Freitag, 3. Juni 2016

Kirche43 und Geschichten aus Marzahn

Kirche43, ehemals Jugendkirche Marzahn, ist ein gutes Beispiel für die Lebenszyklen eines Gemeinde-Gründungsprojektes. Besonders herausfordernd sind die Übergänge zwischen den Phasen, die eine tragfähige personelle Basis mit entsprechender Vision und Berufung benötigen.



Marzahn hat eine lange Geschichte. Eine Geschichte, die in Berlin gar nicht so bekannt ist, aber doch entscheidend die Stadtentwicklung beeinflusst hat. In den 1930er Jahren wurden Sinti und Roma im dörflichen Marzahn angesiedelt, da sie das olympische Stadtbild störten. Der Bahnhof Marzahn diente als Umschlagplatz für Zwangsarbeiter. Moderner Sklavenhandel. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges erreichten die russischen Truppen zuerst Marzahn und kämpften sich durch den homöopathischen Widerstand des aus Kindern und Rentnern rekrutierten Volkssturms in Richtung Innenstadt vor. Der noch heute erhaltene Dorfkern diente als Unterkunft für den Stab und die Dorfkirche als Markierungspunkt für die Bomber.

Ende der 1970er Jahre begann der Bau einer riesigen Plattenbausiedlung. Das Einfamilienhaus meiner Schwiegermutter wurde plattgewalzt und Wohnblöcke mit sechs, elf und mehr Etagen an dieser Stelle errichtet. Marzahn war durch grauen und dunkelroten Beton sowie schlammige Parkplätze und Zufahrtswege geprägt. Berliner konnten Stadtrundfahrten buchen, um sich das Leben in der neuen Siedlung anzusehen. Die Einwohner sprachen vorwiegend sächsisch, plattdeutsch oder vietnamesisch, was eine generelle Skepsis der Berliner erzeugte. Marzahn war wie ein dahingepflanzter Fremdkörper, ähnlich dem heutigen Potsdamer Platz.

Interesse an Marzahn


In Marzahn-Nord wurde die letzte Kirche der DDR erbaut und nach dem Fall der Mauer gab es einige wagemutige Missionare, die bewusst in diesen Stadtteil zogen, um dem über 95-prozentigen Atheismus einen anderen Akzent entgegen zu setzen. Als wir 2010 einen kleinen Hauskreis in Texas besuchten, trafen wir dort einen Briten. Er war 1991 beim großen OM-Event "Love Europe" in Berlin dabei und hatte sich insbesondere mit Marzahn beschäftigt. Kurz danach bildete sich ein Team aus mehreren jungen Männern und Frauen, die in diesen fernöstlichen Stadtteil zogen und dort Gospelchor, Englischunterricht und Jugendaktivitäten anboten. Es waren vorwiegend Briten, Amerikaner und Australier. Ab und zu gesellte sich ein Schwabe oder Badener dazu. Berliner waren für solch einen Umzug nicht zu gewinnen.

Jugendkirche Marzahn


Um die Wendezeit entstanden viele kleine aber lebhafte Gemeinden. Darunter waren die Christen in Marzahn-Hellersdorf, die Arche (Hellersdorf), die JKB (Junge Kirche Berlin in Hellersdorf) und eben auch die Jugendkirche Marzahn, liebevoll mit JKM abgekürzt. Das internationale Team, das unter dem Dach von OM wirkte, baute sehr intensive und gute Kontakte zu Jugendlichen des Bezirks auf. Bei einer Übungsstunde des Gospelchores fragte jemand: "Den englischen Text verstehe ich soweit, aber was bitte ist ein Jesus?". Diese Wissenslücken konnten ein oder zwei Jahre Kontakt zum OMer nicht kompensieren. Zudem waren die Kontakte so persönlich, dass sie nicht in ein tragfähiges Gemeindegeflecht übergeben werden konnten. Dennoch wurden in dieser Zeit viele Marzahner und Missionare durch JKM geprägt und Weichen für ihren weiteren Lebensweg gestellt. Auch wir zogen 1995 in eine echte "Platte", um die Arbeit vor Ort aktiv zu unterstützen. Wir sangen im Chor, übernahmen Teile der Veranstaltungsprogramme und Gottesdienste, trafen uns zu einem Hauskreis mit Erwachsenen und beteten regelmäßig für die entstehende Gemeinde und Marzahn.

