Donnerstag, 28. September 2017

Say good bye - das Erleben des eigenen Ablebens

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod wird gerne in die Zukunft verlegt - in die ganz weit entfernte Zukunft. In diesem Jahr hatte ich zwei bemerkenswerte Gelegenheiten, mich mit dem eigenen Ableben zu beschäftigen.



"Say good bye", das Ende einer vierstündigen Geiselhaft irgendwo in Obsidia. Vier lange Stunden mit verdeckten Augen, Schikanierung durch Selbstwert-optimierbare Warlords, Warten in dunklen Containern, Hitze, Kälte, grauslige Musik und Ungewissheit. Vier Stunden, die ich zunächst gut mit PMR (Progressiver Muskelentspannung nach Jacobsen) und Atemübungen überstanden hatte. Doch dann eine ganz neue unerwartete Situation: Verhör. Anbrüllen, gegen die Wand drücken, neue Regeln. Hatten wir doch vier Stunden lang drei Regeln eintrainiert bekommen: "Don't move! Don't speak! Don't smile!" Dennoch hatte ich die ganze Zeit einen inneren Frieden und wusste mich in Jesus geborgen. Doch nun dieses Verhör. "Nein, Waffen gehören nicht zu meiner Ausrüstung. Klar, kenne ich Heckler & Koch als Waffenhersteller aus Deutschland, habe aber keine Beziehung dazu."

Say good bye!

Der Fragesteller wollte sich damit nicht zufrieden geben. Ich durfte die glubschige Gummibrille hochklappen und schaute auf einen Zeitungsartikel. "Look down right", herrschte er mich an. Ich erstarrte. Als ich down right lookte, sah ich dort ein Foto, aufgenommen zur Unzeit, ich in meiner normalen Straßenkleidung liegend hinter einem G22 Scharfschützengewehr von Heckler & Koch. "Aus der Nummer kommst du nicht mehr raus", dachte ich. So muss es sich anfühlen, wenn ein Nichtchrist plötzlich vor Gott steht und denkt: "Oh Scheibe, Gott gibt es doch". Und tatsächlich kam ich aus der Nummer nicht mehr raus. Ich wurde aus dem Container geführt. Licht erhellte die Gummibrille über meinen Augen. "Say good bye", dann drückte der Lauf einer Schusswaffe eine der Augenklappen nach innen und ich wusste: Exikution.

Zurück in der Gegenwart

Mit kaltem Schweiß um den Mund wurde ich in einen hellen Container geführt. "Wir kommen langsam wieder in die Gegenwart zurück", sprach die bekannte Stimme des Trainers. Unsere Gruppe von 19 Personen durfte die Brillen ablegen und wir sahen, dass wir in einem hellen Baucontainer saßen. Jeder von uns hatte in den letzten vier Stunden Großes geleistet und auch jämmerlich versagt.

Wir waren uns vorher bewusst, dass wir an unsere physischen und psychischen Grenzen geführt werden und sogar kontrolliert darüber hinaus. Die begleitende Psychologin ließ ihren ernsten Blick schweifen und beobachtete die Reaktionen. Insgesamt war das Training für Journalisten und unbewaffnete Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in Krisengebieten ein großer persönlicher Gewinn. In den durch SidaF (Soldaten in darstellerischer Funktion) inszenierten Grenzsituationen konnte ich meine automatischen Handlungsmuster erleben. Letztlich sogar bis zum eigenen Tod.

Der Entspannte überlebt eher als der Starke.

Der Tod kann jeden zu jeder Zeit ereilen. "Say good bye", heißt es dann. In Krisenregionen ist wohl eher damit zu rechnen. Dennoch waren wir bei der Fahrt durch den geteilten Phantasie-Staat Obsidia relativ entspannt in unseren Kleinbussen unterwegs. Wir unterhielten uns über dies und das, sprachen mit dem Fahrer und ließen uns immer wieder aufs Neue in die jeweilige Situation hineinfallen: legale und illegale Checkpoints, plötzliche Handgranaten im Dorf, Beschuss auf dem Marktplatz, Befreiungsaktion mit UN-Panzer und ständiges ausgeraubt werden. Entspanntheit ist gut und schützt vor Panik. Tritt dann eine unschöne Situation ein: Puls und Atem herunterregeln und Denkfähigkeit wiederherstellen.

Der Schnitt im Alltag

Obsidia war ein gutes Training für meine Lungenembolie. Diesmal eine echte Situation. Echte fünf Projekte, die fertigzustellen waren. Eine echte Familie, die mich zwang, bei der Notaufnahme anzuhalten. Echte Ärzte, echte Schwestern, echte Diagnosegeräte. Gut, ich war nicht gestorben. Der Alltag hatte jedoch einen kompletten Schnitt erfahren. Wäre ich gestorben, hätte der Alltag auch einen Schnitt erfahren. Nur mit der pikanten Fragestellung: "Wer schließt die fünf Projekte ab? Wer kennt oder findet die Passwörter zu Mailaccounts und Servern? Wer kümmert sich um die laufenden Zahlungen und Kontenbewegungen? Findet die Familie alle relevanten Versicherungen?" Plötzlich wurde mir klar, dass ich mich entbehrlich machen muss. Ich muss meine Sachen ordnen, ein Backup schaffen und Vorbereitungen treffen, dass bestimmte Dinge nach meinem Ableben elegant durch Dritte abzuwickeln sind.

Tote, die leben

Hier in der Reha-Klinik kommen wir gelegentlich über unsere Krankheitsbilder ins Gespräch. Herzinfarkt, Stants, Herzklappen-Ersatz und ähnliche Eingriffe in das kardiologische Geschehen werden berichtet. Aber auch Arterienriss mit 3 Minuten Überlebenszeit, der so glücklich verlaufen war, dass aus 3 Minuten 45 Minuten wurden. Viele der Mitpatienten wären bereits tot, wenn sie nicht rechtzeitig gefunden oder reanimiert worden wären.

Ein Haus voller Toter, die noch leben. Tote, die sich wieder dem Profanen zuwenden. Aber auch Tote, die das ihnen geschenkte Weiterleben bewusst als Geschenk angehen. "Bei dem Befund wären Sie ohnehin in den nächsten Tagen umgekippt", sagte mein Hausarzt, nachdem er den Krankenhausbericht zu meiner Lungenembolie gelesen hatte. Das wäre dann wahrscheinlich tödlich ausgegangen. Die fünf Projekte wären nicht beendet worden. Zudem hätte ich den Reigen der toten Männer in unserer Familie fortgesetzt: Spätsommer 2015 mein Vater, Ende 2016 der Vater meiner Frau und Spätsommer 2017 ich selbst. Das wäre auch für die Frauen in der Familie eine erhebliche Last gewesen.

Christus lebt in mir.

Nun aber lebe ich - noch - und Christus lebt in mir. Gerade letzterer Aspekt nimmt mir die allgemein übliche Angst vor dem Tod. Deshalb hatte ich mich in Obsidia in Gott geborgen gefühlt. Deshalb konnte ich auch dankbar auf der Intensivstation liegen und entspannt auf das warten, was kommen mag.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen