Montag, 30. Mai 2022

Ja, sowas passiert. Aber nicht bei uns!

Heute wurden in der Bundespressekonferenz die Zahlen zum sexuellen Kindesmissbrauch vorgestellt. Die Mechanismen sind vergleichbar mit denen, die bei geistlichem Missbrauch festzustellen sind.

BKA-Chef Holger Münch und die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Kerstin Claus, stellten sich heute den Fragen der Hauptstadtpresse. Anlass war die Veröffentlichung der Fallzahlen beim Kindesmissbrauch im Jahr 2021. Die Gesetzeslage ist gut geeignet, Täter angemessen zur Verantwortung zu ziehen.

Dadurch, dass viele der Taten seitens der Missbraucher mit Bildmaterial dokumentiert werden, können die Handschellen schnell zuschnappen. Dafür sorgt seit einigen Jahren die ausgesprochen gute Zusammenarbeit mit der amerikanischen Stelle NCMEC (National Center for Missing & Exploited Children - Nationales Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder). Durch eine kontinuierliche Verbesserung der Software konnte die Identifizierung allein von 2020 bis 2021 von 21,7 auf fast 30 Millionen gesteigert werden. Die KI (Künstliche Intelligenz) arbeitet inzwischen mit einer Trefferquote von 98% und selbst die eine Woche Speicherzeit für IP-Protokolle reicht aus, die Täter bis ins heimische Wohnzimmer nachzuverfolgen. Es wird also eng für Ersteller und Nutzer des brisanten Bildmaterials. Selbst ein Ausweichen ins Darknet ist längst kein Garant mehr für ein Agieren ohne Konsequenzen.

Wenn kein Bildmaterial als Beweis vorliegt

Da längst nicht alle Straftaten dieses Bereiches mit Bildmaterial belegbar sind, appellieren Holger Münch und Kerstin Claus an die Öffentlichkeit, Verdachtsfälle anzuzeigen und Kinder frühzeitig für die Gefahren des Missbrauchs zu sensibilisieren. Kerstin Claus bestätigte, dass das Phänomen bekannt sei, dass die Mama eher dem missbräuchlichen Onkel glaube als dem betroffenen Kind. Betroffene Kinder haben dann nicht nur den eigentlichen Missbrauch zu verarbeiten, sondern auch noch den eklatanten Vertrauensbruch durch die Mutter. Deshalb werde man demnächst eine umfangreiche Aufklärungskampagne starten, die genau diesen Punkt aufgreift.

Doppeltes Trauma durch Missbrauch und Vertrauensbruch

Das Prinzip des Versagens der nächsten Vertrauenspersonen ist auch bei Fällen des geistlichen Machtmissbrauchs festzustellen. So erschleichen sich vermeintliche Seelsorger von Betroffenen sensible Informationen, die sie anschließend öffentlich gegen den Betroffenen verwenden und diesen damit zu erpressen suchen. Andere "Seelsorger" nutzen das Argument des "Du wolltest es doch auch.", um den Druck für den Täter zu lindern und den Betroffenen in eine Mittäterschaft zu zerren, oder eine komplette Täter-Opfer-Umkehr zu bewirken. Im Rahmen des Korpsgeistes verbünden sich Pastorenkollegen aktiv mit dem Täter, denn "Der Onkel" - pardon - "Der liebe Kollege macht sowas nicht."

Hellfeld und Dunkelfeld des geistlichen Missbrauchs

Der Druck auf verschiedene Gemeinden ist dennoch so hoch, dass seit 2014 Clearingstellen eingerichtet werden, die für Außenstehende den Anschein erwecken, man gehe das Problem tatsächlich an. Letztlich agieren diese Clearingstellen aber systemimmanent und stehlen den wenigen redenden Betroffenen aus dem "Hellfeld" nur Zeit und Energie. So ist auch bei geistlichem Missbrauch von einem hohen "Dunkelfeld" auszugehen, das optimistisch geschätzt beim Faktor 100 liegen dürfte. Immerhin ist es bei geistlichem Missbrauch gängige Praxis, dass Personen, die ein Problem ansprechen, selbst zu einem Problem gemacht werden, während das eigentliche Problem nicht gelöst wird. Den Verantwortlichen der betreffenden Gemeinden und Verbände scheint das egal zu sein. Die Unabhängige Beauftragte brachte diese Einstellung in der Pressekonferenz sehr gut auf den Punkt: "Ja, sowas passiert. Aber nicht bei uns!"

Katholische Kirche setzt Akzente

Auch wenn das evangelikale Lager gerne von sich ablenkt, indem es mit Fingern auf die Katholische Kirche zeigt, ist diese doch schon viel weiter. So hat die Katholische Kirche beispielsweise im Bistum Osnabrück eine Anlaufstelle für Betroffene von sexueller und spiritueller Gewalt geschaffen. Das katholische Werk Don Bosco hat vorbildhaft gezeigt, wie am besten mit Missbrauch umzugehen ist: 1) Betroffene ernst nehmen, 2) unabhängig untersuchen, 3) Konsequenzen für die Täter. Das Ergebnis ist ein nachhaltiger Vertrauensgewinn bei Eltern und Unterstützern dieses Kinder- und Jugendwerkes. Im evangelikalen Bereich scheitert es in der Regel schon am ersten Punkt.

Sonntag, 24. April 2022

JKB Treptow im Astra Filmpalast

Der Astra Filmpalast in Berlin-Johannisthal scheint die Corona-Pandemie gut überlebt zu haben. Auch die JKB Treptow feiert dort nach wie vor ihre Gottesdienste.

Fünf Jahre ist es her, dass wir die JKB Treptow besucht haben. Damals waren wir angetan von der Gastfreundschaft und dem zeitgemäßen Lobpreis. Diesmal trafen wir sehr knapp am Astra Filmpalast ein, fanden aber sofort einen Parkplatz. Am Eingang wurden wir freundlich begrüßt und erfuhren, dass der Gottesdienst immer erst fünf Minuten nach elf starte. Wir eilten die Treppen hinauf zu Kino 5, erspähten eine freie Reihe und ließen uns in die bequemen Sitze fallen.

Eine junge Frau, die heute Geburtstag hatte, moderierte den Gottesdienst: flüssig und mit angenehmer Stimme. Drei Männer bildeten das Lobpreisteam mit Bass, Schlagzeug und Gitarre. Die Lieder kannten wir weitestgehend. Ergänzend liefen die Texte über die Kinoleinwand.

Nach zehn Minuten begann die Predigt. Es ging um einen der Buchstaben der Aufforderung "SEGNE". Das heutige E stand für "Erst zuhören". Nathanael Bader entfaltete das Thema mit Alltagsbeispielen und anhand eines Bibeltextes, in dem Jesus einen Blinden in Jericho heilt. Der Blinde macht zunächst lautstark auf sich aufmerksam, wird dann zu Jesus durchgelassen und von Jesus gefragt, was er denn für ein Anliegen habe. Auch wenn Jesus alles weiß, möchte er doch mit uns kommunizieren und von uns selbst gesagt bekommen, was uns beschäftigt.

