Dienstag, 24. Januar 2017

I wie Interconnect

"Der amerikanische Pastor spielt während der Predigt Nintendo", beschwerte sich eine ältere Dame vor einigen Jahren nach dem Gottesdienst. Sie wusste nicht, dass er auf seinem Palm eine Bibel-App zu laufen hatte.



Inzwischen ist die Nutzung moderner Technologien auch in der als innovationsresistent geltenden "Gemeinschaft der Heiligen" angekommen.

Kirche 4.0

Predigten werden vom Tablet abgelesen, Beamer haben weitestgehend die Liederbücher ersetzt, Ansagen werden als Video eingespielt und kirchliche Webseiten weisen einen Link zum Kartenmaterial von Google auf. Besonders innovative Gemeinden haben bereits das sogenannte Responsive Design eingeführt, welches die Webseite in einer nutzbaren Form auf Smartphones darstellt.

Die Saddleback Church ist bekannt dafür, sämtliche Begriffe in einzelne Buchstaben zu zerlegen und daraus didaktisch wirkungsvolle Slogans zu entwickeln. Bei deren Kampagne "Daring Faith" (Vertrauen wagen) stehen mit dem Wort "FAITH" fünf nutzbare Buchstaben zur Verfügung. Das "I" in der Mitte ist dabei mit folgendem Motto belegt:

Interconnect our growing fellowship through new Technologies.

Neue Technologien sind also nicht nur ein Teil des Gottesdienst-Equipments, sondern zentrales Werkzeug des kontemporären Christen: I wie Internet, I wie Industrie 4.0 oder I wie Innovation. Der Christ wird vom Atheisten auch gerne als Idealist bezeichnet. Auch ein Wort mit I.

In einigen Gemeindeverbänden zählen deshalb wohl auch der iMac und das iBook zum guten Ton der Rechtgläubigkeit. Per iPad oder iPhone können dann auch die innergemeindlichen Daten über die iCloud ausgetauscht werden. Sollten sensible Daten versehentlich aus der iCloud "gCloud" worden sein, kann der innovative Techniker anhand der IP-Adresse des Intrusors eventuell dessen Standort in Irland, Island oder Indonesien ermitteln.

I auf Papyrus

Iranische oder irakische Christen gehen etwas vorsichtiger mit ihren Informationen um. Dort kommen noch Briefe, Zettel und das von Mensch zu Mensch gesprochene Wort zum Einsatz. Übrigens auch Methoden, die selbst Israel beinahe zum Verhängnis geworden wären, als Syrien bis September 2007 am Al-Kibar-Reaktor baute und die Informationen auf dem seit biblischer Zeit bewährten Wege der Papyrus-Kommunikation durch die Gegend sandte.

iMatthäus

Intrusion Injection nennt der Informatiker, übrigens auch ein Wort mit I, das Eindringen eines Crackers in ein fremdes System mit anschließender Einpflanzung eigener Software. Der Cracker ist das strafbewährte Gegenstück zum Hacker. Ein Hacker will immer nur das Gute oder so.

So ist das Intrusion-Injection-Prinzip aus Matthäus 13 Vers 33 eine ganz klare Hacker-Angelegenheit. Im Rahmen der Gleichberechtigung geht es im Text um eine Frau, die Hefe unter einen Teig mischt und eine multiplikative Wirkung damit erzielt. Es könnte sich um den gedanklichen Vorgriff auf eine vegane Prenzlschwäbin handeln, die mit ihrem Mediendesign-Bachelor als Search Engine Security Marketing Social Media Exploring Solution Preventing Managerin (kurz SEMSMESPM) in einem Co-Working-Space in der Nähe der Kastanienallee eingemietet ist und von dort aus das Internet mit christlichen Inhalten durchdringt.

Wetts-Ab

Es sind übrigens die per se kommunikativen Frauen, die Werkzeuge wie Instagram, Facebook, Twitter und WhatsApp voranbringen. Beim Gemeinsam-e1ns-Kurs wollten wir eine WhatsApp-Gruppe eröffnen und erfuhren, dass eine der jüngsten Teilnehmerinnen bereits vor mehreren Jahren ihre WhatsApp-App gelöscht hatte. Offensichtlich bewegte sich die Cloud ihrer virtuellen Bezugspersonen zu jener Zeit im Ein-Bit-Bereich.

Kaum hatte meine Frau auf ein wasserdichtes Smartphone gewechselt, wurde auch WhatsApp installiert und die Kommunikation konnte ungeahnte Dimensionen annehmen. Auch meine Schwiegermutter nutzt seit geraumer Zeit das neue Medium "Wetts-Ab", wie sie sagt. Vor ein paar Tagen hatte ich vergeblich versucht, sie über Festnetz oder Handy zu erreichen. Auf "Wetts-Ab" reagierte sie prompt.

Es war ein pensionierter Pfarrer, der vor, während und nach unserer New-York-Reise regelmäßig auf Leute ohne WhatsApp-Anbindung einging. Meine Mitbewohner in der NYSUM waren immer gut informiert, wo man sich zum Abendessen mit dem Team aus Deutschland trifft oder das gemeinsame Mittagessen während der Konferenz einnimmt. Der Nutzer des benachbarten Doppelstockbettes buchte und bezahlte mal eben die Tickets für das One World Trade Center per Smartphone und ein Unternehmer im theoretischen Ruhestand ließ sich auf dem Times Square die Hertha-Ergebnisse aufs Smartphone pushen, um dann wieder auf "Quizduell" umzuschalten. Übrigens alles Apps, die auch in den sakralen Räumen der Metropole funktionieren. Nur im New Yorker Underground bricht die Verbindung regelmäßig ab.

Endlich nicht mehr allein

Abbrechen ist ein gutes Stichwort, denn nach mehrmaligem Ausfall meines Akkus mit einer ehemaligen Standby-Zeit von 935 Stunden, war ich Ende November auch veranlasst, auf ein Mobilgerät umzusteigen, das WhatsApp kann. Endlich modern! Endlich eingereiht in die stetig wachsende Croud der Pensionäre und mitteilungsbedürftigen Frauen. Endlich Teil der Gruppe, nämlich der Familiengruppe, der Ehekursgruppe und weiterer Gruppen. Endlich sitze ich nicht mehr einsam in meinem Büro, während Frau und Kinder auf die eckigen Displays starren. Endlich kann auch ich die fettigen Fingerabdrücke vom Touchscreen abwischen und in die Gruppe hineinfragen, ob es Salat oder Pizza zum Abendbrot gibt.

Bibel-App

Ja, auch zwei Bibel-Apps hatte mein Sohn installiert. Eine davon optisch etwas retro mit der Biblia Hebraica auf Papyrus-Background. In der kostenlosen Variante ist die Bedienung allerdings etwas gewöhnungsbedürftig, insbesondere wenn erst einmal unkalkulierbare Vollbildwerbung erscheint und der Button zum Wegklicken gesucht werden muss. Zum Glück bisher nur Reisewerbung! Viel peinlicher war es, als ich während eines Seminars auf den vermeintlichen Weiter-Button geklickt hatte und dann der hebräische Text laut, sehr laut, vorgelesen wurde. Auch das sorgt für Aufmerksamkeit und man spürt es mit sämtlichen Sinnen: "Ich bin nicht allein".

Die andere Bibel-App ist da etwas dezenter und hält mehrere Bibelversionen und Übersetzungen auch offline vor. Man muss also nicht mehr jeweils 2.000 oder 700 Seiten (Vollbibel/Neues Testament) mit sich herumtragen. Schade nur, wenn dann beim Aufruf eines Petrusbriefes Texte aus den Chroniken eingesteuert werden. Im betreffenden Gottesdienst hätte ich ja gerne auf eine andere Übersetzung umgeschaltet, aber da waren wieder diese Lautsprechersymbole...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen