Montag, 8. Oktober 2018

Mitmachen Gehen Zerstören - Umgang mit geistlichem Machtmissbrauch

Vertuschung, Kontrollzwang, Masken, Intrigen und irritierende Gespräche könnten ein Indikator für geistlichen Missbrauch sein. Oft scheitert es schon an der Benennung, so dass Betroffene völlig isoliert damit fertig werden müssen. Betroffen sind meist fitte und aktive Christen, die in Konflikt mit ihrem unsicheren oder inkompetenten Leiter geraten.



Die Sommerpause war diesmal besonders lang. Kaum Pressetermine, wenige Kundenanfragen, keine Fernreise. So wurde die Sommerzeit dazu genutzt, unser Gartenhaus von normal in Schwedisch umzufärben. Also nicht Blau und Gelb, sondern robustes Falunrot mit weißen Kontrastlinien. Damit waren wir zwei Wochen beschäftigt. Aus Langeweile las ich mir das Weißbuch der Bundesregierung von 2016 durch und hatte trotzdem immer noch viel Zeit.

Schreib' doch endlich mal das Buch!

"Schreib' doch endlich mal das Buch über geistlichen Missbrauch!", kam die Anregung aus der Familie. Hm, aber wo anfangen? Ich setzte mich hin und begann bei der Skizzierung der Ereignisse, die nun schon drei Jahre zurücklagen. Nach einer Woche war das Manuskript auf 120 Seiten angewachsen. Erlebnisse und Prinzipien wurden miteinander kombiniert, so dass der Text einen Mix aus gut lesbarer Story und Wissen darstellte.

Mitmachen Gehen Zerstören - Umgang mit geistlichem Machtmissbrauch - Matthias Baumann
Mitmachen Gehen Zerstören - Umgang mit geistlichem Machtmissbrauch - Autor: Matthias Baumann - Was haben wohl ein Teppich und ein Besen mit geistlichem Machtmissbrauch zu tun?
Um einen möglichst hohen Mehrwert für eine breite Leserschaft zu bieten, sandte ich das Manuskript an etwa zehn Personen. Darunter waren Weggefährten, Betroffene aus anderen Missbrauchssystemen und völlig unbeteiligte Berater, auf deren Meinung ich einen großen Wert lege. Den angefragten Pastoren war das Thema wohl zu heiß. Deshalb konnte keine pastorale Meinung in das Buch einfließen.

Resonanz auf das Manuskript

Die Resonanz war ermutigend und erschütternd zugleich. Ungeahnt schnell hatten meine Lektoren das Manuskript durchgelesen und gaben mir teilweise sehr ausführliche Rückmeldungen. Dadurch konnten weitere Sichtweisen und Beispiele in das Buch aufgenommen werden. Die wenigen mit Ironie gewürzten Passagen wurden entfernt und eine große Schnittmenge der allgemeinen Lesbarkeit und Verständlichkeit eingearbeitet. Vielen Dank!

Erschütternd war, dass auch die als unbedarft angesehenen Leser massiv an alte Situationen erinnert wurden. Jeder der Leser war getriggert. Triggern heißt, dass als vergessen geglaubte Dinge plötzlich wieder hochkommen und erneut verarbeitet werden müssen. Wenn kein Heilungsprozess stattgefunden hat, kann die Wunde erneut aufreißen. Allein das Manuskript hatte Denkprozesse angestoßen, die für eine abschließende Heilung nützlich sein können.

Drei Optionen

Der Titel des Buches setzt sich aus den drei Optionen zusammen, die einem Betroffenen bei geistlichem Machtmissbrauch zur Verfügung stehen: Mitmachen oder Gehen oder Zerstören. Dabei ist Mitmachen die schlechteste Lösung, Gehen die gesündeste Lösung und Zerstören die schwerste Lösung. Auf den über 150 Seiten geht es um den schleichenden Beginn, die heiße Konfliktphase, das Danach, die konkreten Schritte zur Heilung und letztlich die Möglichkeiten des Zerstörens solcher Missbrauchssysteme.

Das Coverbild der ersten beiden Auflagen war kurz vor dem Besuch des Vorsitzenden des Ministerrates von Bosnien und Herzegowina am 13. August 2018 im Kanzleramt entstanden. Besen und Teppich symbolisieren eines der wichtigsten Prinzipien des geistlichen Missbrauchs: unter den Teppich kehren.

Wichtiger Hinweis (23. Januar 2019):

Wegen des regen Feedbacks zur ersten Auflage wurde das Buch noch einmal gründlich überarbeitet. Es ist auch ein längerer Abschnitt zum Thema "Korpsgeist" ergänzt worden. Korpsgeist ist das größte Dilemma bei der Aufklärung und Aufarbeitung von geistlichem Missbrauch.

Das Buch liest sich jetzt noch flüssiger und schneller. Wer ab dem 5. Januar 2019 über Amazon bestellt hat, sollte schon die zweite Auflage erhalten haben. Auch das eBook wurde auf die zweite Auflage umgestellt.

3. Auflage unter neuem Titel (8. Juli 2019)

Ein Treffen mit dem Täterumfeld im Mai 2019 zeigte Ansätze von Aufarbeitungswillen und dass das Buch wie eine Granate am Ziel eingeschlagen war. Deshalb wurde das Buch noch einmal komplett überarbeitet und stärker anonymisiert. Letzteres war das Hauptanliegen des Täterumfeldes. Laut Pressekollegen und externer Betroffener sei das zwar nicht notwendig gewesen, aber die zarten Versuche der Etablierung von Mechanismen gegen geistlichen Machtmissbrauch wollte ich durchaus würdigen.

Bei dieser Gelegenheit wurde der Titel geändert in: "Kontrollzwang Vertuschung Gespräche - Was tun bei geistlichem Machtmissbrauch?". Da viele Betroffene erst einmal das Problem benennen müssen, macht sich ein Titel mit den Symptomen geistlichen Machtmissbrauchs wesentlich besser, als ein Titel, der die Lösungsvarianten "Mitmachen Gehen Zerstören" vorgibt.

Das Buch enthält jetzt noch mehr Seiten und weitere Beispiele aus der Missbrauchsszene. Es ist als Taschenbuch und als eBook erhältlich.