Sehr ungewohnt war für uns, dass die Predigt schon nach 22 Minuten vorbei war. In den letzten Jahren haben wir regelmäßig Predigten zwischen 40 und 70 Minuten gehört, wobei die Aufnahmefähigkeit auch bei gut vorgetragenen Themen nach 20 Minuten erschöpft war. JKB-Insider wussten zu berichten, dass wegen der Live-Übertragung bei YouTube genau auf das Timing geachtet werde. Und tatsächlich war der Gottesdienst mit abschließenden Liedern, Ansagen, Geldsammlung, Gratulation an die Moderatorin und Segen Punkt fünf nach zwölf zu Ende.

Der Kinosaal war an diesem Sonntag mit etwa 70 Personen im Alter zwischen 20 und 60 besetzt. Meine Frau fand das zu homogen. Ich fand es gut. Gut fand ich auch die Berichte über Grillpartys in der Nachbarschaft. Apropos Nachbarschaft: Im Großraum Johannisthal hatte ich meine Kindheit und Jugend verbracht und konnte meiner Frau während der Fahrt einige Highlights des Stadtteils zeigen und Episoden aus der Vergangenheit erzählen.

Die JKB Treptow ist einen Besuch wert: Gäste werden herzlich empfangen, aber nicht vereinnahmt. Gemeinschaft und integrative Veranstaltungen haben einen hohen Stellenwert. Die Gemeinde hat verschiedene Hauskreise und bietet Glaubenskurse an. Wer nach dem Gottesdienst noch etwas in Johannisthal verweilen möchte, findet direkt neben dem Kino jede Menge Restaurants und Cafés.

Freitag, 22. April 2022

Dorfkirche Marzahn und die gute alte Bibelstunde

Längst haben Hauskreise die gute alte Bibelstunde vom wöchentlichen Terminplan der Gemeinden verdrängt. In der Dorfkirche Marzahn gibt es sie wieder - parallel zu den Hauskreisen.

Am Morgen kam eine WhatsApp meiner Schwiegermutter. Schon mehrfach hatten unsere Mütter versucht, uns die Bibelstunde ihrer Gemeinde schmackhaft zu machen. Beim Begriff Bibelstunde werden Erinnerungen an roten Tee, Schmalzstullen, muffige Räume, massive Tische und ein homogenes Publikum jenseits der Fünfzig wach.

Die von unseren Müttern beworbene Bibelstunde nennt sich Bibelabend und findet nur einmal im Monat statt. Früher war das meist an jedem Mittwoch. Der Bibelabend mit Pfarrer Dr. Luttenberger sei so theologisch und wissenschaftlich, dass die älteren Damen oft nur unter Mühen folgen könnten. Das sei deshalb genau das Richtige für uns. So ließen wir uns auf eine Evaluierung ein und gingen gestern Abend ins Gemeindehaus in Alt-Marzahn.

Zusammen mit dem Pfarrer senkten wir den Altersdurchschnitt auf Mitte Fünfzig. Meine Frau und ich stellten ein Drittel der Besucher. Auf den Tischen lagen knuffige Luther-Bibeln, deren Format mir sehr gut gefiel. Eine Bibel dieses Formates hatte mich vor 35 Jahren dazu motiviert, überhaupt mal in diesem spannenden Buch zu lesen. Es wurde roter Tee zubereitet, und dann ging es los.

Pfarrer Dr. Luttenberger führt seine Gemeinde gerade durch den 1. Korintherbrief. An diesem Abend war das zweigeteilte Kapitel 11 dran. Im ersten Teil geht es um Haarschnitte und Kleiderordnungen von Männern und Frauen beim Beten und prophetischen Reden. Im zweiten Teil stehen die bekannten Einsetzungsworte zum Abendmahl: "Denn so habe ich es von dem Herrn empfangen ..."

Wenn wir das alles durchgehen würden, könnte es ein sehr langer Abend werden. Zunächst lasen wir abwechselnd den Text. Danach schauten wir uns die Präsentation des Pfarrers über die regionalen und geschichtlichen Zusammenhänge an. Schnell wurde klar, dass ich einige der Passagen bisher immer ganz anders gelesen und verstanden hatte:

Dr. Luttenberger holte sein griechisches Wörterbuch dazu und stellte bestimmte Begriffe in den Gesamtkontext, so dass der oft als Totschlagargument genutzte Vers 16 seine toxische Wirkung verlor. Wir kennen Freikirchen in denen anhand dieses Verses gelehrt wird, dass Konfliktkultur eine Unsitte sei und Entscheidungen der Leitung nicht zu kommentieren seien, egal wie absurd diese sind. Die "Sitte" bezieht sich in diesem Text nämlich gar nicht auf das Diskutieren über Themen, sondern auf Haarschnitt und Kleiderordnung in der speziellen Situation von Korinth.

Auch die Drohung bezüglich der "unwürdigen" Teilnahme am Abendmahl wurde über einen Verweis auf Kapitel 10 aufgelöst. Eine Sichtweise, die aus dem Textzusammenhang naheliegend ist, mir bisher aber nicht aufgefallen war. Wohl deshalb, weil in einigen Freikirchen gelehrt wird, dass jemand nach frisch begangener Sünde oder bei Stress mit einem anderen Gemeindemitglied auf keinen Fall am Abendmahl teilnehmen könne. Über Kapitel 10 löst es sich jedoch dahingehend auf, dass mit "unwürdig" ein Essen ohne das Bewusstsein dessen, was Jesus für uns getan hat, gemeint ist.

Durch unsere Nachfragen hatten wir es geschafft, den Bibelabend auf eineinhalb Stunden zu verlängern. Zum Abschluss betete der Pfarrer noch und erkundigte sich nach dem Wohlergehen unserer Mütter. Auf dem Heimweg freuten wir uns über die neuen Erkenntnisse und diskutierten noch ein wenig darüber. Sollten wir vielleicht noch einmal hingehen?

Mittwoch, 20. April 2022

Corona hinterlässt Spuren in der Gemeindelandschaft

Vor zwei Jahren hatten wir den ersten Lockdown in Deutschland. Die Straßen waren leer und es konnte sich noch niemand so recht ausmalen, wie es weitergeht. Inzwischen schauen wir auf weitere Lockdowns und deren Auswirkungen zurück. Die Zeit ist nicht spurlos an den Gemeinden vorbeigegangen.

Kurz vor dem ersten Lockdown (ab 22. März 2020) hatten wir Hillsong Berlin besucht. Die Freude über den ersten Gottesdienst in der neuen Location war der Gemeinde anzumerken. In der Tat bietet der Westhafen einen niederschwelligen Zugang zu zeitgemäßen Gottesdiensten. Das galt auch für die Kalkscheune oder das Kino Colosseum.

