfotos. Kurz vorher hatte die ARD noch eine Szene eingefangen, bei der ein Gast mit weißem Regierungsbändchen ausgestattet und danach als "vorgezogenes A***loch" angepöbelt wurde. Der Pöbler fragte mich nach einem Euro, den ich nicht klein hatte. Er könne wechseln und disqualifizierte sich damit erst recht als Zuwendungsempfänger.

Mit weißen oder grünen Bändchen erhielten wir zusammen mit Joachim Gauck Zutritt zum Essenssaal der Bahnhofsmission. Bildende Journalisten nahmen hinter einem roten Absperrband Platz und die schreibende Zunft durfte sich an weihnachtlich gedeckte Tische mit Kaffee und Schokokeksen setzen. Dann folgte die oben bereits zitierte Losung. Die Andacht war kurz und endete mit einem Lied und Gebet. Selbst einige Personenschützer falteten die Hände. Textjournalisten sprachen ein deutliches "Amen". Danach wurden die Fotografen nach draußen gebeten.

Auf den Liedblättern mit dem Stadtmissionslogo war "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit" in Anlehnung an Psalm 24 abgedruckt. Dass damit Gott gemeint ist, steht außer Frage. Jedoch passte es gut zum Empfang eines Spitzenpolitikers. Joachim Gauck trifft ständig "gekrönte Staatsoberhäupter", ist sich aber auch der "Welt daneben" bewusst. Deshalb taktet er Termine an Brennpunkten der Gesellschaft gerne in seinen Kalender ein. Ihm sei es wichtig, den engagierten Menschen des Landes bei solch einer Gelegenheit "Danke" zu sagen.

Bahnhofsmission am Zoologischen Garten
Bahnhofsmission am Zoologischen Garten - Andacht und Gesprächsrunde mit Bundespräsident Gauck


In kleiner Runde

Statt einer Rede am Pult mit Goldadler setzte er sich auf die harten Stühle der Bahnhofsmission und muss sich wie bei einem der längst vergangenen Bibelabende in seiner Kirche vorgekommen sein. Acht sehr unterschiedliche Menschen saßen im Kreis und erzählten über ihre Beziehung zur Bahnhofsmission. Joachim Gauck hatte damals am Bahnhof Zoo öfter "Daniela abgeholt" und habe aus dieser Zeit die Jebensstraße vor Augen.

Einer der acht im Kreis war ein Polizist mit mehreren Sternen, der mit seinem Verein Obdachlosen hilft. Unter Kollegen werden Sachen gesammelt, die dann hier verteilt werden. Wo im Dienst Distanz zu wahren ist, liegen sich hier öfters Polizisten und Obdachlose in den Armen und haben ein herzliches Verhältnis zueinander.

In der Runde saßen zwei "Gäste" und erzählten aus ihrem Leben. Der Bundespräsident fragte nach und auch Daniela Schadt war sehr interessiert an den Berichten. Die Gäste drückten sich sehr gut aus, erzählten kurz ihre Geschichte und was die Bahnhofsmission für sie bedeute. Sie bekommen hier gute Beratung, ein Bett, Essen, eine Dusche, Ambulanz und Menschen, mit denen sie reden können. Schätzungsweise gibt es in Berlin 4.000 bis 7.000 Obdachlose. Hauptbrennpunkte sind die Fernbahnhöfe. Die Berliner Stadtmission betreibt einen Kältebus, der insbesondere im Winter Obdachlose einsammelt und in Notunterkünfte bringt.

Mitarbeiter in Blau

Die Mitarbeiter der Bahnhofsmission rekrutieren sich aus Freiwilligen, angestellten Mitarbeitern und Straffälligen mit der Auflage gemeinnütziger Arbeit. Es arbeiten Designer, Ärzte, Manager, Volkswirte oder Rentner Hand in Hand und teilen sich die Schichten rund um die Uhr. Dabei fiel auf, dass viele Freiwillige und Gäste aus Süddeutschland stammen. Süddeutschland sei das Bundesland mit dem größten Ehrenamtsanteil.

Bei der Bahnhofsmission gebe es drei Personengruppen: die normal gekleideten sind Gäste, die Anzugträger leiten das Ganze und die Leute in Blau sind die "Nächste Hilfe". Etwa 150 angestellte Mitarbeiter gibt es, die von etwa 200 Straffälligen unterstützt werden. "Sind Knackies hier", fragte der Präsident in die Runde. Es meldete sich niemand. Ansonsten hätte er sich wohl noch dessen Lebensgeschichte erzählen lassen. An den Pressetischen wurde emsig mitgeschrieben, ansonsten wären wir wohl auch noch ins Gespräch verwickelt worden.

Der Chef

Die befragten Mitarbeiter in Blau oder Schwarz (Diakonisse Schwester Inge, übrigens auch aus Süddeutschland) stellten sehr deutlich ihre Beziehung zu Jesus heraus. Lutz erzählte von seinem Krebs, der durch Gebet überwunden worden sei. Er erfülle nun sein dankbares Versprechen, regelmäßig in der Bahnhofsmission zu arbeiten. "Ein Gelübde", konnte Joachim Gauck das theologisch korrekt auf den Punkt bringen. Lutz werde oft nach dem Chef gefragt. Der hänge dort an der Wand und sei auch noch nicht runtergefallen. Alle schauten auf die Schnitzerei mit dem gekreuzigten Jesus. Der pensionierte Werksleiter sei hier geerdet worden. Er sehe Elend aber auch Glück. Er sehe Tränen und Freude. Dieser Lebensabschnitt sei für ihn wie die Medizin. Dass das Arbeitsklima sehr gut sei, bestätigten die Mitarbeiter unisono. Auch die Gäste zeigten sich beeindruckt vom allgemeinen Umgang miteinander.

"Ich liebe die Menschen und liebe den Auftrag von Jesus Christus", rundete Schwester Inge ihre Ausführungen zur Tätigkeit in der Bahnhofsmission ab.

Die doch recht familiäre und ausführliche Zusammenkunft endete mit einem Hinweis auf den Terminkalender. Joachim Gauck sprach sich für einen nächsten Besuch aus. Auch Daniela Schadt war interessiert. Dann stürzten wieder die Fotografen und Kameraleute herein und versperrten die Sicht auf die liebevoll vorbereiteten Brötchen. Ich verließ die Szenerie, um noch möglichst entspannt den weiteren Weg antreten zu können. Draußen langweilten sich die Polizisten und die Fahrer der beiden schwarzen Limousinen.

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