Sonntag, 2. Juli 2017

Gelebte Gruppendynamik nach Johannes 9, 22

Die namentliche Abstimmung über die "Ehe für Alle" am Freitag im Bundestag hatte eine polarisierende Wirkung. Während die EKD über 64% Zustimmung jubelt, nähern sich Katholiken, Freikirchen und Orthodoxe in ihrer Bibelauslegung an.



100 Tage hatte der Genozid in Ruanda gedauert. 1.000.000 Menschen überlebten diesen nicht. Die Tätergruppe der Hutus war vier Jahre lang medial und materiell auf den Start am 6. April 1994 vorbereitet worden. Um die Sache möglichst effektiv anzugehen, wurden fertige Namenslisten rausgeholt und systematisch abgearbeitet.

Das eine Drittel

Welche 393 Abgeordneten des Bundestages für und welche 226 gegen die "Ehe für Alle" gestimmt hatten, wurde beispielsweise hier veröffentlicht. Interessant ist dabei die Verteilung innerhalb der Parteien:

Die katholisch geprägte CSU stimmte geschlossen dagegen. Die CDU gewährte ihren Mitgliedern das Recht auf freie Entscheidung. So stimmte 1/4 von ihnen dafür. Die Kanzlerin bekannte sich mit einer roten Karte offen dagegen. Sie trug eine blaue Jacke in RAL 5005.

Die Grünen votierten wegen des Themas geschlossen dafür. Ihre Karten hatten eine undefinierbare Grundfarbe, die zwischen Lichtgrün RAL 6027 und Pastelltürkis RAL 6034 lag. Die Linke ist schon aus der Tradition heraus auf eine homogene Meinung getrimmt und wählte gemeinsam die Karten im zarten Blaugrünton. Bedeutung: Ja.

Die eine Karte

Auch die SPD zeigte Einheit im Ergebnis: zartes Blaugrün. Diese Einheit erinnerte ein wenig an die Situation der Eltern in Johannes 9 Vers 22. Hatten doch auch sie Angst vor einem Ausschluss aus der Gemeinschaft. Stattdessen opferten sie lieber ihren Sohn, der alt genug sei, für sich selbst zu sprechen. Nur einer der Genossen hatte wohl den Mut und gab seine heterophobe Karte nicht ab.

Aber, ich wollte mal fragen...

Dass die SPD einen erheblichen Gruppendruck aufbaut, war mir schon im Zuge der Euro-Einführung aufgefallen. Im großen Saal des Roten Rathauses saßen damals Gewerbetreibende mit dem roten Parteibuch und Schals in RAL 3026. Es war eine erhebliche Verunsicherung über die neue Währung zu spüren. An die Experten auf der Bühne durften Fragen gestellt werden. Besonders verwunderte mich, dass jeder der Unternehmer seine Frage in etwa mit folgenden Worten einleitete:

"Ich bin ein langjähriges, gutes, treues Mitglied der SPD, arbeite in vielen Gremien ehrenamtlich mit und habe immer meinen Beitrag bezahlt ... aber ich wollte mal fragen ..."

Wer als Unternehmer so unterwürfig seine Fragen formuliert, stimmt sicher auch mal mit Blaugrün, wenn er eigentlich Rot meint. Hauptsache es gibt keine Haue vom Vorstand, oder gar den Vermerk auf einer schwarzen Liste, oder gar einen Ausschluss aus der Gruppe.

System versus Freiheit

Die Eltern aus Johannes 9 Vers 22 durften nach der Distanzierung von ihrem Sohn sicher im System bleiben. Der Sohn hingegen wurde in Vers 34 rausgeworfen: "Et eiecerunt eum foras", wie es sehr eindrücklich auf Latein formuliert ist.

In Vers 35 hört Jesus davon und geht aktiv auf die Suche nach ihm. Er findet ihn und redet mit ihm. Während die Eltern im System versauern, ist ihr Sohn draußen mit Jesus unterwegs und erlebt eine ganz neue Freiheit. Er war blind geboren und Jesus hatte ihn kurz zuvor geheilt. Das war der Anlass zum Konflikt mit der alten Community.

Ökumenische Konstellationen

"Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht", lautet ein Zitat, dessen Ursprung nicht mehr eindeutig zu klären ist. Die EKD ist schon lange offen für die "Ehe für Alle". Davon legt das Bedford-Strohm-Interview ein leidenschaftliches Zeugnis ab.

Die russische Orthodoxie hatte die Freundschaft mit der EKD gekündigt, als eine Frau zur Ratsvorsitzenden gewählt wurde. Die griechisch Orthodoxen brechen nicht gleich alle Brücken ab, sind aber klar in der Sache. Genauso die Katholiken. Kein Wunder also, dass die CSU komplett gegen den Gesetzentwurf gestimmt hatte. Damit ergibt sich ein Schulterschluss mit den biblischen Ansichten der Freikirchen. Eine interessante ökumenische Konstellation, ausgelöst durch eine gesellschaftliche Debatte. Betrachtet man das Thema interreligiös, sollten auch die Moslems mit im Boot sitzen.