Aber weder Hillsong, noch Saddleback, noch Die Kreative sind an diesen Standorten geblieben. Hillsong feiert seine Gottesdienste inzwischen in der Kreuzberger Besselstraße, einem eher unattraktiven Industriebau, der zuvor von Mosaik Berlin genutzt wurde. Mosaik Berlin ist während Corona in die Heeresbäckerei an der Spree gegenüber des Ostbahnhofs gezogen. Auch eine sehenswerte Party-Location. Die Kreative musste wegen der pandemiebedingten Insolvenzwelle das Colosseum verlassen und trifft sich nun An der Industriebahn in Weißensee.

Besonders viele Wechsel gab es bei Saddleback. Zum Jahreswechsel 2020 verließ Pastor Dave Schnitter die Gemeinde und ging zu Mosaik Berlin. Kurz darauf musste die Gemeinde die Kalkscheune verlassen, weil der Vermieter in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten war. So zog das Büro ins oberste Stockwerk des CVJM-Hauses in der Schöneberger Einemstraße. Gottesdienste wurden mit einer überschaubaren Personaldecke online gestaltet, so dass der Platz erst einmal ausreichte. Mit der Lockerung der Corona-Maßnahmen musste jedoch ein Ort für Offline-Gottesdienste gefunden werden. So zog die Gemeinde übergangsweise nach Tempelhof in die Malzfabrik. In dieser Zeit gab es weitere Wechsel in der Leitung und die Gemeinde zog nach Neukölln in ein weiß gekacheltes Industriegebäude.

Durch die vielen örtlichen und personellen Veränderungen ist derzeit ein hohes Transferaufkommen in den Berliner Gemeinden zu verzeichnen. Gerade wenn der Stil des Lobpreises, die Schwerpunkte der Predigten oder das soziale Gefüge der Mitglieder ähnlich sind, fällt es dem urbanen Christen leicht, die Gemeinde zu wechseln. Begünstigt wurde das auch durch den bequemen Zugang, sich über benachbarte Gemeinschaften zu informieren. Wenn nämlich der Livestream der eigenen Gemeinde gehakt hatte, wurde schnell mal auf den Gottesdienst einer anderen Gemeinde umgeschaltet oder sogar ins Ausland. Das ging uns auch so: Als einmal der Online-Gottesdienst bei Saddleback Berlin klemmte, haben wir eben zu Saddleback Hong Kong umgeschaltet, wo ebenfalls auf Englisch gepredigt wurde.

Überhaupt sind sämtliche Gottesdienste momentan gut besucht. Das liegt wohl daran, dass bezüglich der sozialen Offline-Kontakte einiges nachzuholen ist. Auf alle Fälle haben die vielen Live-Übertragungen dazu gedient, dass online-affine Gemeinden teilweise auf die doppelte Mitgliederzahl angewachsen sind. Aber auch etablierte Gemeinden mit zögerlicher medialer Darstellung haben durch Corona einen Innovationsschub bekommen und bedienen nun ungeplant den Missionsbefehl aus Matthäus 28.

Sonntag, 17. April 2022

Die Kreative an der Industriebahn in Weißensee

Unser letzter Besuch bei "Die Kreative" liegt schon über sechs Jahre zurück. In der Zwischenzeit hat sich die Gemeinde deutlich weiterentwickelt und ist nun auch an einem anderen Standort zu finden.

Vor sechs Jahren war "Die Kreative" noch eine homogene Gruppe mit suboptimaler Willkommenskultur, die sich im Kino Colosseum in Prenzlauer Berg zum Gottesdienst traf. Skeptisch verfolgte ich Berichte von Neumitgliedern, die erzählten, dass sich die Willkommenskultur deutlich verbessert habe und nun auch sämtliche Altersgruppen dort vertreten seien. Als dann auch andere Freunde vom Lobpreis und dem personellen Umfang schwärmten, konnten wir uns dem Ruf zur Evaluation nicht mehr verschließen. Zunächst schauten wir uns zwei Predigten mit Kreative-Pastor Christopher Domes an und beschlossen, die Gemeinde auch einmal live zu besuchen.

Dieser Moment war gekommen, als wir im Jetlag-Delirium nach unserer ausgedehnten Costa-Rica-Reise über einen geeigneten Oster-Gottesdienst nachsannen. Neben Pastor Domes war auch der Beginn des Gottesdienstes um 10.30 Uhr als Konstante geblieben. Ansonsten hatte sich viel verändert. Wobei der begriff der "Weiterentwicklung" deutlich besser passt, als "Veränderung". Wegen der wirtschaftlichen Folgen von Corona musste das Colosseum geräumt werden. Die Gemeinde ist nun in einer abgefahrenen Location An der Industriebahn in Weißensee beheimatet. Gleich um die Ecke befindet sich meine favorisierte BWM-Niederlassung.

Vor dem Haus gab es erstaunlich viele freie Parkplätze. Beim Betreten wurden wir mehrfach sehr freundlich begrüßt. Der große in Mattschwarz gestrichene Raum war abgedunkelt. Dadurch kamen die imposante Technik und die raffinierte Beleuchtung besonders gut zur Geltung. An mehreren Stellen waren Kameras für den Livestream positioniert. Wir zählten die Stuhlreihen und Sitzplätze nicht, waren jedoch von der Menge überrascht. Hinter den Sitzplätzen war ein Bereich für Kleinkinder aufgebaut. Einige davon krabbelten bereits über die großen Verkehrsteppiche.

Zwischen 10.20 und 10.30 füllte sich der Saal zusehends. Der Gottesdienst begann pünktlich mit Lobpreis. Dieser unterwarf sich keiner liturgischen Eile und dauerte 40 Minuten. Die Lieder waren in Sprache und Entstehungsdatum gut durchmischt, so dass keine Langeweile aufkam. Band, Text-Screen und Lichttechnik überzeugten auf professionellem Niveau.

Dann folgte eine Einleitung und die Begrüßung des Gastpredigers mit einem Video. An diesem Ostersonntag war OM-Gründer George Verwer höchstpersönlich in Weißensee erschienen. George Verwer ist über 80 Jahre alt und versprüht immer noch sein missionarisches Feuer. Die von der Bühne aus übersetzte Predigt war ein Mix aus Lebensgeschichte und Bücherwerbung. Ein cleveres Stilmittel, das dem Aufbau von Webseiten ähnelt: Einige wichtige Infos werden geliefert und weitere Infos können über Klick auf diesen oder jenen Link alias das Lesen dieses oder jenes weiterführenden Buches gewonnen werden.