Kurz vor der Jahrtausendwende stellte OM seine Aktivitäten im Stadtbezirk ein. Begründet wurde das mit dem Fokus auf die Auslandsmission und die ausbaufähige Unterstützung der Muttergemeinde in Schöneberg. Noch ein Jahr lang führten wir zusammen mit Jugendpastor Heiko Bürklin monatliche Gottesdienste im Freizeitforum durch. Dann musste auch er zum Heimaturlaub in die USA.

Gebet für Marzahn


Wir waren nun ganz alleine. Marzahn sah immer noch rotbraun und grau aus, wenngleich nicht mehr so schlammig. Ältere Ehepaare liefen mit Camcorder durch die Straßen und filmten ihre Freizeitaktivitäten. "Ei, gugge, die Agduelle Gammera", veranschaulichte uns, dass die jüngsten historischen Entwicklungen ausgeblendet wurden. Wir wussten, dass Marzahn unser Platz ist. Und wir stellten fest, dass wir gar nicht alleine waren. Eine benachbarte Missionarin war wegen Heimaturlaubs ebenfalls von ihrem gesamten Team verlassen worden. Somit waren wir schon zu dritt und beteten jeden Dienstag für eine positive Klimaveränderung in Marzahn. Eines Tages sagte Pamela, dass sie sich hier inzwischen sehr wohl fühle. Das war wie ein Schalter, der umgelegt wurde.

Überall wurden Platten abgerissen, Fassaden saniert, Hochhäuser auf Terrassenform zurück gebaut, neue Spielplätze wurden angelegt. Die Bäume hatten eine jugendliche Größe erreicht und generell schien sich das Klima des Miteinanders zum Positiven gewandelt zu haben.

Jugendkirche Marzahn mit neuem Team


Zum Jahrtausendwechsel kam Heiko Bürklin wieder. Er hatte ein Team aus Amerikanern und einer Frau aus Süddeutschland zusammengestellt. Die Mindestzeit sollte gemäß der Erfahrungen mit OM mindestens fünf Jahre betragen. Ein festes Beziehungsgeflecht wurde aufgebaut. Junge Leute nahmen am Gospelchor, Englischkursen, Basketball, Bibelkursen, Hauskreisen und anderen Aktivitäten teil. Viele kamen durch die gute Platzierung der Internetseite bei Google dazu. Mindestens 30% der Sänger aus dem Gospelchor entschieden sich für eine Beziehung zu Jesus. Jugendkirche Marzahn at its best! Hauskreise wurden multipliziert, Hochzeiten gefeiert und Jugendliche im See getauft. Die Gottesdienste fanden zunächst im CVJM-Haus Trinity statt und später in einem Nebentrakt der Arche in Hellersdorf.

Betrachtet man eine Jugendgemeinde als Schwamm, der Menschen kurz aufsaugt, prägt und dann wieder freigibt, kann man sicher mit den Dynamiken leben. So war auch die Jugendkirche Marzahn von Fluktuation geprägt. Wir beteten für Ausbildungsstellen und die Gebete wurden erhört. Allerdings mit dem Effekt, dass der Azubi umziehen musste. Umziehen war nach fünf Jahren auch für fast alle Amis angesagt. Als nächstes stand der Trendbezirk Prenzlauer Berg auf dem Programm, wo sich bereits Unmengen internationaler Missionare auf den Füßen herumtraten. Das dünnte nicht nur das Leitungsteam existenzbedrohlich aus, sondern zog auch viele der aufgebauten Folgeleiter hinterher.

