Dienstag, 3. April 2018

Pastor Andrew Brunson und der Wert einer Geisel

Geiselnahmen zählen in Europa zu den seltenen Delikten. Deshalb ist kaum jemand darauf geschult oder versteht gar deren tieferen Zweck. Die Betrachtung der Situation von Andrew Brunson legt eine Geisel-Option nahe.



Geiseln haben einen Wert. Sie schützen Verbrecher vor einer zu schnellen Überwältigung. Geiseln können an andere Verbrecher weitergegeben oder eingetauscht werden. Sie können an die Familie, den Staat, die Firma oder die Organisation der Geisel verkauft werden. Geiseln können zum Austausch von Gefangenen genutzt werden oder als Verhandlungsmasse in eigentlich aussichtslosen Vertragsszenarien zum Einsatz kommen.

Wert einer Geisel

Eine Geisel hat einen Wert und muss diesen im eigenen Interesse so lange wie möglich erhalten. Bei einer Entführung im afrikanischen Busch oder nach einem Banküberfall in Deutschland spielt der Faktor Zeit eine große Rolle. Je mehr Zeit verstreicht, umso stärker sinkt der Wert der Geisel. Das kann für diese lebensbedrohlich werden. Will doch der Geiselnehmer weder entdeckt noch überwältigt werden.

Eine Geisel, die ihren Wert dadurch zu mindern sucht, dass sie sich selbst gesundheitlichen Schaden zufügt, spielt mit dem eigenen Leben. Dem gemeinen Geiselnehmer ist das Leben der Geisel grundsätzlich egal. Deshalb sollte sich eine Geisel bis zu einem bestimmten Grade kooperativ zeigen, auf ihre Gesundheit und ausreichende Ernährung achten und so die eigene Überlebenschance erhöhen. Der Verbrecher selbst hat Interesse am Werterhalt seiner Geisel. Er betrachtet sie als einen Besitz.

Pastor Andrew Brunson

Regelmäßig stolpern wir in Facebook über Gebetsaufrufe für Pastor Andrew Brunson. Nach dem vermeintlichen Putschversuch im Sommer 2016 war der Amerikaner in der Türkei verhaftet worden. Es erwartet ihn ein Prozess, der ihn bis zum Lebensende hinter Gittern bringen könnte. Alles deutet auf einen Schauprozess hin. Die Anklagepunkte Spionage und Terrorismus sind wohl eher Standardphrasen einer typischen Diktatur.

Auch Jesus wurde in der Nacht zu Karfreitag vor den Hohen Rat gezerrt, obwohl das Urteil längst feststand. Der Prozess war ein rechtsstaatliches Feigenblatt zur Beruhigung des Gewissens der Richter, hatte aber faktisch keine Auswirkung auf das Urteil. Deshalb schwieg Jesus und verschwendete keine Zeit mit letzten Rechtfertigungen.

Dass Andrew Brunson im Sinne der Anklage unschuldig ist, daran besteht außerhalb der Türkei kaum Zweifel. Es muss also einen anderen Grund geben, den 50-Jährigen in einem türkischen Gefängnis festzuhalten. Hier kommt wieder das Thema Geiselnahme ins Spiel. Geiseln kommen in der Regel unfreiwillig in diese Zwangssituation - außer vielleicht der französische Polizist Arnaud Beltrame, der sich kurz vor Ostern bewusst gegen eine zivile Geisel hatte eintauschen lassen. Vermutlich war er auf solche Situationen geschult, bezahlte am Ende aber trotzdem mit seinem Leben.

Verhandlungsmasse und Tauschobjekte

Da haben wir es wieder: eintauschen und bezahlen. Schauen wir uns dazu die Geschichte des Kalten Krieges an. Auf der Glienicker Brücke wurden mehrfach Gefangene aus Ost und West gegeneinander ausgetauscht. Israel tauscht regelmäßig verurteilte Terroristen der Hamas gegen eigene Soldaten aus. Die SS hatte zu Kriegsende eine dreistellige Zahl prominenter Geiseln wie Pfarrer Niemöller oder Stauffenberg-Angehörige als Verhandlungsmasse inhaftiert. Diese sollten zum Einsatz kommen, wenn man den Alliierten hätte entgegen kommen müssen.

Zur Erstellung von Zukunftsprognosen beobachten Nachrichtendienste die roten Linien in den Handlungsmustern der jeweiligen Akteure. Die rote Linie des türkischen Autokraten ist eher eine grüne, nämlich die des Islamismus. Pastor Andrew stellt in dieser Betrachtung einen klaren Gegner dar. Die ideale Voraussetzung für eine Nutzung als Geisel. Keine persönliche Beziehung zur Person, Ablehnung seines Glaubens und Amerikaner. Sollte also Amerika Embargos verhängen, türkische Spione enttarnen oder wichtige Diplomaten ausweisen: Pastor Andrew kann helfen, nämlich als Druckmittel, als Machtdemonstration oder - so sei es für Pastor Andrew zu hoffen - als Tauschobjekt.

Christ in der Geiselhaft

Würden wir uns hier nicht im christlichen Umfeld bewegen, könnte man über die Schaffung von Situationen nachdenken, die einen Austausch mit Andrew Brunson provozieren würden. Donald Trump hätte sicher auch einige Ideen. Wahrscheinlich wird die Türkei diese Situation aber selbst herbeiführen, so dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann Pastor Brunson eingetauscht wird.

Andrew Brunson sollte also auf seine Fitness und Gesundheit achten, die Zeit im Gefängnis zur Weitergabe seiner Hoffnung in Jesus Christus nutzen und allgemein seinen Wert als Geisel des türkischen Staates stabil halten. Welche Geisel hat schon die Kraft und Ausdauer, solch ein Drama durchzustehen, wenn nicht ein Mensch, der Jesus in sich hat.

Auch wir können etwas zur Erhöhung seines Wertes beitragen, indem wir diesen Fall nämlich beständig an die Öffentlichkeit zerren. Open Doors und einige Freunde von Andrew tun das bereits mit Erfolg.

Segnen wir Andrew, dass er gut durchhält und gestärkt und bald aus dieser Situation herauskommt!

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