Am Ende der Predigt stand der Aufruf, sich auf ein "Sende mich!" einzulassen. In der nachfolgenden Lobpreiszeit konnten Besucher, die sich angesprochen fühlten, nach vorne gehen und für sich beten lassen. Wer fertig war, konnte zur Kaffeetheke hinter den Sitzreihen gehen und seine sozialen Gemeindekontakte pflegen. Genau dort trafen wir alte Bekannte, die auch mal gucken wollten. Das freute uns und rundete den Besuch bei "Die Kreative" ab.

Sonntag, 3. April 2022

Gottesdienst mit Kokosnuss: Pura Vida Church in Esterillos

Auf unserer Reise nach Costa Rica besuchten wir auch einen Gottesdienst der Pura Vida Church in Esterillos. Die Gemeinde versammelt sich entweder in einer Schule oder am Pazifik-Strand.

"Halt mal an!", rief meine Frau vom Rücksitz. Vor uns flogen gerade knallrote Papageien in eine große Palme. Langsam fuhren wir weiter bis zum Ende der Straße. Der Weg wurde sandig. Wir zogen eine Staubwolke hinter uns her. Rechts Palmen, Stand und Pazifik - links flache Häuser oder Büsche. Irgendwo entdeckten wir drei junge Leute, die wie ein Lobpreis-Team aussahen. Dort hielten wir an und stellten sicher, dass wir nicht unter Kokosnüssen parkten.

Da wir recht früh vor Ort waren, konnten wir beobachten, wie der Pastor und die Gottesdienstbesucher eintrafen. Zusammen mit einigen Jugendlichen räumten wir Stühle vom Pickup und stellten sie als Auditorium auf. Natürlich mit Blick zum Meer. Am Strand lag ein kleines blaues Boot. der geeignete Vordergrund für ein Postkartenfoto.

Immer wieder zogen Staubwolken durch die Palmen zum Meer. Bald war das Areal mit Geländewagen umstellt und der Gottesdienst konnte beginnen. Die Texte für den Lobpreis hätte man sich per QR-Code aufs Handy laden können. Dazu wäre aber eine Internetverbindung notwendig gewesen. So sangen wir irgendwie ohne Text mit. Es gab nur wenige Ansagen. Diese wurden von einem Amerikaner auf Spanisch vorgetragen. Wie groß die sprachliche Not bei der Verständigung in Costa Rica ist, zeigt schon allein der Umstand, dass so gut wie alle anwesenden Amerikaner Spanisch gelernt hatten.

Nach den Ansagen startete die Predigt. Diese wurde von einem Amerikaner auf Englisch und Spanisch gehalten. Er übersetzte sich selbst und redete über die Berufung und Vollmacht Moses, während sich mein Stuhl immer tiefer in den Sandboden bohrte. Einige der Zuhörer schrieben eifrig mit.

Die Pura Vida Gemeinde unterstützt eine Freiwilligen-Organisation, die unter anderem zwischen Deutschland und Costa Rica aktiv ist - und zwar bidirektional: Deutsche gehen für ein Jahr nach Costa Rica und Tikos (so nennen sich die Costa Ricaner selbst) kommen für ein Jahr nach Deutschland. Nach dem Gottesdienst wurden wir von einem braungebrannten Einheimischen in fließendem Deutsch angesprochen. Er war seinerzeit als Freiwilliger in Berlin und hatte bei der Gelegenheit seine heutige Frau kennengelernt. Sie stammt aus Texas. Damit aber nicht genug: Seine damaligen Gasteltern waren uns aus Berlin gut bekannt.

Statt eines Gemeindecafés gab es hier am Strand Gemeindekokos. Zwei Männer mit Machete schlugen die frisch von den Palmen gefallenen Kokosnüsse zurecht und steckten Strohhalme in die Öffnungen. Überall standen Gottesdienstbesucher, unterhielten sich und schlürften dabei Kokoswasser. Die Zusammensetzung der Gemeinde war recht bunt: Einheimische, Amerikaner und Europäer mit einer breit gefächerten Altersstruktur: Vom Säugling bis zum Senioren war alles vertreten.

Das Meer rauschte und das touristische Interesse drängte. Es war keine Kokosnuss auf unser Auto gefallen. Mit einer imposanten Staubwolke verließen wir den Strand und schauten uns noch weitere Dinge in und um Esterillos an. "Pura Vida" ist übrigens das Lebensmotto der Costa Ricaner. Es bedeutet "Leben aus vollen Zügen".

Sonntag, 14. März 2021

Berlinprojekt: Online-Gottesdienst mit Abendmahl

Was macht eigentlich das Berlinprojekt im Kino Babylon während Corona? Heute habe ich mir den Online-Gottesdienst angeschaut.


Die Suchmaschinenoptimierung (SEO) der sonst so angesagten Gemeinden der Stadt ist erstaunlich schwach. Als eine der ersten Gemeinden tauchte das Berlinprojekt auf Seite 2 der Suchergebnisse auf. Beginn sollte 11 Uhr sein. Eine sehr angenehme Zeit. Gut auch, dass der Gast nicht mit Zoom-Logins gegängelt wird, sondern sich in einen Livestream auf YouTube einklinken kann. Diese Anonymität entspricht den endemischen Bedürfnissen eines Städters und dem Stil des Berlinprojektes.

Das Berlinprojekt gehört zum Bund Freier evangelischer Gemeinden (FEG) und repräsentiert den kontemporären Sektor dieses Gemeindeverbandes. Schon der Ort der Gottesdienste kommt der Gesellschaft sehr entgegen: Kino Babylon in der Nähe des Alexanderplatzes. Während Corona dient das Kino lediglich als Bühne für die live übertragenen Gottesdienste. Wohl dem Kinobetreiber, der zurzeit solche Mieter hat. Entsprechend gut sah auch das eingefangene Bild aus: dunkelblauer Vorhang, goldene Zierleisten, orange Vase, gelbe Blumen, rote Pullover, schwarzes Klavier - alles farblich perfekt aufeinander abgestimmt und treffsicher ausgeleuchtet. Es gab mehrere Kamerapositionen. Die Liedtexte und Bibelverse wurden eingeblendet.

Den Rahmen bildete ein kleines Konzert von e.no - nicht zu verwechseln mit dem fast gleichnamigen Energielieferanten. Der Rest wurde vom Berlinprojekt-eigenen Lobpreisteam auf Deutsch vorgetragen. Es gab diverse Ansagen, Gebete und eine Bibellesung. Dann folgte eine längere Predigt, die in die Serie "Barmherzigkeit - Achtsam werden" eingebettet war. Für den Erstbesucher wäre eine Vorstellung der Akteure - insbesondere des Predigenden - hilfreich gewesen. Wer liest schon die Videobeschreibung bei YouTube? Dort stand der Name: Lorenz Timnik. Er sprach über die Speisung der 5.000 und teilte die Predigt dazu in drei interessante Punkte ein. Es ging um die Überforderung der Jünger, das Entgegenkommen von Jesus und die Arbeitsteilung zwischen Gott und uns. Seine Beispiele harmonierten mit dem Alltag eines Berliners. Seine Wortwahl traf die Generation zwischen 20 und 50.