Jugendkirche Marzahn mit neuem Pastor


In dieser Zeit, es war Sommer 2006, stellte sich ein deutscher Pastor mit südafrikanischer Frau vor. Sommer, Sonne, Grillen im Garten und viele Mitarbeiter und Jugendliche. Was für eine attraktive Gemeindestelle. In der Lukas-Gemeinde wurden LEGO-Steine gegen Spendenzusagen ausgegeben. Als das Pastorenehepaar im November nach Marzahn kam, war alles Grau in Grau, das Team war weitestgehend in die Innenstadt gezogen und verschiedene Folgeleiter packten bereits ihre Sachen. Entsprechend kurz war die Halbwertzeit, die zweieinhalb Jahre später endete.

Kirche43


Da die Jugendlichen teilweise die Zwanzig überschritten hatten, war die Jugendkirche Marzahn zwischenzeitlich in Kirche43 umbenannt worden. Um der Betriebsblindheit bei der Namensfindung abzuhelfen, hatten wir einen Designer aus Bielefeld beauftragt. Er nahm eine alte Postleitzahl und ersetzte die führende Zehn mit dem Wort "Kirche". Das gefiel uns sehr gut, zumal das den besonderen Kiezbezug darstellte. Als Farben für das Corporate Design wurden Grün und Orange gewählt.

Neuer Name, neue Farben, neues Logo konnten jedoch nicht verhindern, dass wegen der herausfordernden Abwanderungssituation von offizieller Seite bereits das Aus der Gemeinde kommuniziert wurde. Wieder also stand die Gemeinde am Nullpunkt. Was tun?

Kirche43 und der Independence Day


Es kamen nun der Wunsch eines Praktikanten zur hauptamtlichen pastoralen Tätigkeit und unsere alten Kontakte in die christliche Szene der Stadt zum Tragen. Auch der Jagdinstinkt einiger in Marzahn verbliebener Jugendlicher wurde geweckt. Mit einem Team hoch motivierter Mitarbeiter starteten wir neu durch. Es wurden mehrere Ladengeschäfte in der Hohensaatener Straße angemietet und ausgebaut. Die Gemeinde wuchs und brauchte immer mehr Platz. Nach einem Jahr, am Independence Day (04.07.2010), erlangte die Kirche43 ihre Unabhängigkeit von der Lukas-Gemeinde. Das begeisterte Team arbeitete so effektiv, dass an nur einem Wochenende die Gemeindeordnung fertig gestellt war und es in Richtung "normale" Gemeinde gehen konnte. Es kamen immer mehr junge Familien und Kinder dazu. Kirche43 hatte den Ruf einer integrativen Gemeinde mit bemerkenswerter Willkommenskultur.

Es wurden Glaubenskurse, Eheseminare, Spieleabende, Public Viewing, Männerabende, Mutter-Kind-Gruppen und wöchentliche Gottesdienste angeboten. Am 18. September 2011 wurde der damalige Praktikant Torsten Klotzsche zum Pastor im Mülheimer Verband ordiniert. Seine handwerklichen Fähigkeiten und ein besonderer Fokus auf gesellschaftlich benachteiligte Menschen aus dem Kiez prägen bis heute das Erscheinungsbild der Kirche43.

Lea Streisand von radioeins würde jetzt resümieren: "War schön jewesen. Geschichten aus der großen Stadt".

Kirche43 ab 2012


In den folgenden drei Jahren - 2012, 2013, 2014 - gab es drei Freizeiten, drei Sommerfeste und drei Leitungsteams mit unterschiedlicher Größe und Besetzung. Im November 2014 trat das letzte und personell umfangreichste Team zurück. Mitte 2015 verließen wir zusammen mit zwei weiteren in Gemeindegründung erfahrenen Ehepaaren die Kirche43. Weitere Familien folgten.

Dieser Blog ist ein Nebenprodukt unserer Neuorientierung.

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