Etwas ungewöhnlich für einen Online-Gottesdienst war das Abendmahl. Es lief in der gewohnten Form ab: mit Einleitung, Gebet, Brot zerbrechen und Kelch hochhalten. Das wäre der Moment gewesen, an dem die Zuschauer in die eigene Küche hätten eilen müssen, so sie Brot und Wein/Traubensaft nicht schon bereitgestellt hatten. Regelmäßige Besucher des Berlinprojektes waren sicher schon um 11 Uhr auf diesen Teil der Liturgie  vorbereitet.

Es folgten weitere Lobpreislieder und ein Abschlussstück von e.no. Beim Ausklang des Gottesdienstes waren immer noch knapp 60 Zuschauer im Livestream. Da gestreamte Videos bei YouTube dauerhaft gespeichert werden können, besteht die Möglichkeit zum zeitversetzten Ansehen. Inzwischen ist die Zahl der Interessenten schon auf 161 angewachsen und wird in den nächsten Tagen wohl die übliche Marke von 400 Zuschauern überschreiten.

Sonntag, 28. Februar 2021

Christengemeinde ecclesia in Langenfeld gewinnt Gottesdienstbesucher über Google

Heute waren wir mal wieder auf der Suche nach einem Gottesdienst, den wir bisher nicht besucht hatten. Auf der ersten Ergebnisseite bei Google entdeckten wir die Christengemeinde ecclesia aus Langenfeld.


Die Christengemeinde ecclesia aus Langenfeld ist sehr clever, was die Platzierung bei Google betrifft. Wo sonst nur EKD, PRO Medienmagazin, ZDF, Bibel TV oder katholisch.de die besten Plätze belegen, mischt die Christengemeinde mit ihrer Domain Gottesdienst-TV.de voll mit und hat sogar das ZDF auf Platz 5 verdrängt. Suchmaschinenoptimierung vom Feinsten! Dass die Gemeinde in dieser Hinsicht seht fit ist, zeigt sich auch darin, dass die Domains Gottesdienst.online und LiveKirche.TV auf diese Gemeinde angemeldet sind.

Langenfeld liegt im Rheinland auf halber Strecke zwischen Düsseldorf und Köln. Die Gemeinde gehört dem BFP (Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden) an und bezeichnet sich als charismatisch. Letzteres wurde nur durch das Vorhandensein des liturgischen Elementes Lobpreis sichtbar. Insgesamt hätte die heutige Live-Übertragung auch als typischer Gottesdienst einer Evangelisch Freikirchlichen Gemeinde durchgehen können. Hier wird deutlich, wie weit sich freikirchliche Gottesdienstformen inzwischen angenähert haben.

Die Gottesdienste der Christengemeinde ecclesia (griechisch für Gemeinde) beginnen um 10:30 Uhr. Eine humane Anfangszeit, die insbesondere Familien mit Kindern entgegenkommt. Wie bereits erwähnt, gab es zunächst einen umfangreichen Lobpreis - auf Deutsch. Die Liedtexte wurden eingeblendet und auch die Mitwirkenden wurden durch Einblendungen vorgestellt. Sehr gut für Gäste.

Gästen einen möglichst niederschwelligen Zugang zu ermöglichen zahlt sich aus: Gemeinden, die während Corona schnell und professionell auf Online-Gottesdienste umgestellt haben, verzeichnen einen deutlichen Zuwachs an Besuchern. Die Gemeinde bietet deshalb auch um den Gottesdienst herum verschiedene Formate für Mitglieder und Interessierte an: Alpha-Kurse und andere Seminarreihen, ein Predigt-Archiv, eine Live-Chat-Funktion, ein Kontaktformular für Gebetsanliegen und eine Rubrik mit äußerst witzigen Online-Kindergottesdiensten. Die "Kirche für Kids" ist so gut gemacht, dass sie auch in anderen Gemeinden genutzt werden sollte.

Zurück zum Gottesdienst: Heute predigte Ezekiel. Nicht der aus der Bibel, sondern ein Ezekiel mit Nachnamen Goodman. Es war wohl seine erste Predigt auf Deutsch. Diese Herausforderung meisterte er entspannt und mit Bravour. Es ging darum, dass Gott alles im Griff hat und wir ihm bedingungslos vertrauen können. Wenn Gott etwas zusagt/verspricht, hält er es auch. Die frei vorgetragene Predigt wurde mit vielen Beispielen aus dem Alltag untermalt und auch die Anwesenden im Saal wurden gut mitgenommen. Gegen 12 Uhr war der Gottesdienst vorbei und wer wollte, konnte sich noch in die Video Lounge einklicken - per Zoom.

Wie viele Besucher vor Ort waren, konnte der Online-Gast nicht sehen. Die Kameras hatten immer nur die Bühne eingefangen. Der Schnitt war professionell, die Texteinblendungen ebenfalls. Allein beim Sound, den Kamerapositionen und dem Bildhintergrund gab es noch Optimierungspotenzial. Bereiche, die mit relativ wenig Aufwand korrigierbar sind. Wünschenswert wäre noch eine Infoseite zu Geschichte, Struktur und geistlicher Verortung der Christengemeinde Langenfeld. Auf alle Fälle hat die Gemeinde das beste aus Corona gemacht und wirkt auch personell sehr einladend.

Sonntag, 21. Februar 2021

Lobbyismus in Zeiten der Online-Gottesdienste

Der fehlende persönliche Austausch am Rande von Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen ist für viele schwer zu ertragen. Es gibt aber eine Lösung: die virtuelle Lobby von Wonder.


Wenn es mal kein Corona gibt, ist die Lobby der Ort, an dem sich die Besucher eines Gottesdienstes treffen, umarmen, Hände schütteln, ihre Jacken ablegen, Kaffee trinken oder einfach nur zum Smalltalk zusammenstehen. Eltern hetzen mit ihren Kleinkindern durch die Lobby und bringen diese in die Spielzimmer. Das Willkommensteam scannt die Lobby nach neuen Gesichtern und vermittelt erste Kontakte. Verabredungen zum nächsten Hauskreis werden getroffen und wenn es Keksdosen gibt, werden diese durch Erwachsene und Kinder geleert.

Um den Jahreswechsel wurde in unserer Gemeinde eine virtuelle Lobby eröffnet. Auf dem Bildschirm war eine schöne Winterlandschaft zu sehen und es rieselte reichlich Schnee. Mal schauen, wie das funktioniert! Wie im echten Leben gab es in der Lobby mehrere Bereiche. Nach der Bestätigung des Zugriffs auf Kamera und Mikrofon konnte man sich per Mouse in den gewünschten Bereich der Lobby bewegen. Uups, da war noch jemand, der sich im neuen Umfeld zu orientieren suchte.

Als wir uns mit der Mouse auf die andere Person zubewegten, erschien plötzlich ein Kreis. Dieser legte sich um unsere Bilder und wir fühlten uns schon fast so, als würden wir uns an einem der Stehtische im realen Umfeld treffen. Plötzlich tauchte eine dritte Person auf. Auch sie kam an unseren Tisch. Das Gespräch, das nun entstand, war so interessant, dass wir den Beginn des Gottesdienstes verpassten - auch eine realitätsnahe Erfahrung.

In den folgenden Wochen wurde die Lobby für verschiedene Zusammenkünfte genutzt. Ein zeitnahes Frauentreffen war so von dem rieselnden Schnee genervt, dass der Schnee umgehend abgeschaltet wurde. Das funktionierte bei der realen Wetterlage nicht. Da man in dieser Lobby auch geschlossene Gruppen bilden kann, eignet sich die Software auch gut für Hauskreise. Gerade in der letzten Woche haben wir uns zwei Stunden zum Hauskreis in der Lobby aufgehalten, noch einmal sämtliche Funktionen durchgespielt und überlegt, ob wir die Lobby nicht auch für die nächsten Geburtstagsfeiern nutzen. Man könnte beispielsweise das Backrezept herumsenden und sich zum gemeinsamen Verzehr des Kuchens in der Lobby treffen.

Die Lobby von Wonder lässt sich gut in bestehende Webseiten einbinden und personalisieren. Weitere Infos gibt es auf der Webseite von Wonder. Leider nur auf Englisch, aber es wird sich bestimmt jemand finden, der sich mit Computern auskennt und ein wenig Englisch versteht.

Mittwoch, 17. Februar 2021

Corona macht's möglich

Der Umgang mit Corona kann sehr unterschiedlich sein. Auch bei uns hat sich in den letzten 11 Monaten viel geändert. Letztlich sehen wir aber Römer 8,28 bestätigt.


Die seit März 2020 viel zitierte Wortgruppe "Krise als Chance" erzeugt bei vielen nur noch Verstimmung. Verstimmung, die die Lockdown-Situation noch zäher und nervender macht. Über Impfdosen und Masken haben sich so manche alte Freundschaften aufgelöst, einst erfolgreiche Geschäftsleute sind ins Bodenlose abgestürzt und Familien fällt die heimische Decke auf den Kopf.

Bis zum Sommer dachte ich noch, als Betreiber einer Softwarefirma sei ich Profiteur der Pandemie: Digitalisierung und Umstellung bestehender Systeme auf die neue Umsatzsteuer versprachen interessante Einnahmen. Die neue Umsatzsteuer ließ sich erstaunlich schnell einsteuern. Kurz darauf stoppten Stammkunden ihre regelmäßige Beauftragung. Sie wussten selbst nicht, wie es bei ihnen weitergeht. Die volkswirtschaftlichen Auswirkungen des Lockdowns sind doch viel weitreichender, als man es so landläufig wahrnimmt. Was tun?

Eines meiner Prinzipien ist das In-Bewegung-Bleiben. Da auch die Fitness-Studios schließen mussten, entdeckte ich das Fahrrad wieder. Es wurden ausgedehnte Radtouren und Fußmärsche absolviert oder im Garten einige Bäume gefällt und klein gehackt. Und es war immer noch viel Zeit übrig. Während Corona muss ich so um die 5.000 Seiten trockenster Fachliteratur gelesen haben, darunter der Verfassungsschutzbericht, die Kriminalstatistik, der Bericht der Enquete-Kommission zu Sekten und Psychogruppen, diverse Bücher zu Desinformation und Autoritarismus, ein Buch zur Spanischen Grippe, sämtliche Publikationen der Münchner Sicherheitskonferenz und was mir sonst noch so in die Hände fiel. Parallel dazu natürlich auch die tägliche Bibellese. Bei Letzterer konnte sogar ein Rekord aufgestellt werden: Elberfelder komplett durch in viereinhalb Monaten. Übrigens meine erste Bibel mit Goldschnitt.

Die neuen sportlichen Erfahrungen, die intensivere Gemeinschaft mit der Familie, das viele Wissen - welches noch durch Online-Seminare ergänzt wurde - und der Leserekord der Bibel sind schon ein Gewinn, den ich ohne Corona nicht gehabt hätte. Die Pandemie hat aber noch weitere gute Dinge gebracht: Latente Kontakte wurden intensiviert und neue Kooperationen aufgebaut. Nach Maßgabe der Möglichkeiten wurden Win-Win-Situationen geschaffen, die ohne Corona nicht denkbar gewesen wären. Ab und zu kamen dann sogar noch Digitalisierungsaufträge rein. Änderungen haben sich auch im Medienbereich ergeben: Wegen der wenigen Bildtermine musste ich mich auf den Wort-Journalismus konzentrieren und neue Berichtsformate entwickeln.

Und das Gemeindeleben? Während mein Sohn jeden Sonntag an der Technik sitzt und für einen reibungslosen Ablauf des Online-Gottesdienstes sorgt, betreut meine Tochter die lieben Kleinen per Zoom und YouTube im Kindergottesdienst. Wir sitzen im Wohnzimmer und genießen zuweilen den Blick über den gemeindlichen Tellerrand hinaus. Teilweise geht der Blick um den halben Globus nach Kalifornien oder Australien. Neue Impulse und immer wieder das Bewusstsein: Corona tangiert uns alle.

Bei so viel moralischem Profit gerät in Vergessenheit, dass unsere Israel-Reise zur Silberhochzeit im Mai 2020 gecancelt wurde und wir die Flugkosten bis heute nicht erstattet bekommen haben. Oder, dass wir unsere Tochter nicht in Madagaskar besuchen konnten, weil sie wegen der Corona-Flugverbote ihr Freiwilliges Soziales Jahr abbrechen musste. Ersatzweise hatten wir aber eine schöne Silberhochzeit auf den Gewässern Brandenburgs und einen Thüringen-Urlaub mit beiden Kindern. Letztlich führt uns das zu Römer 8,28 und der Bestätigung, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen - selbst Pandemie und Lockdown.

Sonntag, 14. Februar 2021

Credo Kirche und der Online-Gottesdienst aus Elberfeld

Der Name Credo Kirche war mir schon öfter über den Weg gelaufen. Heute besuchten wir erstmalig einen Online-Gottesdienst des Standortes Wuppertal-Elberfeld.


Beim Frühstück überlegten wir, welchen Online-Gottesdienst wir uns denn heute mal anschauen wollen. "Schau doch einfach, was Google vorschlägt", warf meine Tochter ein. Gute Idee! Die erste Seite war mit EKBO (Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz), Bibel TV, katholisch.de, EKD (Evangelische Kirche Deutschland), pro Medienmagazin und ZDF vollgepflastert. Dann noch ein Beitrag des rbb (Radio Berlin-Brandenburg) über durch Rechtsextreme gekaperte Online-Gottesdienste. Aber nichts, wonach wir suchten. Auf Seite 2 dann endlich ein Link zur Credo Kirche.

Credo? Kinder der Werbung kennen Credo noch aus den 1980er Jahren: Gleißende Morgensonne. Eine Frau reißt das Fenster auf. Musik und Gesang: "Das ist mein Credo, Credo, Credo. Credo mit aufregenden Düften. Und der Tag kann kommen." Was wohl kaum jemand weiß: Das besungene Deo hat ein altes lateinisches Glaubensbekenntnis zweckentfremdet. Credo heißt übersetzt nämlich "ich glaube". In Credo stecken so schöne Worte wie Akkreditierung (Beglaubigung) oder Kredit.

Bei der Credo-Kirche geht es um den Glauben an Jesus. Das wurde in der heutigen Predigt sehr deutlich. Pastor des Elberfelder Standortes, Christian Knorr, startete eine vierteilige Predigtreihe zum Thema "in Jesus". Diese hangelt sich am Epheser-Brief entlang. Einen Brief, den ich selbst gestern gerade in mich aufgesogen hatte. Laut Christian Knorr solle man den Text nicht einfach nur so lesen, sondern sich von der Liebe und Fülle in Jesus aufsaugen lassen. Die Predigt war durchzogen mit Wortwitz und genialen Beispielen aus dem Alltag. So konnte man dem Gesagten gut folgen. Die Gemeinde kommentierte fleißig im nebenstehenden Chatbereich. Teilweise war die ganze Leiste voll mit "Amen". Über 300 Zuschauer verfolgten den Life-Stream auf YouTube. Das ist im oberen Bereich dessen, was wir bisher bei Online-Gottesdiensten erlebt haben.

Umrahmt wurde der Gottesdienst durch die üblichen Ansagen und eine ausgedehnte Lobpreiszeit. Eine Band und mehrere Sängerinnen nahmen die Zuschauer mit in die Anbetung. Alle Lieder wurden auf Deutsch gesungen und die Texte wurden eingeblendet. Für neue Besucher wäre noch ein Hinweis auf Name und Funktion der Akteure hilfreich gewesen. Vielleicht beim nächsten Mal. Um die Gemeinschaft innerhalb der Credo Kirche nicht abflachen zu lassen, konnten sich die Leute nach dem Gottesdienst auf virtuelle Räume verteilen und dort den gewohnten Austausch pflegen. Im März finden auch wieder jede Menge Seminare statt, an denen man sich online beteiligen kann.

Nach eineinhalb Stunden war der Gottesdienst vorbei. Meine Tochter fand den Gottesdienst gut. Ich sehe das auch so. Der Rest der Familie konnte sich dazu nicht äußern, da er im Technik-Team unserer eigenen Gemeinde eingesetzt war.

Wer die Credo Kirche nach dem Lockdown offline besuchen möchte, muss sich ganz weit in den Westen Deutschlands oder nach Skandinavien begeben: Es gibt zwei Standorte in Wuppertal, einen in Solingen sowie zwei Gründungsprojekte in Hamm und Helsinki (Finnland).

Sonntag, 24. Januar 2021

Online-Gottesdienst bei der Bethel Church in Redding

Wegen technischer Probleme war die Übertragung des geplanten Gottesdienstes eingefroren. So entschieden wir uns kurzerhand für einen Besuch bei der Bethel Church in Redding.


Noch unter der Dusche war zu vernehmen, dass es Probleme bei der Übertragung des Vorprogramms zum Gottesdienst gab. Als ich ins Wohnzimmer kam, war das Bild eingefroren und im begleitenden Chat wurde das Technik-Team zum Durchhalten ermutigt. Weil unser Sohn in diesem Team mitarbeitet, diskutierten wir zunächst, ob es familiär fair wäre, auf einen anderen Gottesdienst umzuschalten. Egal: Wir schalteten auf den Live-Gottesdienst von Mosaik Berlin um. Deren Pastor, Dave Schnitter, begann eine neue Predigtreihe zu Barmherzigkeit. Das Thema ist zwar wichtig, aber in den letzten Monaten immer wieder durchgekaut worden. Was tun?

"Die Follower von Soundso schauen sich immer Bethel an", warf meine Frau ein. Daraufhin suchten wir den Live-Gottesdienst der Bethel Church. Deren Hauptsitz liegt allerdings in Redding. Redding liegt im nordkalifornischen Nirgendwo und hat einen Zeitunterschied von neun Stunden. Dort war es also gerade zwei Uhr nachts und keine geeignete Zeit für eine Live-Übertragung. So stöberten wir auf deren YouTube-Kanal und fanden einen halbwegs aktuellen Gottesdienst. Er sollte etwa zwei Stunden dauern.

Den größten Teil dieser zwei Stunden nahm der Lobpreis ein. Nach einer kurzen Begrüßung ging es auch schon los. Die Lieder wurden in Super-Long-Maxi-Versionen gespielt, aber sehr authentisch vorgetragen. Im Vergleich zu Hillsong fehlten Make-up, Schmuck und Show. Auch die Stimmen waren bei Weitem nicht so markant wie beim australischen "Wettbewerber".

Nach einer Stunde gab es Ansagen zum Gemeindeleben und einen längeren Block zum Spenden. Wenn man nur reichlich spende, bekomme man richtig viel von Gott zurück. Inhaltlich deckte sich das zwar mit unseren Erfahrungen, wurde aber so penetrant vorgetragen, dass es schon wieder manipulativ wirkte. Etwas überrepräsentiert waren auch die Johnsons: Candace Johnson machte die Begrüßung, Bill Johnson gab einen kurzen und guten Input nach dem Lobpreis und Eric Johnson hielt die Predigt. Neben Bill, Eric und Candace gibt es noch Beni, Brian und Jenn Johnson, die alle als Senior Leiter oder Senior Pastoren geführt werden. Zustände, wie sie auch in kleineren Gemeindeverbänden Deutschlands anzutreffen sind. Eine zu starke Verschwägerung in der Leitungsebene kann eine Menge Probleme nach sich ziehen. Von daher war es ein ermutigendes Zeichen, dass sich Eric und Candace in diesem Gottesdienst verabschiedet haben. Eric sprach von seinen 18 Jahren bei Bethel und dass er gespannt auf die nächsten Etappen seines Lebens ist.

Nach der Predigt verabschiedete sich auch die sichtlich gerührte Candace von der Gemeinde. Dann war Schluss. Einfach so - ohne Lied - ohne Abbau des Spannungsbogens - einfach Schluss - wie beim Rodeo in Texas, wo nach zwei Stunden mitten im Turnier das Licht angeschaltet und die Gäste zum Verlassen der Arena aufgefordert werden. Auch hier gibt es einen Unterschied zu Hillsong. Bei Hillsong gibt es nach der Predigt noch ein Abschlusslied.

Sonntag, 17. Januar 2021

Kindergottesdienst per Zoom und YouTube

Mit virtuellen Gottesdiensten tun sich viele Gemeinden auch nach zehn Monaten Corona noch sehr schwer. Wie gestaltet sich dann erst der Kindergottesdienst?


Saddleback war auch schon vor Corona auf Videoübertragungen eingestellt, so dass Gottesdienste und andere Aktivitäten schnell in den Cyberraum verlegt werden konnten. Es war lediglich zu klären, ob Aufzeichnungen per Zeitsteuerung präsentiert werden, oder ob ein Mix aus Live-Musik und Predigtkonserve übertragen wird. Diese Entscheidung ist bis heute nicht final getroffen. Allerdings gruppieren sich um den Hauptgottesdienst einige interessante neue Formate, wie zum Beispiel der virtuelle Kindergottesdienst.

Unsere Tochter ist inzwischen Teil des Kindergottesdienst-Teams. Jeden Sonntag zieht sie sich für 90 Minuten in ihr Zimmer zurück, stellt einen Papp-Jesus auf und dekoriert den Hintergrund. Denn "Hintergrund macht Bild gesund" lautet ein alter Journalisten-Spruch. Anschließend klappt sie ihren Laptop auf. Bis zu 30 Kinder treffen sich mit den Mitarbeitern per Zoom-Konferenz. Die Kinder tauschen sich aus, wie es ihnen in der aktuellen Situation ergeht. Soweit es der Sichtbereich der Kamera erlaubt, werden Bewegungsspiele gemacht. Und natürlich gibt es auch die biblischen Geschichten.

Zur Unterstützung werden Trickfilme verwendet, die von Jesus, David, Noah und anderen Personen der Bibel berichten. Saddleback scheut keine Mühen, diese Filme herzustellen und ins Deutsche zu übersetzen. Inzwischen gibt es einen Fundus von über 100 Videos. Die gute Didaktik bei der Vermittlung biblischer Inhalte ist übrigens einer der Gründe, warum wir seit vier Jahren bei Saddleback sind.

Der Kindergottesdienst entspricht dort nicht der üblichen Strafversetzung in einen Dienst, den keiner machen will. Es gibt eine stetig wachsende Zahl an Kindern und entsprechend hoch hängt die Latte für die Persönlichkeit der Leiter. Ohne Führungszeugnis geht gar nichts. Viel zu wichtig ist es, die Kinder zu gesunden geistlichen Persönlichkeiten zu entwickeln. Dessen sind sich die Mitarbeiter bewusst und darauf arbeiten auch Materialien wie die YouTube-Trickfilme hin. Diese können auch gerne von anderen Gemeinden genutzt werden.

Mittwoch, 6. Januar 2021

#hellerdennje Sternsinger und 20*C+M+B+21 während der Pandemie

Wie sich die "Weisen aus dem Morgenland" mit Corona arrangieren, zeigt das diesjährige Sternsingen unter dem Motto #hellerdenje.


Auch die traditionellen Pressetermine sind dem Lockdown zum Opfer gefallen. Deshalb gab es zu heute keine Einladungen ins Kanzleramt oder das Schloss Bellevue. Statt dessen verriet das Kalenderblatt, dass heute der Dreikönigstag ist. Der Tag, an dem normalerweise die lieben Kleinen aus dem Bundesgebiet anreisen und an sämtliche Türen von Ministerien, Bundeskanzleramt und Schloss Bellevue das 20*C+M+B+21 schreiben.

Das CMB steht für das lateinische Christus mansionem benedicat und heißt auf Deutsch: Christus segne diese Herberge/Wohnung! Das Drumherum referenziert auf das zweite Kapitel des Matthäus-Evangeliums, in dem Magier aus dem Orient in Jerusalem erscheinen und nach dem neuen König fragen. Der amtierende Herrscher - König Herodes - war davon nicht sehr begeistert und versuchte über eine List, mehr über den Aufenthaltsort seines neugeborenen Rivalen zu erfahren. Der Plan ging allerdings nicht auf, so dass er kurzentschlossen alle kleinen Jungs bis zwei Jahre in Bethlehem ermorden ließ. Ein aktiver Einsatz von Engeln, die nicht an Raum und Zeit gebunden sind, sorgte dafür, dass das Kind während des Mordens schon nach Ägypten unterwegs war und 30 Jahre später als Jesus Christus durch Israel ziehen konnte.

Die Weihnachtsgeschichte wird nur in zwei von vier Evangelien berichtet - ganz im Gegensatz zur Kreuzigung. Diese ist das zentrale Element des christlichen Glaubens, weil mit dem Blut von Jesus Christus praktisch der Kaufpreis - die Schuldentilgung - in der angeschlagenen Beziehung zu Gott bezahlt wurde. Deshalb auch die drei Kreuze zwischen CMB und dem Rest der Jahreszahl. Das Sternchen am Anfang steht für die Geburt.

Die Sternsinger sind schon seit 1959 in katholisch dominierten Regionen unterwegs. Sie klopfen an die Türen, singen, schreiben den CMB-Segen an die Türen und sammeln Geld für Hilfsprojekte. Auf diesem Wege sind bereits über eine Milliarde Euro zusammengekommen. Präsenztermine beim Bundespräsidenten oder der Kanzlerin hatten in den vergangenen Jahren gut eine Stunde gedauert. Neben den genannten Elementen Singen, CMB und Sammeln wurden die aktuellen Hilfsprojekte vorgestellt, weitere Musikstücke gespielt und niederschwellig mit den Spitzenpolitikern kommuniziert.

Die Kostüme der Sternsinger sind immer sehr aufwendig gestaltet. Goldene Kronen, viel Samt und kunstvoll verzierte Schatullen zur Aufnahme der Spenden von Angela Merkel & Co. In diesem Jahr kamen noch die farblich abgestimmten Masken hinzu. Die Spenden wurden virtuell gesammelt und statt der Vor-Ort-Besuche gab es Videobotschaften. Goldig, wie die Kinder mit den Masken hantierten, als sie mit ihrem Spruch an der Reihe waren. Der Segen wurde mit Segenstüten versandt. In den Segenstüten befand sich ein Aufkleber mit 20*C+M+B+21, der von den Empfängern selbst angebracht werden konnte.

#hellerdennje ist das Motto des diesjährigen Sternsingens. Die Gläubigen lassen sich durch Corona nicht entmutigen, sondern machen frei nach Römer 8,28 das Beste aus jeder noch so destruktiven Situation. So wie die Eltern von Jesus, die versorgt mit Gold, Weihrauch und Myrrhe, erst einmal nach Ägypten auswanderten.